Sieg der Frauen

Ob im Bundesrat, an Unis oder auf dem TV-Bildschirm: Frauen haben mittlerweile in vielen wichtigen Bereichen die Nase vorn. Frauenanliegen wie das neue Namensrecht kommen einstimmig durch. ­Trotzdem beharren die Frauen auf ihrer Opferrolle.

Von Rico Bandle

Schulterzucken: Bundesrätin Sommaruga. Bild: Peter Klaunzer (Keystone)

Seit dem 22. September 2010 wird die Schweiz erstmals von einer Frauenmehrheit regiert. Die Geschlechterfrage war bei der Wahl Simonetta Sommarugas in den Bundesrat aber nur am Rande ein Thema: Ein paar alte Kämpferinnen sprachen von einem «historischen Tag», vor allem bei der jüngeren Generation lösten die neuen Mehrheitsverhältnisse bloss Schulterzucken aus. Die Gleichberechtigung ist für sie bereits so selbstverständlich, dass ihr jede Diskussion darüber so altbacken und weltfremd vorkommt, wie wenn Pädagogen über die Gefahr des Internets referieren. Auch die meisten Politiker gaben sich über die neue Frauenmehrheit gelassen: Das Geschlecht spiele keine Rolle, waren sich Vertreter von links bis rechts einig – zumindest wenn ihnen ein Mikrofon vor die Nase gehalten wurde.

Dass in einstigen Männerdomänen die ­Frauen die Mehrheit übernehmen, ist zum Normalfall geworden.

Letzte Woche wurde ­bekannt, dass das Schweizer Fernsehen mit Cornelia Bösch eine weitere Moderatorin für die «Tagesschau»-Hauptausgabe verpflichtet hat, womit bei der meistbeachteten Nachrichtensendung des Landes das ausgeglichene Geschlechterverhältnis (zwei Frauen und zwei Männer) zugunsten einer Frauenmehrheit aufgegeben wurde. Dass mittlerweile auch bei den Lehrern und Medizinern die Frauen in der Überzahl sind, ist schon länger bekannt.

Die Frauen sind still und leise auf dem Vormarsch, in vielen Bereichen haben sie die Männer längst überflügelt. Anstatt sich über diese Errungenschaften zu freuen, riefen Nostalgikerinnen am Dienstag zum Protest gegen die angebliche Diskriminierung auf. Ihre zwei Hauptanliegen: «30 Jahre nach der verfassungsmässigen Gleichstellung von Männern und Frauen in der Verfassung [sic] und 15 Jahre nach Einführung des Gleichstellungsgesetzes verdienen Frauen im Durchschnitt immer noch fast 20% weniger als Männer und erledigen einen grossen Teil der unbezahlten Haus- und Betreuungsarbeit.» So ungelenk die Formulierung, so falsch sind die angeprangerten Missstände.

Bei der Lohndiskriminierung stützen sich die Organisatoren auf eine Studie des Büros BASS aus dem Jahr 2008. Der absolute Lohnunterschied beträgt laut der Studie zwar knapp zwanzig Prozent, wenn man aber die Qualifikation, die Branche etc. mitberücksichtigt, schrumpft die Differenz bereits auf weniger als zehn Prozent zusammen. Und auch dieser Unterschied ist in der Fachwelt umstritten: Gross angelegte Lohnvergleiche über Branchen hinweg sind äusserst schwierig her­zustellen, oft fehlen den Frauen wegen der Kinderpause einige Jahre Berufserfahrung. Würden Frauen tatsächlich bei gleicher Leistung billiger arbeiten, würden gewinnstrebende Firmen längst mehr Männer durch Frauen ersetzen.

Der zweite angeprangerte Missstand, dass Frauen deutlich mehr unbezahlte Haus- und Betreuungsarbeit leisten als Männer, stimmt zwar, die Betrachtungsweise ist aber in dieser Einseitigkeit unhaltbar. Wenn man die bezahlte und die unbezahlte (Haus-)Arbeit zusammenrechnet, arbeiten Männer und Frauen im Durchschnitt etwa gleich viel, in gewissen Lebensphasen sogar mehr. Väter mit Klein­kindern zum Beispiel arbeiten 73 Stunden pro Woche, Mütter 71 Stunden, wie der Schwei­zerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zu entnehmen ist.

Eine sachliche Diskussion über Geschlechterfragen scheint heute aber kaum möglich zu sein, zu emotional und ideologisch geladen ist das Thema. Das zeigte sich letzte Woche wieder, als im Ständerat die Revision des Namensrechts zur Debatte stand. Dabei ging es um die alte feministische Forderung, dass der Name des Mannes bei der Eheschliessung nicht mehr automatisch zum Familiennamen werde. Die Initiantin der parlamentarischen Initiative, SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer, hatte im Vorfeld die möglichen Gegner der Vorlage als «die letzten Machos» ver­unglimpft. Am Schluss stimmte kein einziger Vertreter dagegen, niemand wollte sich so kurz vor den Wahlen der Gefahr aussetzen, sich am nächsten Tag in den Zeitungen als «Frauenfeind» gebrandmarkt zu sehen.

