Wir Ausserirdischen

Der in Zürich tätige Uni-Professor Ben Moore gehört zu den schillerndsten Vertretern der Astrophysik. In seinem neuen Buch stellt er die gängige These über den Ursprung der Existenz auf den Kopf: Das Leben entstand nicht auf der Erde, sondern im Weltall.

Von Rico Bandle und Philipp Rohner (Bild)

Die grössten Fragen unseres Daseins: Astrophysiker Moore. Bild (66): Meckes + Ottawa (Eye of Science, DJV-Bildportal)

Seine Buchpräsentation ist gleichzeitig eine CD-Taufe. Und sie findet nicht in einem Hörsaal, sondern in Zürichs Trendlokal «Kaufleuten» statt. Ben Moore, Professor für theoretische Astrophysik an der Universität Zürich und Musiker, ist der Popstar unter den Wissenschaftlern: Seine Bücher verkaufen sich zehntausendfach, seine populären Referate sind ein unterhaltsamer Ritt durch die Weiten des Universums. Der Brite mit dem schelmisch-bübischen Gesicht schafft es, die grössten Fragen unseres Daseins für jedermann verständlich und auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft zu erklären – jene Fragen, die am Anfang sämtlicher Religionen und der Philosophie stehen: Woher stammen wir? Wer sind wir eigentlich?

In seinem letzten Buch «Elefanten im All» erzählte Moore die grösste und spektakulärste Geschichte, die unsere Welt zu bieten hat: jene über die Entstehung des Universums – und landete damit einen Überraschungsbestseller. Jetzt legt er nach und befasst sich in «Da draus­sen» mit dem Leben auf der Erde und ausserhalb. Wie entstand es? Sind wir allein? Und er analysiert lustvoll, inwiefern die wichtigsten Science-Fiction-Erzeugnisse aus Literatur und Film den Erkenntnissen der Wissenschaft standhalten.

Der Mensch ist 240 Franken wert

Die Frage nach der Einzigartigkeit des irdischen Lebens gehört zu den eher einfach zu beantwortenden Fragen: Für Moore steht ausser Zweifel, dass es Leben fernab unserer Erde geben muss. «Unser Stern ist nur einer von mehreren hundert Milliarden Sternen in unserer Galaxie. Und unsere Galaxie ist nur eine von mehreren hundert Milliarden Galaxien», schreibt er im Buch. Kürzlich sind führende Astronomen zur Erkenntnis gelangt, dass es allein in unserer Galaxie etwa vierzig Milliarden Planeten von der Grösse unserer Erde geben muss, die auf einer Umlaufbahn in der habitablen, also bewohnbaren Zone liegen. Es gebe keinen Grund, anzunehmen, dass unsere Erde der einzige Ort sei, wo sich Leben ausgebreitet habe. «Unsere Heimat, die Erde, ist nichts Besonderes», so die nüchterne Erkenntnis des Wissenschaftlers.

Moore entmystifiziert unser Dasein Schritt für Schritt. Das Leben beschreibt er als komplexen chemischen Prozess. «Alle Lebensformen – wir Menschen eingeschlossen – sind ­autonome molekulare Maschinen, die über zahllose Generationen optimiert wurden, um das Überleben und die Verbreitung ihres genetischen Codes zu sichern.» Er zitiert den britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der 1976 schrieb: «Wir sind alle Überlebensmaschinen [. . .], Robotervehikel, die blind programmiert wurden, um die egoistischen Moleküle zu bewahren, die als Gene bekannt sind. Das ist eine Wahrheit, die mich noch immer mit Staunen erfüllt.» Moore treibt die Vertechnisierung des Lebens auf die Spitze, insbesondere wenn er vorrechnet, wie gross der Wert des menschlichen Körpers ist, wenn man ihn in seine chemischen Elemente auflöst: 240 Franken. Der wertvollste Bestandteil ist das Kalium, welches pro Gramm etwas mehr als ­einen Franken kostet. Ein durchschnittlicher Körper enthält etwa 150 Gramm dieses chemischen Elements.

Wie ist nun Leben entstanden? Wie hat sich dieses lächerlich billige Material zu einem hochkomplexen Wesen wie dem Menschen zusammensetzen können?

Am Anfang der Evolutionskette finden sich die Bakterien. Moore charakterisiert ein solches Urtierchen folgendermassen: «Ein Bakterium ist eine hochentwickelte Ansammlung von Molekülen, die den Gesetzen der Physik und Chemie Folge leisten. Es hat keinen Grund zu leben [. . .], es ist ihm egal, ob es uns umbringt oder von uns umgebracht wird. Es ist das ultimative Beispiel einer selbstgesteuerten, autonomen Maschine.»

