Editorial

UPE

Zum Rücktritt von Urs Paul Engeler.

Von Roger Köppel

Karl Poppers Meisterschüler: Journalist Engeler. Bild: Ruben Wyttenbach (13 Photo)

Es war Mitte der neunziger Jahre, als ich erstmals auf einen Artikel von Urs Paul Engeler stiess. Zu meiner ­Schande muss ich gestehen, dass mir der Name – ich war Kulturjournalist und begeisterte mich sonst vor ­allem für Sport – nichts sagte. Eher uninteressant fand ich das Thema. Engelers Artikel, erschienen im Nachrichtenmagazin Facts 1995, handelte von SVP-Verkehrsminister Adolf Ogi und dem grossen Schienenbauprojekt Neat. Die vier Buchstaben verkörperten für mich ­namenlose Langeweile. Ogi war mir gleich­gültig.

Ich weiss nicht mehr, warum ich überhaupt anfing, den Artikel zu lesen, aber in der Folge war ich unfähig, ihn zur Seite zu legen.

Da war zunächst die Sprache: präzis, geschliffen, aber federnd humorvoll, ironisch, von geradezu dürrenmattschem Witz, nichts Geschraubtes oder gesucht Originelles, dafür der zwingende Gang einer Argumentation, die sich unerbittlich in den Gegenstand hineinbohrte. Was mich zweitens verblüffte, war der Gestus der Infragestellung, der methodische, ja radikale, an die Wurzel gehende ­Zweifel, den Engeler auf das damals allseits ge­feierte Milliardenprojekt und dessen beliebten politischen Vorantreiber anwandte. Mir war kein anderer bekannt, der so intensiv und so unterhaltsam über Politik schreiben konnte.

Bereits Engelers erster «Scoop» ist charakteristisch für die Arbeitsweise dieses genialen Journalisten. Anfang 1983 entlarvte Engeler in seiner ersten Amtshandlung als Bundeshausredaktor der Berner Zeitung die unselige «Nowosti-Affäre». Hier ging es um die vom Bundesrat verfügte Schliessung der sowjetischen Nachrichtenagentur in Bern. Ein merkwürdiges Communiqué erschien am Freitagabend. ­Engeler hakte nach, entdeckte Widersprüche, kritisierte den Bundesratsentscheid und warf dem damaligen Justizminister Rudolf Friedrich vor, die Leute zu belügen. Der Jungjournalist recherchierte so forsch, dass ihn bestandene Bundeshaus-Koryphäen besorgt fragten, ob er verrückt geworden sei, sich derart mit der Bundesanwaltschaft anzulegen. Der Weg in die Einsamkeit war vorgezeichnet.

Keiner analysiert klarer, keiner fragt eindringlicher, nur die wenigsten sind bereit, sich so aufwendig und umfassend in ihr Thema einzuarbeiten. «Neugier, Mut und harte ­Arbeit»: So umschreibt Engeler seine Methode. Dahinter steckt auch das enzyklopädische Fassungsvermögen einer fotografischen Intelligenz, die als gewaltiger Speicher von Wissen die Situationen einfach souveräner überblickt und ordnet. Hinzu kommt der Wille, die Dinge aus neuen Perspektiven zu betrachten, sich dem allgemein für wahr und richtig Gehaltenen zu entziehen, ganz generell: unabhängig zu bleiben, den Mehrheiten zu misstrauen, an jeder These skeptisch nur so lange festzuhalten, wie sie noch nicht widerlegt, falsifiziert ist. Wenn der grosse Philosoph Karl R. Popper einen journalistischen Meisterschüler hatte, dann ist es Engeler, der kritische Rationalist unter den Publizisten.

