Editorial

Optimismus

Warum ich trotz allem an Europa glaube.

Von Roger Köppel

Obschon sich die Nachrichten wieder täglich verdüstern, mittlerweile betteln ­Spanien und Zypern um Geld, bleibe ich optimistisch für Europa. Zwar halte ich nichts von den Versuchen, die EU durch noch mehr EU, also mehr Brüssel, mehr Zentralismus und weniger Demokratie, zu heilen. Diese Kur läuft dar­auf hinaus, die Dosis jener Medizin zu erhöhen, die die Krankheit verursachte.

Der Euro war neben der Grenzabschaffung (Schengen) der bisher grösste Fehltritt in Richtung Zentralismus. Er sollte den wirtschaft­lichen Druck aufbauen, um Europa auch politisch zu vereinheitlichen. Heute verschlingt die Rettung des Euro ungezählte Milliarden. Der Ruf nach noch «mehr Europa», um der Krise Herr zu werden, ist die Folge. Es wäre meiner Ansicht nach ein schwerer Fehler, aus der aktuellen Not heraus eine noch enger verzahnte EU zu formen, überstürzt, die man dann in ein paar Jahren wieder mühsam aus­einanderschrauben müsste. Leider ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass der Irrweg eingeschlagen wird.

Woher also der Optimismus? Zunächst: Die Geschichte Europas ist eine Abfolge von Katastrophen und Rückschlägen. Gemessen daran ist die Euro-Krise harmlos. Die Europäer überstanden den Zusammenbruch des Hellenismus und den Untergang des Römischen Reiches. Sie verdauten den Einfall der Hunnen und anderer Barbarenvölker. Im Nebel des Mittelalters wurden die Grundlagen gelegt für das Europa der Nationalstaaten, die sich zwar des Öftern übel bekämpften, in der Summe aber durch Konkurrenzkampf und Wettbewerb eine erstaunliche Erfolgsgeschichte schrieben. Europa überstand die Pest und den Dreissigjährigen Krieg (1618–1648), der Mitteleuropa entvölkerte. Irgendwie rappelte man sich immer wieder auf.

Die beeindruckendste Leistung freilich gelang im letzten Jahrhundert: Nach zwei Weltkriegen, für deren Scheusslichkeit sich keine geeigneten Adjektive finden, lieferte Europa ein gewaltiges Wirtschafts- und Friedens­wunder. Ob diese Leistung der Europäischen ­Union zuzuschreiben ist oder eher einem verständlichen Überdruss an militärischen Abenteuern nach verheerenden Kriegen, soll hier nicht weiter vertieft werden. Symbol für diese europäische Fähigkeit zum Comeback ist Deutschland. Aus Bombentrichtern und Trümmerlandschaften arbeiteten sich die Deutschen innert weniger Jahrzehnte zum Exportweltmeister und ökonomischen Fels in der Brandung hoch. Gewiss gab es Unterstützung und Hilfe, aber die zähe Regenerationskraft der Deutschen steht eindrücklich für die Stärke eines Kontinents, der seine eigenen ­Untergänge mehrfach überlebte.

Aus den Beispielen aber ist auch zu lernen: Die Europäer haben ein Talent für mörderische Irrtümer. Sie sind immer wieder Risiken eingegangen, die brutal auf sie selber zurückschlugen. Ein fiebriges unternehmerisches Temperament verbindet sich mit einer philosophischen Neigung zur Rechthaberei. Man bildet sich auf die eigene Intellektualität und Intelligenz zu viel ein. Moralisch fühlt man sich ohnehin allen überlegen. Das macht es so schwierig, die einmal eingeschlagenen Irr­wege wieder zu verlassen.

Symbol dafür sind die Schützengräben des Ersten Weltkriegs im französischen Westen, in denen Millionen Soldaten verheizt wurden, ein Stellungskrieg des Irrsinns, der grauenhaft sowohl die Leidensfähigkeit wie auch die Sturheit Europas versinnbildlicht, mit wehenden Fahnen in den Abgrund zu marschieren. Die Europäer sind immer wieder mit aller Kraft gegen die Wand geknallt – und immer wieder aufgestanden. Sie sind Weltmeister in der Herstellung von Riesenfehlern, aber auch Genies im Zurückkommen und ­Fehlerkorrigieren.

Europa wird auch die EU überleben. Die EU entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr Ziel war die Einbindung der einstigen Feinde in ­eine Struktur der Zusammenarbeit. Gleichzeitig sollten die Reparationsleistungen Deutschlands in ein zukunftsgerichtetes Projekt gelenkt, politisch vermittelbar und erträglich gemacht werden. Die Deutschen, die nach dem Krieg keine Deutschen mehr sein durften, erkauften sich einen Vaterlandsersatz als Europäer. Die Franzosen verschafften sich auf den Schultern des deutschen Riesen mehr politisches Gewicht, als ihre ökonomische und politische Kraft hergab. Diese Interessen treiben die EU bis heute voran.

