Gesellschaft

Warum Mütter lieber am Herd bleiben

Die meisten Frauen würden gerne Vollzeit arbeiten – wenn nur die ­Betreuungsangebote besser wären: So lautet die gängige Behauptung. Aber stimmt das wirklich? Ein nüchterner Blick auf das propagierte Idealmodell.

Von Mathias Binswanger

Wenn man Diskussionen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie verfolgt, dann könnte man leicht zum Schluss kommen, dass ein idea­ler Arbeitstag für emanzipierte ­Familien folgendermassen aussieht. Vater und Mutter steigen frühmorgens aus den Federn, um ihre noch schlaftrunkenen Kinder zu wecken. Nach hastig heruntergeschlungenem Frühstück werden diese daraufhin in ein Auto gesetzt und bei einer Kindertagesstätte abgeliefert, wo sie dann den Rest des Tages unter für die Eltern meist nicht näher geklärten Umständen, aber kompetent betreut verbringen. Die Eltern selbst eilen weiter zum Arbeitsplatz, wo sie ­ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen und den ganzen Tag unter Zeitdruck wichtige Tätig­keiten ausüben. Nach Arbeitsschluss rast man zum Einkauf in den Supermarkt, bevor die Kinder abgeholt, nach Hause transportiert und mit Essen versorgt werden. Dann gilt es noch, Dinge wie Hausaufgaben zu kontrollieren und etwas mit den Kindern zu spielen, denn erst die halbe Stunde gemeinsamer quality time gibt dem Familienleben Sinn. Haben es die Eltern dann endlich geschafft, die Kinder ins Bett zu bringen, sind sie meist dermassen übermüdet, dass die Energie nur noch zum Einschalten des Fernsehers reicht, vor dem sie dann einschlafen, wenn sie es nicht im Idealfall noch ins Bett schaffen. Und bald darauf, am nächsten Tag, geht die ganze Prozedur wieder von vorne los.

Stress der Doppelver­dienerfamilie

Doch ist dies wirklich ein erstrebenswerter Alltag? Will die Mehrheit der Menschen ein solches Leben? Die Antwort darauf lautet wenig überraschend: nein. Dies zeigen auch neue Zahlen der Schweizerischen Arbeitskräfte­erhebung zu «Vereinbarkeit von Beruf und ­Familie», die kürzlich vom Bundesamt für Statistik publiziert wurden. Vier Fünftel aller befragten Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren, die Betreuungsaufgaben wahrnehmen, geben an, dass sie ihre Arbeitstätigkeit nicht ausbauen wollen, selbst wenn die Betreuungsprobleme gelöst wären. Bei der Mehrheit dieser Personen handelt es sich um Mütter, die Teilzeit oder gar nicht arbeiten. Sie suchen nicht den Stress einer Doppelver­dienerfamilie mit zwei Vollzeit arbeitenden Elternteilen. Auch bei verbesserten Betreuungsangeboten würden sie deshalb keiner zusätzlichen Erwerbstätigkeit nachgehen.

Das Bundesamt für Statistik zieht es allerdings vor, das Glas zu einem Fünftel leer statt zu vier Fünfteln voll zu sehen. Im Text zu den veröffentlichten Statistiken lesen wir, dass «beinahe ein Fünftel der Personen mit Betreuungsaufgaben angeben, dass diese Aufgaben sie bei der Ausübung einer Berufstätigkeit einschränken». Das ist zwar nur eine Minderheit, aber in der Politik wird oft davon ausgegangen, dass diese Minderheit die überwiegende Mehrheit aller Frauen darstellt. Die gängige Annahme lautet: Die meisten Frauen würden gerne mehr arbeiten, wenn man nur die Betreuungsangebote verbessern würde. Auch das Bundesamt für Statistik hatte offenbar Hemmungen, eine gegenteilige Botschaft zu verbreiten, selbst wenn die Daten eine andere Sprache sprechen.

Die Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung werden auch in andern Ländern bestätigt. So zeigte eine Umfrage der Vergleichs-Site Uswitch.com in Grossbritannien, dass 75 Prozent der britischen Mütter lieber nicht arbeiten gehen, sondern zu Hause beim Kind bleiben. Nur können sich das in Grossbritannien viele Mütter einfach nicht leisten, und es bleibt ihnen gar keine andere Wahl, als nach der Geburt eines Kindes wieder in den Beruf ein­zusteigen. Die Doppelverdienerfamilie mit zwei Vollzeit arbeitenden Elternteilen ist für die meisten Familien in Grossbritannien kein erstrebenswertes Ziel, sondern ein ökonomischer Zwang, dem man gerne entrinnen würde.

