MvH trifft

Marcel Avram

Er veranstaltet die Konzerte der grössten Rock- und Popstars, seit 46 Jahren. Jetzt macht er was Neues.

Von Mark van Huisseling

«Wir sind das Brain»: Konzertveranstalter Avram, 76. Bild: Sandro Bäbler für die Weltwoche

Können Sie was anfangen mit Electronic Dance Music, EDM?» (Er veranstaltet vom 8. bis 10. August das Isle-of-Dreams-Festival auf dem St.-Jakob-Gelände in Basel, an dem Avicii, David Guetta, Calvin Harris und zirka siebzig weitere Discjockeys auftreten.) «Ich kann mit allem was anfangen. Ich bin seit 46 Jahren in der Branche, praktisch seit der Anfangszeit des Rock ’n’ Roll und der Popmusik. Kommt dazu, dass meine Mutter Tanzlehrerin war, ich hab Musik im Blut. Ich hab schon 1968 Festivals gemacht, mit Pink Floyd, The Who, Deep ­Purple . . . Ich war immer gerne innovativ, einer der Ersten. Ich bin langsam gross geworden mit meinen Künstlern; es gibt Veranstalter, die meinen, sie seien grösser als der Künstler, das stimmt nicht. Das ist meine Geschichte. Ich muss mich bewegen, kann nicht stillsitzen.»

Marcel Avram, 76, geboren in Rumänien. Als er zehn war, zog die Familie nach Israel, sechs Jahre später – der Vater handelte mit Orientteppichen – nach Frankfurt. Nachdem Marcel Avram in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Financier eines Frankfurter Konzertveranstalters gearbeitet hatte, gründete er 1968 mit einem Partner Mama Concerts und holte damals unbekannte Rock- und Popgruppen nach Deutschland (in der Schweiz veranstaltete er keine Konzerte; das Isle-of-Dreams-Festival ist seine erste eigene Produktion hier). Ab Ende achtziger Jahre war er Veranstalter von vier Michael-Jackson-Welttourneen. Zudem arbeitet er mit bestverkaufenden Künstlern seit Jahrzehnten zusammen, etwa mit Eric Clapton, Bruce Springsteen, Tina Turner, Prince, AC/DC, Eros Ramazotti oder Leonard Cohen – in der Zeitschrift IQ Live Music Intelligence wurde er als «letzter Kaiser» beschrieben. In seinem eigentlichen Heimatland Deutschland erfuhr er unterschiedliche Behandlungen: 1991 übergab ihm Bundespräsident von Weizsäcker den Verdienstorden, 1997 wurde er zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wegen Steuerhinterziehung (nach einem Jahr Haft wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt). Vor dreizehn Jahren zog er mit seiner Frau nach Altendorf SZ.

«Gibt’s Unterschiede zwischen der Arbeit mit Rockstars und DJs?» – «Bei Rock und Pop gehen die Leute wegen des Künstlers hin, wegen seiner Hits. Bei einem EDM-Festival mehr wegen des Events; Laser, Licht, aussergewöhnliche Bühne – die Party ist 70 Prozent.» – «Wie funktioniert Ihr Geschäftsmodell, womit verdienen Sie Geld?» – «Wir sind das Brain, wie der Produzent bei einem Film: Wir besorgen die Schauspieler, den Regisseur, sorgen für die Special Effects, die Produktion des jeweiligen Films, und dann geben wir ihn den Kinos, in unserem Fall den Vorverkaufsstellen, die die Tickets verkaufen. Und wir machen auch Marketing, enorm viel im Internet.» (Dennoch gibt er dieses Interview – in Basel hat er mit 60 000 Zuschauern gerechnet, es sieht aber aus, als kämen vielleicht 35 000.) «Das Risiko haben nicht die Künstler, nicht die Ticketverkäufer, sondern Sie, richtig?» – «Das Risiko habe nur ich, ich habe aber auch die Einnahmen.» – «Für die Gage des Künstlers ist es also egal, ob 60 000 Leute kommen oder 35 000?» – «Ja, das ist der Vor- und Nachteil. Man macht einen Deal und damit hat’s sich. Wenn mehr Leute kommen, verdiene ich mehr, das ist the beauty des Geschäfts.» – «Wie viel verdient ­Leonard Cohen oder Eros Ramazotti an einem Abend?» – «Ramazotti wird 250 000 Euro haben, Cohen ähnlich, als Gage. Davon muss er Kosten bezahlen für Musiker, Leute, Licht, Sound, Hotels, Transport ... Ihm bleibt vielleicht die Hälfte. Auf ­Europatournee hat Ramazotti dreissig oder vierzig Auftritte, Cohen sogar mehr – doch dann gibt’s zwei, drei Jahre nichts [keine Konzerte].»

«Als Live-Musik-Veranstalter profitieren Sie davon, dass weniger Tonträger gekauft werden, oder?» – «Live-Musik [als Ganzes] hat zugelegt. Aber es [das Angebot] ist auch inflationär: Als wir angefangen haben, gab’s vielleicht hundert Künstler, zwanzig Jahre später 10 000, heute gibt’s 100 000 . . .» – «Gut für Sie.» – «Nein, verdienen kann man nur mit den Gros­sen, und von denen gibt’s nicht viele. Drum versuche ich jetzt, die Nische der elektronischen Tanzmusik zu füllen.» – «Mit wem arbeiten Sie am liebsten?» – «Meine Acts sind Eric Clapton, Bruce Springsteen, Bon Jovi, Bob Dylan . . . Von den Neueren mag ich 30 Seconds to Mars. Und ich bin Rammstein-Fan.» – «Was haben Sie von Michael Jackson gelernt?» – «Schwierig, ich habe vieles gesehen bei ihm, was man nicht machen sollte. Aber ich habe die Welt kennengelernt durch ihn – wir waren in Chile, Mexiko, Neuseeland, Korea, Thailand, Dubai . . . Er war ein genius

Sein liebstes Restaurant : «Zu Hause, die ‹Sabine-­Küche›.» (Seine Frau.) – «Sagen Sie bitte ein Lokal, wo meine Leser auch hinkönnen.» – «‹Wystube Isebähnli.›»
«Wystube Isebähnli», Froschaugasse 26, Zürich, Tel. 043 243 77 87.

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