Ohne seinen Kollegen zu nahe zu treten: Engeler ist der bedeutendste Journalist der Schweizer Nachkriegsära. Es gibt keinen anderen Rechercheur, der mehr enthüllte, ­aufdeckte, zerlegte, entlarvte, entzauberte und zur Kenntlichkeit entstellte. Seine Artikel zeichnen sich durch den Willen zur Auf­klärung aus, torgefährlicher Mittelstürmer-Journalismus, um es in Begriffen des von ihm geschätzten Fussballs (YB) auszudrücken. Niemals verkroch sich Engeler hinter den Wohlklang schön formulierter Nullaussagen. Instinktiv steuerte er den Punkt der Intensität an, die wunden Stellen, den blinden Fleck, die unbequeme Wahrheit. Er ist der grosse Bannerträger des journalistischen Fragezeichens.

Als Ironiker hielt er Distanz nach allen Seiten, auch zu sich selbst. Keiner Partei zuge­hörig, zielte er auf die Herstellung von ­Meinungsvielfalt ab. Seine Berufsauffassung spiegelt die staatsbürgerliche Rolle des Journalismus in der Demokratie: Es geht darum, relevante Missstände zur Sprache zu bringen und darüber hinaus dafür zu sorgen, dass in ­demokratischen Entscheidungsprozessen alle relevanten Positionen auf den Tisch kommen. Die Qualität demokratischer Beschlüsse folgt aus der Qualität der ihnen zugrunde liegenden Auseinandersetzungen. Indem Engeler das Prinzip der Widerrede auch gegen heftigsten Widerstand zu seinem Credo machte, ­leistete er der konsensfreudigen Schweiz enorme Dienste.

Seine Kunst der Hinterfragung arbeitete sich mit Vorliebe an der grössten Ansammlung von Macht im Lande ab: dem Staat. Engeler ist kein Ideologe, der auf die beruhigende Geschlossenheit eines intellektuellen Systems vertraut, aber er hat eine Haltung, die man im Ur-Sinn liberal, besser: freiheitlich nennen darf. In den achtziger Jahren richtete sich die kritische Energie gegen den überschiessenden bürgerlichen Staat der Fichen und der Geheim­armeen, deren Enttarnung in den Geschichtsbüchern mit dem Namen Engeler verbunden bleiben wird. Damals galt der Weltwoche-­Redaktor noch als links bis grün, verewigt sogar im SP-Parteiprogramm. In den neunziger Jahren drehte der Wind, aber Engeler blieb sich treu. Der überstrenge, bisweilen para­noide Vater Staat wandelte sich zur fürsorglichen Mutter, was eine Mehrheit der Journalisten ­intellektuell beschwipste. Engelers unbeirrte Machtskepsis wurde nun als rechts etikettiert.

Jetzt tritt der Thurgauer, der mit einer ­Arbeit über die «ironische Rede» als Sprachwissenschaftler doktorierte, in den wohlverdienten, vorgezogenen Ruhestand – bei bester Gesundheit und in der vollen Lebensblüte des erst 62-Jährigen. Während andere Journalisten abgeklärter und stummer werden, lief Ausdauersprinter Engeler in den letzten Jahren zu immer grösserer Form auf. Er entlarvte den SVP-Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger als Möchtegern-Erbschleicher und ersparte der Schweiz damit ein kompro­mittiertes Regierungsmitglied. Mit seinen ­Recherchen zur Nationalbank deckte er auf, dass der oberste Schweizer Währungshüter privat mit Fremdwährungen geschäftete. Der Interessenkonflikt wurde durch Rücktritt ­gelöst, das Reglement des Bundes verschärft. Engelers Kritik wirkte konstruktiv, auch hier.

Als Verleger und Chefredaktor der Weltwoche kann ich mich im Namen des ganzen Verlags und aller Kollegen nur verneigen und dem hochgeschätzten UPE dafür danken, dass er seine immense Energie und seinen detektivischen Spürsinn in den Dienst dieses Blattes stellte. Wir alle bedauern seinen Rücktritt, wenngleich wir ihm die neue Freizeit natürlich von Herzen gönnen und ihm alles Gute für die Zukunft wünschen. Insgeheim hoffen wir, dass ihm die Zeit an den Ufern des Hallwilersees bald etwas lange werde, wodurch beim Frühpensionär doch dann und wann der Wunsch aufsteigen möge, sich wieder schreibend in der Weltwoche zu betätigen.

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