Physiker der Nation

Der Gründer des renommierten Paul-Scherrer-Instituts, Jean-Pierre Blaser, sieht die Schweizer ­Energiepolitik von Fehlinformationen bestimmt. Fakten zählten beim Atomausstieg nichts mehr, sagt der Wissenschaftler. Unser Land setze auf Wunschdenken. Von Alex Reichmuth und Oliver Bartenschlager (Bild)

Von Alex Reichmuth

«Man darf nicht zu technikgläubig sein»: Atomphysiker Blaser. Bild: Oliver Bartenschlager

Früher, sagt Jean-Pierre Blaser, hätten Politiker noch auf Wissenschaftler gehört. Früher, das war zum Beispiel in den 1960er Jahren, als es um die Gründung des Schweizerischen In­stituts für Nuklearforschung (SIN) ging. Ranghohe Politiker wie Bundesrat Hans Peter Tschudi (SP) hätten ihn in den Plänen für ein solches Institut unterstützt, so dass es verwirklicht werden konnte. Ab 1968 war Blaser erster Direktor des SIN. Heute jedoch habe die Forschung in der Politik keine Bedeutung mehr, klagt der Physiker. «Energieministerin Doris Leuthard fragt offenbar die falschen Leute.» Und in den Bundesämtern fehlten kompetente Fachleute. Darum basiere der letztes Jahr beschlossene Atomausstieg lediglich auf Wunschdenken. «Der Beschluss zur Energiewende war ein rein politischer.» Fakten zählten nichts mehr, beklagt sich Blaser.

Die Schärfe, mit der Blaser die «Verlogenheit» der Politik, insbesondere der Energiepolitik, kritisiert, kontrastiert mit seiner Erscheinung. Er wirkt wie ein freundlicher älterer Herr. Bis die ersten Worte fallen. Blaser nimmt kein Blatt vor den Mund – muss er auch nicht mehr mit fast 89 Jahren. «Das Problem ist, dass heute alle einander den grössten Blödsinn nachplappern», diagnostiziert er.

Assistent von Paul Scherrer

Jean-Pierre Blaser ist alles andere als ein ­notorischer Querschläger, sondern eine der ­bedeutendsten Forscherpersönlichkeiten der Schweiz. Wer seinen Lebenslauf durchgeht, staunt, wie viele Stationen der Atom- und As­trophysiker durchlaufen hat. Aus einer Westschweizer Familie stammend, nahm Blaser mitten im Zweiten Weltkrieg ein Studium in Chemie, Physik und Astronomie an der ETH Zürich in Angriff. Nach dessen Abschluss war er einige Jahre Assistent von Paul Scherrer, dem grossen Förderer der Atomtechnologie in der Schweiz. Es folgten ein Forschungsaufenthalt in den USA und einige Jahre als Direktor am Astronomischen Observatorium in Neuenburg. 1960 kam Blaser zurück an die ETH in Zürich, als Professor für Physik. Zeitweise stand er hier dem Departement Physik vor, das er mitgegründet hatte. Ab 1968 übernahm ­Blaser wie erwähnt die Leitung des Schweizerischen Instituts für Nuklearforschung. Zwanzig Jahre lang amtierte er als Direktor, bis er das SIN mit dem Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung zum Paul-Scherrer-Institut (PSI) zusammenführte. Zwei Jahre lang stand Jean-Pierre Blaser auch dieser Institution vor. 1990 trat er altershalber zurück.

Der ehemalige Präsident der Schweizerischen Physikalischen Gesellschaft wurde von nicht weniger als fünf Universitäten mit ­einem Ehrendoktor ausgezeichnet. Er bekam zahlreiche Preise zugesprochen, unter anderem den Krebspreis der Schweizer Krebsliga. Obwohl seit zwanzig Jahren eigentlich im Ruhestand, engagierte sich Blaser noch viele Jahre für die europäische Weltraumforschung ­sowie als Berater in Sachen Biotechnologie.

Noch heute hält Jean-Pierre Blaser regelmäs­sig Referate vor Fachpublikum – aus Freude am Diskurs, aber auch, weil ihn Sorgen umtreiben. Sorgen, dass die Gesellschaft mehr und mehr von Desinformation seitens der Behörden und der Medien gesteuert wird. Sorgen aber auch, weil er die Zukunft der Menschheit rabenschwarz sieht. Blasers Mission: sein Publikum aufklären, es auf den Boden der ­Realität zurückholen und warnen vor den Gefahren, die er kommen sieht.

