Editorial

Krippen

Woher eigentlich nehmen wir die Gewissheit, dass Kinderkrippen Kindern gut tun?

Von Roger Köppel

Ich kann mich dunkel erinnern. Meine Eltern mussten beide arbeiten in der Baufirma des Vaters. Die einen Grosseltern waren gestorben, die anderen hatten nicht immer Zeit. So kam es vor, dass mich mein Vater manchmal am Morgen in seinem rötlichbraunen «Toyota Crown» in einen Zürcher Kinderhort fuhr, um mich dort der kundigen Obhut wildfremder Frauen anzuvertrauen, die ausserdem ­damit beschäftigt waren, unzählige andere Kinder in Schach zu halten.

Einmal abgesehen davon, dass es für mich als damals Vier- bis Fünfjährigen eine ­gewaltige narzisstische Kränkung bedeutete, dass ich fortan nur noch als einer unter vielen um die Aufmerksamkeit des mit Schürzen ­bewehrten Personals buhlen musste, war der Hort die Hölle. Ich hasste das Spielen in der Gruppe.

Mich nervten die anderen Kinder mit ihrem Gezänk und ihrem Geschrei, der gleichgeschaltete Mittagsschlaf, das kollektive Aufstehen. Aus meiner beschränkten Sicht waren die Aufseherinnen, obwohl sie ihre Sache ­objektiv sicher recht machten, uniformierte Schreckschrauben, vor denen man nur flüchten wollte. Zu essen gab es Brote mit flüssigem Honig, der alles verklebte.

Kinderhort war Lagerhaft, Verbannung, Exil.

Vielleicht ist heute alles anders. Höchstwahrscheinlich bin ich der Geisterfahrer, ein verhätscheltes Einzelkind, schon damals besserwisserisch, verzogen, und alle anderen sind bis heute dankbar für die Kollektivbetreuung in der Krippe. Möglicherweise hatten meine Eltern einfach den falschen Hort erwischt, oder womöglich waren die Krippen damals noch nicht auf dem ihnen heute allseits bescheinigten hohen, staatlich zertifizierten Qualitätsniveau. Was ich hier sage, ist subjektiv geprägt. Trotzdem bleibt es für mich eine gültige Erkenntnis: Ich empfand die Krippe als Enttäuschung und Bedrohung, als – wie mir erst später klarwurde – unselige Form des Abgeschobenwerdens, denn die Krippe erlaubt es den Eltern, sich der Illusion hinzu­geben, sie würden ihre Verantwortung ­wahrnehmen, indem sie ihre Kinder der Verantwortung Unbekannter überlassen. Nichts ist einem fremder als die aufgezwungene ­Nähe von Personen, mit denen man nichts zu tun haben möchte.

Das ist der Punkt, der in der Diskussion um den Familienartikel vom 3. März bisher noch nicht berührt wurde. Wie gut sind die Krippen und Horte eigentlich für die Kinder? Meinungsführer und Politiker sehen den ­flächendeckenden Ausbau staatlicher Betreuungsangebote als genialen Befreiungsschlag. Dank den Krippen würden die letzten grossen Widersprüche und Gegensätze des Abend­landes aufgehoben. Endlich könne versöhnt ­werden, was sich bisher in die Quere kam: ­Kinder und Karriere, Frauen und Wirtschaft, AHV und Überalterung, Ausländer und Integration, Selbstverwirklichung und Dienst an der Gemeinschaft. Wer Zweifel an der gesellschaftspolitischen Wunderwaffe anmeldet, wird in die Ecke der Rückständigen geschoben. Die Frage, ob es wirklich sinnvoll ist, wenn der Staat massiv subventionierte An­reize schafft, damit Eltern ihre Kinder im Vorschulalter nicht mehr selber erziehen, gilt als unanständig.

Familienpolitik ist wie jede Politik die Kunst, die eigenen egoistischen Wünsche mit dem Anschein des Allgemeinwohls zu verkleiden. Im aktuellen Fall lässt sich das modellhaft zeigen: Einerseits wollen sich Eltern von der Last befreien, die volle Verantwortung für ihre Kinder zu vollen Kosten zu tragen. Anderseits wartet eine professionelle Industrie an staatlichen Kinderbetreuern darauf, ihre neusten pädagogischen Theorien in der Wirklichkeit auszuprobieren. Der Egoismus der ­einen nährt das Eigeninteresse der anderen, auf Kosten von Dritten, die das Treiben über Steuern finanzieren müssen. Wird der Fami­lienartikel angenommen, zahlen Leute, die keine Kinder haben oder ihre Kinder selber ­erziehen, für Paare und Familien, die nicht ­genügend Geld oder Zeit haben, sich selber um ihre Kinder zu kümmern. Die Pflicht der ­Eltern, sich durch Arbeit mühselig den Lebens­unterhalt zu verdienen, damit es für die Familie reicht, soll durch einen Rechtsanspruch ersetzt werden, wonach Eltern, denen es an Zeit oder am Geld mangelt, die fehlenden Mittel auf Kosten der Steuerzahler geschenkt bekommen. Das ist nicht nur gegenüber den Steuerzahlern ungerecht, sondern auch gegenüber den Kindern. Sie sollen von der Familie weg in bequeme Subventionskrippen dirigiert und um die notwendige elterliche Zuwendung ­gebracht werden.

An den Pflichten der Familie zerbricht der Wunsch nach grenzenloser Selbstentfaltung. Wer Kinder haben will, muss sich einschränken und Verantwortung übernehmen. Wie sich die Eltern organisieren, ist Privat­sache, und der Staat hat sich nicht als Übermutter aufzuspielen, die den Leuten vor­gaukelt, dass eidgenössisch anerkannte Betreuungsangebote ein Realersatz für elterliche Liebe seien. Wer lieber arbeitet und Kar­riere macht, muss sich überlegen, ob er nicht besser auf Kinder verzichtet. Wer materiell nicht in der Lage ist, aus eigener Kraft für eine Familie zu sorgen, muss zuerst sparen, bevor er eine Familie gründet. Es gibt kein Grundrecht darauf, auf Kosten anderer zu leben. Vor allem aber irritiert die Leichtfertigkeit, mit der Eltern ihre Kinder in Krippen abschieben, kaum sind sie geboren. Wenn die Krippen auch noch staatlich verbilligt oder gar gratis angeboten werden, wird sich diese Flucht aus der Verantwortung noch verstärken. Ich wage die Vermutung: zum Schaden der Kinder.

Dass vor allem Frauen ungehalten bis aggressiv reagieren, wenn man sie auf dieses Problem anspricht – man möge es mir verzeihen –, macht deutlich, dass hier ein wunder Punkt vorliegt. Auch die genialsten Kinderpsychologen, die den Nutzen der Krippen in gelehrten Beweisführungen zweifelsfrei herausarbeiten, können das schlechte Gewissen nicht beruhigen, weil man eben doch im Innersten ahnt, dass Kinder, vor allem, wenn sie klein sind, am liebsten bei den Müttern wären. Der Familienartikel will uns vormachen, dass alles möglich ist und auch noch wenig kostet. Das konkrete Leben zeigt uns, dass diese Rechnung niemals aufgeht. «Ideologien sind Märchen für Erwachsene», schreibt der amerikanische Ökonom Thomas Sowell. Menschen lieben Märchen. Vermutlich wird der verheerende Familienartikel angenommen.

Kommentare

+ Kommentar schreiben
 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe