Doppelter Doktor dank Fernstudium

Sie wollen einen akademischen Titel erlangen, studieren aber nicht an einer Hochschule? Kein Problem. Durch Partnerschaften mit ausländischen Universitäten können Schulen ohne Hochschulniveau Bachelor-, Master- und sogar Doktortitel vermitteln. Das Bologna-System macht’s möglich.

Von Philipp Gut

Weitreichende Kooperationen: Bénédict-Schule in Zürich.

Der Fall ist spektakulär. Studenten aus der ­halben Welt, vor allem aus Asien und Afrika, schrieben sich bei der Business & Management School Wettingen (BMSW) ein, um Hotelfach und andere Ausbildungsgänge zu belegen. Pro Jahr zahlten sie dafür bis zu 24 900 Franken. Als sie in der Schweiz ankamen, gab es die Schule, die zur bekannten Bénédict-Gruppe von Inhaber Heinrich Meister gehörte, nicht mehr. Die Schüler waren samt Material und Mietverträgen an eine andere Schule verkauft worden, ohne dass sie darüber informiert worden wären.

Die neue Schule, die CityU of Seattle, Zurich GmbH, erfüllte die vertraglich zugesicherten Leistungen nicht. Kurse und Praktika fielen aus, Lehrpersonal fehlte, die Studenten wurden in Kurse gedrängt, die sie nicht belegen wollten. Im Januar 2011 meldete die CityU ­unter ihrem Geschäftsführer Cemal Erinmez Konkurs an. Vor zwei Wochen erstattete das aargauische Departement Bildung, Kultur und Sport Strafanzeige gegen den gebürtigen Türken, der schon verschiedentlich in Konkursverfahren verwickelt und mit ständigen Namens- und Ortswechseln seiner Schulen aufgefallen war. Im Eigenverlag brachte der mutmassliche Betrüger, der mit Schulgeldern pro Jahr mehrere Millionen Franken einnahm, ein Buch mit dem Titel «Business plus / minus Ethics» heraus («Schöne neue Welt der ­Pseudo-Unis», Weltwoche Nr. 15/11).

Der Vorfall erstaunt: Wie ist es möglich, dass die dubiosen Machenschaften eineinhalb ­Jahre lang unentdeckt blieben?

Die Ursache liegt in einer Gesetzeslücke. «Der Kanton Aargau hat keine Aufsichtspflicht gegenüber der CityU of Seattle, da sie eine Filiale einer amerikanischen Bildungseinrichtung ist. So erlangen Studierende auch kein schweizerisches Diplom, sondern den ­Abschluss einer amerikanischen Institution. Für die City University of Seattle gilt deshalb Gewerbefreiheit», schreibt das aargauische Bildungsdepartement.

Die jüngsten Geschehnisse lenken den Blick auf einen generellen Trend. Immer mehr Schweizer Bildungseinrichtungen gehen mit ausländischen Hochschulen und Universitäten weitreichende Kooperationen ein. Dabei fällt auf: Besonders bemüht um Partnerschaften über die Grenzen hinweg sind jene Institutionen, die in der Schweiz nicht als Hochschulen anerkannt sind.

Der Grund liegt auf der Hand: Indem sie sich an ausländische Universitäten andocken, können sie ihren Studenten eine akademische Ausbildung und Titel vom Bachelor bis zum Doktor anbieten, ohne dass sie dafür die Grundlagen hätten. Es ist eine Art Bandenspiel: Via Ausland erwerben sich Schweizer Bildungseinrichtungen, die unterhalb des Hoch- und Fachhochschulniveaus angesiedelt sind, den Status einer Pseudo-Uni. Das funk­tioniert, weil die Titel nicht in der Schweiz, sondern von den ausländischen Partnerins­titutionen verliehen werden.

Selbststudium im Internet

Ein Beispiel ist die Bénédict-Gruppe, die auch nach dem mutmasslichen Betrugsfall in Wettingen mit der amerikanischen City University of Seattle zusammenspannt. Als Partner treten weiter die University of Brighton und die ­Robert Gordon University, Aberdeen, auf. Dank solchen joint programs kann an privaten Schulen wie Bénédict ein Master-Titel erlangt werden, wie ihn Hochschulen oder Fachhochschulen vergeben.

Eine andere Schweizer Schule, die sich mittels gezielter Kooperationen mit dem Ausland einen Anschein universitärer Weihen verpasst, ist Paramed, Zentrum für Komplementär­medizin, im zugerischen Baar. Sie wirbt damit, «als einzige Schule Hochschul­studiengänge im komplementärmedizinischen Bereich» anzubieten und «verschiedene Hochschulzerti­fikate» zu «entwickeln». Zu diesem Zweck ­arbeitet sie mit der Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin sowie mit dem «Inter­universitären Kolleg für Gesundheit und Entwicklung» in Graz zusammen.

