Einwanderer und Hinterwäldler

Die Abstimmungsverlierer sind sich einig: Schuld am Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative ist die konservative Landbevölkerung. Doch die Personenfreizügigkeit verlor vor allem dort an Unterstützung, wo es viele Einwanderer hat: in der Agglomeration.

Von Christoph Landolt

Als alle Gemeinden ausgezählt waren, dauerte es nur Minuten, bis Martin Grandjean, Doktorand der Geschichtswissenschaft der Uni Lausanne, eine Grafik ins Netz stellte. Sie zeigt ein Fadenkreuz und 26 verschieden grosse Kreise, für jeden Kanton einen. Auffällig: Jene Kantone, die die Masseneinwanderungsinitiative ­abgelehnt haben, haben tendenziell einen überdurchschnittlichen Ausländeranteil. Die meisten Deutschschweizer Kantone dagegen, die mit Ja stimmten, haben wenig Einwanderer.

Wie ist dieser Zusammenhang zu erklären? Wissenschaftler Grandjean liefert darauf keine Antwort. Doch für Hunderte Abstimmungsverlierer, die ihrer Enttäuschung Luft verschafften, indem sie die Grafik auf Twitter oder Facebook verbreiteten, liegt die Antwort auf der Hand: «Wo es keine Ausländer hat, ist der Rassismus am grössten», wusste einer.

«Das Feindbild kennt man wohl nur vom Hörensagen», ein anderer.

Die Landbewohner bevölkerten auch die Zeitungsspalten: Im Blick sprach Avenir-­Suisse-Chef Gerhard Schwarz von den «ländlichen Regionen, die am wenigsten mit Ausländern zu tun haben». In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb der Soziologe Thomas Held eine «Xenophobie der ländlich-konservativen Gebiete». Dort, wo man das Fremde nicht kenne, wolle man sich eher abschotten, so ETH-Professor Christian Schmid im Tages-Anzeiger. «Natürlich» sei das fremdenfeindlich.

«Die Engstirnigkeit übersetzt sich in Fremdenfeindlichkeit.»Die Rassismus-Vorwürfe gegen die ländlichen Kantone überraschen nicht, denn für grosse Teile des urbanen Milieus ist seit je klar: Das tumbe Volk auf dem Land stimmt aufgrund von «diffusen Ängsten» und «niederen Instinkten» gegen Ausländer, obwohl es sie nur aus dem Fernsehen und dank dem gelegentlichen Ausflug in die grosse Stadt kennt. Eine Grafik, die das Abstimmungsverhalten der «Hinterwäldler» scheinbar mit deren mangelndem Kontakt mit Ausländern erklärt, wird in diesen Kreisen, die sich als besonders weltoffen empfinden, deshalb dankend zur Kenntnis genommen.

Doch der Eindruck täuscht. Natürlich sind die Landgebiete in der Schweiz – wie in jedem anderen Staat – konservativer als die Städte. Selbstverständlich war die Zustimmung zur SVP-Ini­tiative dort am grössten, wo es wenig Ausländer hinzieht. Doch das erklärt nichts. Geradeso gut könnte man einen statistischen Zusammenhang zwischen einer negativen Einstellung zur Masseneinwanderungsinitiative und einer maroden Kantonskasse herstellen. Niemand würde deswegen argumentieren, dass eine hohe Schuldenneigung eines Kantons die Menschen weltoffener werden lässt. Nur weil es an einem Ort wenig Ausländer hat, heisst das noch lange nicht, dass darin die Ursache für eine hohe Zustimmung zur SVP-Initiative liegt.

Das Beispiel Zürich, einem Kanton, der die SVP-Initiative zwar mit 47,3 Prozent abgelehnt hat, die Verhältnisse im ganzen Land aber ziemlich gut abbildet, zeigt, dass dem nicht so sein muss. Es gibt hier zwei Grossstädte, einen breiten Agglomerationsgürtel und ein weitläufiges Hinterland. Für das Statistische Amt des Kantons Zürich ist klar: Die Haltung zur SVP-Initiative lässt sich weder mit dem Ausländeranteil noch der Arbeitslosenquote oder dem Bevölkerungswachstum erklären.

Personenfreizügigkeit verlor in der Agglo

Interessanter, sagt Chefstatistiker Peter Moser, sei die veränderte Einstellung zur Personenfreizügigkeit. Im Jahr 2000, als es um die bilateralen Verträge I ging, wurde die Personenfreizügigkeit von 30 Prozent der Zürcher Stimmbürger abgelehnt. Am Sonntag sprachen sich 47 Prozent dagegen aus – die Zustimmung zur bundesrätlichen Politik ist also um 17 Prozent gesunken. Vergleichsweise wenig zurückgegangen ist sie gemäss Moser in Zürich und Winterthur, an den wohlhabenden Seeufern – und in den Landgemeinden. Die Randregionen sind also nicht die Hauptschuldigen. Stark an Zustimmung verloren hat die Personenfreizügigkeit aber im Limmattal, im Glatttal, im unteren Sihltal und rund um Winterthur – in der Agglomeration. Dort zeigt sich gemäss Moser: «Je höher die Arbeitslosigkeit und der Ausländeranteil, desto stärker hat die Abneigung gegen die Personenfreizügigkeit zugenommen.»

Zu behaupten, dass die Bewohner der Agglomerationen wenig mit Ausländern zu tun hätten, ist absurd. Das Gegenteil ist richtig: In ­Gemeinden wie Regensdorf (33 Prozent Ausländer), Schlieren (45 Prozent) oder Dietikon (41 Prozent) gab es nicht nur satte Ja-Mehrheiten, dort wohnen auch mehr Einwanderer als in den grossen Städten. Die vielen S-Bahn- oder Auto-Pendler in diesen Gemeinden spüren den Mehrverkehr stärker als die Velofahrer in den grossen Zentren. Die Zubetonierung des Landes ist in der Agglomeration kein fernes Gerücht, sondern sicht- und hörbare Realität.

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