Feindbild Bauer

In kaum einer Sache sind sich hiesige Liberale so einig wie bei ihrem Hass auf die Bauern. Doch der Erhalt der produzierenden Landwirtschaft enspringt einem auf die Verfassung gestützten politischen und sinnvollen Entscheid.

Von Mathias Binswanger

Freie Märkte für landwirtschaftliche Produkte führen nicht zu «befreiten Bauern», sondern zur Befreiung der Schweiz von ihren Bauern. Bild: Arno Balzarini (Keystone)

Bei der NZZ ging in letzter Zeit einiges drunter und drüber, man weiss manchmal nicht mehr genau, wofür das ehemalige Flaggschiff liberalen Gedankenguts eigentlich steht. Nur in einer Hinsicht blieb sich die Zeitung stets treu. Seit Jahren führt sie einen unerbittlichen Feldzug gegen die Schweizer Bauern. Das mit regelmäs­sigen Artikeln gepflegte Feindbild des Schweizer Bauern steht nämlich für alles, was ein echter Liberaler à la NZZ hassen zu müssen glaubt: Subventionen, Markteingriffe, Strukturerhaltung, Ineffizienz und Protektionismus.

Sektiererische Verbissenheit

Jüngster Anlass, um zu einem weiteren Schlag gegen die Bauern auszuholen, war die Abstimmung zur Aufhebung des Cassis-de-Dijon-Prinzips im Nationalrat. So schrieb Nicole ­Rütti Ruzicic am 15.

 Mai in einem mit «Im Würge­griff der Bauernlobby» überschriebenen Artikel, dass sich hier einmal mehr und exemplarisch «der verheerende Lobbying-Einfluss einer stark subventionierten, abgeschotteten und unproduktiven Branche» zeige. Jan Flückiger meinte zwei Tage vorher als Reaktion auf die bauernfreundlichen Worte im Weltwoche-Editorial von Roger Köppel: ­«Jedem einigermassen liberal denkenden Menschen müssten angesichts der Schweizer Agrarpolitik die Haare zu Berge ­stehen.» Da durfte auch der ehemalige Projektleiter Agrarpolitik bei Avenir Suisse und passionierte Kämpfer gegen den «Bauernprotektionismus» Hans Rentsch nicht hinten anstehen. In seiner Gegenrede bezeichnete er die Ausführungen Köppels in der letzten Weltwoche als «Agrarpropaganda» und «Lobhudelei».

Obwohl ich mich auch als «einigermassen ­liberal denkenden Menschen» betrachte, bekenne ich ganz freimütig, dass mir die Haare nicht zu Berge stehen. Vielmehr erscheint mir die sektiererische Verbissenheit des von der NZZ und Avenir Suisse geführten Kampfes gegen die Bauern höchst seltsam. Zwar ist es konsequent, wenn man aus einer reinen Marktlogik heraus gegen jegliche Subventionen und jeglichen Protektionismus protestiert. Doch dann muss man auch die Folgen der Aufhebung solcher Massnahmen klar aussprechen. Einen «befreiten Bauern», wie ein von Avenir Suisse vor Jahren herausgegebenes und im NZZ-Verlag publiziertes Buch hiess, der ohne Subventionen und Grenzschutz unternehmerisch frei produziert, wird es hierzulande nie geben. Der einzige vernünftige Entscheid, den ein Schweizer Bauer bei freien Märkten fällen kann, besteht darin, seine landwirtschaftliche Tätigkeit so schnell wie möglich an den Nagel zu hängen. Freie Märkte für landwirtschaftliche Produkte führen nicht zu «befreiten Bauern», sondern zur Befreiung der Schweiz von ihren Bauern.

