Editorial

Einsame Banken

Der Finanzplatz hat keine Lobby mehr. Das Gerede von der ­«Weissgeldstrategie». Der ­Eigensinn des ­Joachim Gauck.

Von Roger Köppel

Es gibt keine Schweizer Politiker mehr, die für die Banken aufstehen. Unser Finanzplatz sieht sich in die «Schmuddelecke» gedrängt, im Rechtfertigungszwang, kritisiert von links bis rechts. Die Sozialdemokraten ­waren bisher verlässlich gegen alles, was die USA an grenzübergreifenden Manövern anzettelten. Sie waren gegen den Vietnamkrieg, gegen den Irakkrieg, sie waren gegen alle Ausprägungen jenes «amerikanischen Imperialismus», den sie heute im Bereich des Steuerstreits jedoch so freudig beklatschen. SP-Präsident Christian Levrat nimmt den US-Druck zum willkommenen Anlass, seine Vorstellungen vom gläsernen Bürger durchzudrücken. Er stimme allen Abmachungen der Schweiz mit den USA nur unter dem Vorbehalt zu, dass die Banken verpflichtet würden, von ihren ausländischen Kunden eine glaubhafte Bestätigung ihrer ehrlich versteuerten Gelder zu verlangen. Dass es kaum möglich ist, eine solche Forderung zu erfüllen, ficht den ehemaligen Freiburger Jungfreisinnigen nicht an.

Die Schweiz ist drauf und dran, den Weltmeistertitel zu gewinnen in der Kunst, sich selber in die Defensive zu drängen. Es ist nicht an den Banken, sich selber politisch zu verteidigen, es wäre die Aufgabe der Politik, sich hinter den Finanzplatz zu stellen. Seit Beginn der Finanzkrise allerdings sind bankenfreundliche Politiker Mangelware. Erstaunlicherweise auch bei den Bürgerlichen. FDP-Präsident Pelli wird nicht müde zu betonen, es sei ein grosser Fehler seiner Partei gewesen, sich nicht stärker von der Finanzindustrie zu distanzieren. Vor ein paar Jahren machte der Freisinn mit einer «Weissgeldstrategie» ­mobil, die dann allerdings im Sand verlief. Als einsame Rufer taten sich einzig der Genfer ­Nationalrat Christian Lüscher und der Zürcher Kantonsrat Hans-Peter Portmann hervor, ein Bankdirektor, dem dann bald einmal das Etikett der Befangenheit verpasst wurde. Wenn einer ausschert, kann er nicht mehr glaubwürdig sein.

Nicht viel besser sieht es bei der SVP aus. Die Partei ist zwar pro forma immer wieder prononciert als Gralshüterin des Finanzplatzes auf die Barrikaden gestiegen, aber am Ende fehlt der Partei im Nationalrat, wie anderen auch, eine überragende Figur mit Bankenkompetenz. Blocher kennt sich aus, ist für ­viele ausserhalb der SVP aber ein rotes Tuch. Der Finanzfachmann Hans Kaufmann war zuletzt gesundheitlich angeschlagen. Der Unternehmer Peter Spuhler hätte das Wissen, aber als ehemaliger UBS-Verwaltungsrat im Subprime-Sturm hält er sich bedeckt. Von der jüngeren Garde sind Migrations-, Kriminalitäts- und Minarett-Experten landesweit bekannt. Bankenanliegen können sie allerdings nicht überzeugend vertreten – mit Ausnahme des noch nicht nach Bern gewählten Bankiers ­Thomas Matter. Die grösste bürgerliche Partei der Schweiz leistet sich ein erhebliches fachliches Defizit im Finanzbereich. Vermutlich hat man sich bis jetzt darauf verlassen, dass es wie gewohnt am Ende Blocher richten werde.

