Essay

Die dunkle Seite Grüningers

Historiker und Politiker feiern Paul Grüninger für seine Rolle als Flüchtlingshelfer im Zweiten Weltkrieg. Zahlreiche Indizien lassen an den edlen Motiven des Polizeihauptmanns zweifeln.

Von Shraga Elam

Der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger habe selbstlos und allein aus humanitären Motiven gehandelt, als er Hunderte jüdische Flüchtlinge illegal in die Schweiz einreisen liess. Für dieses mutige Handeln sei er ungerechtfertigterweise entlassen und zu ­einer Geldbusse verurteilt worden. So lautet die offizielle, unantastbare Version der Geschichte um den bekannten Flüchtlingshelfer, wie sie auch im Film «Akte Grüninger» erzählt wird. Wer dies anzweifelt, wer Akten hervorbringt, die diese Version in Frage stellen, wird von Grüninger-­Verteidigern kaltgestellt.

Dass Grüninger als mutmasslicher Retter von Juden selber ein Nazi-Sympathisant gewesen sein könnte, ist nicht so absurd, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Nimmt man zur Kenntnis, dass die NS-Führung bis zum Russlandfeldzug im Sommer 1941 (formell bis zur Wannseekonferenz im Januar 1942) die Juden «nur» vertreiben wollte und die Schweizer Grenzsperre vom August 1938 ­gegen diese verbrecherischen Absichten stand, stellt sich die Frage: Wem wollte Grüninger helfen – den Nazis oder den Juden? Einiges spricht dafür, dass ihm Erstere näherstanden.

Einwilligung zu Fahndungen

Bekannt ist, dass Polizeihauptmann Grünin­ger mit NS-Deutschland bei der Bekämpfung der Durchreise von Spanienkämpfern zusammenarbeitete. Ausserdem führte die Gestapo mit Einwilligung Grüningers im ­Kanton St. Gallen mehrmals illegale Fahnd­ungen durch.

Brisant ist die Tatsache, dass Grüninger kurz nach seiner Entlassung von seinen Nazikollegen – gemäss eigener Aussage – ein Stellen­angebot bei der Polizei in Deutschland erhielt. Warum machen Nazis ausgerechnet einem ungehorsamen Schweizer Polizeioffizier und vermeintlichen «Judenretter» ein solches Angebot? Die naheliegendste Erklärung ist, dass die NS-Freunde Grüningers nach dem Muster handelten, nach dem Auftraggeber einem aufgeflogenen Agenten eine Alternative anbieten. Als Gegenargument führen Historiker ins Feld, Grüninger habe die Stelle ja abgelehnt. Aber der Verzicht ist nicht entscheidend, sondern die Tatsache, dass es überhaupt zum Angebot kam.

Der Historiker Peter Kamber suggeriert in der Basler Zeitung, dass edle Motive hinter der Arbeitsofferte gestanden hätten, da das Angebot wohl vom Chef des Münchner Spionagedienst, Karl Süss, ausgegangen sei und Süss später zum deutschen Widerstand gehörte. Im Gespräch meint Kamber, dass Süss vielleicht ­einen frustrierten Schweizer rekrutieren wollte, um ihn bei den Kriegsvorbereitungen einzu­setzen. Gleichzeitig gibt Kamber zu, dass ihm nicht mehr alle Fakten präsent sind.

Kambers Erklärungen sind wenig plausibel. Grüninger wäre vor Stellenantritt bei der deutschen Polizei einer gründlichen ideologischen Prüfung unterzogen worden und als bekannter «Judenretter» rasch aufgeflogen. Kommt hinzu, dass das Angebot vom nachweislichen NS-Verbrecher und Gestapo-Offizier Joseph Schreieder persönlich eingereicht wurde.

Es gibt überdies zahlreiche Hinweise dafür, dass Grüninger nach seiner Entlassung nicht nur zusammen mit dem judeophoben Schweizerischen Vaterländischen Verband (SVV) gegen die illegale SP-Flüchtlingshilfe agierte, sondern dass er wohl selbst der NS-Ideologie anhing. So wählte er einen Anwalt aus den Reihen des SVV zu seinem Verteidiger. Diese Organisation betrachtete Grüninger als Gesinnungsgenossen. In der frontistischen Zeitung Die Front war nach der Entlassung Grüningers zu lesen: «Es wäre wünschbar, dass bald etwas mehr Licht in die ganze Angelegenheit käme, um so mehr, als wir in Hauptmann Grüninger immer einen national gesinnten Beamten sahen.»

Frontistische Propaganda

Grüningers Name steht auch auf einer Mitgliederliste der 1940 verbotenen pronazistischen Nationalen Bewegung der Schweiz (NBS), die die Stadtpolizei Zürich anhand der beschlagnahmten Kartothek der NBS-Zentrale erstellt hatte. Grüningers Eintrag war von der St. Galler Polizei nochmals kontrolliert worden, welche zum Schluss kam, Grüninger sei «lediglich» ein NBS-Sympathisant.

Der Grüninger-Rehabilitator und Journalist Stefan Keller meint, Grüninger figuriere nicht auf allen Listen der Staatsschützer, es müsse sich um einen Fehleintrag handeln. Es gibt indes eine einfache Erklärung, warum Grüningers Name im anderen NBS-Verzeichnis, jenem der aktiven Offiziere, nicht aufgeführt ist: Da der Armee-Oberleutnant Grüninger ab 1936 keinen Militärdienst mehr leisten durfte, galt er als nicht aktiv, und deshalb kann man ihn auf der militärischen NBS-Liste nicht finden.

Grüningers Sympathien für die pronazistischen und antijüdischen Kreise sind belegt: Er wurde 1941 von einem Militärgericht verurteilt, weil er frontistische Propaganda verbreitet hatte. Im Untersuchungsbericht heisst es: «In politischer Hinsicht muss Grüninger [. . .] seit seiner Entlassung als nationalsozialistisch bezeichnet werden.» Zur gleichen Zeit war er ­bereit, sich bei deutschen Nazifreunden für den notorischen Nazi und Judenhasser Mario Karrer zu verwenden, als dieser Mühe hatte, ein Visum für Deutschland zu erhalten.

Das Beweismaterial ist mittlerweile so umfassend, dass man die Auslegung, Grü­ninger sei den Nazis nahegestanden, nicht mehr leichtfertig als «absurd» oder «abwegig» abtun kann.

Shraga Elam, schweizerisch-israelischer Journalist, stiess 1998 im Bundesarchiv zufällig auf Grüningers ­Akten bei der militärischen Spionageabwehr. Damals forschte Elam im persönlichen Auftrag des Verlegers ­Michael Ringier. Seither hat er einige Publikationen zum Thema veröffentlicht und weitere Recherchen betrieben. Seine umfassende Broschüre «Paul Grüninger – Held oder korrupter Polizist und Nazi-Agent?» erschien 2003.

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