Literatur

Lust, die eigene Kultur auszulöschen

Jean Raspail hat 1973 in einem ­parodistischen Roman den heutigen ­Flüchtlingsnotstand ­vorweggenommen. Wir sollten das Meisterwerk wieder lesen.

Von Matthias Matussek

«Armada der letzten Chance». Illustration: Nicolas Bischof

Was vor über vierzig Jahren als Science-­Fiction geschrieben wurden, ist plötzlich der grosse Roman zur heutigen Zeit geworden: Jean Raspails rabenschwarzes, witziges, absurdes und doch enorm realistisches Meisterwerk «Das Heerlager der Heiligen», jetzt zum ersten Mal vollständig und in neuer Übersetzung auf Deutsch erschienen.

Gleich eine Warnung vorweg: Vorsicht, schlichtere Gemüter könnten hier einen irreparabel zynischen Blick auf alle unsere Galas und Fernseh-Talkshows davontragen. Wie nach der Poetik des aristotelischen Dramas gibt es hier die Einheit von Zeit, Ort und Handlung, alles passiert innerhalb von 24 Stunden.

Einen unheimlicheren, aber gleichzeitig auch präziseren Beginn kann man sich zu diesem Thema nicht ausdenken. Der alte Calgues, emeritierter Literaturprofessor, schaut von seinem Haus auf einer Anhöhe über der Côte d’Azur durchs Teleskop hinunter zum Strand des mondänen Badeortes, der in erschreckender Weise menschenleer ist und ­ohne die gewohnten dümpelnden Jachten.

Stattdessen aber strandet hier diese Flotte vom anderen Ende der Welt, hundert rostige Kähne sind losgetuckert, 99 sind angekommen, mit einer Million Elender an Bord, ein­gehüllt in eine stechende, nach Exkrementen stinkende ­Wolke.

Ja, buchstäblich ein Riesenhaufen menschlichen Unrats, der sich aus dem Gangesdelta ­gelöst hat und sechs Wochen über die Welt­meere getrieben ist, mit Kurs auf Europa; und der landet schliesslich am Strand des Luxus und der Parfüms und der gehobenen Tisch­gespräche bei ­exquisiter Küche.

Drastischer geht Sozialkritik nicht.

Das Heer der Elenden

Der Professor betrachtet die Eichentür seines Anwesens, die immer offen steht für Besucher und Freunde aus dem Dorf, 1673 ist da hineingeschnitzt, es ist also alter Familienbesitz – sie steht auch offen, weil sie den Zugang zur ­Bibliothek bildet.

Unten liegt ächzend die rostige Flotte, knirschend auf Sand gelaufen, es ist Karsamstag. ­Leise Gesänge in der Nacht, eine Million erschöpfte Arme, die aufs Paradies jenseits des Strandes hoffen, auf wogende Getreidefelder und Flüsse voller Fische.

Und oben der Professor, den die «monumentale Banalität der Frage» erheitert: «Ich frage mich, ob man in einem solchen Fall die Tür ­offen oder geschlossen halten soll.»

Gute Frage.

Im Prinzip ist es die Frage an jeden Einzelnen von uns in der Festung Europa, und wir sehen uns doch seit neustem so gerne als überzeugte Europäer. In dieser Frage sind wir es tatsächlich. Und trotzdem fallen, das zur Seite gesprochen, die Antworten doch sehr unterschiedlich aus.

Aufschrei des Mitgefühls

In Raspails Roman kommt die Armada aus ­Indien. Michel Houellebecq nennt Raspail ­eine der Inspirationsquellen für seinen Roman «Unterwerfung», der die friedliche Übernahme Frankreichs und seiner Kultur durch den Islam beschreibt.

Auch Raspails «Armada des Elends» kommt friedlich über die Weltmeere, sie erzeugt Mitleid bei allen Ländern, die weit genug entfernt sind, und grosse Nervosität bei allen, die sie in der Nähe passiert.

Die Handelnden – der zum wolkigen Ausweichen verdammte Präsident, sein zynischer ­Minister, die Mitleidsprofis der Massenmaga­zine, der kleine heldenhafte, konservative (!) Zeitungsherausgeber, der fast unter Samisdat-Bedingungen arbeitet –, sie sind Stereo­type, bisweilen grossartige Parodien, das heisst, sie sind weit genug gehalten, dass auch das heutige Personal sich darin wiedererkennen kann.

