Forschung

Skeptiker im Aufwind

Die Behauptung, der Mensch sei der massgebliche Verursacher des Klimawandels, ist wissenschaftlich nicht gesichert.

Von Alex Reichmuth

Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Berichts des Weltklimarats (IPCC) werden Forscher, Politiker und Medienschaffende einmal mehr behaupten, in der Wissenschaft bestehe ein Konsens darüber, dass menschengemachte Klimagase massgeblich an der Erderwärmung schuld sind. Dieses Ritual gehört seit den ersten Warnungen vor einer Klimakatastrophe zu den Standard-Argumenten, um Skeptiker in den Senkel zu stellen.

«Wir Menschen verändern das globale Klima», verkündete Bill Clinton schon 1997. Barack Obama ist genau gleicher Meinung. «97  Prozent der Wissenschaftler stimmen darin überein», twitterte er. «Wir sollten keine Zeit mehr für diese Debatte verschwenden», forderte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Die amerikanischen Historiker Naomi Oreskes und Erik Conway sprechen in ihrem Buch «Merchants of Doubt» von einer Scheindebatte der Wissenschaft um den Klimawandel. Einige ­wenige Gestalten, die früher die Schädlichkeit des Rauchens geleugnet hätten, würden erfolgreich Zweifel am wissenschaftlichen Konsens streuen. Es handle sich um Pseudowissenschaftler, die hauptsächlich der konservativen Rechten in den USA zudienten.

Wäre es so, müsste allerdings die amerikanische Physikervereinigung bei dunklen Machenschaften mitmischen. Sie schrieb 2008 von einer «beachtlichen Präsenz» von Forschern in ihren Reihen, die einen massgebenden Einfluss des Menschen auf das Klima bestritten. Auch würde es sich bei den vielen Wissenschaftlern, die der menschengemachten Erderwärmung öffentlich abschwören, nur um Leute handeln, die keine Ahnung von Klimaforschung hätten — also auch bei den 700 Forschern, darunter einige, die ehemals dem IPCC zudienten, die sich 2008 in einem Bericht an den US-Senat gegen die alarmistischen Schlüsse des Weltklimarats wandten. Bereits Jahre zuvor hatten über 30 000 wissenschaftlich gebildete Personen die «Oregon-Petition» unterschrieben, die sich gegen politische Klimaziele stellt. 2009 forderten 77 Naturwissenschaftler, vorwiegend aus Deutschland, in einem Brief an Kanzlerin Angela Merkel eine ideologiefreie Debatte über den Klimawandel. Und im letzten November widersprachen 125 Wissenschaftler – vor allem Klimaforscher – Ban Ki Moons Forderung.

Gäbe es einen Konsens, müssten sich auch viele Klimaforscher ausserhalb der USA und Europas irren. So bestritten 2008 russische Forscher, dass Klimamodelle mit Computern aussagekräftig sind. Auf solchen Modellen beruhen aber die Warnungen des Weltklimarats. 2009 stellten sich drei japanische Klimaforscher öffentlich gegen das IPCC. Es gebe unter den japanischen Kollegen «weitverbreitete Skepsis», was die menschengemachte globale Erwärmung betreffe, sagte damals Shigenori Maruyama, Geologieprofessor am Tokyo Institute of Technology.

Falsch liegen müssten auch viele Verfasser von Umfragen, ob Wissenschaftler von einer drohenden Klimakatastrophe überzeugt seien. Zwei deutsche Kommunikationswissenschaftler ermittelten 2006, dass weniger als die Hälfte der deutschen Klimaforscher den Menschen als Hauptverursacher höherer Temperaturen sieht. Forscher der amerikanischen George Mason University kamen 2008 zum Schluss, dass nur etwas mehr als die Hälfte von fast 500 Erd- und Atmosphärenphysikern die Klimaforschung als «reife Wissenschaft» erachten. Es gebe «mehr Debatten unter Wissenschaftlern, als ich erwartet habe», kommentierte Robert Richter, der die Umfrage leitete. Wären sich die Klimaforscher einig, müsste es sich zudem bei der Website Popular Technology.net um eine Chimäre handeln. Dort sind 1100 wissenschaftliche Studien aufgelistet, die die Argumente der Zweifler stützen. «Die Klimaskeptiker übertreffen die Klima-Alarmisten in Anzahl und wissenschaftlichem Ansehen um Längen», bilanziert der deutsche Physiker Horst-Joachim Lüdecke im Buch «Energie und Klima».

