Werbung in eigener Sache

Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften lobt die Wirkung ihres ­eigenen Mastertitels für Pflegerinnen und Pfleger. Wer von Akademikern betreut werde, sei gesünder. Und es liessen sich erst noch Kosten sparen. Wer’s glaubt.

Von Matthias Binswanger

Die zunehmende Akademisierung im Gesundheitswesen wurde in letzter Zeit immer wieder kritisiert. Kein Wunder, dass deshalb Anbieter von akademischen Bildungsgängen versuchen, deren Nutzen mit allen Mitteln ­herauszustreichen. Im besten Fall kann man diesen Nutzen auch noch wissenschaftlich «beweisen», und ein Teil der Forschung im Pflegebereich dient genau diesem Zweck.

Den Vogel in dieser Beziehung schiesst eine kürzlich veröffentlichte Studie am Institut für Pflege an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ab. In der NZZ vom 20. Dezember 2014 wurde diese mit folgendem Untertitel vorgestellt: «Eine neue Studie zeigt, dass dank Pflegerinnen und Pflegern mit Masterabschluss alte Menschen seltener ins Spital müssen.»

Herausgefunden hat dies ein Team um Professor Lorenz Imhof, der dann auch konsequenterweise mehr Akademiker in der Pflege fordert. Allerdings nicht irgendwelche Akademiker, sondern solche mit einem Masterabschluss in Advanced Practice Nursing (APN). Dieser Masterstudiengang wird, wen wundert es, gerade am Institut für Pflege an der ZHAW angeboten. Es geht also um Werbung in eigener Sache, was Lorenz Imhof in dem NZZ-Artikel ganz offen ausspricht: «Wer bei uns ein entsprechendes Studium beginnt [gemeint ist das Masterstudium in APN], hat im Prinzip ­eine Jobgarantie. Unsere Absolventen werden vom Arbeitsmarkt förmlich aufge­sogen.»

«Empirisch bewiesen»

Schön, wenn man sich auf diese Weise die Nachfrage nach Mastertiteln gleich selbst schaffen kann. Die Nachfrager nach Advanced Practice Nurses (APNs) sind ja nicht die Patienten selbst, sondern staatliche Gesundheitsorganisationen wie Spitäler oder die ­Spitex. Also muss man diese Organisationen mit Hilfe von Forschung vom Nutzen der neuen Mastertitel überzeugen und, um diese noch schmackhafter zu machen, auch noch mit Kostenein­sparungen in Verbindung bringen.

Das Forschungsteam um Lorenz Imhof hat in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet. In der Studie wird nicht nur die Verbesserung der Pflege «empirisch bewiesen», sondern es werden auch Kosteneinsparungspotenziale aufgedeckt. «Wenn eine APN zehn hochbetagte ­Personen innerhalb von neun Monaten vier Stunden berät, können wir damit einen ­Spitaleintritt verhindern», heisst es in dem NZZ-Artikel. Und es kommt noch besser. Trotz ­diesen Kosteneinsparungen sollen im Pflegebereich keine Stellen abgebaut werden. Also eine Win-win-Situation?

Schaut man sich die Studie («Effects of an Advanced Practice Nurse In-Home Health Consultation Program for Community-Dwelling Persons Aged 80 and Older») genauer an, dann fallen vor allem zwei Dinge auf. Erstens vergleicht die Studie Äpfel mit Birnen, und zweitens werden nur die Kosten beachtet, die dem Resultat dienlich sind.

Kommen wir zuerst zum Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Wie üblich bei solchen Untersuchungen wurden zwei Gruppen von Patienten mit gleichen Merkmalen untersucht. In diesem Fall handelte es sich um Personen im Alter von jeweils über achtzig Jahren, von denen die eine Gruppe (die Interventionsgruppe) über einen Zeitraum von neun Monaten viermal von Pflegefachpersonen besucht wurde, die bereits einen Masterstudiengang in APN absolviert hatten.

Die andere Gruppe (Kontrollgruppe) wurde betreut wie bisher, das heisst ohne Besuche von Pflegerinnen oder Pflegern mit einem Master in APN. Die Studie zeigt nun, dass in der von APNs betreuten Gruppe ungefähr dreissig Prozent weniger akute Zwischenfälle auftraten und dass die Zahl der Stürze und die Spitaleinlieferungen um etwa die gleiche Prozentzahl geringer waren. So weit ist alles in Ordnung.

Das Problem ist aber, dass es sich bei den insgesamt vier Pflegefachpersonen mit Master in APN um sehr erfahrene Pflegerinnen oder Pfleger handelte, die im Durchschnitt 22 Jahre Arbeitserfahrung besassen. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass der positive Effekt nicht auf den Mastertitel, sondern auf die ­grosse Erfahrung und die spezielle Instruk­tion für dieses spezielle Programm zurück­zuführen ist. Korrekterweise hätte die Kontrollgruppe ebenfalls von erfahrenem Pflegepersonal, allerdings ohne Master in APN, betreut werden müssen. Erst dann könnte man feststellen, ob es wirklich der Mastertitel ist, der die Betreuungsqualität verbessert.

Mit Swiss Quality Award ausgezeichnet

Und wie steht es mit den behaupteten Kos­ten­einsparungen? Die Studie selbst ist da sehr vorsichtig, indem sie nur von möglichen und vermuteten Kostensenkungen spricht. Doch in dem anfangs zitierten NZZ-Artikel sind die Worte «möglich» und «vermutet» nicht mehr anzutreffen, und der Rückgang der Kosten wird jetzt einfach behauptet. Allerdings handelt es sich dabei nur um vermutete Kosteneinsparungen aufgrund von weniger Spitaleintritten und Behandlungen. Die gesamten Kosten der Ausbildung und die zusätzlichen Lohnkosten der APNs sind für die Studie nicht relevant. Doch in der Realität müssen diese auch bezahlt werden.

Wir können somit festhalten, dass die Untersuchung von Imhof und Co. weder einen Beweis für den Nutzen von Mastertiteln in der Pflege noch für Kosteneinsparungen erbringt. Trotzdem wurde die Studie im vergangenen Jahr mit dem Swiss Quality Award 2014 ausgezeichnet. Da bleibt doch die Frage, wofür der Begriff «Qualität» in diesem Fall steht.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen.

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