Die allseits diagnostizierte Führungsschwäche des Bundesrates im Steuerstreit mit den USA und der EU hat auch damit zu tun, dass die relevanten Impulse Richtung Finanzplatz in der Schweiz derzeit ausschliesslich von links kommen. Die Bürger­lichen sind entweder verängstigt und eingeschüchtert, oder es fehlt ihnen eine klare Strategie. Die SVP kritisiert den Bundesrat am lautesten, aber auch sie hat bis jetzt keinen griffigen Plan vorgelegt, was genau zu tun ­wäre. Im Vakuum bewegt sich Finanzminis­terin Widmer-Schlumpf mit starker Linksneigung, um die SP für allfällige Einigungen mit den USA zu gewinnen. Die Bundesrätin will der Linken eine «Weissgeldstrategie» ser­vieren, die in Umrissen erst sichtbar wird. Niemand hat etwas dagegen einzuwenden, wenn es darauf hinausläuft, von den Bankkunden eine Pro-forma-Bestätigung dafür zu er­halten, dass sie ihre Gelder ordentlich versteuert haben. Schwierig bis unmöglich wird es, wenn die Levrat-Idee durchdringt, die Banken hätten künftig per Kontrolle sicherzustellen, dass ihre Auslandkunden ihre Guthaben auch wirklich versteuert haben. Diese Forderung würde bewirken, dass in der Zukunft kein ausländisches Geld mehr in die Schweiz flösse, weil es schlicht unmöglich wäre, den verlangten Beweisaufwand zu erledigen.

Das Gerede über die «Weissgeldstrategie» führt vom eigentlichen Problem weg: Die Schweiz muss mit den Amerikanern eine Einigung finden im Steuerstreit, der sich zu wei­teren Klagen gegen Schweizer Banken auswachsen könnte. Daneben sind mit einzelnen EU-Staaten Abkommen offen über die Ein­führung einer Abgeltungssteuer. Niemand ­verlangt von der Schweiz eine «Weissgeld­strategie» – mit Ausnahme unserer Sozial­demokraten, die den amerikanischen Druck als Hebel einsetzen. Dass wir uns überhaupt mit diesem Thema beschäftigen ­müssen, ist ein Hinweis auf die akute Schwäche der bürgerlichen Parteien. Die Linke diktiert die Agenda zum Schaden des Finanzsektors, der sich in der Vergangenheit als verlässlicher Wohlstandsbringer erwies und den man heute so achtlos im Regen stehen lässt.

Der mutmassliche neue deutsche Bundespräsident Joachim Gauck ist ein bril­lanter Redner und scharfzüngiger Freigeist. Er lobte den angefeindeten Berliner Autor Thilo Sarrazin («Deutschland schafft sich ab») als «mutig». Er kritisierte die «Occupy Wall Street»-Bewegung als «unsäglich albern». Dem deutschen Sozialstaat warf er vor, «uns erschlaffen zu lassen», was für einen Mann der Sozialdemokratie doch erstaunliche Töne ­waren. Gauck fand auch anerkennende Worte für Reformkanzler Gerhard Schröder, und obschon er von den Sozialdemokraten fürs Amt vorgeschlagen wurde, dürften die Genossen mit dem eigensinnigen Pfarrer aus dem Osten noch die eine oder andere Überraschung er­leben. Im Internet wettern bereits die politischen Linienrichter gegen den Unbequemen.

Ich habe Gauck bei einer Rede und einem Abendessen erlebt und war beeindruckt, wobei die Halbwertszeit heutiger Charisma-Politiker erstaunlich kurz geworden ist und man eher skeptisch bleiben sollte. Gauck freilich ist kein geschniegelter Blender. Er wirkt authentischer als die Kanzlerin, die wie er im Unrechtsstaat DDR aufwuchs. Man wünschte sich Sozialdemokraten wie ihn für die Schweiz. Dem Kollegen Ulrich Schmid, NZZ-Korrespondent in Berlin, ist vollauf zuzustimmen: «Bleibt Gauck, wie er ist, dann könnte es demnächst noch recht lebendig werden in Deutschland.»