Mythos «Ursuppe»

Die ersten bakterienähnlichen Organismen tauchten 500 Millionen Jahre nach der Entstehung der Erde auf, also vor rund 3,9 Milliarden Jahren. Gemäss der gängigsten Theorie – die Schöpfungsgeschichte natürlich ausgenommen – entstanden sie in der «Ursuppe». Das Meer sei damals eine nahrhafte Brühe gewesen, in der sich über Jahrmillionen aus organischen Molekülen Lebewesen entwickelt hätten. Moore­ zweifelt diese Theorie an. Zur fraglichen Zeit war der Mond nicht einmal halb so weit von der Erde entfernt wie heute. Die Erde drehte sich viel rascher um die eigene Achse, ein Tag dauerte dadurch nur vierzehn Stunden. Der ­nähere Mond und die schnellere Drehung der Erde hatten zur Folge, dass die Gezeiten (Ebbe und Flut) viel stärker waren und in einem kürzeren Intervall folgten. Alle sieben Stunden brach eine bis zu zehn Meter hohe Flutwelle über das Land herein. «Dies hat nur wenig ­gemeinsam mit dem Szenario, gemäss dem sich das Leben während mehrerer Millionen Jahre in einem ruhigen Gezeitenbecken entwickelt», sagt Moore.

Moore hat eine ganz andere Hypothese, wo sich das Leben entwickelt haben könnte: im Weltall. Mit einem seiner Doktoranden hat er an einem Supercomputer die Vorgänge in den ersten hundert Millionen Jahren nach der Entstehung der Erde simuliert. Hunderttausende von riesigen Asteroiden kreisten damals um die Sonne, es kam zu unzähligen Kollisionen, auch mit der Erde. Die Wissenschaft geht ­heute davon aus, dass riesige Asteroiden mit einem Durchmesser von über hundert Kilometern bei Kollisionen mit der Erde das ­Wasser auf unseren Planeten brachten. Moore ist überzeugt: nicht nur Wasser, sondern auch das Leben. Demnächst wird er diese bahnbrechende Hypothese in einer wissenschaftlichen ­Publikation darlegen, jetzt schon erklärt er sie in seinem neuen Buch.

Was im ersten Moment nach Spinnerei oder Pseudowissenschaft klingt, kann Moore plausibel erklären. Das Wasser im Innern der Asteroiden bleibt mindestens hundert Millionen Jahre lang warm, und es enthält nachweislich jene organischen Moleküle, die für die Entstehung des Lebens nötig sind. Die niedrigere Schwerkraft in den Himmelskörpern könnte der Entwicklung einfacher Lebewesen zusätzlich Vorschub geleistet haben: Kürzlich haben Experimente auf der Internationalen Raumstation (ISS) gezeigt, dass gewisse Bakterien in der Schwerelosigkeit besser gedeihen als auf der Erde. Es sind also alle Voraussetzungen für die Entstehung von Organismen gegeben.

Die Vorstellung, dass das Leben aus dem All auf die Erde gekommen sei, ist nicht ganz neu. Erstmals festgehalten wurde die unter dem Namen Panspermie bekannte Hypothese vom griechischen Philosophen Anaxagoras (499 bis 428 v. Chr.). Im letzten Jahrhundert brachten Wissenschaftler die Idee auf, dass sich durch einen Asteroideneinschlag auf dem Mars ein Gesteinsstück abgesprengt hat, das das Leben vom Roten Planeten auf die Erde transportierte. Ufologen wie Erich von Däniken greifen gerne auf die Panspermie-Hypothese zurück, um zu zeigen, dass Ausserirdische ähnliche Eigenschaften haben wie Menschen, schliesslich seien sie alle gleichen Ursprungs und dann im Universum verteilt worden.

Moore lehnt die Idee der Panspermie nicht grundsätzlich ab, im Buch bezeichnet er sie sogar als «faszinierende Hypothese». Allerdings sei es sehr unwahrscheinlich, dass einfache Lebewesen auf diese Weise in andere Sonnensysteme gelangten: «Die Reise würde über 100 000 Jahre dauern, und die Wahrscheinlichkeit, so weit weg auf einem Planeten zu landen, ist winzig.» Die Panspermie-Hypothese hat mit seiner nur wenig zu tun: Moore zeigt auf, wo das Leben entstanden sein könnte, und nicht, dass es von einem zu einem anderen Planeten gereist ist.

