Editorial

Keynes

Eine Sportverletzung und ihre heilsamen Nebenwirkungen.

Von Roger Köppel

Das Geräusch, ein dumpfer Knall, wie wenn man ein älteres Stück Leder überspannt, bis es reisst, war über den ganzen ­Centre-Court der prächtigen Hotelanlage in Zypern gut zu hören. Mein Tennispartner, ­Serbe, Gemütsspieler, hervorragender Techniker, extrem freundlich, rannte bestürzt zum Netz, während ich, jaulend, an der Grundlinie unsanft notlanden musste.

Eben noch hatte ich ihn mit einem hammerharten Vorhandschlag cross-court erstmals aus der Ruhestellung in der Platzmitte gedrängt. Der wendige Serbe, acht Jahre jünger, streckte sich allerdings mühelos und zauberte einen ­filigranen Stoppball millimetergenau über die Netzkante auf meine Seite. Da ich die ­Aktion vorausgeahnt hatte, wollte ich meine 83 Kilogramm Lebendmasse, wie früher, ­präventiv nach vorne wuchten, doch so weit kam es nicht, da meine Achillessehne nach ­einem ansatz­losen Fehltritt unerwartet in die Brüche ging.

Niemand soll sagen, dass ein Riss der ­Achillessehne nicht befruchtende journalistische Nebenwirkungen haben kann. Die Verletzung zwang mich zur ungewollten Immobilität, die ich mit der Lektüre eines Buchs über den britischen Ökonomen John Maynard Keynes bewältigte. Verfasser des schmalen Bändchens, das den Titel «The Return of the Master» (Die Rückkehr des Meisters) trug, war der emeritierte englische Wirtschaftsprofessor Lord ­Robert Skidelsky, Baron, mehrfach preis­gekrönt für seine dreibändige Monumentalbiografie über Keynes. «Die Rückkehr des Meisters» zielt darauf ab, die Ideen Keynes’ für das 21. Jahrhundert aktuell zu machen. Das ­etwas besserwisserisch geschriebene Buch hat meine vorhandenen Zweifel gegenüber Keynes allerdings vertieft, nicht gemildert.

Gewiss: Keynes (1883–1946) war eine herausragende Figur: Ökonom, Mathematiker, ­erfolgreicher Börsenspekulant, der mehrfach sein Vermögen machte und verlor, Millionär, Kunstsammler, hoch angesehen auch in Künstlerkreisen, philosophisch bewandert. Früh­zeitig kritisierte Keynes die verheerende Politik der Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg, die auf eine übertriebene Bestrafung Deutschlands durch Reparationen hinauslief. Er ­lehnte die Laisser-faire-Wirtschaftspolitik des klassischen Liberalismus ab und forderte ein stärkeres Engagement des Staates zur Herstellung von Vollbeschäftigung und guter Konjunktur. Seine wirtschaftspolitischen Vorschläge zielten darauf ab, Marktwirtschaft und Planwirtschaft ohne Absturz in den Sozialismus zu ­verbinden. Es ging ihm darum, die Marktwirtschaft zu verteidigen, als sie während der dreis­siger Jahre gleichermassen von rechts wie von links unter Druck kam.

Vielleicht am interessantesten aus heutiger Sicht ist seine Absage an die Plan- und Messbarkeit der Zukunft, wie sie zum Beispiel viele Risikomodelle der Finanzindustrie vortäuschen. Von credit default swaps, Kreditausfallversicherungen, die es zu seiner Zeit nicht gab, hätte er wohl nichts gehalten. Keynes betonte stets die fundamentale «Ungewissheit», die «Unsicherheit» allen zukunftsgerichteten Handelns, auch des wirtschaftlichen. Daraus leitete er die Einsicht ab, dass besonders Krisen die ohnehin vorhandene Unsicherheit innerhalb von Volkswirtschaften zu Angstlähmungen verschärfen, was den Staat als grossen ­Stabilisator auf den Plan rufe.

Keynes plädierte für eine interventionistische staatliche Wirtschaftspolitik, die durch kluge Eingriffe die Unsicherheit wenn auch nicht bannen, so doch mildern könne. Keynes schwebte vor, reichlich utopisch, dass der Staat einen Grad von wirtschaftlicher Konstanz, Krisenvermeidung und Wohlstand sicherstellen solle, damit die Leute ein glückliches Leben führen können, in dem nicht Konkurrenzkampf und Wettbewerb, sondern die kulturelle und ethische Veredelung der Welt im Vordergrund stehen würde.

Viele Autoren und Journalisten haben im Gefolge der Finanzkrise Keynes zum Kronzeugen eines neuen, gezähmten «Kapitalismus» erklärt. Unter dem Eindruck von ­Bankenzusammenbrüchen, Fehlspekulationen, Misswirtschaft und gewaltigen staatlichen Rettungspaketen schienen die Ideen des Briten an Aktualität zu gewinnen. Auch Skidelsky ist von der Absicht beseelt, mit Keynes auf Konstruktionsfehler im Gefüge der Marktwirtschaft hinzuweisen, um sie, mit Keynes, zu überwinden. Gefordert sei ein Staat, schreibt Skidelsky, der die Möglichkeit schwerer Krisen durch mehr Umverteilung, stren­gere Regeln für Banken und mehr Interventionismus ­verringere. Die letzte Krise sei durch einen ­falschen Glauben an die Selbstregulierung der Märkte und deren Fähigkeit, wirtschaftliche Risiken richtig einzupreisen, hervorgerufen worden.

