Erfahrungsbericht

Im Namen Mohammeds

Die Reaktionen auf meine Weltwoche-Titelgeschichte über den Koran offenbaren auch ein Problem des Westens. Wir kuschen und schränken selber die Meinungsäusserungsfreiheit ein.

Von Andreas Thiel

Im Nachhinein wird mir klar, dass die Islamisten den dänischen Karikaturenstreit gewonnen haben. Der Terror, der auf die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen folgte, hinterliess in unseren Köpfen eine Fussnote zur Meinungsäusserungsfreiheit: «Gilt nicht für Äusserungen über Mohammed und den Koran». Dieser ungeschriebene Zusatzartikel spukt als Unheil verkündender Geist durch Redaktionen, Amtsstuben, Medien und Bildungseinrichtungen. Dieser Artikel, den man in unsere Köpfe gehämmert hat, steht im Koran festgeschrieben. So verkündet Mohammed in Sure 10,37: «Kein Zweifel an diesem ist möglich.»

Wer sich an dieses Denkverbot hält, unterwirft sich der Scharia, dem Gesetz des Korans. Ihr Geist, der jedes kritische Denken unterbindet, hat sich auch in den Köpfen unserer Islamwissenschaftler festgesetzt. Sobald es um den Koran geht, versagt die Urteilskraft. Letzte Woche habe ich belegt, dass Dutzende von Koranstellen direkt auffordern, jeden, der dem Koran nicht folgt, zu töten. Was sagt die Islamwissenschaft dazu? «Koran lesen will gelernt sein», belehrt uns Thomas Widmer im Tages-Anzeiger.

Was soll das heissen? Jeder von uns hat in der Schule Lesen gelernt. Und des Lesens mächtig, lesen wir den Koran. Und was lesen wir? Alle, die nicht Mohammed folgen, sollen getötet werden. Thomas Widmer meint zu solchen, angeblich ewig gültigen Worten Gottes, welche gemäss dem Koran schon lange vor deren Verkündung durch Mohammed im Himmel festgeschrieben waren: «Das hat mit der kurzen Entstehung des Buches in gut zwei Jahrzehnten zu tun und mit der Lage des Verkünders. ­Mohammed war unter Druck . . .»

Das Lachen bleibt in der Kehle stecken

Es waren solche Reaktionen von akademischer Seite, die mich verblüfften, und weniger die hasserfüllten E-Mails und anonymen Droh- anrufe. Letztere sind ja bloss die logische Konsequenz der Aufhetzung gegen Andersdenkende im Koran. Ich war erstaunt über Journalisten, die meinen kritischen Artikel als Polemik oder Provokation sehen wollten. Wenn es als Polemik gilt, Gewaltverbrechen zu verurteilen, dann verharmlosen wir diese Verbrechen nicht nur, sondern wir befürworten und rechtfertigen sie auch noch. Nur weil es sich bei einem Verbrecher um einen Kriegsfürsten handelt, muss man noch lange nicht seine Verbrechen als für seine Verhältnisse normale bezeichnen. Wenn der Verbrecher dann auch noch behauptet, er töte im Namen Gottes, dann sollte das erst recht aufhorchen lassen.

Thomas Widmer rät zwar zu «Distanz zu den heiligen Büchern aus der Wüste». Sie seien «mit Bedacht, mit Bemühung um ihre Herkunft und mit jenem Humor» zu lesen, «der dem Satiriker Thiel für einmal abgeht». Ja, ich bin von Beruf Humorist, aber bei Pädophilie, Sklavenhandel und Aufruf zum Mord bleibt auch mir das Lachen in der Kehle stecken.

Und wenn Thomas Widmer uns weiter belehrt, dass es im alten Mekka «die Idee der Pädophilie» noch gar nicht gegeben habe und Sex zwischen älteren Männern und kleinen Mädchen deshalb «normal» gewesen sei, dann möchte ich gerne dabei sein, wenn Thomas Widmer den Dschihadisten des IS oder von der Boko Haram erklärt, dass Mohammed historisch betrachtet zwar alles komplett falsch gemacht habe, dass dies aber nicht schlimm sei, da es damals eben normal gewesen sei, weshalb die heutigen Dschihadisten aber lieber nicht vergewaltigen und morden sollten, da man heute den Koran ganz anders lesen müsse und zwar, indem man genau das Gegenteil dessen herausliest, was drinsteht.

Die Pflicht der Muslime

In Indien lebte ich unter anderem auch bei Muslimen, bei denen die Frauen nur unter der Burka das Haus verliessen und die Männer fünfmal am Tag in die Moschee gingen. Diese Religion schien meine muslimischen Freunde innerlich zu zerreissen. Bei Festen gab es unter den Räumlichkeiten, welche den Männern vorbehalten waren, immer auch einen Raum, in welchem Brandy im Teeglas gereicht wurde. Wenn ich jemanden darauf ansprach oder mich darüber verwundert zeigte, dass plötzlich alle betrunken waren, überhörte man es, als hätte ich nichts gesagt. Meine Freunde konnten aber an anderer Stelle bei Diskussionen über den Islam behaupten, sie hätten noch nie im Leben Alkohol getrunken, denn dies sei des Teufels.

Bei Diskussionen über den Koran, bei welchen ich leider der Einzige war, der ihn gelesen hatte, verwarfen sie meine Behauptung, der Koran predige Gewalt. Nur von Frieden und Liebe sei darin die Rede, es handle sich um schönste, göttlichste Poesie. Sprach man dann aber über Politik, zeigten sie sich überzeugt, der christliche und jüdische Westen sei der grosse Feind aller Muslime und habe nur eines im Sinn, nämlich alle Muslime zu vernichten. Plötzlich lagen sie wieder genau auf der ­Linie, welche Mohammed im Koran predigt. Sie betonten ihre Pflicht als gläubige Muslime, den Islam mit dem Schwert gegen den teuf­lischen Westen zu verteidigen, und rechtfertigten damit meinen Vorwurf, dass sie ihre Söhne nach Pakistan und Afghanistan in Ausbildungslager der Taliban und somit in den ­sicheren Tod schickten. Bei all diesen Diskussionen über Politik und Religion, die wir in ­aller Offenheit über Wochen führten, erfuhr ich die beste Gastfreundschaft. Es sind nicht die Muslime, es ist der Koran . . .

Andreas Thiel ist Satiriker und Weltwoche-Kolumnist.

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