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter resümierte bereits 2004: «Der Feminismus hat die ideologische Schlacht gewonnen. Er verfügt heute über eine beträchtliche moralische Macht und die Fähigkeit, Schuldgefühle zu erzeugen.» Die Professorin an der Pariser Eliteuniversität Ecole polytechnique zählt notabene selbst zu den Feministinnen, ihr Buch «Mutterliebe», in dem sie den an­geborenen mütterlichen Instinkt in Abrede stellt, löste 1980 eine breite Kontroverse aus. Heute kritisiert sie die einseitige Opferhaltung der Frauen – obwohl sich diese politisch ausgezahlt habe: «Diese systematische Viktimisierung hat natürlich auch ihre Vorteile. Zunächst einmal fühlt man sich sofort auf der richtigen Seite der Barrikade. Nicht nur, weil das Opfer immer recht hat, sondern auch, weil es im selben Masse Mitleid erweckt, wie der Täter gnadenlosen Hass auf sich zieht.»

Frauenbonus bei Strafdelikten

Der Erfolg der Opferhaltung zeigt sich unter anderem bei der Rechtsprechung: Bei Scheidungsfällen entscheiden die Richter im Zweifelsfall grundsätzlich zugunsten der Frau. Zudem würden Frauen bei Strafdelikten milder beurteilt als Männer, so ein oft gehegter Verdacht. In den USA ist dies wissenschaftlich belegt, im deutschsprachigen Raum finden sich kaum neuere Studien dazu, niemand wagt sich auf dieses heikle Gebiet. Einzelfälle von erstaunlich milden Bestrafungen von Frauen finden sich viele. Insbesondere bei Kinds­tötungen müssen Frauen selten mit einer harten Strafe rechnen – im Gegensatz zu Männern. Vor einigen Jahren gab ein deutscher Richter in der Zeitschrift für Rechtspflege offen zu, dass er jeweils einen Frauenrabatt gebe, «weil es Frauen im Leben schwerer haben».

Unerklärlich aus heutiger Sicht ist auch das frühere Rentenalter der Frauen, zumal sie im Durchschnitt mehrere Jahre länger leben als Männer und gesundheitlich weniger gefährdet sind. ›››

Der Aufstieg der Frau zeigt sich am deutlichsten in den Schulen und Universitäten. Die Entwicklung ist seit vielen Jahren un­gebrochen: Je höher das Schulniveau, desto höher ist der Anteil der Mädchen (siehe Ta­belle Seite 45). Im Kanton Zürich lag im Schuljahr 2007/2008 der Bubenanteil in der tiefsten Sekundarstufe, der Sek C, bei 60 Prozent. In der höchsten Stufe sind die Mädchen in allen Kantonen deutlich in der Überzahl. Das war nicht immer so, wie die Statistik zu den Gymnasialabschlüssen zeigt: Waren 1980 noch 42 Prozent aller Maturanden in der Schweiz Frauen, waren es 2009 bereits 58 Prozent.

Sind Buben in dieser Zeit dümmer geworden? Oder stimmt der Befund des Spiegels, der 2007 in einer Titelgeschichte von «zielstrebigen Mädchen» und «laschen Jungs» sprach? Der Solothurner Pädagogikprofessor Markus Neuenschwander ortet das Problem woanders: Der geringe Bubenanteil in anspruchsvollen Ausbildungen hänge mit dem Anforderungsprofil zusammen, das eher auf Mädchen zugeschnitten sei. «Im Kanton Bern ist beispielsweise das Kriterium Lern- und Arbeitshaltung im Übertrittsverfahren wichtig, was die geringe Quote von Jungen in der Spez Sek erklärt. Im Kanton Basel-Stadt spielt dieses Kriterium eine weniger zentrale Rolle, weshalb der Männeranteil im Gymnasium überdurchschnittlich hoch ist», schreibt er in einer Studie.

Parallel zum schulischen Aufstieg der Mädchen sinkt das Image der Buben, die zunehmend als Störfaktor empfunden werden: Sie gelten als verhaltensauffällig und potenziell gewalttätig. Diese Entwicklung findet auch die Leiterin des Zentrums Gender Studies ­(Geschlechterforschung) an der Universität Basel, Andrea Maihofer, hoch problematisch: «Die Buben wachsen mit einem Männlichkeitsbild auf, mit dem sie in der Schule dann voll ins Messer laufen.»

«Männer sind überflüssig»

Gegen die mächtige Stellung der Frau erwächst durchaus Widerstand. Nur: Vertreter von Männerorganisationen nehmen oft genau dieselbe weinerliche Opferhaltung ein wie die alten Feministinnen. Liest man deren Pamphlete, so könnte man meinen, die Frauen seien alle rachsüchtige, herzlose Ungeheuer. Ersetzt man in diesen Schriften das Wort «Frau» durch «Mann», ist man nicht mehr weit entfernt von alten radikalfeministischen Schriften wie dem berühmt gewordenen «Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer» von Valerie Solanas aus dem Jahr 1996.

