Hatte der Wetterfrosch drei Hände?

Im Fall Kachelmann steht Aussage gegen Aussage. Da die «Lausemädchen» wenig zur Klärung beitragen konnten, sollten es die Gerichtsmediziner nun richten. Doch sie tun sich schwer am lebenden Objekt, zumal wenn die Aussagen der einzigen Zeugin nebulös sind.

Von Gisela Friedrichsen

Rechtsmediziner sind bisweilen ein merkwürdiges Volk. Sie schneiden in Leichen hinein, sägen sie auseinander und lesen in Gedärmen und Innereien, was ihnen die Toten über ihr letztes Stündlein nicht mehr sagen können. Weder ein am Leben gebliebenes Opfer noch ein Zeuge, selbst wenn er direkt dabei gewesen wäre, ist gewöhnlich imstande, einen Tatablauf so genau zu schildern, wie blutunterlaufene Hämatome, zerquetschte Zungenbeine und winzige Hautschuppen es können. Zimperlich darf nicht sein, wer sich tagtäglich mit Toten unterhält. Schaurig? Makaber, grotesk? Für den Rechtsmediziner sind das keine Kategorien.

Probleme bereiten ihm eher die Lebenden. Denn die Möglichkeiten, hinter einen Sachverhalt zu kommen, sind da beschränkt. Ein lebendiges Opfer, das sich nicht erinnert — oder nicht erinnern will oder absichtlich falsch erinnert —, kann der Rechtsmediziner nicht so lange traktieren, bis er auf das erwartete oder ein überraschendes Ergebnis stösst. Vielleicht liegt es daran, dass so mancher dieser Leichenflüsterer eine besondere Lust am Selbstversuch hat.

Im Schweizer Fall Zwahlen etwa hatte ein Rechtsmediziner einen «Toast Hawaii» verzehrt und nach einer Weile des Verdauens wieder erbrochen, um am Mageninhalt der erst gefrorenen und dann aufgetauten Leiche die mutmassliche Todeszeit abzulesen.

Auch im Fall Kachelmann, der seit dem  6. September vor dem Landgericht Mannheim verhandelt wird, haben Rechtsmediziner Hand an sich gelegt, geht es hier doch um die Frage, ob das angebliche Opfer, das der Schweizer Wettermoderator in der Nacht zum 9. Februar vorigen Jahres vergewaltigt haben soll, tatsächlich vom Angeklagten verletzt wurde oder ob sich die Frau blaue Flecken an den Schenkeln, ein paar Kratzer und eine Hautschürfung am Hals selbst zugefügt hat. Dies schon einmal vorweg: Was immer sich auch in jener Nacht zwischen den beiden abgespielt haben mag — so, wie die Frau es schildert, kann es nicht gewesen sein.

«Alles- oder Nichts»-Reaktion

Der von der Verteidigung beauftragte Münsteraner Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, 71, eine über Deutschland hinaus anerkannte Kapazität in seinem Fach und unverdächtig, Gefälligkeitsgutachten zu erstellen, ging deshalb an seinen eigenen Ober- und Unterarm. Er setzte ein nagelneues, dem angeblichen Tatwerkzeug ähnliches Messer an, drückte und schabte mit Schneide und Messerrücken, mal leicht, mal mit festem Druck: Es passierte entweder nichts, oder es tat «fürchterlich weh», weil die Haut sogleich zerschnitten wurde und blutete, was sich mit den diskreten Spuren am Hals der Frau nicht in Übereinstimmung bringen liess. «Man hat ‹eine Alles- oder eine Nichts›-Reaktion», so Brinkmann lapidar.

Nun mag man einwenden, die Haut am Arm eines älteren Herrn sei kaum vergleichbar mit der Haut am Hals einer 37 Jahre alten Frau. Und auch das Messer war zwar das gleiche, aber schliesslich nicht dasselbe, das in jener Februarnacht zum Einsatz gekommen sein soll. Die Realität lasse sich durch solche Experimente niemals kopieren, gibt Brinkmann zu. Doch das Prinzip von Verletzungen zeigten solche Experimente sehr wohl an.

Brinkmann bezweifelt auch, dass die acht mal zehn Zentimeter grossen unregelmässigen Hämatome der Frau an den Innenseiten ihrer Schenkel durch Kachelmanns angeblichen Übergriff entstanden sein können. «Wir haben Stunden mit Experimentieren verbracht, haben es mit Draufknien versucht und mit Faustschlägen», sagte er vor Gericht. Einem Rechtsmediziner begegneten solche Verletzungen am ehesten in Fällen von Kindesmisshandlung, wenn eine Körperregion «nicht statisch belastet wird, sondern einer gewissen kinetischen Energie ausgesetzt ist». Der Angeklagte müsste demnach beim Vergewaltigen seine Knie mehrfach mit rohester Gewalt gegen die Schenkel seines Opfers gedrückt haben, was höllisch weh getan haben müsste. Also ziemlich unwahrscheinlich. Naheliegender ist laut Brinkmann, dass die Frau sich selbst verletzt hat, zum Beispiel mit ihren Fäusten. Auch das hat er ausprobiert.