Es geht um Haltungen, um prinzipielle, also auch heutige, mitten in dieser unserer Völkerwanderung, die auf Booten und mit Seelenverkäufern unterwegs ist, zu Fuss über Auto­bahnen, von skrupellosen Schleppern und verkappten Killern befördert.

Die Million Einwanderer, die dem Romancier Jean Raspail 1973 für seine Dystopie über­wäl­tigend gross vorkam, die hat die Bundes­republik Deutschland bereits in diesem Jahr auf­genommen. Jedes Jahr soll eine halbe ­dazukommen. Und da diese ihre Familien nachkommen lassen, wird man sie mit mindestens 2,5 multiplizieren müssen.

In Raspails Roman sterben auf der Überfahrt rund 200 000, sie werden zerdrückt, oder sie ­verhungern oder verdursten, die Alten und Kranken als Erste, das Elend ist gross, und diejenigen, die davon hören und am weitesten weg sind, haben das grösste Herz.

So wie auch die Flüchtlingsströme von heute Tote verzeichnen, Ertrunkene, Erstickte, Kinder wie Aylan Kurdi, dessen kleiner Leichnam im Spiel der Wellen am Strand hin und her ­rollte und einen weltweiten Aufschrei des Mit­gefühls nach sich zog und öffentlichen Druck, der ursächlich war für den Beschluss des britischen Premiers David Cameron, dann doch die Zahl der aufzunehmenden Flücht­linge ein ­wenig zu erhöhen.

Mitleid und aufwallende Barmherzigkeit

Wir sollten diesen Roman wieder lesen, aus ­verschiedenen Gründen. Einer davon wäre, dass gerade viele Nationen in Europa genauso wie der Alte auf der Anhöhe überlegen, von welchen Überzeugungen und Traditionen sie sich werden verabschieden müssen, «von welchen Überlieferungszusammenhängen, die einer Gesellschaft erst Halt geben», wie es Jörg ­Baberowski gerade in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nannte.

Doch am meisten unter ihnen ist wohl Deutschland angesprochen, das die Tore am weitesten geöffnet hat im ersten Willkommenstaumel und das auch jetzt noch ein erstaunenswertes Engagement der Zivilgesellschaft zeigt.

Das allerdings auch keine grenzenlosen ­Reserven hat.

Traditionen: Es geht um Selbstverständlichkeiten wie die christliche Weihnachtsmette oder die Gleichstellung der Frau oder die der Schwulen oder das Schweinefleisch auf dem Grill. Banalitäten. Befehligt wird die «Armada der letzten ­Chance», wie sie bald von dem populären ­Radiokommentator Durfort getauft wird, von einem baumlangen Hindu, auf dessen Schultern eine kleine Kreatur sitzt, mit Kapitänsmütze und Litzen, dessen Mund aus zwei Fleischlappen besteht, die sich bisweilen öffnen für Schreie, die als Kommandos verstanden werden.

Der Hindu ist die einzige Person, der wir ins Gesicht schauen, die Übrigen sind Masse.

Wir sind hier im magischen Realismus gelandet, in einer Groteske, einer mörderischen Parodie, bei Grass’ «Blechtrommel» oder ­García Márquez, allerdings nicht in einer verzauberten, sondern verhexten Albtraumwelt.

Der Hindu ist ein Kotkneter, er stammt aus der untersten Kaste des Ganges, er trocknet Scheisse zu Brennmaterial, und so wird auch die Armada betrieben, und so werden die unzähligen kleinen Feuer versorgt für die Reis­portionen an Bord – die grösseren sind für die Verbrennung der Leichen.

Die Folge ist diese Wolke aus übelstem Gestank, die überall dort gerochen wird, wo die Flotte in Landnähe kommt.

Es sind einige «kritische» Momente, die sie zu überstehen hat. Australien, Ägypten und Südafrika machen klar, dass sie ein Eindringen der Flotte in ihre Hoheitsgewässer mit militärischen Mitteln abzuwehren gedenken. Die Welt­öffentlichkeit zischt empört. Aber die Flotte zieht weiter, hat ein festes Ziel, nimmt unbeirrt Kurs auf Europa, und dort auf die französische Südküste.

