Editorial

Ehe

Widerstand gegen das neue Namensrecht. Sepp Blatter, Roger Federer, Arthur Cohn. Neue Theorie zu Strauss-Kahn.

Von Roger Köppel

Instinktiver Widerstand regt sich gegen den Beschluss des Ständerates, das Namensrecht postmodernen Irrlehren anzupassen. Künftig sollen Frauen und Männer frei entscheiden, welchen Namen sie sich, der Familie und den Kindern geben wollen. Bei den Kindern kann man nochmals wählen, Namenswechsel sollen erleichtert werden. Die Unübersichtlichkeit ist total. Die Familie, Urzelle der Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, wird zur Kampfzone ­einer verschärften Egozentrik. Jeder für sich, alle gegen alle. Seit Jahren erhöht das Eherecht die Konfliktgefahr und die Chancen, dass die Richter die Konflikte schlichten müssen. Sogar über den Familiennamen wird man künftig trefflich streiten können. Natürlich ist dieser neuerliche Vorstoss ein weiterer Schritt in der Zerfallsgeschichte der Familie. Man will die Bindungen lockern, die Selbstentfaltungsmöglichkeiten vermehren. Einst hiess es, die Einführung der Doppelnamen würde die Frauen befreien und die Zahl der Scheidungen verringern. Das Gegenteil trat ein. Die Feministinnen jubeln. Die Männer machen zähneknirschend mit, man möchte ja nicht als Hinter­wäldler gelten. Wir haben es schon oft gesagt: Die Frauen sind das starke Geschlecht. Sie können Kinder zur Welt bringen, zu denen sie biologisch bedingt eine viel intensivere ­Beziehung haben als der Mann. Bitte kein ­Aufschrei, meine Damen, aber es ist so. Bis vor ­kurzem hatte der Mann den Trost, dass ­wenigstens seine Kinder so heissen würden wie er. Dynastien konnten gegründet werden. Durch die neue Regelung wird er zum blossen Erzeuger und Ernährer degradiert, alles andere ist Verhandlungssache. Der Filmemacher Woody Allen bezeichnete die Ehe als Ein­richtung zur gemeinsamen Lösung von Pro­blemen, die man alleine nicht hätte. Mit dem neuen Namensrecht wird die Familie eine In­stitution zur Erzeugung von Problemen, die man gemeinsam nicht mehr lösen kann.

Die aktuell beeindruckendsten Botschafter der Schweiz im Ausland sind Sepp Blatter, Roger Federer und Arthur Cohn. Sport und Spielfilm sind nicht die natürlichen Kern­kompetenzen der Schweiz. Das macht den Erfolg der Erwähnten umso einzigartiger. Die drei könnten verschiedener nicht sein. Federer und Cohn sind unbestrittene Sympathieträger, Ausdauerphänomene und Leistungslieferanten der obersten Hubraumklasse. Umstrit­tener, angefeindeter ist Sepp Blatter, aber man verkennt seine Qualitäten. Der katholische Oberwalliser beherrscht die Kunst des Understatements bis zur Perfektion. Irgendwie schafft er es, den Fussball-Weltverband im Gleichgewicht zu halten, obschon so viel Geld vorhanden ist, dass es genügend Konkur­renten und Rivalen gäbe, die ihm liebend gern das Messer in den Rücken stossen würden. Der Machterhalt ist meisterhaft. Blatter macht sich kleiner, als er ist. Er verkauft sich als das geringere Übel. Er wirkt weniger bedrohlich unter den vielen Sultanen der Fifa, die sich an ihrem Grössenwahn berauschen. Blatter ist die ­Angela Merkel des Sports, ein listiger, strategisch denkender Mensch mit dem absoluten Musikgehör fürs jeweils Machbare. Er lässt seine Gegner auf- und ins Leere laufen. Seine grösste Schwäche ist die Eitelkeit. Er versteht nicht, warum ihn nicht alle so lieben wie er sich selbst. Er mag sich beruhigen: Neid ist die höchste Form der Anerkennung.

Was ist die Schweiz? Die Frage der Aus­länderintegration beherrscht das Land. ­Bevor man die Frage der Integration klären kann, muss man die Frage beantworten, in was man die Ausländer integrieren will. Was ist der Massstab? Es gibt verschiedene Varianten. Man kann sich die Schweiz als Tomatensuppe denken, die durch andere und neue Zutaten immer neu gewürzt wird. Am Ende bleibt die Tomatensuppe. Nennen wir es das Konzept der Assimilation. Man kann sich die Schweiz aber auch als eine Art Salat vorstellen, zusammengesetzt aus unterschiedlichen Gemüsesorten. Das wäre das Konzept der multikulturellen Patchwork-Schweiz. Die Frage nach der Identität des Landes gewinnt an Brisanz, wenn die Schweiz durch andere Länder unter Druck gerät und durch Migration in ihrem Selbstverständnis herausgefordert wird.

