Literatur

«Intellektueller Kindergarten»

«Ich wünsche mir einen Berufsverband, kein pseudointellektuelles Politbüro.» Offener Brief an den ­Präsidenten des Verbandes ­Autorinnen und Autoren der Schweiz.

Von Claude Cueni

Lieber Herr UrweiderNein, lassen Sie die Rassismuskeule noch fünf Minuten im Besenschrank: Ich bin mit ­einer Ausländerin verheiratet, meine Schwiegertochter ist Ausländerin, und siebzig Prozent meiner Bekannten sind Ausländer. Die restlichen dreissig Prozent sind Schweizer und zur Hälfte mit Ausländerinnen verheiratet. Und wir wohnen alle nicht in abgelegenen Bergtälern.

Ich fühle mich in Südostasien genauso zu Hause wie in Berlin, London, Paris oder Rom. Ich bin Europäer und gegen einen EU-Beitritt. Ich pflege Freundschaften in der SP und Freundschaften in der SVP, weil ich an anderen Meinungen interessiert bin und Menschen mag.

Nun zur Sache. Sie behaupten in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger: «Die Schweiz ist gegenüber dem intellektuellen Ausland kaum noch zu verteidigen.»

In den EU-Ländern leben zirka 500 Millionen Menschen. Diese hätten alle mit einer deutlichen Mehrheit die Initiative zur kon­trollierten Einwanderung angenommen. Welche Intellektuellen meinen Sie also? Die vier handverlesenen Spiegel-Redaktoren und einige deutsche Autorenkollegen? Oder die vom Volk völlig losgelöste Polit-Elite in Brüssel?

War Leipzig die Wiege der Demokratie?

Das Funktionieren einer direkten Demokratie sollte uns mit Stolz erfüllen, unabhängig davon, ob das Ergebnis nach unserer Vorstellung ausfällt oder nicht. Oder war Leipzig die Wiege der Demokratie?

Auch ich habe zahlreiche Diskussionen mit meinen ausländischen Bekannten geführt. Der Tenor war: «Hätten wir bei uns einen Anteil von 25 Prozent Ausländern, wir hätten wohl Bürgerkrieg.»

Nicht so in der Schweiz. Aus einem einfachen Grund: Wir sind nach Luxemburg das aufnahmefreudigste und ausländerfreundlichste Land Europas! Ich weiss nicht, in welchen Zirkeln Sie verkehren, aber wenn Sie sich in der Welt umhören, geniesst die Schweiz nach wie vor höchstes Ansehen. Die Schweiz wird bewundert als das «Singapur Europas». Sie wird um ihre direkte Demokratie beneidet. Sie gilt als eines der attraktivsten Länder der Welt. Was sich eben auch in einem Ausländeranteil von 25 Prozent niederschlägt (in Deutschland liegt er übrigens bei 8 Prozent).

Diese ganze Empörung und die medial inszenierten «Ich schäme mich!»-Selfies halte ich deshalb für wenig fundiert, sondern eher für emotional und opportunistisch: intellektueller Kindergarten.

Die Welt ist nicht einfach schwarz und weiss. Wer Ihre Meinung nicht teilt, ist kein Rassist oder Ausländerhasser. Er ist einfach anderer Meinung. So what?

Die Menschen, die für oder gegen die Initiative gestimmt haben, lassen sich nicht in Rechts- und Linkspopulisten einteilen, es gibt nicht die Guten und die Bösen. Es gibt nur unterschiedliche Interessen! Das Sein bestimmt das Bewusstsein (Marx). Deshalb ist es kein Widerspruch, wenn ein Grüner im Tessin für die Initiative und ein grüner Student in Genf gegen die Initiative gestimmt hat, ein Gastwirt weiterhin billige Fremdarbeiter wollte, während der Angestellte in der Vorortsgemeinde weniger Stau auf dem Weg zur Arbeit wünschte.

Es ging nicht um Ideologie (und schon gar nicht um Rassismus), sondern um Eigeninteressen. Der Nutzen ist das Mark aller mensch­lichen Handlungen (Spinoza). Es gibt also keinen Grund, die eine oder andere Seite reflexartig zu diffamieren. Auf die Frage, ob es innerhalb des Autorenverbands Kritik gab an Ihrer peinlichen Button-Aktion während der Buchmesse, antworten Sie mit einem knappen: «Nein.»

Also hundert Prozent Zustimmung? Das erinnert unfreiwillig an Abstimmungen in undemokratischen Staaten. Aber auch hier erfahren wir nur die halbe Wahrheit. Hinter vorgehaltener Hand sind mindestens ein Drittel Ihrer Autorinnen und Autoren ganz anderer Meinung, aber sie getrauen sich nicht, diese öffentlich zu artikulieren. Sie haben Angst vor dem medialen Liebesentzug.

Als 2006 Oskar Freysinger die Aufnahme in den Verein beantragte, wurde diese abgelehnt. Auch hier teilte ungefähr ein Drittel der Autorinnen und Autoren die Meinung, wonach Meinungsfreiheit generell für jeden gelten muss, unabhängig davon, ob er sich nun eher links oder eher rechts positioniert. Ich kenne Freysinger nicht, ich kenne seine Bücher nicht, aber ich bin der Meinung, wenn jemand Bücher publiziert, gehört er aufgenommen, schliesslich gibt es nur einen einzigen nationalen Verein, und der wird mit Steuergeldern subventioniert. Ich bin damals, 2006, aus dem Verband ausgetreten, nicht aus Protest, eher aus Langeweile, vielleicht auch, weil ich mir einen Berufsverband wünschte und kein pseudointellektuelles Politbüro.

Viele Autorinnen und Autoren setzen sich lieber für die Meinungsfreiheit in Osteuropa ein als für die Meinungsfreiheit im eigenen Verein. Der Gruppendruck ist gross. Seit Jahrtausenden ist das Ausgestossenwerden die härteste Strafe, die ein Stamm aussprechen kann. Früher musste der Verurteilte das Dorf verlassen und musste allein in die Wildnis ­hinaus, was den sicheren Tod bedeutete. Deshalb – und nur deshalb – gibt es in Ihrem Verband keine Gegenstimmen. Und das soll die intellektuelle Elite des Landes sein?

Die Freimaurerlogen des 18. und 19. Jahrhunderts waren ursprünglich republikanische Debattierklubs, die unter Wahrung der Anonymität unkonventionelle Gesellschaftsreformen andenken konnten, die man in der Öffentlichkeit (noch nicht) diskutieren durfte. Sie waren die treibende Kraft für Aufklärung und Revolution. Wer den freien Meinungsaustausch unterbindet, verliert das Korrektiv. Das führt sowohl in der Ehe als auch im öffentlichen Leben ins Desaster. Man hebt ab und verirrt sich in abstrusen Theorien.

Ich wünsche Ihnen und dem Verband mehr Lockerheit, Humor, mehr Toleranz im Umgang mit Andersdenkenden, Diskussionen, die auf fundamentalen Daten basieren, und die Fähigkeit, sich nicht immer so ernst zu nehmen.Und wer weiss, vielleicht kommen Sie nach ­einem Vergleich der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Parameter aller EU-Länder doch noch zum Schluss, dass man die Schweiz auch als Intellektueller sehr wohl verteidigen kann.

Claude Cueni ist Schriftsteller. Am 8. Mai erscheint sein neuer Roman «Script Avenue», Wörterseh-Verlag.
640 Seiten. www.cueni.ch

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