Medien

Schonzeit für die Schwaben

Manche Deutsche sind zu Recht ­eingewandert, manche nicht. Das zeigen Blick und Sonntagsblick.

Von Kurt W. Zimmermann

Talfahrt: Sonntagsblick-Chef Witzmann. Bild: Paul Seewar

Es sind exakt 2 209 608. 2 209 608 Schweizer finden, es habe zu viele Deutsche in der Schweiz.

Die Zahl ermittelte eine Umfrage des Sonntagsblicks. Die 2 209 608 sind 36 Prozent aller Schweizer, die in der Schweiz leben.

Auslöser der Umfrage war SVP-National­rätin Natalie Rickli. Sie hatte sich auf dem Regionalsender Tele Züri eine kleine politische Unkorrektheit erlaubt. «Die Leute regen sich heute auf, weil zu viele Deutsche im Land sind», sagte sie. Damit trat sie in den Medien eine uferlose Debatte los.

Wäre ich Chefredaktor des Sonntagsblicks, es wäre sonnenklar, welche Schlagzeile ich nach meiner Umfrage nun gesetzt hätte: «Über zwei Millionen Schweizer fordern: Deutsche raus!»Zu meiner Verblüffung titelte der Sonntagsblick genau entgegengesetzt: «Zu viele Deutsche hier? Schweizer sagen nein!»

Dann folgte, noch verblüffender, ein seitenlanges Loblied auf die Nachbarn im Norden («Schweizer mögen Deutsche»). Die Deutschen würden, so jubelte das Blatt, tolle Autos bauen, tolle Biere brauen und erst noch wie toll unseren Käse konsumieren.

Noch merkwürdiger verhielt sich das Schwesterblatt Blick. Als sich nach Ricklis ­Sottise sämtliche Journalisten auf das Thema warfen und es tagelang zur Staatsaffäre hochstemmten, schwieg der Blick die Deutschen-Story tot. Es erschien keine einzige Zeile dazu.

«Les ­boches» und «die Piefkes»

Bevor wir das seltsame Verhalten der Blick- Familie erklären, müssen wir kurz an eine ­eiserne Regel des westeuropäischen Journalismus erinnern. Die Regel heisst: «Immer auf die Deutschen.»

In Frankreich etwa, von Le Parisien bis Le ­Figaro, gibt es dazu kein Pardon. Wenn sie über die Deutschen schreiben, dann heissen sie auch heute noch despektierlich «les ­boches». In Österreich, von Kronen-Zeitung bis Standard, nennt man sie prinzipiell «die Piefkes».

In der Schweiz hat es mit den Schwaben auch immer gut funktioniert. Letzter Anlass für launige Deutschfeindlichkeit war Peer Steinbrücks Idee, die Kavallerie in die Schweiz zu schicken, um das Bankgeheimnis zu knacken.

Im neusten Fall klappte es nicht aus personellen Gründen. Denn beide Chefredaktoren auf dem Boulevard sind Deutsche. Ralph ­Grosse-Bley leitet den Blick, Karsten Witzmann den Sonntagsblick. Beide kamen vor rund zwei Jahren in ihr Amt. Beide waren früher bei der Bild-Zeitung.

Nun gibt es aber einen gewichtigen Unterschied. Grosse-Bley hat den Niedergang der Blick-Leserzahlen gestoppt. Er tat es mit einer Rückkehr zum schnörkellosen Basis-Boulevard alter Schule. Die Frontseite liest sich seitdem wieder so konzis wie vor zwanzig Jahren. Der Raser rast, der Messerstecher sticht, der Seitenspringer springt, und die Witwe weint.

Witzmann hingegen ist mit dem Sonntagsblick auf ungebremster Talfahrt. Die Zeitung ist unter ihm zu einer seltsam blutleeren Plattform der Unverbindlichkeit geworden. Auf der Frontseite macht man mit Themen aus Poli­tik und Gesellschaft auf, die von geradezu provozierender Langeweile sind. Selbst Schlafpillen wie Ständerat Minder oder die Auns schaffen es auf die Eins.

Vor drei Wochen gelang dem Sonntagsblatt gar die schlechteste Schlagzeile der gesamten, weltweiten Boulevardgeschichte. «Quält eure Kinder, damit sie später reich werden» stand fett und abstrus auf der Front. Es war ein Zitat des in London lebenden Schriftstellers Alain de Botton.

Der Blick hat in den letzten zwei Jahren 9000 Leser gewonnen. Der Sonntagsblick hat in den letzten zwei Jahren 75 000 Leser verloren. Nicht alle Deutschen, wie man sieht, sind gut für unsere Wirtschaft.

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