Ausweitung der Therapiezone

Über 100 000 Menschen beziehen aus psychischen Gründen eine IV-Rente. Auch viele ­Geburtsgebrechen und Unfälle haben in Wahrheit psychische Ursachen. Der Katalog der Störungen wird kräftig aufgeblasen – und mit ihm die Zahl der krankgeschriebenen Menschen.

Von Peter Keller

Einen Nachnamen hatte er nicht. Für alle im Dorf war er einfach, selbst im hohen Alter noch, der «Walterli». Man sah ihn meistens draussen durch die Quartierstrassen streifen, und wo immer er ein Papierchen oder einen Kaugummi vor sich liegen sah, hob er den Kleinmüll seiner unachtsamen Mitbürger auf und entsorgte diesen im nächsten Abfalleimer.

Walterli mochte keine Unordnung, dafür liebte er die Frauen. Strahlend grüsste der schmächtig geratene Bauernbub seine Favoritinnen mit den Worten: «Sali, Schätzeli.» Ab und zu drückte ihm jemand einen Fünfliber in die Hand. War ein Haarschnitt fällig, marschierte Walterli beim Dorfcoiffeur ein und liess sich frisieren. Selbstverständlich kostenlos. Genauso selbstverständlich wohnte er im Bürgerheim, wo gestrandete Existenzen und Menschen mit kleinen Macken und Behinderungen Aufnahme fanden. Die Gemeinde kam für Kost und Logis auf, eine kleine IV-Rente deckte die übrigen Verpflichtungen.

Für Menschen wie Walterli wurde 1960 die Invalidenversicherung in der Schweiz eingeführt. Wer mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung auf die Welt kam, sollte fortan eine finanzielle Unterstützung erhalten. Und eine zweite grosse Gruppe wurde abgesichert: Menschen, die schwere Unfälle oder Schicksalsschläge erlitten hatten. Der Schreiner, der sich bei der Arbeit die Finger abfräste; die junge Frau, die ihr Augenlicht verlor und erblindete.

IV kippt ins Bodenlose

Von diesen Anfängen ist die IV inzwischen weit entfernt. Menschen mit schweren Geburtsfehlern bilden heute eine kleine Minderheit der Leistungsbezüger. Von total 238 333 Rentnern im Jahr 2011 bezog lediglich jeder Achte (oder 28 713 Personen) eine IV aufgrund eines Geburtsgebrechens. Noch tiefer liegt die Zahl der Bezüger, die wegen eines Unfalls invalid wurden: nämlich bei 20 673 Personen. Mit anderen Worten: Nur rund zwanzig Prozent der IV-Bezügerinnen und -Bezüger entsprechen dem ursprünglichen Profil der Invalidenversicherung.

Dafür haben sich andere Krankheitsbilder in den Vordergrund geschoben. Es dominiert die Gruppe der psychischen Krankheiten mit 101 766 Bezügern und jene der IV-Rentner, die Leiden am Knochenapparat und an den Be- wegungsorganen geltend machen (Stichwort Rückenschmerzen und Schleudertraumata). Parallel dazu ist der Aufwand der IV explo- sionsartig angestiegen. Zehn Jahre nach Einführung des Sozialwerkes betrugen die Ausgaben noch beschauliche 592 Millionen Franken (1970). Bis in die 1990er Jahre war die IV-Rechnung ausgeglichen. Unter der Führung von Bundesrätin Ruth Dreifuss (SP) kippte die Versicherung ins Bodenlose: Die Kosten und Bezüger verdoppelten sich. Milliardendefizite häuften sich an. 2010 betrugen die Ausgaben bereits 9,22 Milliarden Franken, der Jahresverlust erreichte rund 1 Milliarde Franken, die Gesamtschulden summierten sich auf 15 Milliarden.

Kuriose Missbrauchsgeschichten

Wer die Statistiken genauer anschaut, kann erkennen, dass bereits rund die Hälfte der IV-Bezüger via Therapeut und Psychiater krankgeschrieben wurde. Der Grund liegt in der Erfassungsmethode: Wie das Bundesamt für Sozialversicherungen auf Anfrage mitteilt, ist jeweils die Erstdiagnose ausschlaggebend für die Zuordnung – selbst wenn der Rentenzuspruch aus ganz anderen Gründen erfolgt. Ein Beispiel: Die 1968 geborene D. erlitt als Folge eines Verkehrsunfalls verschiedene Verletzungen im Bereich von Kopf und Hals und der linken Hand. In ihrer Tätigkeit als Mitarbeiterin einer Kantine war die Frau mit Migrationshintergrund zunächst arbeitsunfähig geschrieben. Monate später meldete sich D. mit Hinweis auf die Unfallfolgen bei der Invalidenversicherung an. Die drei beigezogenen Sachverständigen aus den Bereichen Neuropsychiatrie, Neurologie und Neurophysiologie diagnostizier- ten bei der Frau u. a. eine «affektive Störung mit Symptomen eines mittelschweren depressiven Syndroms und einer Angststörung mit Anteilen einer Agoraphobie im Sinne einer Residualsymptomatik aus einer posttraumatischen Belastungsstörung». Viel Fachchinesisch in wenigen Worten. Laut den Fachärzten leidet ­D. an Depressionen, Angstzuständen, Kontaktstörungen und sozialem Rückzug («Residualsymptomatik»). Als Auslöser dieser «posttraumatischen Belastungsstörung» gilt der Autounfall. Der Frau wird eine 70-Prozent-­Invalidenrente zugesprochen. Obwohl eine – notabene fragwürdige – psychische Erkrankung vorliegt, wird die Frau in der IV-Statistik als Unfallopfer geführt.