Doch gerade diese Befreiung der Schweiz von ihren Bauern scheint letztlich sogar erwünscht zu sein. So übertitelte der damalige NZZ-Journalist Benjamin Tommer in der NZZ am Sonntag vom 7. August 2011 seinen Beitrag mit «Das Bauernsterben verläuft viel zu langsam». Viel zu langsam? Die noch verbliebenen Bauern sollen also möglichst schnell verschwinden. Dann könnte man alle Lebensmittel billig aus dem Ausland importieren und müsste auch keine teuren Subventionen mehr an die Bauern ­bezahlen. In dieser Deutlichkeit möchte aber selbst die NZZ die Konsequenzen nicht aussprechen. Viel lieber tut man dort so, also ob innovative Bauern auch unter Marktdruck weiterhin erfolgreich produzieren könnten, selbst wenn sie ihre Produkte zu Preisen unter den Produktionskosten verkaufen müssten. Unter solchen Bedingungen ist erfolgreiches Wirtschaften bis heute aber nicht möglich. Schweizer Bauern starten gegenüber ihren Konkurrenten aus der EU bereits mit einem Handicap, bevor sie nur einen Finger gerührt haben. Schuld daran sind die aufgrund der topografischen Bedingungen relativ kleinen und wenig produktiven Betriebe und die höheren Preise für Vorleistungen und Investi­tionen. Wie soll ein kleiner Schweizer Bergbauernhof mit fünfzehn Milchkühen ­erfolgreich mit Grossbauernbetrieben in der EU konkurrieren, die mehrere hundert ­Kühe im Flachland halten?

Wachsende Produktion, sinkende Preise

Schweizer Bauern haben unter Marktbedingungen nur dann eine Überlebenschance, wenn sie selbst qualitativ bessere, frischere, gesün­dere oder spezielle Produkte anbieten, die so aus dem Ausland nicht importiert werden können. Das funktioniert wiederum nur, wenn die Bauern in der Lage sind, selbstproduzierte ­Lebensmittel wie Jogurt, ­Käse oder Süssmost direkt an die Konsumenten zu verkaufen. In der Schweiz werden aber nur 5 Prozent der von den Bauern produzierten Lebensmittel auf ­diese Weise verkauft. Die anderen 95 Prozent gehen an Lebensmittelhersteller wie Migros, Coop oder Emmi, die keine von den Bauern bereits verarbeiteten Produkte wollen. Sie verlangen in erster Linie homogene Roh­waren (Commodities) wie Rohmilch oder Weizen, bei denen es nicht darauf ankommt, ob sie von Bauer A oder Bauer B stammen. Einzig Weinbauern sind in der Lage, ­differenzierte Produkte (unterschiedlichste Weinsorten) in grossem Stil direkt für den Verkauf an Konsumenten herzustellen.

Mit Commodities kann man sich aber kaum von billigeren Anbietern im Ausland abgrenzen, denn diese können auch Rohmilch oder Weizen liefern. Und die mit der Produktion von Commodities verbundene Wertschöpfung ist äusserst gering. Alles, was Bauern A unter diesen Umständen bleibt, ist der Versuch, billiger zu produzieren als Bauer B. Er steigert seine ­Arbeitsproduktivität durch den Kauf mehr ­Maschinen, die Anpflanzung ertragreicherer Sorten oder die Anwendung besserer Düngemittel. Dies führt zu einem gewaltigen Verdrängungswettbewerb, bei dem immer ­weniger Bauern immer mehr Lebensmittel produzieren, aber gleichzeitig die Preise fallen und das gesamte bäuerliche Einkommen ­zurückgeht. Dieser Prozess wurde bereits im Jahr 1958 von dem amerikanischen Agrar­ökonomen Willard Cochrane als «landwirtschaftliche Tretmühle» beschrieben, die ­erklärt, warum die Bauern trotz ständigen Produktivitätserhöhungen nie auf einen ­grünen Zweig kommen.

Das kann man auch in der Schweiz beobachten. So ist die Produktivität in der Schweizer Landwirtschaft, gemessen am Produktionsvolumen pro Jahresarbeitseinheit, von 1990 bis 2010 um etwa 40 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind die Preise, welche die Bauern für ihre Erzeugnisse erhielten um etwa ein Viertel gesunken. Davon haben wir als Konsumenten nichts gemerkt. Gesunken sind nämlich nur die Preise, welche den Bauern für Rohmilch, Weizen oder ein Kalb bezahlt wurden. Die von den Konsumenten im Supermarkt bezahlten Preise für Lebensmittel sind um etwa 10 Prozent gestiegen und verzeichnen erst seit 2010 wieder einen leichten Rückgang. Wenn wir also in der Schweiz nach wie vor relativ hohe Lebensmittelpreise haben, dann liegt dies nicht an den Bauern, sondern bei den Verarbeitern und am Handel, welche diese Preissenkungen nicht an die Konsumenten weitergegeben haben.

