Religion

Sankt Kümmernis, verwurstet

Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst verwendet die Maske einer europäischen Heiligen.

Von Pirmin Meier

Musikalisch hat der Eurovision Song-Contest (ESC) wenig mit der europäischen Vielfalt der Klänge und Sprachen zu tun. Die globalisierte Basissprache Englisch, vermittelt über Verstärkerlärm, ist weder mit Beethoven noch mit dem politisch brisantesten Sound des Jahres 2014 zu verwechseln, der russischen Nationalhymne, in deren Text der Name «Lenin» durch das Wort «Gott» ersetzt worden ist. Unbeschadet der Faszination mitreissender Hymnen bleibt die Popmusik die Massenkulturform der Gegenwart schlechthin. Wohl nicht nur für Österreich erlangt der 25-jährige Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst eine Beachtung, die sein am gleichen Wochenende in Zürich mit dem Max-Frisch-Preis ausgezeichneter schreibender Landsmann Robert Menasse nur in den Feuilletons erreichen kann.

Neuwirths Empfang auf dem Wiener Flughafen glich der Heimkehr des ausgeschlossenen Olympia-Abfahrers Karl Schranz aus Sapporo 1972, nur dass Wurst gleichzeitig über den Status des Märtyrers verfügt wie auch über den des Siegers. Sein Markenbekenntnis, es sei wurst, mit welcher sexuellen Identität und mit welchem Outfit man sich präsentiere, wurde gigantisch Lügen gestraft. Es war nämlich in Kopenhagen keineswegs wurst, ob eine ganz normale Metzgertochter wie Beatrice ­Egli da aufgetreten wäre oder ein Mensch gewordener religiöser Mythos mit politischer Botschaft: «Conchita Wurst fordert Putin heraus», wie Spiegel online titelte. Nach den Regeln des ESC wäre eine direkte politische Aussage nicht erlaubt gewesen. Das Songmotiv des Phönix, Vogel der Auferstehung, deutet auf die Wiedergeburt des christlichen Mythos der Bart-Frau, in der Schweiz Sankt Kümmernis genannt.

Gott liess ihr den Bart wachsen

Unbeschadet umstrittener stimmlicher Qualitäten steht Neuwirths Bekenntnis für eine heute primär geforderte Auffassung von Mut: Statt zu herkömmlichen Überzeugungen zu seiner Sexualität zu stehen, diese besonders im Falle zugelassener Abweichungen demonstrativ selber zu bestimmen. Wer will aber schon von jemandem hören: «Ich bin ein einzigartiger Mensch, heterosexuell, habe zwei Kinder und arbeite im Büro»?

Schräg zu sein, genügt für den Erfolg aber auch nicht. Mit der Kunstfigur «Conchita Wurst» verwendet der junge Homosexuelle Neuwirth die Maske einer europäischen Heiligen mit Verehrung in Österreich, Bayern und der Innerschweiz: der St. Cumera oder heiligen Kümmernis, der Stadtpatronin von Madrid, ­einer portugiesischen Königstochter. Um nicht gegen ihren Willen verheiratet zu werden, bat sie Gott, ihr einen Bart wachsen zu lassen. So wurde Sankt Kümmernis zur Symbol­figur der Jungfräulichkeit, der Keuschheit, in vielen Klöstern verehrt. Zu ihrer Geschichte passt die Legende vom Spielmann, der vor ihrer Statue spielte. So wurde St. Kümmernis Patronin der Spielleute. Für den Eurovision Song Contest ­anscheinend nicht unpassend.

Im Mittelalter und noch später legten Eliten Wert auf ihre Jungfräulichkeit. Eine erwählte Eigenschaft auch homosexueller Männer. Die heilige Kümmernis ist eine mystische Figur: als gekreuzigte Frau mit Bart ist sie dem Gottmenschen noch ähnlicher als die Muttergottes. Das lange Gewand der Gekreuzigten und goldene Schuhe symbolisieren einen vollkommenen Lebensweg.

Transvestitische Fantasien in der Kirche

In der christlichen Kunst, zum Beispiel in den Pfarrkirchen von Tuggen und Steinen im ­Kanton Schwyz, wo alte Darstellungen der ­gekreuzigten heiligen Kümmernis zu be­staunen sind, werden transvestitische Fanta­sien ausgelebt. «Ein Gesicht machst du wie Sankt Kümmernis», lautete ein Innerschweizer Sprichwort. Kümmernis stand damals für ­Askese.

Thomas Neuwirth, dessen Fans in korrekter Gender-Sprachregelung ihn sie nennen, steht für eine Elite neuer «Jungfrauen». Ein Apostel für Menschenrechte und Toleranz, nicht mehr für verfolgte Christen wie einst (oder heute in Syrien), sondern für die Religion der Selbstentfaltung mit «Mut» zum Aus­leben ausser­gewöhnlicher und damit schnell mal elitärer Formen der Sexualität.

Die Kunstfigur «Conchita Wurst» beruht nicht nur mit dem einst religiösen, später in Jahrmarktbuden präsentierten Motiv der bärtigen Frau auf einer verweltlichten spirituellen Grundlage. Auch der spanische Mädchenname Conchita, der sich von concepción ableitet («Unbefleckte Empfängnis»), drückt das katholische Dogma der ewigen Jungfräulichkeit aus. Von Blasphemie kann dabei aber nicht die Rede sein. Zum Erfolgsrezept von dieser Art Kulturschaffen hat lockeres, kaum reflektiertes Übernehmen mythischer und religiöser Versatzstücke schon immer gehört. Madonna machte es vor.

Pirmin Meier, Autor historischer Bücher, verwies in seiner Paracelsus-Biografie (Union-Verlag, 6. Auflage) auf den transsexuellen Charakter des Arztes aus Einsiedeln. Sankt Kümmernis stellte er in seinem Buch «Landschaft der Pilger» (2005) dar.

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