Es sind aber nicht die weitverbreiteten ­Ängste, die Blaser plagen. Mit dem Rummel um den Klimawandel etwa kann er wenig anfangen. Die gängigen Modelle, gemäss denen sich die Erde wegen des zunehmenden CO2 in der Atmosphäre gefährlich erwärmt, hält er für aufgebauscht. «Realität ist, dass wir in ­einer Zwischeneiszeit leben, die gemäss historischen Zyklen sehr bald zu Ende gehen dürfte», sagt der Physiker. «Sehr bald» heisse innerhalb der nächsten paar tausend Jahre. Dass menschliche Aktivität eine Eiszeit aufhalten könne, lasse sich zwar nicht ausschliessen. «Wahrscheinlich aber kann der Mensch den Eiszeitenzyklus kaum beeinflussen.» Wenn schon, müsse man eine längerfristige Abkühlung des Weltklimas fürchten, nicht eine vorübergehenden Erwärmung.

«Angst vor Radioaktivität ist absurd»

Blaser hält auch die Furcht vor Kernkraftwerken für weitgehend unbegründet. «Die Angstmacherei vor Radioaktivität ist absurd.» Man halte sich heute an Radioaktivitäts-Grenzwerte, die, verglichen mit den Gefahren, «völlig übertrieben» seien. Es sei ein Unsinn, wenn Bundesrat und Parlament wegen eines Atom­unfalls in Japan, der bisher kein einziges ­Todesopfer gefordert habe, aus der Kernenergie aussteigen wollten. Blaser ist überzeugt, dass dieser Ausstiegsentscheid in den nächsten Jahren rückgängig gemacht werde – spätestens dann, wenn klar werde, dass die Alternativen nichts taugten.

Es sind vielmehr die dramatisch steigende Weltbevölkerung und der immer weiter wachsende Hunger nach Energie, die Jean-Pierre Blaser Sorgen machen. «Die Ressourcen der Erde sind bald aufgebraucht, aber die Zahl der Menschen steigt und steigt.» Wegen des immer höheren Wohlstands müsse man in den nächsten Jahrzehnten mit einem doppelt so hohen Energiebedarf wie heute rechnen. Appelle, Energie zu sparen, hält Blaser für nutzlos. Erdöl und Erdgas, die heute einen grossen Anteil an der weltweiten Energieversorgung ausmachen, würden aber spätestens Mitte dieses Jahrhunderts knapp. Dann sei eine «dramatische Energiewende zum Schlechteren» zu erwarten. Denn es seien keine primären Energiequellen in Sicht, die Öl und Gas ersetzen könnten. «Bei aller Sympathie für die Kernenergie: Sie hat nicht das Potenzial, die Lücke rechtzeitig zu schliessen», betont Blaser. «Am Schluss bleibt nur Kohle, die wohl noch für einige Jahrhunderte reichen könnte.» Aber wenn sich die Energieversorgung der Welt im Wesentlichen nur auf Kohle abstütze, drohe am Ende tatsächlich eine katastrophale Klimaerwärmung.

Was bedeutet es, wenn der Welt die Energie ausgeht? «Dann bekommt Thomas Malthus doch noch recht», antwortet Blaser spitz. Der britische Ökonom warnte vor 200 Jahren, es drohten grosse Hungersnöte, weil der steigenden Weltbevölkerung bald die Nahrungsmittel ausgingen. Seine düsteren Prognosen trafen bisher nicht ein. Die Produktion von Lebensmitteln stieg schneller als die Zahl der Menschen. Jean-Pierre Blaser befürchtet aber, dass die heute hochtechnisierte Landwirtschaft, die auf Transporte angewiesen ist, einbricht, sollten Öl und Gas knapp werden. «Man kann dann mit Sonnen- oder Windenergie auch keine Traktoren und Erntemaschinen betreiben, so dass die Produktion an Lebensmitteln drastisch zurückgehen wird.»