Zudem spielen die Lebensmittelrohstoffe für die Wertschöpfung in der Nahrungsmittel­herstellung und damit auch für die Nahrungsmittelpreise eine stets geringere Rolle. Bei vielen Lebensmittelprodukten ist der Anteil des Verkaufspreises, der an die Bauern für die von ihnen gelieferten Rohstoffe geht, deutlich unter 50 Prozent. Ein Erfolgsprodukt wie Caffè Latte von Emmi beschert den Milchbauern ­gerade etwa 5 Prozent des Verkaufserlöses – in der Verpackung dieses Modegetränks steckt ein höherer Wertschöpfungsanteil. Wenn also Hersteller wie Emmi erfolgreich Caffè Latte und andere hochverarbeitete Lebensmittel ins Ausland exportieren, dann ist dies zwar ein ­Erfolg für die Schweizer Lebensmittelindustrie. Der Schweizer Bauer hat davon aber kaum ­etwas, denn er partizipiert an der damit verbundenen Wertschöpfung nur noch marginal. Dass die Bauern ihren selbst hergestellten ­Käse oder ­ihre Wurstspezialitäten selbst ins Ausland ­exportieren, bleibt bis heute ein frommer Wunschtraum.

Niemand wird Bauer wegen Subventionen

Doch warum wollen wir in der Schweiz überhaupt eine eigene Landwirtschaft, wenn diese unter Marktbedingungen gar nicht über­lebensfähig ist? Die Argumente dafür sind allgemein bekannt und akzeptiert. Bauern garantieren die in der Verfassung festgeschriebene Versorgungssicherheit punkto Nahrungs­mitteln sowie die Erhaltung der natürlichen ­Lebensgrundlagen und die Pflege der Kulturlandschaft. Dass wir eine produzie­rende Landwirtschaft erhalten, ist somit ein auf die Verfassung gestützter politischer Entscheid. Dieser lässt sich nur umsetzen, wenn die Bauern unter Bedingungen produzieren können, die ihnen längerfristiges Überleben ermöglicht. Es ist deshalb verfehlt, die Landwirtschaft als eine ­abgeschottete Branche zu kritisieren. Der «künstliche» Erhalt der Landwirtschaft entspricht dem in Artikel 104 der Verfassung verankerten Willen des Volkes, das diesem Artikel im Jahr 1996 mit grosser Mehrheit zugestimmt hat. Der darin formulierte Auftrag lässt sich aber nur mit ­einem gewissen Grenzschutz verwirklichen, sofern man die Direktzahlungen nicht nochmals massiv erhöhen will.

Würde man beim gegenwärtigen Stand der Direktzahlungen alle Schutzmass­nahmen aufheben, wäre dies für ­einen Grossteil der Schweizer Bauern das ­Ende. ­Übrig blieben dann neben ein paar ­wenigen Grossbetrieben im Mittelland einige Schaulandwirtschaftsbetriebe im Berggebiet, die zusammen mit Alphornbläsern und Jodlerinnen für Touristen das Heidiland-Image der Schweiz zelebrierten. Daneben brauchte es eine beträchtliche Zahl vom Staat angestellter Landschafts­gärtner und Wiesenpfleger, welche die bisher als Subventionen an die Bauern bezahlten Gelder neu als ordentliches ­Gehalt kassierten. Der in der Verfassung for­mulierte Auftrag zur Garantie der Versorgungssicherheit hinsichtlich Lebensmitteln wäre Makulatur.

Doch so weit muss es nicht kommen. Es ­besteht kein Zwang, den Grenzschutz für landwirtschaftliche Produkte aufzuheben und damit die weitere Existenz einer produzierenden Landwirtschaft aufs Spiel zu setzen. Niemand wird heute Bauer, weil er da leicht an Subventionen herankommt. ­Dazu ist der Bauernberuf viel zu hart und ­anstrengend. Wir sollten froh sein, dass sich trotzdem noch junge Menschen finden, die sich für diesen Beruf begeistern, statt sie im Kollektiv als Subven­tionsjäger und professionelle Lobbyisten zu diffamieren.

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