Der Vollzeit-Vater

Viele Männer reden davon, kaum einer tut es. Als Bernhard Branders Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder arbeiten wollte, kündigte er seinen Job. Obwohl seine Karrierechancen gesunken sind, ­bereut er die Entscheidung nicht. Von Beatrice Schlag und Daniele Kaehr (Bild)

«Sie hat mehr Ruhe, ich bin der Nervigere»: Hausmann Brander, 44. Bild: Daniele Kaehr

«Entschuldigen Sie die Unordnung», sagt Bernhard Brander, bevor er ins Haus bittet. Der grosse, offene Wohnraum mit Küche ist bis auf einen Lego-Haufen am Boden tadellos aufgeräumt. Mitten im Haufen sitzt der vierjährige Alexander und hält stolz ein Lego-Gebilde in die Höhe: «Helikopter», kräht er. «Ich fürchte, jetzt brauchen wir den Fernseher, um ihn stillzukriegen», sagt Brander, «sonst wird das mit unserem Gespräch nichts.» Allzu oft darf sein Sohn nicht fernsehen. Aber manchmal, sagt Bernhard Brander, den alle Benny nennen, brauche er eben eine halbe Stunde Pause, um am Computer seine Mails zu beantworten oder die Nachrichten zu lesen. Dann müsse der Fernseher Kindermädchen spielen. Er sagt es, als müsse er sich rechtfertigen.

Dass er mehr als ein Freizeitvater werden wollte, wusste Brander schon vor Alexanders Geburt. Bis dahin hatte der 44-jährige ­Automobil-Diagnostiker mit Diplom in Betriebswirtschaft als Teamleiter des technischen Dienstes einen Volljob mit guten Aufstiegschancen. Wie genau er und seine Frau Christa die Betreuung ihres Sohnes organisieren würden, zeichnete sich erst während ihres vier­monatigen Mutterschaftsurlaubs ab. Christa Brander, die Psychologie studiert hat und als Produktmanagerin in einer Pharma­firma ­arbeitete, verdiente nur unwesentlich mehr als ihr Mann. Aber nach den vier Monaten zu Hause konnte es die junge Mutter kaum erwarten, wieder in ihren Job zurückzukehren. «Als sie immer unzufriedener wurde, bemühte ich mich um einen Vaterschaftsurlaub von sechs bis zwölf Monaten», sagt Brander. Die Firma lehnte nicht rundweg ab, stellte den Urlaub ­allerdings erst Monate später in Aussicht. In der Zwischenzeit hätte Alexander fremdbetreut werden müssen, was die Eltern ablehnten. Brander kündigte.

Die Lügen der Männer

Damit ist er in der Schweiz eine Seltenheit, trotz aller Diskussionen über neue Väter und den angeblichen Wunsch vieler Männer, Teilzeit zu arbeiten. Laut einer vor zwei Jahren erschienenen Studie des Kantons St. Gallen behaupten sagenhafte neun von zehn Schweizer Männern, dass sie gerne Teilzeit arbeiten würden, auch wenn es mit Lohneinbussen ver­bunden sei. Man darf das getrost für eine Lüge halten. Tatsache ist, dass nur 13 Prozent aller berufstätigen Männer und nur 10 Prozent aller Väter mit reduziertem Pensum arbeiten.

Das meist vorgebrachte Argument, der Arbeit­geber wolle nicht, sticht mit jedem Jahr weniger. Inzwischen bieten vor allem Grossbetriebe immer mehr Teilzeitstellen an. Novartis beispielsweise sagt, sämtliche An­träge auf Teilzeitarbeit würden wohlwollend geprüft. In diesem Jahr arbeiten 10 Prozent der rund 13 500 Novartis-Mitarbeiter in der Schweiz Teilzeit. Davon sind nur 13 Prozent, nämlich 175, Männer. Von diesen 175 Teilzeitern gehören nur 12 dem mittleren und höheren Kader an. Das sind 0,09 Prozent der Belegschaft.

Jürg Wiler ist Co-Leiter der vom Bund finanzierten Kampagne «Der Teilzeitmann – Ganze Männer machen Teilzeitkarriere», die im letzten Jahr mit dem Ziel lanciert wurde, die Zahl der Teilzeitmänner in der Schweiz bis 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen. Nach Wilers Erfahrung bremst weniger der Arbeitgeber als «die Angst vor dem geringeren Lohn, vor der Meinung der Kollegen, vor dem Karriereknick, auch davor, beim Chef als unmotiviert zu gelten. Dabei arbeiten heute viele Kader effektiv Teilzeit, da sie daneben noch in Verwaltungs- und Stiftungsräten engagiert sind oder Lehraufträge haben. Und früher waren sie im Militär. Das Modell Teilzeit funktioniert ­also.» Was allerdings noch viel mehr zu funktionieren scheint, ist das Bild vom Mann als Alleinernährer. Mit der Website www.teilzeitmann.ch, die nicht nur sämtliche in der Schweiz online verfügbaren Teilzeitjobs für Männer auflistet, sondern auch Informationen zur Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben anbietet, hofft man, die Angst in den Männerköpfen vor dem reduzierten Pensum abzubauen.