Wäre es nicht einfacher gewesen, anstatt solche Versuche zu unternehmen, sich einfach an das zu halten, was die Frau zum angeblichen Tatablauf sagt? Leider nein. Ihre Angaben sind verschwommen und lückenhaft. Kachelmann habe das Messer waagrecht an ihren Hals «rangedrückt», sagte sie bei der Polizei. Sie habe es an der Kehle gespürt. Sie meine, es sei die Klinge gewesen. Genaueres wisse sie nicht.

Die Klinge des Originalmessers weist Einkerbungen auf, die sich auf der Haut der Frau hätten abbilden müssen, wäre es mit der gezahnten Schneide an den Hals gehalten worden. Spuren dieser Einkerbungen hat keiner der Rechtsmediziner gefunden. Die Schneide scheidet also aus.

Die Entstehung der ungewöhnlich grossen Hämatome will die Frau nicht mitbekommen haben. Erst rund neun Stunden später, beim Gang zur Toilette, seien ihr die handtellergrossen Flecken aufgefallen, gab sie an. In keiner Vernehmung beschrieb sie schmerzhafte Schläge oder sonstige Attacken gegen ihre Schenkel während der angeblichen Vergewaltigung. Alles vergessen?

Mehr als das Geplapper von Geliebten

Weder Brinkmann, den die Staatsanwaltschaft offiziell wegen Besorgnis der Befangenheit — tatsächlich wohl eher wegen seiner klaren Schlussfolgerungen — als Gutachter aus dem Prozess entfernen liess, noch der von der Staatsanwaltschaft favorisierte Heidelberger Rechtsmediziner Rainer Mattern konnten dem Gericht bisher auch nur einen stichhaltigen Beweis für die Richtigkeit der Anklage liefern. Dabei hätte ein einziges naturwissenschaftlich fundiertes Indiz mehr Aussagekraft als all das Geplapper verflossener oder aktueller Geliebten des Angeklagten, auf die das Gericht viel Zeit verwandte.

Mattern, durch Brinkmann ebenfalls zu Selbstversuchen animiert, was das Gericht sichtlich beeindruckte, trug also am 25. Verhandlungstag über Stunden seine neugewonnenen Erkenntnisse vor. Vor dem Prozess hatte er die Hämatome und Hautveränderungen noch als mit dem Tatvorwurf durchaus vereinbar bezeichnet. Bemerkenswert war nun nicht sein neues Ergebnis, nämlich ein laues «Kann sein, kann nicht sein», sondern das, worauf er bei seinen Selbstversuchen das Augenmerk gerichtet hatte. Auf jenes Messers Schneide, von der die angeblich Vergewaltigte gesprochen hatte, kam es ihm jetzt nicht mehr an. Passte ja auch nicht.

Er habe sich schon gewundert, sagte Mattern vor Gericht, dass die Frau nichts über das Zustandekommen der grossen Hämatome zu berichten gewusst habe. Auch dass an ihren Unterarmen keine blauen Flecken waren, wo man sie bei Vergewaltigungsopfern meist finde, sei merkwürdig. «Aber es ist nicht meine Aufgabe, mit ihr zu diskutieren, warum sie sich nicht erinnert.» Eine solche «Befundkombination» von derart riesigen Hämatomen an den Beinen, wie sie in der Rechtsmedizin in ähnlichen Fällen nicht bekannt seien, plus Messerspuren am Hals habe er in seiner langjährigen Tätigkeit noch nie gesehen, führte Mattern weiter aus. Hatte Brinkmann, der Gutachter der Verteidigung, die Hautrötung noch am ehesten mit eigenhändigem Kratzen in Verbindung gebracht, distanzierte sich Mattern, der Hausgutachter der Mannheimer Staatsanwaltschaft, von einer solchen Schlussfolgerung, wenn auch nicht explizit: «Eine typische Kratzverletzung ist es sicher nicht, aber möglicherweise eine atypische. Mit Kratzen geht das nicht so einfach. Aber es geht schon irgendwie», sagte Mattern.

Dann widmete er sich den Hämatomen. Seine Überlegung sei gewesen, dass Kachelmann mit seinen Knien die geschlossenen Beine der Frau auseinandergedrückt habe, eventuell mit wuchtigen «Druckstössen». Denn wenn es «die Faust» gewesen sein sollte, dann hätte «gewaltig zugeschlagen werden müssen».

Mattern hatte zu Hause die knöchernen Konturen seiner eigenen Knie, die im Gerichtssaal auf Videoleinwand betrachtet werden konnten, mit Fingerfarben markiert. Dann machte er sich über seine Ehefrau her, als Kachelmann sozusagen. «Bei ihr sind keine Hämatome aufgetreten», sagte er vor Gericht etwas ratlos, «aber Schmerzen und Gewebsverhärtungen.» Allerdings habe er gegen seine Frau auch nur dosiert Gewalt eingesetzt.