Widrigste Bedingungen

Sollte sich das Leben tatsächlich in einem Asteroiden entwickelt haben, müssten die Organismen einen Aufprall auf die Erde mit einer Geschwindigkeit von 100 000 Kilometern pro Stunde überleben können und dann in einer ziemlich unwirtlichen Umgebung zurechtkommen. Denn damals herrschte noch nicht das milde Klima von heute, und der Sauerstoffgehalt in der Luft lag nahe bei null. Moore hat eine Menge Tierchen gefunden, die bezeugen, dass Lebewesen auch widrigste Bedingungen überstehen und sich darin zum Teil sogar weitervermehren:

— Die häufig vorkommenden Escherichia-­coli-Bakterien haben bei Tests ähnliche Kräfte überlebt, wie sie bei einem Asteroidenaufprall auf die Erde zu erwarten sind.

— 2003 hat man zwei Kilometer tief im Ozean in der Nähe von Hydrothermalquellen einzellige Mikroben gefunden, die in 300 Grad heissem Wasser überleben (wegen des hohen Drucks tritt das Wasser nicht als Dampf aus).

— 2006 wurde in einer südafrikanischen Goldmine drei Kilometer unter dem Boden eine Bakterienpopulation entdeckt, die ihre Energie alleine aus dem Zerfall radioaktiver Elemente bezieht.

— Es sind mehrere Lebewesen bekannt, die bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt leben und gedeihen, zum Beispiel der Eiswurm.

— Die robustesten mehrzelligen Lebewesen sind die Bärtierchen. Sie sind praktisch unzerstörbar, können bei extremen Bedingungen in einen scheintoten Zustand treten, um ihr aktives Leben wiederaufzunehmen. Bei diesen Tierchen wäre eine lange Reise durchs All vorstellbar, auf einem fremden Planeten könnten sie einen neuen Evolutionszyklus starten.

Müssen die Schulbücher, die in der Ursuppe den Start der Evolution sehen, umgeschrieben werden? Zumindest als eine mögliche Variante dürfte Moores Hypothese Bestand haben. Moore ist überzeugt, dass die Astronomie in den nächsten Jahren mit einigen bahnbrechenden Entdeckungen aufwarten wird. «Der Fortschritt ist enorm.» So ist er überzeugt, dass in den nächsten Jahren der Beweis erbracht wird für ausserirdisches Leben. «Das wird unser Weltbild erschüttern», sagt er.

Gut möglich ist, dass eine der grossen Entdeckungen in der Schweiz gemacht wird. «Die Schweiz gehört zu den führenden Forschungsplätzen in dem Bereich», sagt Moore. Er schwärmt von den Bedingungen, die die besten Fachleute aus aller Welt anziehe. Zu den renommierten Astrophysikern hierzulande gehört auch Kevin Schawinski, der Sohn von Medienunternehmer Roger Schawinski. 2012 wechselte er von der Yale University (USA) als Professor an die ETH Zürich. Die ETH sei auf beobachtende Astrophysik spezialisiert, die Universität auf theoretische. «Wir ergänzen uns sehr gut, stehen auch in engem Kontakt», sagt Moore. Gerne betont er auch, welch wichtige Rolle die Astronomie in der Geschichte des aufgeklärten Menschen einnimmt: «Sie führte uns aus der wissenschaftlichen Finsternis heraus und hin zu Erkenntnissen, die wir heute für selbstverständlich halten.»

Komplexer als der Anfang des Lebens

Auch wenn man mittlerweile schon sehr viel über die Entstehung des Universums herausgefunden hat, der Ursprung von allem bleibt ein Mysterium: Über die ersten Millisekunden nach dem Urknall weiss man fast nichts. «Den Anfang des Universums zu verstehen, ist noch viel komplexer als den Anfang des Lebens, vielleicht werden wir ihn nie ganz verstehen», sagt Moore. Ist das der Ort, wo man so etwas wie einen Gott suchen muss? Daran glaubt der Wissenschaftler nicht. Und selbst wenn es so etwas gäbe, dessen Existenz würde seine Neugier nicht bremsen: «Sogar dann, wenn das Leben tatsächlich ein grausames Experiment wäre, ausgeführt von einem unendlich weisen Wesen, würde ich keine Ruhe geben, bis ich wüsste, wie und warum dieses Wesen entstanden ist.»

Ben Moore: Da draussen – Leben auf unserem Planeten und anderswo. Kein & Aber. 352 S., Fr. 29.90
Buchvernissage und Plattentaufe: 2. Dezember, 20 Uhr, Kaufleuten Zürich

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