Bernhard Brander hatte keine Angst. ­«Christa und ich trafen keine grossen Abmachungen», sagt er, «wir wollten schauen, wie es läuft. Aber ich bestehe sehr darauf, dass sie sich Zeit nimmt für unseren Sohn und am Abend zu christlichen Zeiten daheim ist. Sie ist praktisch jeden Abend gegen sechs zu Hause, wenn sie keine Firmenanlässe hat. Das war der Kompromiss, den sie eingehen musste. Möglicherweise nimmt ihr das die eine oder andere Aufstiegsmöglichkeit, dass sie am Arbeitsplatz nicht uneingeschränkt zur Verfügung stehen kann. Aber ich wusste, dass ich nebenher etwas machen musste. Ich bin ein Macher.»

Dass er den Haushalt praktisch im Alleingang erledigt, hat Brander nie gestört. «Die Putzarbeiten mache alle ich. Ich lebte lange ­allein und achtete immer auf einen gepflegten Haushalt. Es gibt nichts, was ich besonders ungern tue, nicht einmal WC-Putzen. Ich freue mich, wenn es sauber ist. Ich bin ein ziemlicher Pingel. Aber mit einem Kind lernt man, Abstriche zu machen. Das war ein Lernprozess.»

Sie sieht es einfach nicht

Nebenher arbeitet der Mann, der schlecht stillsitzen kann, unermüdlich am Eigenheim, das die Familie im selben Jahr erwarb, in dem Alex­ander geboren wurde. «Was Sie hier ­sehen», sagt er stolz, «den Garten draussen, den Kellerausbau, die verlegten Platten, habe ich alles selber gemacht. Das gibt mir neben dem Leben als Hausmann und Vater Befriedigung.» Bringt es ihm auch die nötige Anerkennung? Brander lacht. «Man muss sich seine Streicheleinheiten manchmal mit Nachdruck holen. Ich ertappe mich dabei, dass ich gewisse Dinge sage, die ich früher nicht gesagt hätte. Meine Frau hat trotz Brille kein Auge für gewisse Dinge. Sie bemerkte die neuen Sonnensegel nicht, die ich im Garten montiert hatte. Das ist frustrierend. Sonnen­segel sind ja nicht besonders klein. Aber ich versuche mich zurückzunehmen. Welcher Ehemann kommt nach Hause und lobt die tolle Ordnung? Bei uns ist es genau so, nur umgekehrt. Es ist keine Veranlagung, sondern die Frage, wer was macht.» Trotzdem ist er froh, mehr als ein Feierabendvater zu sein. Dass ­Alexander mit vier viel geschickter im Basteln und Hämmern ist als Gleichaltrige, wäre nicht so, wenn der Vater morgens in den Betrieb verschwinden würde.

Natürlich zahlt Brander einen Preis. Er redet freimütig darüber. Die Alltagsgespräche mit Erwachsenen fehlen ihm. Und es verstört ihn, dass er manchmal nach Wörtern suchen muss: «Ich merke, dass eine gewisse Rückbildung stattfindet, wenn man wenig mit Erwachsenen spricht. Wenn man sich nicht informiert hält und Diskussionen führt, fehlen einem Wörter, die sich aus der Aktualität ergeben.» Das gilt noch in viel stärkerem Mass für seinen Beruf. Im vergangenen Winter nahm er einen 40-Prozent-Job als Maschinendiagnostiker an und erschrak, wie viel Fachvokabular, das er früher mühelos beherrscht hatte, ihm ab­handen­gekommen war: «Dann macht man sich natürlich Gedanken, wie man je wieder in den Job zurückfinden kann. Wie weit unten muss ich in ein paar Jahren wieder einsteigen? Wie tief wird mein Lohn sein?»

Den 40-Prozent-Job gab Brander nach wenigen Monaten wieder auf. Nicht, weil es ihm an Vokabular oder Fachwissen mangelte, sondern weil sein Chef ihm immer mehr aufhalste, als in zwei Arbeitstagen zu bewältigen war. Als Brander sich beschwerte, antwortete der Chef: «Wenn du deine Frau erst einmal im Griff hast, wird das schon klappen.» Es war das erste und einzige Mal in seinen vier Jahren als Hausmann, dass Brander sich sehr verletzt fühlte.

Auf die Frage, wer in der Familie gestresster sei, Vater oder Mutter, sagt er ohne Zögern: «Christa sagt sehr oft, sie sei froh, dass sie wieder arbeiten gehen darf. Also nehme ich an, ich bin gestresster oder mache mir mehr Stress. Vielleicht ist das charakterbedingt. Sie hat mehr Ruhe, ich bin der Nervigere.» Er glaubt, dass ihre Beziehung seit seiner Kündigung ­enger geworden sei. Streit gibt es bei den Branders selten, schon gar nicht um Geld: «Es ist wie in den meisten Beziehungen, nur umgekehrt: Sie bringt es heim, ich gebe es aus.»

Für die nächsten beiden Jahre, bevor Alexander in den Kindergarten kommt, möchte er Zeit für seinen Sohn haben und kurzzeitige Handwerkerjobs annehmen. Vor kurzem wurde er angefragt, ob er nicht Lust habe, für den Einwohnerrat seiner Gemeinde zu kandidieren. Er winkte ab. Für einen Politiker sei er nicht diplomatisch genug. «Aber die, die mich anfragten, waren genau daran interessiert, dass ich zu keinem Filz gehöre.» Inzwischen ist Bernhard Brander nicht mehr ganz abgeneigt, in die Politik einzusteigen.

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