Ist die Schweiz nur eine Verfassung, ein Para­grafenhaufen? Oder gibt es eine spezifisch schweizerische Leitkultur, die den Sonderfall erst ausmacht? Ist die Schweiz ein säkularer Staat, oder beruht ihr Erfolg auf einer protestantisch-liberalen Weltanschauung, die zwingende Voraussetzung unserer Erfolge bildet? Es gibt auch Schweizer Katholiken, aber die Katholiken sind protestantischer als die ­Katholiken in anderen Staaten. Patriotismus ist Privatsache in der Schweiz, darum tun wir uns schwer damit. Wie viel EU verkraftet die Schweiz? Gibt es eine Schweiz ohne direkte Demokratie, Neutralität und Föderalismus? Was heisst Leitkultur in einem viersprachigen Land? Wer sind wir? Die Ur-Frage rückt ins Zentrum, wenn man die auf uns zukommenden Probleme lösen will.

Eine neue Variante zu Strauss-Kahn, die ein früherer Schweizer Staatsanwalt erwog: Stellen wir uns vor, der frühere IWF-Chef kam tatsächlich nackt aus seinem Badezimmer, als er das Zimmermädchen überraschte. Die Tür ist offen, die Frau erschrickt. Strauss-Kahn hat, wie man in den Zeitungen liest, ein Flair für Zimmerdamen. Er bietet der Hotelan­gestellten, die 700 Dollar monatlich verdient, 1000 Dollar für einvernehmlichen schnellen Sex. Die Frau willigt ein und schliesst die Tür, die immer offen ist, wenn Hotelpersonal die Zimmer reinigt. Sie vergisst, das «Do not disturb»-Schild aufzuhängen. Die Affäre beginnt. Draussen auf dem Korridor kommt eine andere Hotelangestellte vorbei. Sie möchte kontrollieren, ob die Strauss-Kahn-Suite schon gereinigt sei. Sie öffnet die Tür und sieht die beiden beim Sex. Für die Hotelangestellte, die sich bezahlen liess, gibt es nur eine Möglichkeit: Sie muss schreien und sich wehren. Sollte das Hotel herausfinden, dass sie sich von Strauss-Kahn bezahlen lässt, verliert sie ihren Job. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Die dazugestossene Kollegin rennt aus dem Zimmer, benachrichtigt das Management. Das Zimmer­mädchen, das sich von Strauss-Kahn bezahlen lassen wollte, muss, um ihr Gesicht zu wahren und ihren Job zu behalten, die Story von der Verge­waltigung erfinden. Strauss-Kahn reist überstürzt ab. Der Trick, den er schon so oft mit Erfolg praktizierte, ging diesmal schief. Wie war es wirklich? Wir werden es nie herausfinden. Aussage steht gegen Aussage. Die Wahrheit wird sich kaum ermitteln lassen.

Kommentare

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  • Max Müller
  • 28.06.11 | 18:53 Uhr

der 3. Kommentar:

Max Müller 16.06.11 11:56

Dass Männer ihren Familiennamen automatisch an Frau und Kinder weitergeben und Frauen nicht, ist ungerecht.
Bis ins 19. Jahrhundert haben die Frauen ihren Geburtsnamen behalten. Mit der Heirat nimmt man keine neue Identität an. Das revidierte Namensrecht kommt Mann UND Frau gleichermassen entgegen. Die Kinder erhalten den von den Eltern gewünschten Ledignamen oder den allfälligen Familiennamen. Die Allianznamen, wie z.B. Schneider-Ammann, Calmy-Rey, Widmer-Schlumpf, Keller-Sutter, Meier-Schatz, sind immer noch möglich.

  • Max Müller
  • 28.06.11 | 18:51 Uhr

der 2. Kommentar:

Christian Müller 11.06.11 10:43

Die Köppelschen Argumente gegen das neue Namensrecht sind eines Liberalen unwürdig. Was immer erwachsene, mündige Menschen selber entscheiden können, sollen sie selber entscheiden dürfen. Punkt.

  • Max Müller
  • 28.06.11 | 18:50 Uhr

der 1. Kommentar:
Beatrix Frey-Eigenmann 10.06.11 00:00

Roger Köppel
- Unternehmer für den Verantwortung unteilbar ist
- Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit
- Verfechter des liberalen Gedankenguts
braucht staatliche Unterstützung, um sich beim Familiennamen gegen seine Frau durchzusetzen?!

Beatrix Frey-Eigenmann (mit unerzwungenem Bindestrich)

 
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