Die Medien sind gleichgeschaltet, nicht ­etwa durch Zensur und Diktat von oben, sondern vom Markt der Gefühle, in sentimentaler Selbststeuerung, denn das Mitleid des Juste­milieu verspricht wärmenden Gewinn, aufwallende Barmherzigkeit, heute würde man sagen «Willkommenskultur»: Die scheint der Religionsersatz der Stunde zu sein.

Sie lodert hoch, solange die Armada noch ­hinter Afrika ist. Man kennt sie, die Matadore, die Einpeitscher, die Raspail so beschreibt: «Durfort bei den Ghettokindern, Durfort bei den Arabern, Durfort und das Elendsviertel, Durfort und die Polizei, Durfort für menschliche Haftbedingungen, Durfort gegen Gewalt, Durfort gegen Rassismus, Durfort gegen die Todesstrafe und so weiter. Aber angefangen bei Durfort selbst merkte niemand, dass dieser ­Rächer der Enterbten ständig offene Türen einrannte. Lustigerweise galt ausgerechnet er als Inbegriff des kritischen, unbequemen Freigeists. Er wäre ehrlich verblüfft gewesen, hätte man ihm gesagt, dass er nichts weiter als ein stromlinienförmiger Konformist war, der sich gehorsam vor allen Tabus niederwarf, die der intellektuelle Terrorismus der letzten dreissig Jahre befestigt hatte.»

Den einflussreichen Magazinchef hat Raspail perfiderweise mit einem Maghrebiner besetzt, Sohn einer marokkanischen Sklavin; er ist erfolgreich und voller Hass auf dieses Frankreich der Schuld- und Ahnungslosen.

Er rächt sich dadurch, dass er Emotionen aufpeitscht. Hier ist Raspail allerdings zu weit gegangen: Ich glaube nicht, dass heutzutage ­Verleger ihre persönlichen Obsessionen derart erfolgreich ausagieren können oder wollen. Oder?

«Wie eine Zwangsvorstellung»

Bei einigen weiteren Leitartiklern arbeitet der Selbstzerstörungskitzel. Die Armada und die folgenden Menschenfluten kosten womöglich den Untergang einer französischen Kultur, wie die, an die sich der alte Calgues auf seiner An­höhe erinnert, das letzte Mal, bei einem köst­lichen Glas Wein.

Er ist übrigens, das stellt sich heraus, kein ­Pazifist, sondern der, der in Botho Strauss’ hochaktuellem «Anschwellendem Bocksgesang» das «Eigene» verteidigen möchte.

Wer sonst noch sollte Interesse haben, die ­eigene Kultur auszulöschen? Vielleicht diejenigen, die sich als Opfer dieser Kultur verstehen? Ich bezweifle allerdings, dass es in Frankreich, der Grande Nation, eine Parole gibt wie die, die bei uns die Antifa herausbrüllt, nämlich: «Nie wieder Deutschland».

Sind wir unserer nationalen Identität tatsächlich müde geworden?

Clément Diot, der Maghrebiner, Chef der «Nouvelles Pensées», Auflage: 600 000, setzt sich für die Benachteiligten ein. «Alles war ­einen Kampf wert: Ein diskriminierter muslimischer Arbeiter; ein Pornoverleger, der sich heroisch mit der Zensur anlegte . . ., eine rote Madonna der Slums, ein Typ, der auf das Grabmal des ­unbekannten Soldaten gekackt hatte . . .»

Das, was bei uns mittlerweile Nerds mit Hornbrille oder Irokesenkamm herausblöken. Alles Kampagnenmaterial.

Den Präsidenten der Republik bringt Diot auf Pressekonferenzen durch einfache Fragen wie diese unter Druck: «Welche Massnahmen gedenkt die französische Regierung zu ergreifen, um den Passagieren zu helfen und ihre ­Leiden in den Grenzen des Erträglichen zu ­halten?»

Solchen Fragen kann der Präsident, der die Katastrophe einer die Ordnung erschütternden Invasion kommen sieht, nur mit Lippen­bekenntnissen zur Solidarität entkommen. Was soll er tun?

