Editorial

Abtreibungen

Abtreibungen sind mit einem ­liberalen Menschenbild nicht zu vereinen.

Von Roger Köppel

Achtung, es folgt ein radikaler Gedankengang, der heftigen emotionalen Widerwillen bis hin zum Wutanfall hervorrufen kann. Wer sich dem nicht aussetzen will, wird gebeten, die folgenden drei Abschnitte zu überspringen.

Sind Abtreibungen aus liberaler Sicht ­eigentlich zulässig? Ich glaube nicht. Der Liberalismus setzt sich dafür ein, dass die Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Staat, gegenüber Dritten und gegenüber der Gesellschaft ge­sichert wird, sofern die Freiheit des einen nicht die Freiheit des andern gefährdet. Der ­Liberalismus richtet sich gegen Leibeigenschaft in jeder Form, gegen die lange geübte Praxis, Menschen wie Gegenstände zu behandeln, sie lediglich, wie es der Philosoph Kant formu­lierte, als Mittel zu sehen und nicht als Zweck. Der Liberale achtet das individuelle ­Leben, höher noch als das Eigentum, dessen Unversehrtheit er ebenfalls schützt, so wie ihm die Unversehrbarkeit des Menschen ein hohes politisches, ja ethisches Ideal bedeutet. Mit anderen Worten: Der Liberale setzt sich für das Leben ein – in möglichst freier, selbstbestimmter Form.

Aus diesen unbestrittenen Feststellungen folgt der beunruhigende Befund, dass Abtreibungen mit dem Liberalismus nicht vereinbar sind. Im Gegenteil: Sie laufen auf das antilibe­rale Bestreben hinaus, das Recht eines entstehenden Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben zu annullieren. Die Abtreibung ist ein mit der liberalen Philosophie nicht vereinbarer Übergriff der Mutter auf das Leben ihres noch nicht geborenen Kindes. Die Behauptung, dass der Mensch im embryonalen Zustand noch kein Mensch sei, verfängt nicht. Es ist zwar richtig, dass sich der Embryo im entscheidenden Zeitpunkt noch nicht zum Tat­bestand seiner drohenden Abtreibung äussern kann. Aber ist ein im Entstehen begriffenes ­Individuum so umfassend «Eigentum» der Mutter, dass die Mutter damit machen kann, was sie will? Bedeutet Schwangerschaft Leib­eigenschaft für das ungeborene Kind? Kann die Verantwortung, die eine Mutter ihrem ungeborenen Kind gegenüber zweifellos trägt, auf die Selbstermächtigung hinauslaufen, das Leben dieses noch ungeborenen Kindes zu beenden? Ein Liberaler wird diese Fragen nicht reinen Gewissens mit Ja beantworten können.

Wenn man eine Umfrage unter mündigen Erwachsenen machen würde, ob sie, anstatt zu leben, lieber abgetrieben worden wären: Man kann sich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die eine Abtreibung dem Leben vorziehen würden. Tatsache ist doch vielmehr: Niemand will abgetrieben werden. Und kaum jemand würde es rückblickend begrüssen, nicht geboren worden zu sein. Die Tatsache, dass sich der Mensch zum Zeitpunkt einer möglichen Abtreibung erst in einer Art Rohbau befindet, in dem sich der Körper als Gehäuse seiner Seele formt, bildet keine Rechtfertigungsgrundlage dafür, diesen werdenden und irgendwann ­autonom werdenden Menschen umzubringen. Dass sich ausgerechnet die sich als liberal empfindenden Gesellschaften heute so vehement für das Recht der Frauen auf Abtreibung einsetzen, ist ein Fundamentalwiderspruch zum wichtigsten liberalen Grundprinzip, dem aus nichtreligiösen Gründen das individuelle Leben heilig ist. Liberalismus kann nie bedeuten, dass eine Gruppe von Menschen ihre Existenzrechte gegenüber anderen Menschen so weit verabsolutiert, dass diesen ihr Existenzrecht verweigert wird. Deshalb kann man nicht gleichzeitig liberal und für Abtreibungen sein.

Der Abstimmungskampf spitzt sich zu, ­eine Apokalypse jagt die andere. Es herrscht Dichtestress an finsteren Prognosen. Während die Wirtschaftsverbände der Schweiz ein todsicheres Himmelfahrtskommando voraussagen, sollte das Volk für die «Abschottungsinitiative» der SVP sein, kontert die Volkspartei ihrerseits mit nachtschwarzen ­Depressiv-Szenarien, die eine zubetonierte Ausländer-Schweiz im Starrkrampf drohender Erstickung zeichnen. Die Wahrheit wird schlussendlich wohl irgendwo dazwischen ­liegen, doch auf den letzten Metern will sich niemand hinterher vorwerfen lassen, er habe den Weltuntergang verharmlost.

Direkt wohltuend war vor diesem Hintergrund das Referat des früheren Preisüber­wachers und SP-Ökonomen Rudolf Strahm, der in Klosters an einer lebhaften und guten Tagung des Schweizerischen Gewerbeverbands sein fundiertes Unbehagen an der anhaltenden Zuwanderung differenziert zum Ausdruck bringen durfte. Strahm hütete sich zwar davor, der Initiative das Wort zu reden, doch der Mann müsste schizophren sein, wenn er am 9. Februar nicht ein Ja in die Urne legte.

Seine interessantesten Befunde, erstens: Die heutige Nettozuwanderung von 85 000 Ausländern pro Jahr wird auf diesem Niveau weiter­gehen. Zweitens: Es kommen nicht nur Hochqualifizierte. Ein Drittel der Zuwanderer ist aus bildungsfernen Schichten. Drittens: Die Personenfreizügigkeit hat der Schweiz nur Wachstum «in die Breite» gebracht. Die Gesamt­produktivität stagnierte. Viertens: Vor allem schweizerische Facharbeiter ohne Hochschulabschluss drohen aufgrund der massierten ausländischen Konkurrenz verdrängt zu werden. Fünftens: Ein System «flexibler Kontingente» mit einem «sanften Inländer­vorrang» wäre ­geeignet, die Situation zu entschärfen.

Dem Gewerbeverband und seinem Direktor Hans-Ulrich Bigler ist es hoch anzurechnen, dass man gegen die stalinistisch anmutende Jubelpropaganda der Wirtschaftsverbände zugunsten der Personenfreizügigkeit diese pointierte Gegenstimme zuliess. Dahinter steckt die vernünftige Einsicht, dass die von den Verbänden so einseitig gelobte Zuwanderung eben doch ihre Schattenseiten hat, die auch ­einen wirtschaftsfreundlichen linken Ökonomen legitimerweise beunruhigen.

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