«Religiosität ist sicher kein Übel»

Während fünfzehn Jahren war Ueli Graf Direktor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. Ende Jahr geht er in Pension. Wäre eines seiner Kinder von einem Gewaltverbrechen betroffen gewesen, hätte er seinen Job nicht ausüben können.

Von Peter Holenstein

«Gesetzliche Grundlagen fehlen»: Gefängnisdirektor Graf. Bild: Till Forrer

In vielen Strafanstalten amtieren ehemalige Pfarrer als Direktoren; der Frauenstrafanstalt Hindelbank steht eine Theologin als Direktorin vor. Zudem fällt auf, dass viele Aufseher in den Strafanstalten Freikirchen angehören. Sie selber bezeichnen sich als religiösen Menschen. Sind fromme Menschen besonders prädes­tiniert für die Arbeit im Strafvollzug?

Für die Arbeit im Strafvollzug braucht es Menschen, die wissen, was im Gesetz steht, was die Schweiz in Strassburg beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte unterschrieben hat, und die bereit sind, diese Grundsätze im Alltag mit Leben zu füllen – auch dann, wenn sie als Gutmenschen und «Weichspüler» hingestellt ­werden. Wenn sie zudem religiös sind, ist dies sicher kein Übel.

Sie sprechen von den Insassen als «Klienten» oder «Massnahmeklienten». Tragen solche Bezeichnungen nicht dazu bei, dass von «Kuschelvollzug» gesprochen wird? Der Sexualmörder als «Kunde» ­einer Strafanstalt: In den Ohren der Angehörigen von Opfern von Gewaltverbrechen muss das wie ein Hohn klingen.

Wir bezeichnen die Inhaftierten mit einer stationären Massnahme als Massnahme­klienten. Forensische Therapeutinnen und Therapeuten bezeichnen die sich in Therapie befindenden Personen als Klienten. Das Anstaltspersonal bezeichnet die Inhaftierten als Gefangene. Umgangssprachlich wird auch der Begriff Insassen verwendet. Naturgemäss kann alles, was wir sagen, tun oder sein lassen, die Gefühle der Angehörigen von Gewaltverbrechen ver­letzen.

Ein verwahrter Sexualmörder schrieb uns: «Nach der fünften Gruppentherapiesitzung weiss man genau, was der Therapeut hören will. Passt man sich seinen Erwartungen an, heisst es, der Klient spreche gut auf die Therapie an und mache Fortschritte. Aber davon, was ich wirklich denke, hat er keine Ahnung.» Wie gross ist die Gefahr, dass sich Therapeuten täuschen lassen?

Der geschlossene Straf- und Massnahmenvollzug ist ein repressives, stark strukturiertes System, das auf den einzelnen Gefan­genen einen grossen Einordnungs- und Anpassungsdruck ausübt. Bei jeder Verhaltensänderung bleibt es deshalb offen, ob die Veränderung aus Anpassung oder aus Einsicht geschieht. Grundsätzlich unterdrückt der rigide Vollzugsalltag weitgehend dis­soziales Verhalten, ohne es zu bearbeiten. Da ich kein Therapeut bin, kann ich nicht beurteilen, ob dieses Phänomen auch in der Therapie beobachtet werden kann.

Ein anderer Klient erklärte, es sei ihm unverständlich, dass er sich seit Jahren immer wieder mit jedem Detail seiner Tat befassen müsse. Er könne sich dadurch gar nicht von seiner Tat lösen.

Es ist zu vermuten, dass es gute Gründe gibt, sich Tatschilderungen wiederholt anzuhören. Auch die Strafverfolgungsbehörden verwenden diese Vorgehensweise. Wenn beim Betroffenen in diesem Zusammenhang ein subjektiver Eindruck entsteht, ist dies verständlich.

Sie sagen, dass der Strafvollzug die Insassen physisch und psychisch krank mache. Wie soll eine Tätertherapie erfolgreich sein, wenn allein der Aufenthalt im Gefängnis krank macht? Dienen Therapien nicht vielmehr dazu, den Insassen die Haftzeit zu ­erleichtern?

Die Gerichte ordnen eine ambulante, vollzugsbegleitende oder stationäre therapeutische Behandlung an, um eine psychische Störung zu bearbeiten und die Rückfall­gefahr zu senken. Ich kann mir schlecht ­vorstellen, dass eine gerichtlich angeordnete Massnahme die Haftzeit erleichtert.

Sie betonen oft, wie wichtig Ihnen die Menschenrechte der Gefangenen sind. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch wie steht es mit den Menschenrechten der Opfer Ihrer Klienten?

Wenn ich im Zusammenhang mit meiner Aufgabe auf das Strafgesetzbuch und die Europäische Menschenrechtskonvention verweise, ist damit nicht gleichzeitig eine Vernachlässigung oder gar Geringschätzung der Menschenrechte und Menschenwürde der Opfer und von deren Angehörigen gemeint. Das Gesetz verlangt von uns, dass sich das Gesamtsystem der Justiz intensiv mit den Straftätern befasst – von der Fahndung bis zur allfälligen Entlassung. Selbstverständlich wäre es angebracht, dass sich der Staat mit dem gleichen Aufwand um die Opfer und deren Angehörige kümmern würde. Leider fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen.

Hand aufs Herz: Hätten Sie den Job auch dann ausgeübt, wenn eines Ihrer Kinder ­einem Verbrechen zum Opfer gefallen ­wäre?

Als betroffener Vater wäre ich nicht in der Lage gewesen, meine hoheitliche Aufgabe professionell und gesetzeskonform zu erfüllen. Trauer, Wut und Schmerz hätten dies verhindert.

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