Die Union war der Ganzkörpergips, den man sich nach dem Totalschaden zweier Weltkriege bewusst anlegte, um die darnieder­liegenden Staaten wieder aufzurichten und künftige Kriege durch freiwillige Selbsteinschränkung zu verunmöglichen. Das war verständlich und aus der Zeit heraus erklärbar. Aber anstatt den Gips, wie nach Unfällen ­üblich, zu lockern und abzustreifen, passierte das Gegenteil: Die Stütz- und Hilfsstruktur EU entwickelte ein Eigenleben, wurde grösser und starrer, produzierte den Euro und verselbständigte sich auf Kosten des Patienten ­(Europa), der heute, nehmen wir nur Griechenland, röchelnd am Boden liegt, während alles unternommen wird, um die Struktur, die ihm die Luft abschnürt, am Leben zu erhalten.

Trotzdem bleibt Optimismus angesagt. Warum? Weil die Europäer selbstkritische und einsichtige Leute sind. Sie sind lernfähig und auf Dauer nicht an der Nase herumzuführen. Man merkt es schon jetzt. In deutschen Zeitungen, die noch vor fünf Jahren jede Kritik an der EU als Populismus wegwischten, regt sich Besorgnis. Offen wird über Demokratiedefizite geklagt. Die Schuldenwirtschaft, jahrelang verdrängt, wird endlich kritisch diskutiert. Journalisten und Politiker brauchen oft länger, um liebgewonnene Irrtümer zu durchschauen, aber es lässt sich nicht übersehen: Das Unbehagen an einer sich immer mehr Macht anmassenden EU wächst. Die EU wird als uneuropäisch, weil vielfaltsfeindlich und antidemokratisch empfunden. Immerhin.

Die Europäer sind intelligente Anarchisten. Auf diesem kleinen Kontinent wurden vor bald 3000 Jahren in Griechenland die Philo­sophie, das kritische Denken und ein vager ­Begriff der Freiheit erfunden. Die USA, einer der freiheitlichsten Staaten der Welt, sind ein Exportprodukt des europäischen Erfolgs­modells. Europa war immer nur dann schwach, wenn es sich von seinen Werten – Vielfalt, ­Freiheit, Leistung, Rechtsstaat – entfernte und despotische, asiatische Züge annahm.

Ich glaube deshalb nicht an den Triumph des chinesischen Modells, weil Unfreiheit der menschlichen Natur widerspricht. Die EU geht zwar mit ihrer Politik des Durchregierens in diese Richtung, aber die Geschichte lehrt: Am Ende setzten sich Vernunft und Freiheit durch. Die Frage lautet, wie hoch der Preis sein wird, den Europa – und damit Deutschland –diesmal für seine Irrtümer bezahlt.

Kommentare

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  • Peter Hunziker
  • 04.07.12 | 18:11 Uhr

Optimismus? - Angesichts der Tatsache, dass laufend Verträge umgangen oder gebrochen werden? Im Hinblick auf allenthalben hemmungslose Schuldenmacherei? Mit Blick auf die Sozialisierung von Bank- und Staatspleiten? Gar etwa wegen der schleichenden Entmündigung und Ausplünderung der arbeitenden Bürger? Unter Berücksichtigung der zunehmend undemokratisch, zentralistisch obsolutistischen Haltung von Politik und deren Technokraten - nein, Pessimismus wird da eher vorherrschen, es sei denn, das Volk traue sich in Massen auf die Strassen und vor die Paläste, wie man es jüngst andernorts erlebt.

  • George Lips
  • 29.06.12 | 18:50 Uhr

Welchea Europa?Jetzt haben wir ein in weiten Teilen marodes Europa. Wir sehen jetzt endlich wie die Auswirkungen sind. Die Vergabe unendlich kostspieliger Geschenke an Wähler
zwecks Stimmenkauf, die nicht endenden Forderungen
aller Seiten und die Erfüllung aller sozialistischen Wünsche nach einem kuscheligen Wohlfahrtsstaat kommen jetzt brutal zu Tage.Politik ist (nur noch)Wirtschaftspolitik. Wer kann sich mehr aneignen? So wie Pensionierte, die ihr Kapital verprassten und jetzt Ergänzenungsleistungen (287'000) beanspruchen.Alles ein Schuldenpack, die andern müssen zahlen!Moderne WEGELAGERER.

  • Romano Zweiacher
  • 29.06.12 | 09:50 Uhr

Zuerst wird Europa in ein total zentralistisches System verwandelt. Mit einer Währungsunion als vermeidliches Euro-Wundermittel. Leider wird dies die Situation nicht verbessern sondern gerade für die Südstaaten massiv verschlechtern. Sie verlieren ihre letzte Souveränität. Brüssel steigt zur totalen Machtzentrale auf. Schlimmer kann es nicht sein für Europa. Was das bedeutet, zeigt die Vergangenheit! Damit würde das "Friedensprojekt" gänzlich zum Unruhefaktor. Bürokraten und Technokraten könnten ihr unsinniges regulatorisches Machtverhalten grenzenlos ausweiten. Planwirtschaft! Kommunismus!

  • Rudolf Grötzinger
  • 28.06.12 | 23:33 Uhr

Optimismus ist angesagt? Langfristig gedacht, ja. Vorher aber wird Europa einen Niedergang erleben, der uns schlimme Zeiten bescheren wird. Wie in der Vergangenheit wird Europa immer wieder auferstehen und zu neuer Stärke finden, aber das wird nicht in naher Zukunft geschehen.

 
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