Unsere tägliche Angst gib uns heute

Radioaktivität, BSE, Acrylamid, Vogelgrippe, Pestizide: Fast im Wochentakt lösen Medienberichte neue Ängste vor Gefahren aus, die, nüchtern betrachtet, minim sind. Ein deutscher Statistikprofessor deckt die Tricks auf, mit denen Massenhysterien erzeugt werden.

Von Alex Reichmuth

1865 führte England den «Red Flag Act» ein, eines der kuriosesten Gesetze der Menschheitsgeschichte. Damals rollten die ersten dampfgetriebenen Autos durch die Strassen. Das Gesetz schrieb vor, dass solche Fahrzeuge mit höchstens vier Meilen pro Stunde fahren durften, innerorts gar nur mit zwei Meilen. Zudem musste jedem Fahrzeug ein Fussgänger mit einer roten Flagge vorangehen, um Passanten zu warnen. Grund für die rigiden Vorschriften waren Ängste in der Bevölkerung, die Automobile könnten ausser Kontrolle geraten und alles niederwalzen. Das Gesetz galt bis 1896 und bremste die Entwicklung der Automobilindustrie Englands entscheidend. Der deutsche Statistikprofessor Walter Krämer führt den «Red Flag Act» in seinem Buch «Die Angst der Woche» als Beispiel an, wie übertriebene Ängste zu unsinnigen Regulierungen führen können.

Heute versetzen weniger neuartige Fahrzeuge die Bevölkerung in Angst und Schrecken, sondern Rückstände in Nahrungsmitteln und Schadstoffspuren im Trinkwasser. Dank immer besseren Messgeräten kann man im Analyselabor immer geringfügigere Mengen unerwünschter Stoffe in Essen und Trinken nachweisen. Waren es früher Tausendstelgramm einer potenziell krebserregenden Substanz, die die Zeiger der Analysegeräte ausschlagen liessen, genügen heute Millionstel- oder gar Billionstelgramm. Ob Pestizide, Dioxine oder Schwermetalle: Nachrichten, es sei wieder irgendwo ein problematischer Stoff gefunden worden, egal, wie minim er in der Konzentration ist, lösen regelmässig mediale Empörungswellen aus.

Über verzerrte Risikowahrnehmung aufzuklären, ist seit langem das Anliegen von Buch­autor Krämer, der an der Technischen Universität Dortmund lehrt. Seit Jahren sammelt er dort an einem Schwarzen Brett Meldungen, die vor Gefahren und Risiken aller Art warnen. Da steht etwa, dass sich eine aggressive Ameisenart in Europa ausbreite, Alzheimer durch Gänseleberpastete übertragen werden könnte, in Babybrei Benzol nachweisbar sei, viele Schreibtischstühle nicht sicher seien, Duschgels krebserregende Stoffe enthielten, Mittelohrentzündungen durch Luftschadstoffe begünstigt würden oder in Scheibenwischanlagen gefährliche Bakterien lauerten.

Während Walter Krämer sich bislang darauf beschränkte, mit sachlichen Argumenten zu belegen, wie vernachlässigbar die meisten solcher Gefahren sind, geht er in seinem neuen Buch den Ursachen irrationaler Ängste nach und identifiziert die «wichtigsten Zutaten» zu deren Erzeugung. Dazu zählt, den Konjunktiv fleissig zu benützen. Ein bestimmter Stoff könnte gefährlich sein, er hätte möglicherweise schlimme Folgen, wenn in grossen Mengen eingenommen – auch wenn noch nie jemand zu Schaden gekommen ist. Weiter gilt es, den Nachweis von Schadstoffen als Indiz von Gefahr zu deuten, ohne darauf einzugehen, in welcher Menge der Stoff vorhanden ist. Sollte doch eine Dosis angegeben werden, empfiehlt es sich, diese mit einer möglichst grossen Zahl auszudrücken. 500 000 Nanogramm eines Stoffes machen mehr Eindruck als 500 Mikrogramm, 0,5 Milligramm oder gar nur 0,0005 Gramm – obwohl alle Angaben dasselbe ausdrücken.