Raspail: «Der Westen darf bekanntlich überhaupt nichts mehr ertragen. Dies soll unseren Gehirnen wie eine Zwangsvorstellung ein­getrichtert werden.»

Ja, immer wieder steigert Raspail seine Tirade auf neue Höhen, in neue Tiefen: «Das Pu­blikum hatte es sich längst in diesem verlogenen Schauspiel gemütlich gemacht wie ein Kackhaufen auf dem Boden einer Kloschüssel.» Das ist der radikale Ton der Publikumsbeschimpfung der frühen Siebziger.

Ach, übrigens: Die Kirche verschwindet in der Bedeutungslosigkeit. Der Papst heisst ­Benedikt XVI., und er hat den Appeal seines Nachfolgers, der die Tiara und andere Schätze zugunsten der Armen verkauft (wie es Paul VI. während des II. Vatikanums getan hat) – er haust im Elend und geht unter.

Stilist von Gnaden

An dieser Stelle ist es wohl nötig, ein paar zusätzliche Worte über den Autor zu verlieren. Jean Raspail, 90, ist ein Reiseschriftsteller ­(er ­bereiste Feuerland, Patagonien, Peru) und vielfach ausgezeichneter Romancier (zuletzt 2009 mit dem Prix Wartburg de Littérature für sein Lebenswerk), ein Katholik und entschlossener Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils, ­Antikommunist, antiliberal und ein Stilist von Gnaden.

Ein poet maudit, der schon vor vierzig Jahren all die bösen Dinge sagte, die besonders das ­progressive Bürgertum von heute schockieren müssen, nur sind es in diesem Fall keine Obszönitäten – daran hat sich das Vernissagenpublikum der piss paintings längst gewöhnt –, sondern Beleidigungen gegen das schwülstige Selbstbild des sozialen und demokratischen Grossstädters als grossherziger Helfer, der den Verlust seiner Kultur, die ihm ohnehin nichts mehr bedeutet, gerne verabschiedet.

Ein Blick ins Regietheater genügt: «Scheiss auf Shakespeare», «Fack ju Göhte», «Wir ham Spass beim Ausverkauf» – und das war schon in den siebziger Jahren so, als das «Heerlager» erschien.

Übrigens war auch damals schon ein «Anti­diskriminierungsgesetz» verabschiedet worden, nach dessen Parametern dieser Roman nicht oder nur sehr überarbeitet hätte erscheinen dürfen. Raspail zitiert den Paragrafen, leicht abgeändert, guerillamässig in seinem ­Roman.

Anlässlich der deutschen Neuauflage erzählt er in einem Essay davon, wie er zwei ­Anwälte um Gutachten gebeten habe – beide schlossen eine Veröffentlichung aus. Der Essay ist ebenfalls im Verlag Antaios erschienen.

Raspail hatte sein Buch zur französischen Neuauflage 1985 – es war ein Bestseller – an ­eine Reihe von linken Politikern geschickt, François Mitterrand, Lionel Jospin, Max Gallo, und alle schickten handgeschriebene Dankesbriefe ­zurück. Nicht in allen Fällen zustimmend, aber höflich.

Marklosigkeit, das Kennzeichen der Poli­tik. Max Gallo indes, sein einstiger Erzfeind, so­zialistischer Regierungssprecher und Chef­redaktor des Matin de Paris, überraschte ihn 2006 mit einer erstaunlichen Buchwidmung: «Für Jean Raspail, der die Gabe der Prophetie besass. In Freundschaft . . .»

Ein anderer Streiter, der Literaturkritiker von Le Monde, widmete Raspail 1998 einen seiner letzten Artikel: «Lesen Sie dieses Buch wieder, das vor zwanzig Jahren erschienen ist . . . In Zeiten der schlechtgesteuerten ‹Migrationsströme› beeindrucken seine Voraussagen durch ­ihre Plausibilität und die Ratlosigkeit, in die sie uns stürzen und in der sie uns zurücklassen.»

Aber es gibt sicher irgendwelche Menschenrechtsanwälte, die es schaffen werden, das Buch aus dem Verkehr zu ziehen. Ganz sicher, in ­einem «Aufstand der Anständigen» etwa die Mehrzahl der deutschen Kritiker, die Bücher aus einem «rechten» Verlag gar nicht erst anschauen oder aber wie Menschenrechts­anwälte rezensieren.