Umgekehrt tauchen regelmässig Erhebungen auf, laut denen sich die Klimaforscher doch einig sind. Die erwähnte Historikerin Naomi Oreskes will 2004 unter fast tausend wissenschaftlichen Arbeiten keine einzige gefunden haben, die Zweifel an der künstlich erzeugten Erderwärmung weckt. Im letzten Frühling kam der australische Blogger und überzeugte Klima-Alarmist John Cook zum Schluss, 97 Prozent der ­Klimastudien sähen den Menschen als Auslöser der Erwärmung.

Welchen Anteil hat CO2?

Cooks Kriterien waren allerdings einseitig. Er rechnete alle Studien, die die Aus­sage: «Die Menschen verursachen die globale Erwärmung», stützen, dem Konsens- Lager zu. Genau genommen widersprechen dem jedoch nur wenige Forscher. Dass mehr CO2 die Erde ein Stück weit aufheizt, ist fast unbestritten. Klimaforscher streiten aber darüber, zu welchem Anteil CO2 die Erwärmung verursacht und wieweit natürliche Faktoren schuld sind. Das ist auch die relevante Frage. Denn wenn der Beitrag des CO2 gering ist, macht Klimapolitik keinen Sinn.

Den gleichen Trick, den Konsens so lasch zu definieren, dass kaum jemand widersprechen kann, wandte jüngst auch Stefan Rahmstorf an, einer der Leitautoren des IPCC. «Dass unsere Treibhausgasemissionen zu einer globalen Erwärmung führen, gehört zum gesicherten Fundament der Klimaforschung», schrieb er in der Süddeutschen Zeitung. Richtig. Aber entscheidend ist, welchen Anteil die Treibhausgasemissionen zur Erwärmung beitragen.

Ein anderer Trick, um einen Konsens vorzutäuschen, ist der Vorwurf der Inkompetenz. Er traf zum Beispiel Fritz Vahrenholt in Deutschland, der im Buch «Die kalte Sonne» zum Schluss kam, die Sonne präge das globale Klima. Als Chemiker könne er nicht mitreden, wurde ihm entgegengehalten. Vahrenholt hat sich aber lange mit Energie- und Umweltfragen befasst und besitzt das naturwissenschaftliche Rüstzeug, um sich in Sachen Klima zu äussern. Nachdem er sich ein Jahr lang intensiv mit Klimaforschung beschäftigt hat, muss man sein Urteil ernst nehmen.

«Hockeyschläger-Kurve» widerlegt

Der Vorwurf an Forscher, keine Klimawissenschaftler zu sein, zielt generell ins Leere. Denn eine Spezies «Klimaforscher» gibt es genau genommen gar nicht. Es gibt nur Naturwissenschaftler wie Geologen, Physiker, Biologen oder Chemiker, die sich mit bestimmten Aspekten des Klimas befassen. Die Erforschung des Klimas ist nicht so spezialisiert, dass man als Wissenschaftler schon jahrzehntelang dabei sein muss, um Bescheid zu wissen. Selbst Akademiker, die noch nie zum Klima forschten, können wertvolle Beiträge liefern. Das zeigte der kanadische Bergbauspezialist Stephen McIntyre. Er wies führenden IPCC-Forschern nach, dass ihre berüchtigte «Hockeyschläger-Kurve» auf falschen statistischen Verfahren beruht. Mit dieser Kurve zu den Globaltemperaturen hatte das IPCC zuvor jahrelang vor einer Klimakatastrophe gewarnt. Einwände von naturwissenschaftlich gebildeten Leuten sind in der Klimaforschung also ernst zu nehmen.

«The science is settled» (die Wissenschaft ist gefestigt), behauptet Al Gore schon seit Jahren. Aber noch immer gibt es keine Spur von Konsens in der Klimawissenschaft. Muss man dem amerikanischen Fast-Präsidenten den Friedensnobelpreis nachträglich aberkennen?

Horst-Joachim Lüdecke: Energie und Klima. Expert

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe