Die Rückkehr der Grafologie

In vielen Firmen vertrauen die Personalchefs wieder auf die Aussagekraft der Handschrift. Hokuspokus? Nein, eine Schriftanalyse sei viel günstiger als aufwendige Assessments — und genauso aussagekräftig.

Von Daniela Niederberger

Spielt die Grafologie in der Arbeitswelt noch eine Rolle? Kaum, denkt man. Falsch: «Unsere Gutachten werden wieder vermehrt nach­gefragt», sagt Marie Anne Nauer von der Schweizerischen Graphologischen Gesellschaft (SGG). Der Aufschwung ist erstaunlich. In den achtziger und neunziger Jahren war es Standard, dass Firmen die Handschrift eines Bewerbers analysierten, um seine Eignung herauszulesen. Dann geriet die Grafologie in Verruf: Humbug, zu unwissenschaftlich, hiess es, besonders von Seiten der Universitätspsychologen, die in Personalabteilungen Einzug hielten. Assessment-Center kamen auf. Dort werden Kandidaten auf Herz und Nieren ­geprüft. Sie müssen psychologische Tests ausfüllen, sich in Gruppen behaupten, und in Rol­len­­spielen will man sehen, wie es um das Teamverhalten steht. Grossfirmen wie die UBS ­unterhalten ihre eigenen Center, für sie ist Grafologie «kein Thema».

Schockierend zutreffende Befunde

Für mittlere und kleine Firmen schon. Der Baukonzern Implenia, der Haushaltgerätehersteller Miele, die Maschinen-Fabrik Netstal, der VCS oder das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich geben grafologische Gutachten in Auftrag. Thomas Foery ist Personalchef bei Implenia. Er sagt, Assessment-Center hätten Schwächen. «Leute, die das gewohnt sind, entwickeln entsprechende Skills.» Dasselbe sagt Hans Wyssmann, Personalchef des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS): «Psychologische Tests kann man durchschauen und manipulieren. Die Handschrift dagegen ist direkt und persönlich» (SGG-Bulletin, Juli 2011).

Zudem ist ein grafologisches Gutachten billig. Es kostet 350 bis 400 Franken, «15-mal weniger, als uns der Test im Assessment-Center kosten würde», wie Foery sagt.

Hervorgehoben wird auch der praktische Aspekt. Bruno Franzen besass Interhome, eine Ferienhaus-Vermittlung. «Weil ich nicht alle Bewerberinnen und Bewerber persönlich treffen konnte, die in unseren Lokalstellen im Ausland arbeiten wollten, waren für mich die grafologischen Gutachten sehr nützlich und wertvoll» (SGG-Bulletin, Nov. 2009). Im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich haben «Beratende oft nur begrenzt Zeit, die ratsuchende Person kennenzulernen», wie der Personalverantwortliche, Jürg Enderli, sagt. Ein «Grafo» könne in «effizienter Weise viele wertvolle Informationen liefern».

Kosten und Effizienz in Ehren, doch was kann ein Grafo über einen Menschen aussagen? Franzen sagt: «Die meisten Bewerber waren erstaunt bis schockiert über die treffenden Feststellungen über ihre Person.» Jürg Enderli hat bemerkt, dass andere Testverfahren die «grafologischen Befunde oft ergänzen beziehungsweise bestätigen». Thomas Foery hat an der Universität Psychologie studiert. Bei einer seiner ersten Stellen kam er mit Grafologie in Kontakt. Dort war das «ein Must». Er sei «negativ eingestellt» gewesen. Nach jahrelanger Erfahrung kann er sagen, dass er «noch nie ein Grafo sah, das inhaltlich völlig danebenlag». Wichtig sei, mit einem erfahrenen Grafologen zusammenzuarbeiten. Bei Implenia lässt man sporadisch Grafos anfertigen, um den «Eindruck zu überprüfen, den wir haben». Basis für eine Einstellung sei aber das Interview. Der Kandidat wird mit dem Gutachten konfrontiert. «Das ist fast interessanter als das, was im Papier steht», sagt Foery.

Danach sinkt die Hemmschwelle für ein persönliches Gespräch, wie auch Nicole Kreyenbühl feststellt. Sie war Personalleiterin bei Miele Schweiz und besprach die Gutachten jeweils mit den Bewerbern. «So üben wir Tiefgang und lernen den Menschen noch besser kennen», sagte sie in einem Interview. Bei einem Mitarbeiter im Aussendienst stand: «Weiterentwickeln kann er sich in Bezug auf Einfühlungsvermögen sowie Flexibilität und Geschmeidigkeit im Kontaktverhalten und Kundengespräch.» Man sei dankbar gewesen für die Hinweise und habe den Mitarbeiter entsprechend «begleiten» können.

«Ein gewisses Umdenken»

Fritz Lang war zwölf Jahre Personaldirektor der Stadt Winterthur, zuvor Leiter des kantonalen Personalamts. Der studierte Jurist schwört auf die Grafologie. Sie sei effizient und gleich aussagekräftig wie Einzel-Assessments, vor allem hinsichtlich Persönlichkeit, Arbeitshaltung und Intelligenz. Er stiess mit seiner Überzeugung oft auf Skepsis, konnte jedoch wiederholt «bei Behördenmitgliedern und Kaderangehörigen ein gewisses Umdenken konstatieren».

Seit 2005 gibt es den geschützten Titel «Fachpsychologe in Schriftpsychologie». Ein solcher erkenne und analysiere das Schriftbild als Ganzes, sagt Marie Anne Nauer. Es gehe nicht ums simple Vermessen: Der macht solche Unterlängen, also ist er so und so. Man schaue: Wie bewegt sich einer im Schreib­raum? Wie wirkt die Bewegung? Nauer stellt trotz des vermehrten Interesses fest: Viele geben ungern zu, dass sie die Dienste von Grafologen in Anspruch nehmen.

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