Das Zauberwort heisst «posttraumatische Belastungsstörung» (PTBS). Laut Psychiatrie können aussergewöhnlich schwere Ereignisse mit Verzögerung zu Verhaltensstörungen führen: die Patienten leiden unter Albträumen, über- mässiger Schreckhaftigkeit, sich wiederholt aufdrängenden Erinnerungen, Freudlosigkeit, Suizidgedanken usf. Ursprünglich war die Diagnose PTBS vor allem für kriegsversehrte Menschen oder Vergewaltigungs­opfer gedacht. Mittlerweile ist sie zum Einfallstor für kuriose Missbrauchsgeschichten geworden: Erinnert sei an die beiden Tankstellen-Mitarbeiter, die sich mutmasslich aus der Kasse ihres Arbeitgebers bedienten, dabei von einer versteckten Kamera gefilmt wurden und anschliessend mit Erfolg eine IV-Rente beantragten. Begründung: Sie seien ungerechtfertigt verhaftet und des Diebstahls beschuldigt worden. Ihr Psychiater erkannte eine posttraumatische Belastungs- störung (Weltwoche Nr. 4/13). Momentan beziehen 1611 Frauen und Männer eine IV-Rente wegen Psychosen und Psychoneurosen, die unter dem Titel «Unfall» aufgeführt sind.

Ein Volk von Missgebildeten?

Die Invalidenversicherung übernimmt die medizinischen Leistungen bei schweren Geburtsfehlern. Auch hier fand eine erstaunliche Ausdehnung der IV-Leistungen statt. Laut Bundesamt für Sozialversicherungen nahm von den Jahrgängen 1983–1987 mehr als ein Fünftel aller Kinder «wegen eines Geburtsgebrechens eine medizinische Leistung der IV in Anspruch».

Sind wir ein Volk von Missgebildeten? Kommen Tausende Babys mit Hasenscharten oder angeborenen Stoffwechselkrankheiten zur Welt? Mitnichten. Es findet bloss, wie überall, ­eine Ausweitung der Invaliditätszone statt. Sogar mit Rückdatierungen. Stark zugenommen hat die Zahl der Kinder, denen ein Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitäts­syndrom zugeschrieben wird. Meist wird diese mit dem Kürzel ADHS bezeichnete, sich geradezu modisch häufende Krankheit erst im Schul­alter diagnostiziert, aber rückwirkend als ­Geburtsgebrechen geführt, was u. a. erklärt, ­warum in der Statistik (siehe mittlere Spalte) auch noch Halbwüchsige unter die Kategorie «Geburtsgebrechen» fallen.

In der bundesrätlichen Verordnung zu den Geburtsgebrechen sind die wolkig formulierten Symptome unter der Überschrift «Psychische Erkrankungen und schwere Entwicklungsrückstände» nachzulesen: «Störungen des Verhaltens bei Kindern mit normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beeinträchtigung der Affektivität oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfassens, der perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentrationsfähigkeit sowie der Merkfähigkeit.» Was früher salopp als «Zappelphi­lipp» bezeichnet und in der Allgemeinheit vor allem als Ausdruck mangelnder Erziehung wahrgenommen wurde, gilt heute als medizinische Diagnose, die haufenweise Kinder und Schüler erfasst und bei der Ritalin verschrieben wird. Heute sind psychische Krankheiten und Entwicklungsrückstände die zweithäufigste Gruppe bei den Geburtsgebrechen: mit 4373 Bezügerinnen und Bezügern (2011).

Für Nachschub ist gesorgt – und zwar von der psychologisch-psychiatrischen Gilde selbst. Der Katalog psychischer Krankheiten wird laufend erweitert. Das «Diagnostische und statistische Manual psychischer Störungen» («DSM») listet Hunderte von Störungen mit ihren Symptomen auf, die in der Folge als medizinisch anerkannte Geisteskrankheiten gelten. ADHS soll bald als Erkrankung mit neurologischer Ursache geführt werden. Damit würde die Diagnose nicht wie bisher auf Schüler beschränkt sein. Mit etwas Geschick kann sich der Zappelphilipp bis zur Pensionierung als IV-Rentner durchschlagen.

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