Rührende Kleckse­reien

Dabei schreibt dieser Raspail Sätze, die besonders heute glühen. Und zwischendurch hinreissend delirierende Prosa, etwa wenn er Fruchtbarkeitsriten an Bord beschwört, all dieses Kopulieren und Umarmen und Küssen, zu zweit, zu dritt, Alt und Jung, und das Eindringen in egal welche Öffnungen ausmalt, ausmeisselt, fremd und gross wie indische Tempelfriese.

«Wir schaffen das», sagt die Kanzlerin, die auf Arabisch mittlerweile als «Mutter aller Gläubigen» verehrt wird – nein, das ist keine Erfindung von Raspail –, und ihr Stellvertreter Gabriel versucht, auf der Regierungsbank mit dem Bild-Button «Wir helfen» zu punkten. Und er spricht auf Pressekonferenzen davon, dass wir wohl alle lernen müssen, zu teilen. «Ich bin da ratlos», sagt er offen, Patentrezepte gebe es nicht.

Ist es nicht sein Job, Rat zu wissen?Doch zurück zum Roman. Durfort, der Star ­unter den Radiomoderatoren, prägt das Wort von der «Armada der letzten Chance», und sofort gibt es einen Song dazu. In den Schulen werden Malwettbewerbe veranstaltet zum Thema Flüchtlingskinder, rührende Kleckse­reien, die zu Wahnsinnspreisen auf einer Flüchtlingsgala ersteigert werden.

Ein Höllenvergnügen

Es gibt Aufsätze, Ansprachen durch Lehrer, das Land will helfen, und je näher die Armada rückt, desto mehr entvölkert sich die Südhälfte Frankreichs, die Provence, das Ardèche-Tal: . . . dann steigen sie die Hügel hinauf, die Verdammten dieser Erde, friedlich, mit dem Bild des Paradieses vor Augen, das sie sich am Ganges ausgemalt haben, ohne jede Gegenwehr.

Und jetzt lässt Raspail die Zügel schiessen, jetzt beginnt absurdes Theater, ein Höllen­vergnügen, die Armee weigert sich, auf die Elenden zu schiessen, die über die Villen her­ein­fluten, Gefängnisse werden in dieser Phantasmagorie der Brüderlichkeit geöffnet, und Diot, der sich für die Häftlinge eingesetzt hat, wird von ihnen erschlagen, während seine Freundin massenvergewaltigt wird.

Durfort ist in der Zwischenzeit mit seiner Geliebten aus Martinique auf dem Weg in die Schweiz.

Der Rest könnte ein blasphemisch-obszönes Theaterstück von Jean Genet sein, dem ­Autor des «Balkons».

«Eine Prozession mit Mönchen und dem ­Allerheiligsten in der Monstranz nähert sich.

‹Mein werter Oberst›, sagte Staatssekretär Perret, ‹was ist in den Dienstvorschriften für den Fall vorgesehen, dass die Truppe dem ­Allerheiligsten begegnet?›

‹Man macht eine Ehrenbezeugung und lässt ein Trompetensignal blasen . . .›

‹Gut, ich glaube, ich werde niederknien.›

‹Sie sind die Regierung, Herr Minister›, sagte der Oberst mit vergnügtem Blick. Beide nahmen ihre Rollen so ernst wie möglich, mit ­an­deren Worten: Sie amüsierten sich prächtig.» Buñuel schimmert da durch, vielleicht sollte man nachträglich die Filme mal genauer unter die Lupe nehmen hinsichtlich Rassismus und Frauenhass.

So hebt sich letztlich diese Dystopie auf in ­einem spielerischen Todestanz. Und der Erzähler schliesst mit den Worten: «Der Fall von Konstantinopel ist ein persönliches Unglück, das uns erst letzte Woche widerfahren ist.» Denn dann kam der Islam mit Macht zurück.

Eine Schande, dass kein grosser Publikumsverlag das Wagnis mit diesem alten, hochaktuellen Roman eingegangen ist, sondern der ­kleine Antaios-Verlag. Eine mutige verlege­-rische Grosstat.

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