Editorial

Im Zweifel für Geri Müller

Der Aargauer Politiker muss nicht zurücktreten.

Von Roger Köppel

Die Frage wirbelt durch die Zeitungsspalten: Hat es uns zu interessieren, wenn ein gewählter, landesweit bekannter Politiker im Stadthaus seine Hosen runterlässt, um seiner Tagesabschnittspartnerin freudig den momentanen Zustand seiner Erregung mitzuteilen? Oder haben wir es hier mit einer strikt privaten Handlung zu tun, die ähnlich wie die Versendung eines Kochrezepts aus dem Büro oder wie ein Glückwunschtelefon an den Sohn, der eben seine Lehrabschlussprüfung bestanden hat, so lange belanglos bleibt, wie sie die Amtsführung des betreffenden Politikers nicht behindert?

Der amerikanische Präsident Bill Clinton gab zu, im Weissen Haus Oralsex mit einer Angestellten gehabt zu haben, und durfte im Amt bleiben. Der Badener Stadtpräsident Geri Müller gestand, dass er aus seinem Büro Nacktbilder von sich an eine zwischenzeitliche Internet-Geliebte schickte. Jetzt debattiert die Schweiz darüber, ob für den frivolen Stadtammann von Baden strengere Gesetze gelten sollen als für ­einen Staatspräsidenten in den prüden USA.

Moralisierende Lokalmedien, die Müller gierig outeten, versuchten eine Story von Amtsmissbrauch und Verschwendung kostbarer Arbeitszeit zu konstruieren. Das Alibi, um die Affäre voyeuristisch auszuweiden und trotzdem mit weisser Weste dazustehen, verfängt nicht. Müllers Sex-Selfies sind Privatsache. Sie mögen unappetitlich sein, ja anstössig, aber was geht es uns an, was zwei erwachsene Menschen im Hormonrausch an Ferkeleien unter­einander austauschen?

Hätten die Medien geschwiegen, wenn Müller anstatt SMS und Bildchen wundervolle literarische Gedichte mit raffinierten Tuschzeichnungen seiner Genitalien gesendet hätte? Die Sittenwächter, die Müllers Privatsphäre brutal torpediert haben, müssten einmal erklären, wo sie die Grenze ziehen. General Ulrich Wille schrieb während seines Aktivdiensts im Ersten Weltkrieg schmachtende Liebesbriefe an seine Frau, in denen er politische Überlegungen mit intimen Bekenntnissen spickte. Die medialen Moralhüter würden heute Willes Amtsenthebung fordern, weil auch er während der Dienstzeit private Botschaften an die Angebetete abschickte. Darüber hinaus feilte Wille an seinen amourösen Formulierungen mit Sicherheit viel länger als Geri Müller an seinen SMS-Zweizeilern. Ein klarer Fall von Arbeitszeitverschwendung, und erst noch im Krieg! Wer’s glaubt.

Es gibt eigentlich keinen Rechtfertigungsgrund, die privaten Nachrichten Müllers an die Öffentlichkeit zu zerren. Dass er Bilder aus dem Bundeshaus oder aus seinem Badener Präsidentenbüro versendete, ist ein schwacher Aufhänger. Läge hier der Skandal, müsste man den Bundesparlamentariern in Bern verbieten, während der Session die Sportseiten der Zeitungen zu lesen oder das Kinoprogramm. Wer bei staatlich besoldeten Politikern auf eine ­talibanstrikte Trennung von Beruf und Privatleben pocht, moralisiert am Leben vorbei. Der Grad der Obszönität oder Freizügigkeit privater Kommunikation allein kann auch kein Kriterium sein, solange sich alles im legalen Bereich bewegt. Jeder Mensch ist lächerlich, wenn man ihn ausserhalb der Unterhosen überrascht. Und Sex ist Privatsache, auch dann, wenn man gelegentlich am Arbeitsplatz in Gedanken von Frühlingsgefühlen übermannt wird.

Entscheidend ist: Nach unseren Informationen hat sich Müller nichts zuschulden kommen lassen. Die Internetbeziehung zwischen ihm und der Frau verlief nach altbekanntem Muster. Zwei Erwachsene steigern sich in einen elektronischen Erotiktaumel. Freiwillig tauschen sie nicht gerade jugendfreie Bilder und Botschaften aus. Irgendwann hat der Mann genug, die Frau aber will weitermachen. Der Mann, da öffentlich bekannt, verlangt die bei Tageslicht kompromittierenden Bilder zurück. Die Frau bockt, kokettiert, setzt Druck auf, weigert sich, das Material zu löschen, streut subtile Drohungen, weint sich aus, droht mit Selbstmord und auch wieder nicht, spielt eiskalt ihre Macht aus, liebäugelt mit den Medien, dient sich mal da und biedert sich mal dort an mit dem Ziel, den Verflossenen doch irgendwie am Haken zu behalten. Aus Selbstschutz hüllt sie sich in Nebelschwaden vorgetäuschter Verwirrtheit. Natürlich weiss sie jederzeit ganz genau, dass sie elektronisch archivierten Giftmüll in den Händen hält, der unter Umständen geeignet ist, die Existenz des Geliebt-Gehassten zu beschädigen, wenn nicht zu zerstören. Es fehlt nur noch die Zeitung, die sich mit ihr ins Bett legt, um den Rufmord zu vollenden.

Klar, natürlich: Wie dumm, einsam oder verführbar muss ein Politiker sein, dass er sich ­einer nachtschönen Unbekannten so hüllenlos anvertraut? Man kann nur hoffen, dass Müller in der Besetzung seiner Mitarbeiterposten eine bessere Menschenkenntnis beweist als in der Auswahl seiner Brieffreundinnen. Ungeachtet dessen ist die Weltgeschichte voller Beispiele begabter, intelligenter, erfolgreicher Männer, die sich in ihrem Privatleben von einem Trümmerhaufen zum nächsten Beziehungsdebakel hangelten. Hier gilt das Prinzip von Augenmass und Toleranz. Der stabilste Mann kann, wenn es um Frauen geht, von Kräften überwältigt werden, die sich keiner Kontrolle fügen. Geri Müller wäre von seiner Gefühlslava fast verschlungen worden, aber er hat sich eben keiner Vergehen schuldig gemacht, mit denen man seine Blossstellung rechtfertigen könnte.

Trotzdem ist es gut, wenn solche Geschichten herauskommen, obschon es dazu der Nennung des prominenten Namens nicht bedurft hätte. In der Schweiz ist zu oft von der «Würde des Amtes» und der «Würde der Institutionen» die Rede. Die hochtrabende Selbstbeweihräucherung des politischen Betriebs ist verlogen und unerträglich. Man muss die Politik nicht so hoch hängen, um ihr mit Respekt zu begegnen. Der Fall Müller zeigt, dass es hinter den Kulissen nicht gutmenschlich, sondern zum Glück nur menschlich zugeht. Wer ohne Fehl und ­Tadel ist, der werfe den ersten Stein.

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