Männer lassen sich nicht umerziehen

Nun könnte man aus feministischer Per­spektive noch darauf hoffen, dass die Menschen, die wegen Kindern oder andern zu ­betreuenden Personen auf Arbeit verzichten, deswegen zumindest unzufriedener mit dem Leben sind. Aber auch das ist nicht der Fall. Freiwillig nicht arbeitende Menschen (hauptsächlich Frauen) sind mit ihrem Leben ebenso zufrieden wie der arbeitende Teil der Bevölkerung. Auch das lässt sich anhand von Zahlen des Bundesamtes für Statistik erkennen. Die Mehrheit der Frauen, die auf Erwerbsarbeit verzichten, leidet also nicht unter diesem Zustand, sondern empfindet die mit den Kindern verbrachte Zeit mehr als Bereicherung denn als Belastung.

Das heute propagierte Idealmodell der Doppelverdienerfamilie mit Fremdbetreuung in Kindertagesstätten erweist sich oft als Glücksfalle. Kein Wunder, dass die Freude am Fami­lienalltag dabei auf der Strecke bleibt. Nicht zuletzt aus diesem Grund zeigen Statistiken, dass generell die Lebenszufriedenheit für Menschen im Alter zwischen 25 und 49 Jahren einen Tiefpunkt erreicht. Das gilt sowohl für die Schweiz als auch für andere entwickelte Länder. Die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild hat dies schon in den 1990er Jahren ­erkannt, als sie sich in ihrem Buch «The Time Bind» mit dem Alltag von amerikanischen ­Familien auseinandersetzte.

Zwar machen es Kindertagesstätten für Frauen möglich, Beruf und Kinder zu kombinieren. Aber der damit verbundene Alltag funk­tioniert nur, wenn er minutiös durchgeplant ist. Und Kinder sorgen mit schöner Regel­mässigkeit ­dafür, dass solche minutiösen Planungen über den Haufen geworfen werden. Ausserdem fordern die Kinder dann, wenn sie endlich zu Hause sind, umso mehr Aufmerksamkeit von ihren Eltern, die sie den ganzen Tag über nicht gesehen haben. Unter solchen Bedingungen empfinden Frauen die Arbeit häufig als entspannender als die zu Hause verbrachte Zeit. Es kommt dann so, wie es Arlie Russell Hochschild formuliert hat: «Home becomes work and work be­comes home.» Nicht gerade das, was man sich unter einem idealen Familienleben vorstellt. Im täglichen Stress offenbaren sich die verborgenen Kosten der modernen Kinderkrippengesellschaft. Das ist auch in Schweden deutlich erkennbar, wo das Angebot an Kindertagesstätten gut ausgebaut ist. Eine Untersuchung der EU («Households, Work and Flexibility») mit ­Daten aus sechs verschiedenen Ländern zeigt, dass der Stress für Frauen in Doppelverdienerfamilien in Schweden besonders hoch ist.

Damit kein falscher Verdacht entsteht: Dieser Beitrag ist kein Plädoyer dafür, dass Frauen an den Herd zurück sollen und nur noch Männer einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Aber er ist ein Plädoyer dafür, genauer hinzuschauen, was man mit der Forderung nach Vollbeschäftigung beider Elternteile und flächendeckenden Vollzeitbetreuungsmöglichkeiten tatsächlich propagiert: einen unattraktiven Alltag, von dem Mütter am meisten betroffen sind. Der grösste Teil der Betreuungsarbeit bleibt nämlich so oder so an ihnen hängen. Nur die ­wenigsten Männer lassen sich neben ihrem Job zu funktionierenden «Teilzeitvätern» umerziehen, viele wollen dies gar nicht. Elternschaft ist und bleibt zu einem grossen Teil weiblich.

Letztlich offenbart sich in dem Bestreben, Beruf und Kinder unter einen Hut bringen zu wollen, ein ökonomisches Paradox. In ärmeren Ländern sind die damit verbundenen Probleme viel kleiner, da sich fast immer eine Grossmutter, Schwester oder Tante für die Betreuung findet. Ist dies nicht der Fall, kann man immer noch ein Mädchen vom Land anheuern, welches sich dann für relativ wenig Geld fast rund um die Uhr um die Kinder kümmert. Kaum wird ein Land jedoch reicher, verschwinden alle diese Möglichkeiten. Die Grossmutter wohnt jetzt oft weit weg oder ist anderweitig engagiert. Schwester und Tante sind in Ausbildung oder haben ihren eigenen Job. Auch auf dem Land findet sich kein Mädchen mehr, das für ­einen erschwinglichen Preis Betreuungsauf­gaben übernimmt. Zwar können sich ein paar gutsituierte Doppelverdienerfamilien auch bei uns eine Vollzeit-Nanny leisten. Für die Mittelschicht bleibt diese Lösung aber im Normalfall unerschwinglich. Je reicher ein Land wird, umso mehr wird die Fremdbetreuung der Kinder für berufstätige Mütter zum Stressfaktor. Und sie verzichten dann konsequenterweise ent­weder auf Kinder oder Vollzeitbeschäftigung.

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen.

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