Vieles von dem, was Skidelsky schreibt, leuchtet ein und stimmt. Vor der Finanzkrise haben die Banken Produkte gekauft und verkauft, die sie nicht verstanden haben. Viele ­Finanzinstitute haben zu grosse Risiken auf sich genommen und sind gescheitert, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden. Im Gegenteil. Sie strichen in den guten Zeiten private Gewinne ein, während die öffentliche Hand in schlechten Zeiten die Verluste decken musste. Marktwirtschaft bedeutet, dass Leistung belohnt und Fehl­leistungen bestraft werden. Haftung und Verantwortung sind wesentliche Säulen der Marktwirtschaft. Sie wurden ausser Kraft gesetzt. Der Wunsch Skidelskys, der Staat solle durch vernünftige Planung Krisen, wie wir sie jetzt erleben, vorsorglich beseitigen, ist nachvollziehbar, aber illusionär.

An diesem Punkt scheint mir auch Keynes falschzuliegen. Krisen gehören zur Marktwirtschaft. Sie sind die Folge urmenschlicher Eigenschaften wie Begeisterung, Übertreibung, Angst, Gewinnsucht, Herdentrieb. In Krisen bricht die Realität in die von Menschen geschaffene Unwirklichkeit ein. Das ist heilsam. Krisen müssen zugelassen werden, damit sich die Wirtschaft normalisieren kann. Wo Krisen verhindert und verdrängt werden, stürzt am Ende das System. Der Sozialismus lebte sechzig Jahre vordergründig krisenfrei, dann brach die Krise aus, der Sozialismus ging unter. Noch nie ist dagegen ein Staat an zu viel Marktwirtschaft gestorben.

So überwiegen nach der Skidelsky-Keynes-Lektüre die Zweifel: Kurzfristige keynesianische Eingriffe mögen in schweren Wirtschaftskrisen sinnvoll sein. Die von Skidelsky mit Keynes geforderte massive Präsenz des Staates als Einheger und Antreiber der Wirtschaft ­wäre schädlich. Keynes war so eitel und so ­intelligent, dass er dem Staat, mit Leuten wie ihm selber in entscheidenden Positionen, eine kluge Globalsteuerung der Wirtschaft zu­traute. Selbstüberschätzung, die er zu Recht bei vielen Wirtschaftskapitänen seiner Zeit ­erblickte, war auch die grosse Schwäche des ­genialen Bürokraten Keynes.

Kommentare

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  • Markus Kohler
  • 05.06.2012 | 23:01 Uhr

Ich hab gehört eine Achillessehne klingt wie ein "Peitschenknall" wenn sie reisst? (Meine haben ja zum Glück bis jetzt gehalten) Die Reparatur scheint auch nicht ohne... Alles in Allem dürfte das alles ziemlich unerfreulich sein. Roger Köppel wünsche ich Stress-und Schmerzfreie Genesung und bedanke mich an dieser Stelle für das Produkt Weltwoche.Bin froh um den Einsatz des WeWo Teams.Merci.

  • Marco Bless
  • 04.06.2012 | 22:24 Uhr

Sie drücken es viel zu harmlos aus, Frau Joos.
Nicht nur als Helfer zur Befriedigung persönlicher Mankos und niederer Instinkte, vor allem auch als politisches Machtmittel. Und darum muss man dies als gefährliche Entwicklung betrachten.
Die wahren Extremisten zeigen langsam ihr Gesicht.

  • Christine Joos
  • 04.06.2012 | 07:20 Uhr

OT. Gegen die Weltwoche wird ein Strafverfahren eingeleitet, weil das Titelbild mit dem Roma-Jungen wirre Assoziationen auslöste, die ich nicht nachvollziehen kann und gegen Ch. Blocher, weil er seinen Pflichten nachkam, die von keiner Seite negiert werden. Was für Leerläufe.

Was das ausser dem Bedienen von Befindlichkeiten einiger Pseudo-Empörter und Hasserfüllter bringen soll, erschliesst sich mir nicht. Werden Justiz und Politik missbraucht als Helfer zur Befriedigung von persönlichen Mankos? Scheint so.

  • Alfred Gruetzner
  • 31.05.2012 | 10:15 Uhr

Roger Köppel beobachtet wieder einmal gekonnt und zieht Schlüsse, die für den gesunden Menschenverstand sehr nachvollziehbar sind. Auch in buddhistischen Schriften kommt genau dies auch zum Ausdruck: Selbstsucht, Gier, Hass und Verblendung seien die 4 schlimmsten Gifte des Menschen, sagt Buddha. Man kann also davon ausgehen, dass diese 4 Gifte alle Menschengenerationen belasteten und so auch den Einzelmenschen, wie auch die Menschheit immer wieder in Krisen stürzen lassen. Deshalb bleibt uns Menschen nichts anderes übrig, als nach Krisen gestärkt wieder neu anzufangen.

 
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