Sie kommen, klauen und gehen

Osteuropäische Roma-Sippen sind zu einem grossen Teil für den wachsenden Kriminaltourismus verantwortlich. Sie schicken Frauen auf den Strich und Kinder zum Betteln.

Von Philipp Gut, Kari Kälin

«Junge Einbrecherinnen auf frischer Tat ertappt», meldete die Zuger Kantonspolizei vor zwei Wochen. Am Dienstag, 20. März, um 10.57 Uhr, schnappten sie ein 13- und ein 16-jähriges Roma-Mädchen, als diese in ein Haus in Baar eindringen wollten. Sie stammten aus einem Camp in Italien. Die Polizeiberichte wiederholen sich.

Seit Jahren sorgen Roma-Banden für Negativschlagzeilen. Präzise ­Zahlen zur Kriminalität dieser Volksgruppe existieren zwar keine. Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik unterscheidet nur nach Nationalitäten, nicht nach Ethnien. Die Bilanz des vergangenen Jahres: mehr Einbrüche, mehr Diebstähle, mehr Kriminaltourismus. Ins­besondere die Vermögensdelikte stiegen stark an (um 16 Prozent). Vieles deutet jedoch darauf hin, dass ­Roma, die ihre Camps an der Grenze immer wieder an andere Orte verlegen, zu ­einem bedeutenden Teil für den wachsenden Kriminaltourismus verantwortlich sind. «Wenn Sie in Genf zwei junge Zigeuner antreffen, die alleine unterwegs sind, haben sie zu 99 Prozent ­einen Schraubenzieher in der Hosentasche», sagte Jean-François Cintas, Chef der Abteilung Einbruch bei der Genfer Kantonspolizei, der Zeitung Le Temps. Im letzten Jahr seien allein zwei jugendliche Täter in 450 Wohnungen eingebrochen und hätten 250 000 Franken Beute gemacht. Im Kanton Freiburg begehen minderjährige Roma jedes Jahr rund 200 Einbrüche, wie die Kantons­polizei schätzt.

Am stärksten betroffen sind die Grenzkantone, aber längst schwärmen die kriminellen Banden auch ins Landesinnere aus, wie das eingangs erwähnte Beispiel aus dem Kanton Zug zeigt. Alarm geschlagen haben letzte Woche Genf und die Waadt. «In unseren Kantonen ist der Anteil an kriminellen Ausländern ohne Wohnsitz in der Schweiz doppelt so hoch wie andernorts», sagt Jean-Christophe Sauterel, Sprecher der Waadtländer Kantonspolizei. Auch im Kanton Genf ist die Zahl der Einbrüche letztes Jahr markant gestiegen. François Schmutz, Chef der Genfer Kriminalpolizei, nennt dafür drei verantwortliche Gruppen. Zum einen handle es sich um Banden aus dem Balkan, besonders aus Rumänien. Zum anderen um Nordafrikaner, die illegal in der Schweiz lebten. Dazu kämen junge Roma, die ihre Operationsbasis in Mailand haben und «zwischen Italien und Paris Einbrüche begehen».

In der Schweiz leben, nach Auskunft der in Zürich ansässigen Rroma Foundation (sic!), rund 50 000 Roma, wie die Selbstbezeichnung der im Deutschen traditionell «Zigeuner» genannten Volksgruppe lautet (heute gilt der Begriff eher als abwertend). Die meisten kamen nach dem Zweiten Weltkrieg als Gastarbeiter. Die grosse Mehrzahl von ihnen sei sesshaft und «völlig integriert», nur eine «kleine Minderheit» von 200 bis 300 gälten als Fahrende. Im Umfeld sei oft gar nicht bekannt, dass sie Roma seien, sie deklarierten sich als Serben, Italiener, Spanier usw. In jüngerer Zeit seien «viele» Roma aus dem Kosovo und anderen Ex-jugoslawischen Gebieten in die Schweiz geströmt, schreibt die Roma Foundation.

Beflügelung der kollektiven Fantasie

Die Gesamtzahl der Roma in Europa wird auf 8 bis 12 Millionen geschätzt. Die Ursprünge des Volksstammes mit eigener Kultur und Sprache liegen in Indien, von wo die Roma vor dem 8. Jahrhundert in Richtung Europa auswanderten. Die grösste Population gibt es heute in Rumänien (mit 2 bis 3 Millionen). Bis zu eine Million Roma leben in Bulgarien, Spanien, Ungarn und der Slowakei, mehrere hunderttausend sind es in Tschechien und anderen osteuropäischen Ländern. Ihr «Identitätsgefühl», schreibt die Rroma Foundation, beruhe «nicht auf Begriffen wie Heimatland, Staatsbürgerschaft usw., sondern auf ihrer Sprache, ihrer Kultur und vor allem auf ihren Traditionen». Als Rom sei man «primär Familienangehöriger, damit Angehöriger einer Gruppe [. . .] und erst dann auch immer Bürger eines bestimmten Staates». Die Sippe geht über alles – Roma first. Der Name «Roma» heisst übrigens «Männer» oder «Ehemänner» (Einzahl «Rom», die weibliche Form ist «Romni»).

In den meisten Ländern ist die Lage der ­Roma prekär. Die «Hauptprobleme», schreibt die vom Financier George Soros mitunterstützte erwähnte Stiftung mit Sitz in Zürich, seien «Integration, Arbeit und Ausbildung». Der Umstand, dass viele Roma keine beruflichen Qualifikationen vorweisen könnten, verschärfe die Situation «immer mehr». Gelinge es nicht, die Roma auszubilden und damit ihre Existenzbedingungen zu verbessern, drohe ­eine «Eskalation des Problems zu einer Grös­senordnung, die kaum mehr zu bewältigen sein dürfte», warnt die Rroma Foundation. Ein Leben am Rande der Illegalität und eine gewisse virtuose Verlagerung auf kriminelle Tätigkeiten sind die Folgen.

Die Auswüchse sind auch zunehmend in der Schweiz spürbar. Während die «Zigeuner» die kollektive Fantasie des Abendlandes beflügeln, sei es die feurig-exotische Carmen in Georges Bizets weltbekannter Oper, sei es als Gegenbild zur bürgerlichen Sesshaftigkeit, der man gern einen Zug von Spiessigkeit und Biedersinn unterstellt, oder schlicht das «lustige Zigeunerleben» im Volkslied – die Realität sieht weit weniger glänzend aus. Die Roma tauchen hierzulande vor allem in akuten ­Problemzonen auf und beschäftigen insbesondere Polizei und Justiz. Offen darüber gesprochen wird selten, man wolle nicht uralte Vorurteile bedienen, heisst es schnell. Die ­Roma geniessen offensichtlich eine Art Minderheitenbonus.

Klartext spricht die Polizei. Roma seien besonders in den Bereichen Einbruchdiebstahl, Enkeltrickbetrug (s. Artikel, S. 28), Betrügereien mit Teppichen, Lederjacken und beim Verkauf von falschem Goldschmuck aktiv, sagt Martin Sorg, Sprecher der Kantonspolizei Zürich. Bei praktisch allen durch Roma verübten Delikten handle es sich um sogenannten Kriminal­tourismus, so Sorg. Blitzkriegern aus dem Ausland gleich, fallen sie für ihre Raub- und Beutezüge über die Schweiz her, um so schnell wie möglich wieder zu verschwinden.

Die Banden, die meist aus Rumänien, Bulgarien, Serbien und Kroatien stammen, spannen ihre Kinder für kriminelle Aktivitäten ein. Die Camps nahe an der Grenze, zum Beispiel im französischen Annemasse oder im Elsass, aber auch in Norditalien, dienen als Ausgangspunkte für Raubzüge. Betroffen sind vor allem der Genfer­seebogen und der Kanton Tessin, aber auch die übrigen Westschweizer Kantone und ­Basel. Die Zeiten, in denen minderjährige Roma«nur» für erfundene Taubstummen-­Organisationen bettelten, sind längst vorbei, wie die Waadtländer Kantonspolizei feststellt. Sie betätigen sich als Taschen- und Trickdiebe, beklauen vorwiegend ältere Menschen, schleichen durch Wohnquartiere und brechen notfalls mit Gewalt in Häuser und Wohnungen ein. Dann rauben sie mit grosser Geschicklichkeit und hoher Effizienz Geld, Schmuck und andere Wertgegenstände. Allein vom 1. bis zum 28. Juli vergangenen Jahres begingen die «jungen Delinquenten», wie sie die Kantonspolizei Waadt nennt, 84 Taten dieser Art.