Der beispiellose Erfolg der Frauenbewegung in den letzten fünfzig Jahren wird kaum je als solcher beschrieben – sonst könnte noch jemand die Privilegien und Fördermassnahmen in Frage stellen. Umso häufiger wird dafür der «Niedergang des Mannes» zum Thema gemacht. Unzählige Bücher sind dazu erschienen, sie tragen Titel wie «Die Krise der Kerle», «Der Mann. Ein Irrtum der Natur?» oder «Was vom Manne übrig blieb». Letzteres stammt vom Schweizer Sozialwissenschaftler Walter Hollstein, einem der bekanntesten «Männerforscher» im deutschsprachigen Raum. Er ­ortet eine tiefe Verunsicherung bei den Männern: «Das traditionelle Männerbild wird überall kritisiert; Männer werden als Defizitwesen hingestellt, die schon mit grossen ­Defekten auf die Welt gekommen sind und ­eigentlich alles nur falsch machen.»

Zu den Pionieren im Formulieren maskuliner Untergangsszenarien gehört der US-Anthropologe Lionel Tiger, der bereits 1999 im Buch «The Decline of Males» düstere Prognosen für das einst starke Geschlecht formulierte. Noch heute ist Tiger omnipräsent, in Referaten und Interviews verbreitet er die These, der Mann werde bald ganz überflüssig sein, das zeige sich auch daran, dass Buben in Schulen mit Ritalin zu Mädchen gemacht würden.

Im letzten Jahr griff auch das angesehene US-Intellektuellenmagazin The Atlantic das Thema auf, die Titelgeschichte der Juniausgabe lautete: «The End of Men: How Women Are Taking Control of Everything» (Das Ende der Männer: wie Frauen überall die Macht übernehmen). Darin ging es unter anderem um die Frage, weshalb die Anzahl Heiraten und die Anzahl Geburten in den letzten vierzig Jahren markant gesunken sind. Als eine Erklärung wurde genannt, dass viele beruflich erfolg­reiche Frauen keine Männer mehr fänden, die ihren Ansprüchen genügten.

«Plötzlich scherten sie aus»

Frauen und Beruf – in diesem Bereich orten Gleichstellungsbüros die grössten Ungleichheiten. Tatsächlich sind die Top-Kaderpositionen vorwiegend von Männern besetzt. Auch an den Universitäten liegt der Frauenanteil bei den Professoren bloss bei sechzehn Prozent, obwohl die Studentinnen die Mehrheit bilden. Die Gender-Forscher sprechen von einer «gläsernen Decke», die die Frauen auf dem Karriereweg stoppe, an den Unis hat sich der Begriff «akademisches Frauensterben» durchgesetzt.

Die Gleichstellungsbüros sind überzeugt: Die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist in erster Linie für den geringen Frauenanteil in Top-Positionen verantwortlich. ­Eine Ausrede, meint die Feministin und frühere Chefredaktorin der linken Tageszeitung Bascha Mika. In ihrem kürzlich erschienenen Buch «Die Feigheit der Frauen» moniert sie, die Frauen wollten solche Top-Jobs gar nicht: «Immer wieder bin ich in den vergangenen Jahren Frauen begegnet, die mich irritiert haben. Klug und gut ausgebildet waren sie, traten selbstbewusst und eigenständig auf [. . .]. Und plötzlich scherten sie aus – verabschiedeten sich von ihren früheren Wünschen und Ambitionen und wählten ein klassisch weibliches Lebensprogramm.» Die Frauen würden aus Bequemlichkeit ihre Mutterrolle überhöhen und sich mit Teilzeitjobs, die unter ihren Möglichkeiten liegen, zufriedengeben. Dafür seien weder die Männer noch die Gesellschaft verantwortlich, sondern die Frauen selbst.

Indirekt bestätigen Wirtschaftsvertreter Mikas These. Headhunter betonen immer wieder, dass Frauen sehr gefragt seien, dass die Firmen noch so gerne mehr Frauen im Verwaltungsrat oder in der Geschäftsleitung sähen, sich aber kaum welche finden liessen – trotz unzähliger Mentor- und Förderprogramme.

Die US-Sozialpsychologin Alice Eagly glaubt, dass sich das bald ändern wird. «Die Zeit arbeitet zweifelsohne für die Frauen, nicht nur aufgrund ihrer besseren akademischen Abschlüsse. Auch die Arbeitskultur hat sich verändert, was den Frauen mit ihren etwas anderen Präferenzen entgegenkommt», sagte sie in einem Interview mit der FAZ. In den USA sind im mittleren Management von Dienstleistungsbetrieben und in der Verwaltung die Frauen bereits knapp in der Überzahl.

Alle Indikatoren weisen darauf hin: Die Benachteiligung der Frau ist nur noch ein Mythos. Gleichstellungsbüros und Frauenprotesttage dienen dazu, diesen aufrechtzuerhalten. Und das gelingt höchst erfolgreich.

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