Eine weitere Panikregel lautet: Erwähne das relative Risiko, nicht das absolute. 1995 zum Beispiel traf in England die Meldung ein, wonach Antibabypillen der dritten Generation das Thromboserisiko um hundert Prozent erhöhten. Absolut gesehen, war das Risiko zwar noch immer gering: Von 20 000 Frauen, die Pillen der dritten Generation einnahmen, erlitten nur sechs eine Thrombose – während es bei solchen der zweiten Generation noch drei von 20 000 waren. Doch das war nicht zu lesen. Viele Frauen setzten die neuen Pillen sofort ab. Im folgenden Jahr gab es in England 26 000 zusätzliche ungewollte Schwangerschaften. Rund 14 000 Babys wurden abgetrieben.

Der Herdentrieb verstärkt die Panik

Krämer sieht im Herdentrieb einen weiteren Panikverstärker. Wenn der Partner, die Nachbarin und der Arbeitskollege sich alle vor ­einem bestimmten Schadstoff fürchten, bekommt man auch Angst – ohne selber überprüft zu haben, wie gross die Gefahr ist. Was in der Steinzeit noch sinnvoll war – wegrennen, wenn alle anderen wegrennen –, erweist sich in der modernen Welt als einer der Gründe, warum medial geschürten Vergiftungsängsten mit rationalen Argumenten so schwer beizukommen ist.

Man kann einwenden, Vorsicht im Umgang mit potenziell gefährlichen Stoffen oder möglicherweise schädlichen Strahlen könne doch kaum schlecht sein. Lieber ein zu strenger als ein zu lascher Grenzwert, lieber ein Verbot zu viel als eines zu wenig – um auf jeden Fall auf der sicheren Seite zu sein. Statistiker Krämer zeigt anhand vieler Beispiele, dass der ausufernde Gebrauch des Vorsorgeprinzips oft Folgen hat, die weit schädlicher als die ursprüngliche Gefahr sind. Chlor beispielsweise ist eine der wirksamsten Waffen im weltweiten Kampf gegen diverse Infektionskrankheiten wie Cholera. Die peruanische Regierung aber lehnte es Anfang der 1990er Jahre ab, das Trinkwasser mit Chlor zu desinfizieren, weil sie von Studien zur potenziell krebserzeugenden Wirkung von Chlor gehört hatte. Eine massive Cholera-Epidemie kostete dann etwa 7000 Peruanern das Leben.

Tödliche Asbestsanierungen

Ein anderes Beispiel sind Asbestsanierungen. Wie die Wissenschaftszeitschrift Science errechnete, stirbt in den USA jährlich höchstens ein Mensch von zehn Millionen wegen erhöhter Asbestbelastung in den Schulen. Dagegen kommen von zehn Millionen Schülern jährlich über 300 durch Verkehrsunfälle ums Leben. Science wies nach, dass Schüler, die wegen Asbestsanierungen schulfrei bekamen, von mehr Verkehrsunfällen betroffen waren, weil sie sich vermehrt auf den Strassen statt im Schulzimmer aufhielten. Letztlich waren darum mehr Todesfälle zu beklagen, als durch Asbest selbst im schlimmsten Fall zu befürchten gewesen wären. Auch die Beipackzettel der Medikamente schaden vermutlich mehr, als sie nützen. Weil die Patienten nicht einschätzen können, wie unwahrscheinlich die meisten der angeführten Nebenwirkungen sind, verzichten viele von ihnen auf die entsprechenden Medikamente. Dadurch schaden sie ihrer Gesundheit aber um das Hundert- oder Tausendfache stärker, als wenn sie das Risiko von Nebenwirkungen eingegangen wären.

Es sei absurd, schreibt Walter Krämer, dass angesichts immer hochwertigerer Nahrung, immer besserer Luft und immer höherer Lebenserwartung die Vergiftungs- und Verseuchungsängste in der Bevölkerung ständig zunehmen. Als mitschuldig daran bezeichnet er das weitverbreitete «Innumeratentum» – also die Unfähigkeit, Zahlen und Grössen richtig einzuordnen. Dank dieser Schwäche hätten «Panikmacher» unter Umweltaktivisten, Konsumentenschützern, Politikern, Ärzten und Pharmafirmen freie Hand, nach Belieben Verunsicherung zu erzeugen, die ihren Zielen diene. Die Folge sei eine immer weitergehende Überregulierung aller möglichen Lebensbereiche, was zu immensen Kosten und zu technologischem Stillstand führe. «Ein riesiges frei schwebendes Angst-, Protest- und Verweigerungspotenzial steht wie die Klospülung all denen zur Verfügung, die neue Ideen schon bei der Geburt ertränken wollen», lautet das bit­tere Fazit Krämers.

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