Dort können Studenten gemäss Eigenwerbung einen «interuniversitären EU-Master in komplementären Gesundheitswissenschaften» erwerben. Mit einem herkömmlichen Curriculum an einer klassischen Hochschule hat das nicht mehr viel zu tun. Ein wichtiger Teil der Ausbildung ist das Selbststudium im Internet. Daraus soll ein «Problem-basierter Lernprozess in der Gruppe» entstehen, der «interdisziplinär und interhierarchisch die Ressouren der Einzelnen fruchtbar macht». Offenbar gilt: Je undurchsichtiger ein Studium, desto verschwurbelter dessen Beschreibung.

Beworben wird unter anderem ein «Upgrade-Doktorat», das im Schnellzugstempo in vier Semestern erreicht werden kann. Es be­inhaltet «Treffen im malerischen Schloss ­Seggau im Süden von Graz, viermal pro Jahr», sowie «psychosoziale Supervision in der kontinuierlichen Kleingruppe». Wer bereits einen Master der Inter-Uni erworben hat, kann sich den Doktortitel zum Sonderpreis v0n «4-mal Euro 2950, indexgesichert», dazukaufen.

Studium in Baar, Titel aus Mexiko

Eine weitere Partnerschaft geht Paramed mit der Universidad Azteca in Chalco, Mexiko, ein. Die exotische Privatuniversität spannt mit ­Bildungseinrichtungen in der halben Welt ­zusammen und verleiht Titel bis hinauf zum Doktor, darunter auch einen Master und einen PhD (Doktor) in Alternativmedizin. Eine Spezialität der Azteca-Universität ist der doppelte Doktor («Double degree PhD»).

Verantwortlich für die «europäischen Programme» der Azteca-Universität ist Gerhard Berchtold, der in Innsbruck ein Vermittlungsbüro namens Business School Direct unterhält und sich, in dieser Reihenfolge, Prof., Dr., Dr., PGDipEDM, MBA, MPA, MA, LLM nennt. Der Professorentitel (Titularprofessor) wurde ihm übrigens von der Azteca-Universität verliehen.

Die Baarer Paramed arbeitet mit den Mexikanern auf eine besondere Weise zusammen. Sie ist, wie es im Jargon heisst, der «Branch Campus», eine Art Satellit oder Ableger der Mutteruni, wobei die Dozenten von der Paramed gestellt werden. Schaut man sich die Dozentenliste an, wird schnell klar, dass nur die Allerwenigsten promoviert sind, habiliterte Privatdozenten oder Professoren finden sich keine. Als «Hauptdozierende» werden auf der Homepage geführt: Simon Becker, Akupunkteur und Herbalist; Sybille Binder-Schai, dipl. Ernährungsberaterin, dipl. Vitalstofftherapeutin, Koch, 5-Elemente-Ernährung, Pro­zess­orientierte Psychologie; Yves Bruggmann, ­dipl. Naturheilpraktiker TEN hfnh; Denise Buergmann, Tierheilpraktikerin; Getrud Fassbind, Dipl. Ernährungsberaterin HF; Carmen Fischer, Lymphdrainage; Dieter Fretz, Dr. med. vet., Leiter Spezialistenklinik Hünenberg; André Fries, dipl. Physiotherapeut;­Massimo Giarrusso, dipl. Akupunkteur und Herbalist TCM, usw.

Fragen drängen sich auf. Entsprechen solche Studiengänge seriösen Standards? Setzen sich Schweizer Institute, die mit abgelegenen Hochschulen wie der Azteca-Universität zusammenarbeiten, nicht dem Verdacht aus, jenseits kritischer Kontrollen pseudo-akademische Würden erschleichen zu wollen?

Urs Gruber, bei Paramed für die Ausbildungsprogramme verantwortlich, versteht, «dass es von aussen tatsächlich so aussehen kann». Er hält aber fest, dass sie zur Überzeugung ­gelangt seien, die Azteca-Universität sei ­«sauber».

Kritischer beurteilt Beat Schuler, Leiter des zuständigen Zuger Amts für Berufsbildung, die Lage. Hinter die Kooperation mit exotischen und eher unbekannten Hochschulen setze er «Fragezeichen». Auch mit Internet­universitäten habe es im Kanton schon Pro­bleme gegeben: «Sie waren virtuell im Wortsinn und verliehen teils abstruse Titel.»

Für Schuler ist klar: «Das Bologna-System macht es schwierig, einzuschätzen, was ein Titel noch wert ist.» Vor der europäischen Harmonisierung sei das anders gewesen. Der «dipl. Ing. FH» beispielsweise war ein geschützter ­Titel, bei dem jeder wusste, was er wert war.

Heute ist das nicht mehr so. Auch und gerade wenn sich einer wie der Europa-Vertreter der Azteca-Universität «Prof., Dr., Dr., PGDip­EDM, MBA, MPA, MA, LLM» nennt.

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