Intern

Von Rico Bandle

Das Titelblatt der vorliegenden Doppelnummer «Zur Lage der Nation» hat der Schweizer Künstler Hans Erni exklusiv für die Weltwoche gestaltet. Trotz seines biblischen Alters von 103 Jahren hat Ernis Schaffenskraft kein bisschen nachgelassen: Täglich sitzt er an seinem Arbeitstisch in seinem grosszügigen Atelier in Meggen. Auch wenn seine Beine nicht mehr ganz mitmachen, sein Kopf und seine Hand arbeiten akribisch wie eh und je. Erni führt den Tuschestift noch immer äusserst präzise: Jeder seiner unverkenn­baren Striche passt perfekt, bereits die Skizzen sehen aus wie ausgereifte Werke.

Als wir Erni wenige Wochen nach der ersten Besprechung im Atelier besuchten, hatte er bereits über ein Dutzend Entwürfe für das Titelblatt angefertigt. Für ihn war klar: «Man muss den Globus und den Menschen zeigen.» Und das natürlich im Zusammenhang mit der Schweiz – dies war die einzige Vorgabe unseres Art Directors Tobias Schär. Bei einzelnen Skizzen waren Hände um die Weltkugel geschlungen, bei anderen stand der Globus zwischen zwei Gesichtern. «Mit unserer Demokratie ­haben wir ein Gewicht, das weltweit positiv spürbar ist», sagte er dazu. Dass am Schluss das Motiv mit dem tanzenden Paar zum Zug kam, gefällt Erni: «Da ist Bewegung drin, das ist schön.»

Hans Erni und die Weltwoche – hier verbindet sich der Geist des Unbequemen und des Nonkonformistischen. Als Kommunist wurde Erni lange als Landesverräter gebrandmarkt. Eine von ihm gestaltete und bereits gedruckte Banknotenserie wurde 1938 wieder eingestampft, Plakate von ihm wurden zensiert, 1951 untersagte ihm der Bundesrat aus politischen Gründen die Teilnahme an der Kunst­biennale in São Paulo. Auch sein Besuch am Friedenskongress im pol­nischen Breslau 1946 wurde ihm übelgenommen; dort hatte er Picasso kennengelernt, mit dem er sich später immer wieder austauschte. «Es ist tragisch, wenn man immer im Verdacht steht, man sei ein Spion, das war eine harte Zeit», sagt er. Und fügt an: «Diese zwanzig Jahre meines ­Lebens sind erledigt, vergessen.» Nach dem Einmarsch der Sowjets in Ungarn 1956 dis­tanzierte er sich vom Kommunismus. 1989 entschuldigte sich Ruth Dreifuss im Namen des Bundesrates für die Ächtung, die Erni von der offiziellen Schweiz erfahren hatte.

Hans Erni ist konsequent seinen Weg gegangen, ungeachtet des politischen Widerstands und der Schmähungen durch die Kunstwelt, die ihn bis heute als zu gefällig ­abtut. Dafür kann man ihn als Vorbild nicht hoch genug schätzen. All das hat ihn nie verbittert, im Gegenteil: Er freut sich darüber, wie die Schweiz und die Welt sich entwickelt haben: «Ich spüre heute Freiheiten, die ich lange nicht hatte, das ist wunderbar.» Seine gesamte Schaffenskraft stellt er in den Dienst einer ­«lebenswürdigen Gesellschaft», wie er sagt.

In Hans Erni, der immer an vielen Projekten gleichzeitig arbeitet (parallel zum Weltwoche-Titelblatt war er unter anderem mit einem Plakat für Coop-Bio-Produkte und einer Arbeit für ein Altersheim der Heilsarmee beschäftigt), stecken über hundert Jahre gelebte Schweizer Geschichte. Dass er zu dieser Sonderausgabe das Titelblatt beisteuert, ist für uns eine grosse Ehre.

Ein Hinweis an unsere geschätzte Leserschaft: Dieses Sonderheft ist eine Doppelnummer, die nächste Ausgabe erscheint am 9. August.

Kommentare

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  • Markus Spycher
  • 29.07.12 | 15:43 Uhr

Lieber Hans Erni

Auf dem Cover der WeWo sehe ich zum ersten mal ein von Ihnen gezeichnetes Männergesicht, worin nicht Ihre eigenen Gesichtszüge zu erkennen sind. Im Alter gereifte Bescheidenheit??

  • Christian Bänninger
  • 27.07.12 | 10:26 Uhr

Sehr gelungene Sommer-Doppelausgabe; danke!

  • Patrick Dörrer
  • 26.07.12 | 13:00 Uhr

Ich finde es schade, dass gerade in dieser Ausgabe kein Interview mit Herr H.Erni geführt und abgedruckt wurde. Vielleicht lässt sich dies (noch) realisieren?!

 
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