«Sie machen eine Art Einbruchlehre»

Im Tessin verhaftete die Kantonspolizei im letzten Jahr 39 minderjährige Roma aus Camps in der Region Mailand, die nicht weniger als 95 Einbruchdiebstähle begangen hatten. Deliktsumme: 2,61 Millionen Franken. Um nicht aufzufallen, kommen die Roma ohne Einbruchswerkzeug. Sie stehlen es lieber in Gartenhäusern und auf Baustellen zusammen.

Laut Jean-Christophe Sauterel, Mediensprecher der Waadtländer Kantonspolizei, haben die Roma-Banden ihre Methoden in den letzten Jahren laufend professionalisiert. Anfänglich brachen die Erwachsenen eigenhändig in Villen und Wohnungen ein. In einer zweiten Phase chauffierten sie die Minderjährigen zu den Einbruchsobjekten. Unterdessen kaufen die Banden in Frankreich billige, schrottreife Autos, die mit einem regulären Nummernschild ausgestattet sind. Dann fahren 14-jährige Teenager mit den Fahrzeugen über die Grenze. Für ihr Handwerk sind sie bestens ausgerüstet. «Sie machen eine Art Einbruchlehre», sagt Sauterel. Mit 12 Jahren lernen sie, in Häuser und Wohnungen mit offenen Türen und Fenstern zu schleichen. Mit 14 Jahren wuchten sie Türen mit Einbruchswerkzeug auf. Werden sie von der Polizei geschnappt, sind die Konsequenzen gering. Sie werden der Jugendanwaltschaft übergeben und landen vielleicht ein paar Tage in Untersuchungshaft, bevor sie zu ihrem Clan zurückkehren. Neuerdings ­holen die Eltern ihre Kinder nicht mehr selber ab. «Die Erwachsenen schieben Anwälte vor», sagt Sauterel – weil sie befürchteten, sonst für Komplizenschaft belangt zu werden.

Bettlerbanden in den Städten

Für negative Schlagzeilen sorgen die Roma derzeit auch in einem anderen Bereich. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien nicht über Bettlerbanden berichten, die sich in Schweizer Städten herumtreiben. Am akutesten ist das Problem in Genf. Zwar gilt dort seit dem 29. Januar 2008 ein Bettelverbot. Trotzdem belagern derzeit rund 200 bis 300 Bettler aus Rumänien, Erwachsene und Kinder, die Stadt. «Im Vergleich zum letzten Jahr sind sie aggressiver geworden. Sie strecken nicht mehr nur einfach die Hand aus, sondern sind penetrant, belästigen die Leute in Restaurants und stehlen an Märkten und in Einkaufszentren Lebensmittel», sagt Jean-Philippe Brandt, Sprecher der Genfer Kantonspolizei. Alle zwei Wochen räumt die Polizei Roma-Lager unter Brücken, damit sie sich nicht dauerhaft etablieren. Die Ordnungshüter entsorgen Matratzen, Fauteuils und andere Utensilien, im letzten Jahr waren es 45 Tonnen Sperrgut.

Die Polizei leistet Sisyphusarbeit. Immer wieder büsst sie die gleichen Bettler. In knapp dreieinhalb Jahren sprach die Genfer Polizei 13 634 einschlägige Bussen aus, die sich auf lediglich 1516 Personen verteilten. Das Bussgeld betrug 1 629 380 Franken, eintreiben konnten die Behörden allerdings bloss 35 177 Franken, wie der Regierungsrat in der Antwort auf ­einen parlamentarischen Vorstoss mitteilte. Die Kosten für den aussichtslosen Kampf beliefen sich auf 3 Millionen Franken.

Dass die Bettler keineswegs mausarm sein müssen, zeigt ein Vorfall, über den der Tages-Anzeiger am Montag berichtete. Sicherheitsleute wollten Ende Januar beim Shoppingcenter Spreitenbach vier Roma-Männer festhalten, die sich als Taubstumme ausgaben. Diese entkamen und machten sich in einem BMW mit bulgarischen Kennzeichen aus dem Staub.

