Essay

Herr General ist weiblich

Der Frauenanteil in den Armeen nimmt weltweit zu. Obwohl die Soldatinnen kaum kampferprobt sind, geniessen sie die gleichen Privilegien und Chancen wie die gefährlicher lebenden Männer. Das ist ungerecht.

Von Martin van Creveld

Eher ungefährdet: Befehlshaberin Woodward. Bild: US Air Force

In allen modernen Industrieländern tauchen immer mehr Vertreter einer neuartigen Gattung Mensch auf – weibliche Generäle, in makelloser Uniform (vorzugsweise Rock statt ­Hose, wenn sie nicht gerade im Feld sind), mit den üblichen Insignien und reihenweise Ordensspangen. Ihnen und den anderen Soldatinnen begegnet man an den unterschiedlichsten Arbeitsplätzen: Sie leiten Stützpunkte, kümmern sich um Logistik und Transport, sind in der Verwaltung oder im medizinischen Bereich tätig, oft auch in militärischen Nachrichtendiensten, wo sie Informationen über den Feind sammeln.

Vor ein paar Wochen wurde in Israel der erste weibliche Generalmajor ernannt. Orna Barbivay, die als fähige Administratorin gilt, wird in den nächsten Jahren die Personalabteilung der israelischen Streitkräfte leiten und damit zuständig sein für Millionen von Soldaten – Männer und Frauen, Aktive, Reservisten und Veteranen. In Israel und anderswo findet man weibliche Soldaten sogar auf Kriegsschiffen oder als Pilotinnen.

Der Chef an vorderster Front

Feministinnen sehen darin eine überfällige Korrektur einer Benachteiligung von Frauen in der schlechten alten Zeit, als die Ärmsten nicht dienen durften, geschweige denn in ranghohe Positionen aufsteigen konnten. Bei genauerer Betrachtung stellt sich die Situation jedoch ­etwas anders dar. In Wahrheit genies­sen Frauen unerhörte Privilegien.

Seit der Zeit, als die Römer tapfere Kämpfer zu Zenturionen ernannten, sind solche Beförderungen fast immer denjenigen zuteilgeworden, die sich im Kampf hervorgetan haben. Man ging davon aus, dass nur derjenige, der selbst sein Leben eingesetzt hat, das Recht ­haben solle, andere auf dem Schlachtfeld zu befehligen. Sogar die Herrscher zogen in die Schlacht. Von Leonidas über Alexander den Grossen, König Harald von England, Richard Löwenherz bis zu Gustav Adolf von Schweden – die Liste der Heerführer, die, an der Spitze ihrer Truppen stehend, im Kampf fielen oder verwundet wurden, ist lang.

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts zogen Könige nicht mehr ins Feld, aber für Offiziere galt weiterhin, dass sie an der Spitze ihrer Heere standen. 1796 führte Napoleon, der 27-jährige Oberbefehlshaber der Italienarmee, eine ­Fahne in der Hand, seine Männer über die ­Brücke von Arcole gegen die Österreicher. ­Seine späteren Kommandeure verhielten sich nicht anders, wie etwa Feldmarschall Lannes 1809 in der Schlacht bei Aspern.

Diese Beispiele liessen sich endlos fortsetzen. Viele Kommandeure im Zweiten Weltkrieg hatten als Leutnants in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs ihre Männer geführt. Das gilt etwa für Erwin Rommel, George Patton und die höchsten Luftwaffenkommandeure aller kriegführenden Mächte. 1945 weigerte sich einer von Hitlers Feldmarschällen, einem Oberstleutnant das Ritterkreuz mit Eichenlaub zu verleihen, da es ­seiner Ansicht nach die selbstverständliche Pflicht ­eines Regimentskommandeurs sei, einen ­Gegenangriff mit Maschinenpistolen und Handgranaten zu führen. In den arabisch-israe­lischen Kriegen sind auf beiden Seiten Generäle gefallen, darunter auch ein ägyptischer Stabschef, den es während eines Truppenbesuchs am Suezkanal erwischte.

Bis heute werden in allen modernen Streitkräften (mit Ausnahme der Schweizer Armee, die in den letzten zwei Jahrhunderten kaum einen Schuss abgegeben hat) vorzugsweise ­Angehörige der kämpfenden Truppe befördert. Diese Praxis erscheint sinnvoll und moralisch gerechtfertigt. Schliesslich sollte kein Kommandeur seinen Untergebenen etwas befehlen, was er nicht schon viele Male selbst getan hat.

Die Situation weiblicher Kommandeure war und ist dagegen völlig anders. Zwar kennt die Geschichte mehr als nur eine Frau, die, meist in Vertretung eines männlichen Verwandten, ein Heer führte. Solche Frauen unterschieden sich von ihren männlichen Kollegen aber insofern, als sie, wenn überhaupt, nur sehr selten aktiv am Kampf teilnahmen. So rief die alttestamentarische Prophetin Debora das Volk Is­rael auf, sich gegen die Kanaaniter zu erheben, doch es war Barak, Sohn des Avinoam, der das Kommando führte und auch kämpfte. Das Gleiche gilt für viele ihrer Nachfahrinnen, einschliesslich Königin Elisabeths I. Als Amazone gekleidet, sprach sie während einer Truppeninspektion zu ihren Männern, aber das Kommandieren und Kämpfen gegen die spanische Armada überliess sie ihren Offizieren.

Auch heute machen weibliche Offiziere, anders als ihre männlichen Kollegen, typischerweise Karriere, ohne je im Gefecht gestanden zu haben. Zum Beispiel Major General Margaret Woodward, die Befehlshaberin der amerikanischen Luftstreitkräfte über Libyen, deren Sitz in Deutschland ist, hat nie ein Kampfflugzeug geflogen. Natürlich kann man ihnen das nicht zum Vorwurf machen. In den letzten vierzig Jahren, seit immer mehr Frauen zum Militär gegangen sind, haben nur wenige Luftwaffen- und Marinegeschwader an intensiven Kriegshandlungen teilgenommen. Die Zahl der Kriegsschiffe, die unter Beschuss gerieten, lässt sich an einer Hand abzählen. In diesen Luft- und Marinestreitkräften tun viele männliche Soldaten sämtlicher Ränge Dienst, die noch nie in ein Gefecht verwickelt waren und das auch weiterhin nicht befürchten müssen.

Zudem werden in den meisten Armeen Frauen von der kämpfenden Truppe ausgeschlossen, also von Artillerie, Infanterie, Panzertruppen, Pionieren. Mit gutem Grund. Von hundert Frauen, die sich für einen Lehrgang der kanadischen Infanterie meldeten, hat nur eine diesen erfolgreich absolviert. Später stellte sich heraus, dass sie aus einer Holzfällerfamilie kam.

Karriere in klimatisierten Räumen

Bis heute ist es so: Je grösser die Wahrscheinlichkeit, dass eine Waffengattung, Abteilung oder Einheit in den Kampf zieht, desto geringer ist der Frauenanteil. Man nehme nur die Vereinigten Staaten, die grösste Militärmacht der Welt. Den höchsten Frauenanteil, etwa achtzehn bis zwanzig Prozent, weisen Air Force und Navy auf. Kein Zufall, denn der Anteil der kämpfenden Truppe ist dort sehr niedrig. Bei der Luftwaffe kommen auf jede Person, die ein Flugzeug lenkt oder zur Besatzung eines Flugzeugs gehört, fünfzig andere, für die das nicht gilt. Beim Heer liegt der Anteil bei ­etwa zwölf Prozent, bei den Marines bei nur sieben Prozent. Auch das ist kein Zufall, denn die Marines werden meist als Erste in Marsch gesetzt, wenn irgendwo Unruhen ausbrechen.Die US-Infanterie im Irak, eine rein männliche Truppe, ­operierte klaglos bei vierzig Grad, ging auf ­Patrouille und erlitt Verluste. Derweil tat ein unverhältnismässig grosser Anteil von Soldatinnen innerhalb der grünen Zone Dienst: in der Verwaltung, bei der medizinischen Versorgung von Kranken und Verwundeten und bei der Truppenverpflegung, durchweg in klimatisierten, wenn auch spartanischen Räumen.

Diese Verhältnisse zeigen sich auch in den Verlustziffern. Während der Frauenanteil in der US-Armee bei etwa sechzehn Prozent liegt, betrug dieser Anteil bei den Truppen, die zwischen 2003 und 2010 im Irak stationiert waren, nur sieben Prozent. Ihr Anteil bei den amerikanischen Gefallenen lag bei knapp über zwei Prozent. Mit anderen Worten, Männer waren achtmal gefährdeter als Frauen, die die gleiche Uniform trugen und denselben Status genossen. Die Verluste bei den privaten Sicherheitsfirmen, die praktisch ausnahmslos Männer beschäftigten, sind hier noch gar nicht mitgezählt.Und noch ein anderes Beispiel: In der israelischen Armee liegt der Frauenanteil bei rund 26 Prozent. Da sehr wenige Frauen Reservedienst leisten, sinkt dieser Anteil im Kriegsfall. Unter den rund 130 israelischen Soldaten, die 2006 im zweiten Libanonkrieg getötet wurden, war nur eine Soldatin. Wer immer die Verantwortung dafür trägt, im Ernstfall, das heisst im Gefecht, leisten Soldatinnen einfach nicht ihren Beitrag.

Ein ähnlicher, etwas exotischerer Fall ist die weibliche Leibgarde von Oberst Gaddafi, die Mitte der neunziger Jahre mit grossem Tamtam aufgestellt wurde. Gern umgab sich der Diktator mit seinen Leibwächterinnen und liess sich mit ihnen fotografieren. Diese «Jungfrauen» sollten für ihn kämpfen und mit ihm sterben. Seit dem Beginn der Unruhen in Li­byen im März 2011 hat man nichts mehr von ihnen gehört. Es war eben schon immer so, dass Männer das Kommando führen und auch den Löwenanteil der Gefallenen stellen, und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern.

Die Präsenz von Frauen in modernen Armeen, so eindrucksvoll sie all jenen erscheinen mag, die mit der militärischen Realität nicht vertraut sind, ist im Grunde genommen eine Farce. Es ist schon immer so gewesen: Wo Frauen sind, wird nicht geschossen, und wo geschossen wird, sind so gut wie keine Frauen.

Was also hat sich geändert? Bis etwa 1970 gab es nur sehr wenige Soldatinnen. Frauen wurden in der Regel weitestgehend von Kampf­einsätzen ferngehalten. Und weil das so war, mussten sie hinsichtlich Sold und Beförderung gewisse Einschränkungen hinnehmen. Heute sind Soldatinnen in der Situation, dass sie nicht kämpfen müssen und trotzdem alle Privilegien geniessen. Und doch klagen sie ­unablässig über Benachteiligung, Unter­drückung und Ausbeutung. Über so viel Einfallsreichtum können Männer nur ungläubig staunen. Wie schaffen die Frauen das?

 

Martin van Creveld ist Militärhistoriker und Verfasser u. a. von «Frauen und Krieg». Gerling, 2001.Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben