Editorial

Begehren

Man sollte eine gewisse Toleranz entwickeln für Männer, die ihren Trieben legal zum Opfer fallen.

Von Roger Köppel

Gespräche an einem Abendessen: Es gibt zwischen Männern und Frauen ein Naturgesetz: Der Mann muss die Frau begehren. Die Frau wiederum lebt davon, dass der Mann sie begehrt. Die Macht der Frau ist das Begehren des Mannes. Männer sind codiert, Frauen zu begehren. Frauen sind mit Kräften ausgestattet worden, das Begehren im Mann zu wecken. Männer begehren irrational, mitunter krankhaft.

Frauen bleiben vernünftig, selbst wenn sie intensiv begehrt werden. Sein genetisch eingepflanztes Vermögen, die Frau unbedingt zu wollen, ist die grosse Schwachstelle des Mannes, seine Achillesferse, die empfind­liche Lücke im Panzer.

Der begehrende Mann ist nicht mehr zurechnungsfähig. Er befindet sich in einem Rausch, der durch Lockstoffe ausgelöst wird, die ihm die Frau subtil übermittelt. Es kann kein echtes Begehren geben ohne die Frau, die dem Mann Signale gibt, die ihn annehmen lassen, sein Begehren könne erwidert werden. Der Mann ist am verwundbarsten, wenn er begehrt. Nie ist die Macht der Frau, nie ist die Ohnmacht des Mannes grösser. Was rätselhaft erscheint, ist nur eine List der Natur. Der Mann muss begehren, um seinen Paarungstrieb zu erfüllen, damit die Spezies überlebt. Deshalb ist dieser Trieb bei ihm so nerven- und gehirnbetäubend stark. Das Begehren oder besser: das Begehrtwerdenwollen der Frau ist kalkulierter, überlegener, weniger Zeugungs-, mehr Machttrieb, der erst dann ins Irrationale, für den Mann Zerstörerische umschlägt, wenn die Frau vom Mann enttäuscht wird.

Jeder Mann muss Techniken entwickeln, wie er mit seinem Begehren zurechtkommt. Die meisten Männer bringen sich rechtzeitig in Sicherheit, indem sie sich vor der extremen Hitze, die von der begehrten Frau ausgeht, verkriechen. Nicht alle haben die Kraft, sich dem zermürbenden Kampf zu stellen, an dessen Ende entweder der eigene Untergang oder eben die Eroberung der so heissersehnten Frau steht. Männer, die erfolglos begehren, es aber trotzdem versuchen, sind wie Motten, die am Licht verglühen.

Frauen wollen, ja sie müssen begehrt werden. Sie setzen alles daran, begehrt zu werden. Man darf ihnen das nicht übelnehmen. So wie der Mann unter Umständen seine ganze Existenz am Schmelzpunkt des totalen Verlangens bündelt, so richtet sich die Frau mit allen Fasern darauf aus, begehrt zu werden. Das Begehrtwerden durch den Mann ist die stärkste Droge, ist das stärkste Aufputschmittel der Frau. Mathematisch formuliert: Das weibliche Selbstvertrauen ist die Summe des männlichen Begehrens im Quadrat. Je heftiger das Begehren des Mannes, desto überproportional grösser ist die existenzielle Zufriedenheit der Frau, ihre Geborgenheit im Leben. Frauen wollen sehen, dass der Mann sie begehrt. Sie sind süchtig nach Beweisen männlichen Begehrens. Er begehrt mich, also bin ich.

Interessanterweise können Männer, die aus Selbstschutz aufs Begehren verzichten, besser mit diesem Mangel leben als die Frau, die nicht mehr begehrt wird. Männern, die nicht begehren, geht es besser als Frauen, die nicht begehrt werden. Aus diesem Missverhältnis resultiert letztlich der unverständlich scheinende Hass, den Frauen gegen Männer kanalisieren können, von denen sie nicht mehr begehrt werden. Jeder Mann muss wissen: Nichts ist gefährlicher als das nachlassende Verlangen nach einer Frau, die man einst begehrte. Der Mann, der die Frau nicht mehr begehrt, entzieht ihr den Treibstoff ihres Selbstbewusstseins. Das kann nicht ohne Kollateralschaden für den Mann abgehen.

Die Liebe ist eine Höllenmacht. Damit sind die Qualen gemeint, die der erfolglos begehrende Mann durchleidet. Aber es sind auch die Torturen angesprochen, welche die Frau gegen den Mann anwendet, der sie nicht mehr begehrt. Männer, die sich auf Einladung der Frau vor der Frau öffnen, ja entblössen dürfen, können nicht damit rechnen, selber über den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem sie die gefährliche Dialektik von Begehren und Begehrtwerden beenden. Nur Dummköpfe glauben, sie seien in der Lage, die Kräfte zu kon­trollieren, die sie durch ihr Begehren in den Frauen entfesseln. Der Mann, der sich einfach davonschleicht, wird von den Energien eingeholt, die er freisetzte. Nicht der Mann, die Frau beherrscht charismatisch die Unterwelt der Intimität. Männer, die das Gegenteil vermuten, werden irgendwann durch die Wirklichkeit brutal eines Besseren belehrt.

Männer, die Frauen sitzenlassen, sind schäbig. Frauen aber, die im Mann das Begehren wecken, um dieses Begehren nachher zur Waffe gegen den entwaffneten Mann umzuschmieden, brechen das Naturgesetz, das Männer und Frauen im Innersten verbindet. Es ist mehr als eine Gemeinheit, es ist streng genommen ein Verstoss gegen die Natur, wenn eine Frau die verwundbarsten Stellen des Mannes freilegt, ihn zur Hingabe verlockt, ehe sie seinen Paarungstrieb, seine grösste Schwäche, aggressiv gegen den Mann wendet, um ihn beispielsweise öffentlich blosszustellen. Die Rache der enttäuschten Frau kann grausam sein. Sie hat sich lebenspraktisch, aber auch als wirksames Instrument der Zähmung und Zivilisierung des Mannes bewährt. Männer lassen sich von den Frauen auch deshalb steuern und erziehen, weil sie um die Macht der weiblichen Sanktionsarsenale wissen.

Männern, die sich gegenüber den falschen Frauen entblössen, ist nicht zu helfen. Sie scheitern kläglich in der Wildnis. Handkehrum sollte die Gesellschaft eine gewisse Toleranz entwickeln gegenüber Männern, die ihren Trieben legal zum Opfer fallen. Der Mann ist schwach in seiner Eigenschaft als begehrendes Tier, weil ihn die Natur so gebaut hat. Frauen, die das ausnützen, sind keine Heldinnen. Sie missbrauchen nur die Macht, die ­ihnen die Natur in die Wiege legte.

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