Wie viele Bettler in Schweizer Städten unterwegs sind, lässt sich nicht genau beziffern. Wellenartig tauchen sie immer wieder an verschiedenen Orten auf, von Genf über Zürich bis St. Gallen. Im Januar und Februar nahmen Roma-Bettler die Stadt Winterthur derart in Beschlag, dass achtzig Personen die Polizei ­anriefen, wie der Tages-Anzeiger schreibt. Der Schweizerische Städteverband, die Fremdenpolizei der Stadt Bern und die Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel des Bundesamtes für Polizei (Fedpol) haben letztes Jahr ein Informationspapier zum Phänomen verfasst. Bei den Bettlern handle es sich meistens um Angehörige der Roma, bestätigen die Fachleute. Die Aktivi­täten sind organisiert. Hintermänner karren Mütter mit Babys, Kinder und Behinderte von Stadt zu Stadt. Dank der Personenfreizügigkeit können sie ohne Visum in die Schweiz einreisen (falls sie aufgegriffen werden, geben sie sich vorzugsweise als Touristen aus). Die Drahtzieher beobachten ihre Schützlinge und ziehen regelmässig das Geld ein. Als im Frühling 2009 immer mehr Kinderbettler die Stadt Bern bevölkerten, wurde die Fremdenpolizei aktiv und lancierte das Projekt «Agora», bei dem der Kinderschutz eine wichtige Rolle spielt. Sie nahm die Personalien auf, befragte die Bettler nach Auftraggebern, Reisewegen, Herkunft, sodass sie in der Ausübung ihrer ­Tätigkeit empfindlich gestört wurden. Von 2009 bis 2011 kontrollierte die Fremdenpolizei nicht weniger als 689 ausländische Bettler. Mit Erfolg. Heute meiden sie Bern.

Kinder werden verkauft oder ausgeliehen

Boris Mesaric ist Geschäftsführer der Koor­dinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel beim Bundesamt für ­Polizei und hat professionelle Täternetzwerke im Visier, die Kinder zum Betteln, Stehlen und Einbrechen rekrutieren. Auch wenn in der Schweiz bis jetzt noch kein Roma-Clanchef wegen Menschenhandels angezeigt werden konnte, ist für Mesaric klar: Die Kinder seien eher Opfer als Täter. Sie würden an die Roma-Banden, die hauptsächlich aus Rumänien und Bulgarien stammten, verkauft oder für eine bestimmte Zeit ausgeliehen. In Lagern würden sie zu professionellen Bettlern und Dieben ausgebildet. Kämen sie nicht mit einem bestimmten Geldbetrag zurück, drohten ihnen Nahrungsentzug, Schläge und mehr.

Die Roma-Netzwerke nützen das Schweizer Jugendstrafrecht geschickt und skrupellos aus. Werden Minderjährige erwischt, wandern sie in der Regel ein paar Tage in Untersuchungshaft und kehren darauf zurück in ihr Camp. Um von der Milde des Gesetzes zu profitieren, geben die Täter häufig ein jüngeres Alter an. Nur in seltenen Fällen wird der ­richtige Jahrgang anhand eines rechtsmedizinischen Gutachtens ermittelt. Das Verfahren, bei dem die Person vermessen wird, die linke Hand und die Zähne geröntgt werden, kann in komplizierten Fällen bis zu 2000 Franken ­kosten, wie die Tessiner Kantonspolizei auf Anfrage sagt.

Die Schweiz ist für Prostituierte attraktiv

Im nationalen Schaufenster stehen die Pros­tituierten, die in der Stadt Zürich auf dem ­so­genannten Strassenstrich arbeiten, am ­augenfälligsten am Sihlquai zwischen dem Escher-Wyss-Platz und dem Hauptbahnhof. Wer am Abend diese vielbefahrene Einfalls­achse passiert, wird – freiwillig oder unfrei­willig – Zeuge des regen Anschaffens, wo sich, nicht nur zur Sommerzeit, Dutzende von leichtbekleideten Damen um automobile Kundschaft bemühen.

Und die Attraktivität der Schweiz für ausländische Prostituierte ist ungebrochen. Die Zahl der Neueinsteigerinnen wächst jährlich. 2009 waren es 795, 2011 bereits 1170. Die Personenfreizügigkeit lockt nicht bloss Hochqualifizierte an, sondern auch Frauen aus den untersten sozialen Schichten, die auf den Schweizer Strassen mit schnellem Sex gutes Geld verdienen. Was die Herkunft der Prostituierten betrifft, gibt die polizeiliche Kriminalstatistik eine klare Auskunft. Die Hälfte ­aller Neueinsteigerinnen stammt einzig aus zwei Ländern: aus Ungarn (377) und Rumänien (288). Die Stadtpolizei Zürich erhebt keine ­Daten aufgrund «ethnischer Zugehörigkeit», wie Sprecher Marco Cortesi sagt. Es ist aber ein offenes Geheimnis, dass viele Dirnen aus diesen osteuropäischen Staaten Romni sind, also Roma-Frauen.

Die Stadt hat die Zulassungsverfahren seit Anfang 2011 zwar verschärft. Die Prostituierten müssen krankenversichert sein und glaubhaft darlegen, dass sie «selbstständig» arbeiten, sprich: ohne Zuhälter und auf eigene Rechnung. Die Wirklichkeit freilich sieht anders aus, gerade im Roma-Milieu. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat in den letzten Jahren mehrere Verfahren gegen Roma-Zuhälter ­geführt. In erster Instanz sind sowohl der berüchtigte «Samurai» als auch dessen Kollege «Goldfinger» verurteilt worden. Dabei war von einer «ungekannten Brutalität» die Rede.

Der «Samurai» genannte Haupttäter wurde zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren sowie einer Geldstrafe und einer Busse verurteilt, ­zudem wurde eine Verwahrung angeordnet. Die Delikte umfassten Menschenhandel, Förderung der Prostitution, Vergewaltigung, ­Abtreibung, Drohung, Nötigung, Körperverletzung et cetera.

Im jüngsten einschlägigen Urteil des Bezirksgerichts vom Januar dieses Jahres wurde ein ungarisches Roma-Paar zu teilbedingten Freiheitsstrafen von je 36 Monaten verurteilt. Es hatte eine 19-jährige Landsfrau auf den ­Zürcher Strassenstrich geführt, wo die Prostituierte in gut vier Monaten rund 70 000 Franken verdiente. Den Grossteil der Einkünfte gab sie ihrem Zuhälter ab, in den sie sich verliebt hatte und der sich als ihr Partner ausgab. Gleichzeitig war er nach wie vor mit seiner Komplizin zusammen, ebenfalls eine lang­jährige Prostituierte.

Das Muster ist typisch für das Roma-Milieu. Clanstrukturen und familiäre Bindungen in einem weiteren Sinn spielen eine zentrale ­Rolle. Es ist durchaus üblich, dass männliche Clanmitglieder Frauen und Kinder für illegale Geschäfte einsetzen. Das registrieren auch die Justizbehörden. Die «familiären Strukturen», sagt Urs Hubmann, Leiter der für organisierte Kriminalität zuständigen Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürichs, böten «den Tätern grös­sere Möglichkeiten, auf ihre Opfer Druck auszuüben». Denn die Frauen verlören «bei dieser Konstellation für den Fall, dass sie aus dem Geschäft aussteigen, nicht nur ihren ­Zuhälter, der häufig ihr sogenannter Partner ist, sondern auch ihre Familie». Die Haupt­ursachen für die «Ausbeutung» der Frauen liegen nach Staatsanwalt Hubmann «im schwierigen Arbeitsmarkt in ihrem Heimatland», in «der finanziellen Abhängigkeit von Partnern und Familien» und dem «unterschiedlichen Frauenbild in der dortigen Gesellschaft».

«Die Frauen arbeiten für die Familie»

Roma-Frauen seien aus zwei Gründen ­einem «stärkeren Griff der Unterwelt» ausgesetzt, sagt Rechtsanwalt und Milieu-Kenner Valentin Landmann. Erstens aufgrund der erwähnten Sippenstrukturen; und zweitens deshalb, weil Prostitution in den Herkunftsländern verboten ist. Die Illegalität mache das Geschäft für die Unterwelt lukrativ und erhöhe das Schutzbedürfnis der Frauen – mit anderen Worten: ihre Abhängigkeit. «Der Clan nimmt einen wesentlichen Teil des Einkommens ab», sagt Landmann. «Die Frauen arbeiten für die Familie.» Dabei, ergänzt Stadtpolizei-Sprecher Cortesi, komme «alles vor: von (Pseudo-)-Liebschaften bis zu roher Gewalt». Die Beweis- und Verfahrensführung sei deshalb sehr schwierig. «Wir stellen immer wieder fest, dass Frauen ihre Aussagen zurückziehen und ihre Peiniger entschuldigend in Schutz nehmen», sagt Cortesi. Offenbar ist die Loyalität zu Sippe, Partner oder Zuhälter – die Über­gänge sind oft fliessend – am Ende stärker.

Eine besondere Aufgabe nehmen die sogenannten Kapos wahr, weibliche Vertrauensleute der Zuhälter, die die Prosituierten vor Ort auf dem Strich kontrollieren und das Geld einziehen. Im Roma-Milieu werden sie auch «Panzer» genannt. Für die Zuhälter und Clans im Hintergrund bietet dieses System verschiedene Vorteile. Es reduziert die Notwendigkeit für die Zuhälter, selber auf der Strasse aufzutauchen – und damit auch das Risiko, erwischt zu werden. Gleichzeitig gehen die Kapos leichter unter dem polizeilichen Radar durch: «Wenn eine Frau einer andern eine Ohrfeige verpasst, mobilisiert das die Polizei weniger, als wenn sie von einem stiernackigen Zuhälter zusammengeschlagen wird», erklärt Milieu-Anwalt Landmann.

Allerdings sei es falsch, betont Landmann, in den Zigeuner-Prostituierten nur Opfer zu sehen. Von Menschenhandel könne nur in den wenigsten Fällen gesprochen werden. «Sie kommen her, weil sie gehört haben, dass man in der Schweiz gut verdienen kann», so Landmann. Der Strassenstrich erfreue sich durchaus einer gewissen «Beliebtheit» von Seiten der Prostituierten, da er «wenig Ansprüche» stelle: «Man kommt ohne Sprachkenntnisse aus und steht in der Regel spätestens nach zehn Minuten wieder angezogen auf der Strasse», sagt Landmann.

Die Tore sind offen

Kriminaltourismus, organisierte Bettelbanden, Strassenprostitution: Die Probleme, die vornehmlich aus Osteuropa stammende Roma in der Schweiz verursachen, haben auch ­politische Gründe. Das Schengen-Abkommen und die Personenfreizügigkeit erleichtern die ­kriminellen und halbseidenen Tätigkeiten in der Schweiz. Es gibt keine Grenzkontrollen mehr. Die Tore sind offen. Kritische Stimmen ­mehren sich. Die Waadtländer Sicherheits­direktorin Jacqueline de Quattro (FDP) stellt den Schengen-Vertrag nicht grundsätzlich in Frage, plädiert aber dafür, Kontrollen sporadisch auf bestimmten Grenzabschnitten ­wieder einzuführen. «Ansonsten senden wir das Signal aus, dass Kriminelle unbehelligt ein- und ausreisen können», sagt de Quattro.

Letzte Woche hat sie Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP) ermuntert, sich in Brüssel so schnell wie möglich für die Wiedereinführung von Grenzkontrollen einzusetzen. Diese habe das Pro­blem anerkannt, jedoch vor den Konsequenzen gewarnt, falls die Schweiz das Abkommen in Frage stelle. Mehr als ­Appelle an Brüssel richten kann Bern sowieso nicht. Bei der Weiterentwicklung des Schengen-Vertrags hat die Schweiz kein Mitbestimmungsrecht.

«Nicht wenig Kopfzerbrechen» bereiten die fehlenden Grenzkontrollen auch im Süden des Landes, wie der Tessiner Justizdirektor Norman Gobbi (Lega dei Ticinesi) sagt. Das Informationssystem SIS, eine Datenbank, in der Verbrecher und vermisste Gegenstände aufgeführt sind, leiste zwar gute Dienste. «Aber das Schengen-Abkommen erlaubt es nicht, in speziellen Situationen spezielle Lösungen zu ­treffen.» Dass es anders geht, demons­trierte Frankreich vor rund einem Jahr, als es vorübergehend wieder Grenzkontrollen einführte. Und erst vor knapp einem Monat hat Präsident Nicolas Sarkozy mit dem Austritt aus dem Schengen-Abkommen gedroht. Die Schweiz, wiewohl nicht Mitglied der EU, hält sich vornehm zurück. Und bleibt damit weitgehend machtlos gegen die Roma-Raubzüge.

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