Kultur

Wider die Profiteure

Pius Knüsel, Direktor der Pro Helvetia, tritt ab. Das ist bedauerlich. Seine Vorschläge zur Verbesserung der ­ Kulturförderung haben ihm Feinde gebracht, sind aber richtig.

Von Rico Bandle

Am Schluss traten alle noch einmal nach: Der Rücktritt von Pius Knüsel sei «ein Glück für Pro Helvetia und die Schweizer Kulturschaffenden», sagte CVP-Nationalrätin ­Kathy Riklin. Die Sonntagszeitung attestierte ihm, seine Leistung habe hauptsächlich darin bestanden, «gelegentlich in die Suppe zu spucken». Andere Kommentatoren warfen ihm vor, frustriert zu sein und die Freude an der Kultur verloren zu haben.

Wer als staatlicher Kulturförderer dermas­sen angefeindet wird, hat einiges richtig gemacht. Pius Knüsel hat in seiner zehnjährigen Amtszeit die administrativen Kosten gesenkt, den Betrieb effizienter gemacht, frischen Wind in die erstarrte Organisation gebracht. Denselben Reformwillen erwartete er auch von den Kulturleuten. Das nahmen ihm all jene übel, die ihre ganze Energie auf die Besitzstandswahrung konzentrieren – und das sind in dem Bereich nicht wenige.

Knüsel rühmt sich gerne damit, Förderprogramme für Computerspiele oder die Volkskultur ermöglicht zu haben; dank ihm seien die Geldströme nicht mehr nur auf die klas­sische Hochkultur gerichtet. Das mag be­grüssenswert sein, ist aber nicht seine zentrale Leistung. Knüsel wird als jener Direktor der Pro Helvetia in Erinnerung bleiben, der einen grundsätzlichen Mentalitätswandel eingeleitet hat: Dass die Förderung nicht dazu da ist, die Bedürfnisse der Künstler zu befriedigen, sondern jene der Gesellschaft. Ziel kann nicht sein, den Geldempfänger zu bedienen, sondern ein möglichst gutes Resultat auf der Bühne, im Konzertsaal oder zwischen Buchdeckeln zu erzielen.

Dies tönt selbstverständlich, ist es aber nicht. In den 80er Jahren wurde die Kulturförderung in der Schweiz stark ausgebaut, überall entstanden neue Bühnen, Ausstellungsräume, Künstlerateliers. Mit dem Angebot wuchs die Anspruchshaltung. Zwar werden die Gesuchsteller nicht wie bei der Sozialhilfe als «Klienten» bezeichnet, der Umgang ist aber vergleichbar: Das Geld wird giesskannenartig verteilt; erlaubt sich ein verwegener Beamter, diese Praxis zu hinterfragen, zieht sogleich ein Sturm des Protests über ihm auf. Das musste Filmförderer Nicolas Bideau erfahren, der das Schweizer Kino publikumsnäher machen wollte, und das musste auch Pius Knüsel erfahren, der in seinem Buch «Der Kulturinfarkt» die Schliessung der Hälfte der Kulturinstitutionen forderte, um mit dem frei gewordenen Geld Neues zu ermöglichen.

Das Bemerkenswerte ist dabei: Knüsel, der mit seinen 55 Jahren zur Generation der Profiteure und Besitzstandswahrer gehört, schlägt sich auf die Seite der Jungen, die mit althergebrachten Strukturen nichts anfangen können und denen die klare Unterteilung zwischen Kunst und Kommerz fremd ist.

Jeder Zweite erhält Geld

Einige wichtige Anliegen konnte Knüsel in seiner Amtszeit nicht durchsetzen: So wird das Geld bei der Pro Helvetia noch immer sehr breit verteilt. Fünfzig Prozent der Gesuche werden angenommen. Wer einmal abgelehnt wird, ändert sein Konzept leicht und reicht es wieder ein – die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross, dass es dann durchkommt. Knüsel prangerte dieses System immer wieder an, vergebens. Die Mittel zu konzentrieren und klarere Ziele zu setzen, das wird die Aufgabe des Nachfolgers von Knüsel sein.

Zum Teil wurde gemunkelt, Knüsels Rücktritt sei nicht freiwillig erfolgt, er sei nach der Veröffentlichung des «Kulturinfarkts» dazu gedrängt worden. Das ist falsch, Knüsel ging freiwillig – obwohl er für weitere Jahre gewählt gewesen wäre. Bis zum Schluss hebt sich Knüsel von der Mehrheit der Kulturfunktionäre ab: Er ist kein Sesselkleber.

Kommentare

+ Kommentar schreiben

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 

weitere Ausgaben

Login für Abonnenten

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Passwort vergessen?

* Info für registrierte Benutzer der alten Website: Geben Sie hier einfach die in Ihrem existierenden Konto hinterlegte E-Mail Adresse ein!

Sie sind noch nicht bei Weltwoche online registriert? Melden Sie sich gleich an.

Zur Registrierung

Ihre Vorteile bei Registrierung:

  1. Zugriff auf alle Artikel und E-Paper*.
  2. Artikel kommentieren
  3. Weltwoche Newsletter
  4. Spezialangebote im Platin-Club*
*Nur für Abonnenten der Printausgabe