Kommentare

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  • Rainer Selk
  • 28.02.12 | 08:56 Uhr

Na klar, bis die Gesetze 'stehen', gibt es wieder neue Möglichkeiten.

Das Beste, wir machen es wie COOP. Die verlangen nun, dass die tägl. Einkaufslimite für Käufe ennet der Grenze von Fr. 300.- auf Fr. 100.- reduziert werden.

Also: der Zoll als verlängerter Arm von COOPs Marketingregulativen und Kunden in die COOP zwingen und nicht erobern.

Der nächste Schritt wäre dann der weisse Heimatschutz für Migros + COOP samt zementierten Preisen. Jene sind versteckt ohnehin in diesen Wochen nach oben angepasst worden. Und auch das sollen Gesetze regeln. COOP ist doch weitgehend SP geführt, nicht?

  • Christine Joos
  • 27.02.12 | 07:07 Uhr

35% Einnahmen sind ja nicht nichts, Markus. EWS budgetiert das sogar.

Wir Kleinen geben die paar Franken Zins an, da die 35% mehr ausmachen als der Steueranstieg, aber die grossen Zinseinnehmer profitieren von der Nicht-Deklaration. Da hast Du schon recht. Aber immerhin hat der Staat die 35% und der Bürger die relative Freiheit, und wer weiss, ob einige Wanderkapitalisten Ihre Gelder nicht einfach abzögen.

Beschiss muss akzeptiert werden. Oder glaubst Du, ihn mit reastriktiven Gesetzen weg zu bringen?

  • Markus Spycher
  • 25.02.12 | 19:39 Uhr

"Streuverlust" - was für ein herrlicher Euphemismus für Steuerhinterziehung, liebe Christine. Nachdem uns letzte Woche der Banker Matter in seinem Essay in der WeWo aufgezeigt hat, dass in den letzten 20 Jahren Wertschrifteneinkommen von über 200 Milliarden CHF nicht versteuert wurden (Verrechnungssteuer nicht zurückgefordert), kannst Du vielleicht ermessen, wieviel Steuersubstrat der Schweiz allein durch diese Hinterziehung entgangen ist.
Unter "Streuverlust" verstehe ich als ausgebildeter Füsilier der Swiss Army etwas anderes :-)

  • Marco Bless
  • 25.02.12 | 10:48 Uhr

Genau, Herr Spycher... Leute, die das Bankkundengeheimnis mit Steuerhinterziehung gleichsetzen, klingen auch wie eine abgeschliffene Schallplatte. Von Peinlichkeit will ich da gar nicht reden - durch die dicke Mauer der Selbstüberzeugung, die diese Leute durch's Leben tragen, kann die Vernunft nun einmal nicht dringen.
Wie wäre es mit Moskau einfach? Ach, die verstaubten sozialistischen Ideen haben schon seit längerem Schiffbruch erlitten - also müssen wir Euch wohl hier ertragen, was nicht einfach fällt.

  • Christine Joos
  • 25.02.12 | 09:33 Uhr

Ich bin der Meinung, dass ein guter Staat seinen Bürgern Freiheiten lässt und zwar auch innerhalb der Gesetze. Darum bin ich für die Unterscheidung Steuerhinterziehung / Steuerbetrug. Jeder weiss doch: Je enger die Fesseln sind, umso vehementer wird gegen sie angegangen. Hier läge die Eigenverantwortung, die aber bedingt, dass der Staat bereit ist, mit Streuverlust (Hinterziehung)zu leben. Stattdessen würgt der Staat sie ab, und damit fördert er die Staatsverdrossenheit. Je mehr Freiheiten der Bürger bekommt, umso mehr ist er bereit zu geben. So funktionieren Schweizer. Doch es ist am Kippen.