Mit technischen Innovationen, die zum Beispiel die Gewinnung von Schiefergas oder die Verwertung von Ölsand ermöglichen, liesse sich der Vorrat an fossiler Energie nur vordergründig vergrössern. «In Wahrheit steigen der energetische Aufwand und auch die Risiken stetig, um Öl und Gas zu fördern.» Irgendwann sei Schluss – spätestens dann, wenn der Aufwand die Energieausbeute übersteige.

Was Blaser prophezeit, gleicht den Warnungen des Club of Rome, der vor vierzig Jahren wegen Ressourcen-Engpässen einen Kollaps des Wirtschaftssystems und eine Dezimierung der Weltbevölkerung vorhersagte. «Ja, ich bin ganz auf der Linie des Club of Rome», bestätigt Blaser. Aber gibt es nicht die Hoffnung auf Innovationen, die völlig neue Energieformen nutzbar machen? Der ehemalige Physikprofessor winkt ab. «Man darf nicht zu technikgläubig sein.» An rechtzeitige Durchbrüche – zum Beispiel, was die Nutzung der Kernfusion angeht – glaubt er nicht.

Hart ins Gericht geht Jean-Pierre Blaser mit den Verheissungen punkto Alternativenergien. «Wind und Sonne werden bei weitem nicht in der Lage sein, den Strom aus nuklearen und fossilen Kraftwerken zu ersetzen.» Denn Solar- und Windstrom falle unzuverlässig an und sei viel zu unergiebig. Mit «dummen Sprüchen» wolle man der Bevölkerung aber weismachen, mit Alternativenergien seien künftige Energieprobleme zu lösen. So stört sich Blaser etwa an Bertrand Piccard, dem Pionier für Solarzellenflugzeuge. «Es wird suggeriert, man könne mit Sonnenstrom bald nicht nur Leichtflugzeuge, sondern auch Passagierflugzeuge antreiben.» Das bleibe aber mit Sicherheit eine Illusion. «Piccard würde gescheiter versuchen, einen ­Solarzellentraktor für die Landwirtschaft im hungernden Afrika zu entwickeln. Dann würde man sehen, dass das nicht möglich ist.» Für nicht viel aussichtsreicher hält Blaser die Idee, die Mobilität künftig mit synthetischen Treibstoffen sicherzustellen, die zum Beispiel mit überschüssigem Solar- oder Windstrom erzeugt werden. «Diese Prozesse sind wenig effizient, und solche Treibstoffe stehen wohl kaum in genügenden Mengen zur Verfügung, wenn die grosse Energiekrise kommt.»

Störende Energiekampagnen

Überall ortet Blaser Leerläufe – etwa bei der Subventionierung von Solarstrom oder bei der Förderung des sogenannten Cleantech-Sek­tors. «Der einzige Effekt ist, dass gewisse Industriezweige an Subventionen herankommen. Das globale Energieproblem aber lässt sich mit Cleantech gewiss nicht lösen.» Leider mache auch die ETH, mit der er ein Forscher­leben lang verbunden war, den Tanz um Clean­tech mit. Blaser vermutet, dass der Kampf um Forschungsgeld dabei entscheidend ist.

Generell stören Blaser die zahlreichen Energiekampagnen, die politisch gut aussähen, aber wirkungslos seien. Energiesparen mit Wärmepumpen? «Eine Illusion, der physi­kalische Gesetze entgegenstehen.» Verbot konventioneller Glühbirnen? «Eine typische Symbolhandlung ohne Nutzen.» Ressourcen schonen mit dem Bau von Nullenergiehäusern? «Das geht nicht auf, denn im Winter braucht es eben doch ein Kraftwerk, das den Strom für solche Bauten liefert.»

Hoffnung, dass solche «Lügengeschichten» bald Vergangenheit sind, hegt Blaser nicht. «Das Grundproblem ist, dass das Stimmvolk über die Energiezukunft entscheiden muss. Aber es ist gar nicht in der Lage, die langfristigen Zusammenhänge zu sehen.» Also sei der Weg frei für Fehlinformationen. Die Demokratie stosse an die Grenzen ihrer Möglich­keiten, ist Jean-Pierre Blaser überzeugt. Als ­Befürworter der Diktatur will er aber nicht miss­ver­stan­den werden. «Ich halte es mit Churchill. Demokratie ist ein miserables Regierungsprinzip, aber ich kenne kein besseres.»

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