Erkenntnis

Direkte Demokratie des Geistes

Einfluss von unten wirkt heilsam – gerade in der Wissenschaft. Laienforscher erfüllen eine wichtige Aufgabe.

Von Alex Reichmuth

Peter Finke war 63 Jahre alt, als er seinen Dienst als Universitätsprofessor im deutschen Bielefeld quittierte. In den frühzeitigen Ruhestand zu gehen, verstand er als Protest gegen die Hochschulpolitik. Nun hat der Wissenschaftsphilosoph ein Buch geschrieben, in dem er der akademischen Forschung an den Karren fährt. An den Universitäten grassiere elitäres Denken, schreibt Finke in «Citizen Science» (Bürgerforschung). Theorielastigkeit und Weltfremdheit machten sich breit, gepaart mit Selbstbezogenheit und Arroganz. Zudem bedränge die wuchernde Hochschulbürokratie die Freiheit der Forschung. Bedroht sei diese auch durch den steigenden Einfluss von Wirtschaft und Politik, so ­Finke.

Der Buchautor ruft deshalb zu einer «Abrüstung des Wissenschaftsverständnisses» auf. Denn eine Gesellschaft, die sich nur an der Profiwissenschaft orientiere, verliere das Bewusstsein für die Bedeutung des Wissens aller Bürger. Finke fordert eine stärkere Beachtung der Forschung abseits des akademischen Betriebs – also solcher, die ehrenamtlich geleistet wird, etwa in naturforschenden Verbänden, historischen Vereinen oder ganz privat.

In der Tat gibt es reichhaltige Formen wissenschaftlicher Betätigung abseits der Universitäten. Sie reicht von Chronisten, die der Geschichte von Dörfern, Wirtschaftsunternehmen und einzelner Familien nachgehen, über nebenamtliche Biologen, die Vögel zählen, Insekten beobachten und Pflanzen erforschen, bis zu Hobbysprachforschern, die Dialekte beschreiben. Auch Tüftler, Bastler und Erfinder kann man als Wissenschaftler im ureigentlichen Sinne bezeichnen, die mit zielgerichtetem Vorgehen Probleme lösen.

Oft lebensnäher und kreativer

Immer wieder tragen ehrenamtliche Forscher wesentlich zum Fortschritt der Wissenschaft bei. Erwähnt seien etwa Markus Gassner, Landarzt in Grabs SG, der die Allergieforschung vorangebracht hat, Martin Trüssel aus Alpnach OW, der sich in der Höhlenforschung profiliert hat, oder der 1990 verstorbene Josef Zihlmann (auch bekannt als «Seppi a de Wiggere»), der als Selfmade-Volkskundler mit dem Ehrendoktor der Universität Freiburg ausgezeichnet wurde.

Der wohl bedeutendste Laienforscher der Geschichte war Charles Darwin. Mit seiner Evolutionstheorie, die er aufgrund von Beobachtungen auf zahlreichen Reisen entwickelte, veränderte der britische Naturforscher das Verständnis über die Entstehung des Lebens so grundlegend wie kaum ein anderer Wissenschaftler. Dabei hatte er Theologie und Medizin studiert.

Für Buchautor Finke ist Darwin jedoch nicht der typische Vertreter der Bürgerwissenschaft. «Bei der ‹Citizen Science› geht es nicht um spektakuläre Höchstleistungen», sagt er gegenüber der Weltwoche, «sondern um Grundlagenarbeit, die selten die Welt verändert, aber dennoch wichtig ist.» Hobbyforschung sei eine Art «Basislager der Wissenschaft», das unentbehrlich sei für die, die höher hinauswollten. Finke vergleicht die Wissenschaft mit einem Apfelbaum. Zwar seien viele Äpfel nur mit Leitern zugänglich und müssten darum den Spezialisten mit der nötigen Ausstattung überlassen werden. Es gebe aber zahlreiche tiefhängende Früchte, die man vom Boden aus pflücken könne. Alle Äpfel seien wertvoll.

Ehrenamtliche Forschung ist oft lebensnäher und kreativer als die Hochschulforschung. Finke stellt der «Betriebsblindheit vieler Profi-Wissenschaftler» die «Unbefangenheit der ‹Citizen Scientists›» gegenüber. Akademische Forscher müssten sich nicht selten an bestehenden Lehrmeinungen orientieren, um Erfolg zu haben. Notwendige Paradigmenwechsel erfolgten darum oft harzig.

Diese Diagnose scheint auf ein derzeit heissdiskutiertes Wissenschaftsgebiet zuzutreffen: die Klimaforschung. Grosse ­Teile der arrivierten Wissenschaft haben sich dort im Dogma der menschengemachten Erderwärmung verfangen, auch wegen entsprechender Erwartungen aus der Politik. Wer Karriere machen will, muss sich dem vorherrschenden Weltrettungsgeläut unterwerfen. Doch Hobbyforscher, die im Internet unter dem Deckel gehaltene Zweifel und Einwände verbreiten, sorgen für Ausgleich. Erwähnt sei etwa der kanadische Mathematiker Steve McIntyre. Er wies als Bergbauspezialist nach, dass die vom Weltklimarat hochgehängte «Hockeyschläger-Kurve» zum Temperaturverlauf der letzten tausend Jahre auf unzulässiger statistischer Auswertung beruht (Welt­woche Nr. 29/2010).

In manchen Wissenschaftsgebieten hat sich ein eigentlicher Elite-Basis-Konflikt ergeben, der an die Politik erinnert. In der Schweiz sorgen Initiativen und Referenden jeweils für notwenige Erdung, wenn sich die Classe politique verrannt hat. Insofern ist die Bürger- und Hobbyforschung eine Art direkte Demokratie in der Wissenschaft. Alex Reichmuth

Peter Finke: Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien. Oekom. 240 S., Fr. 28.70

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