  • Urs Bleiker
  • 25.02.12 | 01:08 Uhr

Scheinbar Themenfremd, aber auf den Punkt gebracht: Obama betreibt Guantanamo. Seit Obama Guantanamo betreibt, ist für Linke Guantanamo kein Problem mehr. Der Linke hat den Vorteil, dass er frei von jeder Moral ist: Die Person ganz allein zählt: Frau oder Mann? Weiss oder Schwarz? Linker oder Rechter? Für Linke zählen nur diese (meist biologischen Kriterien) bei einem Menschen - das führt zur linken Diskurshoheit!

  • George Lips
  • 24.02.12 | 17:48 Uhr

Gauck wird in deutschen Landen heftig, fast täglich diskutiert.Ich mag ihn nicht mit seiner etwas öligen Ausdrucksweise.Kritisieren muss man ihn nicht wegen seiner Reden aber wegen seinen Taten bzw. der Tat, die er unterlassen hat. In seiner Behörde für die Akteneinsicht für Stasiopfer hat er 40 Stasimitarbeiter beschäftigt.Toll, wenn Stasisopfer bei der Suche ihrer Akten von den Tätern eingewiesen werden. Erst der heutige Chef hat sie herausgeaschmissen, mit Rente.

  • George Lips
  • 24.02.12 | 17:41 Uhr

Nachdem ca. 1'000 Milliarden Anlagevermögen das Land in andere freundlichere Gefilde verlassen haben, wird das Steueraufkommen der Bankbranche, also Banken, Personal, ,Zuliefer- und Serivcebetriebe langsam und massiv sinken. Da werden sie dann kommen und höhere Steuern vom Mittelstand verlangen, die Widmer-Schlumpfs, Levrats und ihre Kumpane.Gleichzeitig planen diese Rechenkünstler dem Moloch und Korruptionszentrum Entwicklungshilfe pro Jahr 3 Milliarden zuzuschieben inkl. Erhöhung von 25%, von 0,4 auf 0,5 % BIP.Aber die wurden alle gewählt von der Anti-SVP-Fraktion.Sollen sie es ausfressen.

  • Markus Spycher
  • 24.02.12 | 09:45 Uhr

Ja, Leute, die Steuerhinterziehung durch dick und dünn verteidigen (warum wohl?), werden nicht nur einsam, sie werden allmählich peinlich. Sie haben lange genug genossen, jetzt ist Schluss. USA einfach und in den nächsten Flieger!

  • Simon Purestone
  • 23.02.12 | 16:48 Uhr

Auf den Punkt gebracht! Ja, die SP! Sie versucht sich immer wieder als Sauberfrau und vergisst die Gräueltaten ihrer Idole Lenin, Stalin, Mao Tse Tung uns Konsorten ab 1917 - über 100 Millionen "unfreiwillige" Re-Evolutionstote" - , welche erst das 3. Heilige Römische Reich Deutscher Nation des Adolf H. möglich machten! Dass jeder CH-Banker weiss, dass ausländische Banken keineswegs weniger "kriminell" oder unsauber handeln als CH-Banken, bringt auch nichts, solange eine scheinsaubere SP den von ihr bisher (zu Recht?) angefeindeten USA taktisch(?) Schützenhilfe leistet! CH = Weltsteuerpolizei?

  • Walter Staub
  • 23.02.12 | 10:24 Uhr

Der Bundesrat hat kapituliert. Was man auch beschliesst, die Weissgeld-Strategie wird für die Schweiz sehr negative Folgen haben. Der Finanzplatz wird einbrechen, d.h. Abbau von sehr gut bezahlten Arbeitsplätzen, bedeutend schlechter bezahlte Banken-Arbeitsplätze, einbrechen der Steuereinnahmen von Banken. Das werden auch die Staatssäckel von Bund und Kantonen erheblich zu spüren bekommen. Ich höre das Gejammer der Hundertschaften Parlaments-Naivlinge wegen fehlender Gelder zum umverteilen jetzt schon. Freuen werden sich die Fernost-Finanzplätze Hong Kong und Singapur über enorme Zuwachsraten.

 
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