Richterin Daniela Bültmann, die einmal Staatsanwältin gewesen ist, was man ihren Fragen anmerkt, mochte von der Sache mit den Knien gar nicht lassen. «Ein statisches Beknien würde also eher nicht zu den Hämatomen passen?», fragte sie. «Aber ein Auseinanderdrücken mit gebeugtem Knie schon? Die Form der Hämatome wäre grundsätzlich mit den Knien des Angeklagten in Einklang zu bringen?» Mattern, jetzt in Erklärungsnot, weil er dies nun auch wieder nicht bestätigen wollte, zog sich auf die «Komplexität der Varianten» zurück. Alle könne man halt nicht «durchexerzieren».

 Von geschlossenen Beinen — oder krampfhaft zusammengepressten Knien — und gewaltsamen Versuchen Kachelmanns, diese auseinanderzudrücken, hatte die angeblich Vergewaltigte aber nie gesprochen. Im Gegenteil: Sie erzählte, wie Kachelmann ihren Tampon entfernte, wie er ihr Kleid nach oben schob und ihr den Slip offenbar mühelos auszog. Und die eigene Hose herunterliess. Näheres als «Er war dann wieder über mir» berichtete sie nicht. Und wo war dabei das Messer, das sie angeblich ständig an ihrem Hals spürte, so dass sie Todesängste ausgestanden habe? Hatte Kachelmann an jenem Abend drei Hände?

Als das Gericht mit dem Gutachter über die Art und Weise diskutierte, wie das Messer wohl am Hals der Frau war, und Richter Joachim Bock fragte: «Ziehen Sie daraus den Schluss, dass es immer wieder an den Hals gehalten wurde?», nickte Mattern beflissen: «Ja, mehrfach! Und unterschiedlichen Druck erzeugend!» Das könne eine Erklärung für die rätselhafte Hautabschürfung am Hals sein.

Höchstpersönliche Vorstellungen

Doch kurz vor Weihnachten, Mattern war anwesend, hatte ein Spurengutachter, der Diplombiologe Gerhard Bässler vom baden-württembergischen Landeskriminalamt, dem Gericht ausführlich dargelegt, dass sich am Rücken des angeblichen Tatmessers keinerlei DNA-Material befunden habe. Ein «gewisser Hautabrieb» wäre schon zu erwarten gewesen, falls der Messerrücken tatsächlich mehrfach an den Hals gedrückt wurde. Auch an der Messerspitze seien weder Blut noch Gewebereste festzustellen gewesen. Nur an der Klinge sei DNA von der Frau gewesen. Mit dem Griff hingegen sei nicht der Nachweis zu führen, dass Kachelmann das Messer überhaupt angefasst habe. Schon gar nicht mehrere Minuten lang, wie es die Frau beschrieb. «Er kann durchaus schon aus dem Haus gewesen sein, als sie das Messer nahm und Hautzellen von ihm auf den Griff übertrug», so Bässler. Die minimalen Spuren könnten dem Angeklagten nicht eindeutig zugeordnet werden. «Ich kann nicht entscheiden, was stattgefunden hat.» Die Spuren passten jedenfalls nicht zu den Angaben der Frau.

Warum erinnerte keiner der Richter Mattern an diese Befunde, als er sich stundenlang über alle möglichen Varianten zur Entstehung der Verletzungen äusserte? Üblicherweise geben Gerichte einem Sachverständigen sogenannte Anknüpfungstatsachen an die Hand, und zwar ehe er mit seinen Ausführungen beginnt, die er in seinem Gutachten zu erörtern hat. Hier wären es die Angaben der Frau gewesen und die Befunde des Spurengutachters. Warum liess man Mattern ungehindert spekulieren über die Experimente mit seiner Ehefrau und seine höchstpersönlichen Vorstellungen von einem Tatgeschehen, das sich so nicht zugetragen haben kann?

Nach fünf Monaten Hauptverhandlung ist in einem Strafprozess gewöhnlich klar, wohin die Reise geht. In Mannheim aber heisst es dem Vernehmen nach, die angeblich Vergewaltigte, habe in den zwanzig Stunden ihrer Zeugenvernehmung keinen überzeugenden Eindruck hinterlassen. Es heisst, ebenfalls dem Vernehmen nach, ihr Therapeut, der Heidelberger Psychotraumatologe Günter Seidler habe als sachverständiger Zeuge seinem Berufsstand alles andere als Ehre gemacht; man habe sich an den Kopf gegriffen. Die Zeugenaussagen der mit Kachelmann einst und zum Teil vielleicht heute noch verbandelten «Lausemädchen» seien, was den Tatvorwurf angeht, unerheblich. Und was die Rechtsmediziner und ihre Selbstversuche angeht — kein einziger Punkt für die Staatsanwaltschaft.

Die Staatsanwaltschaft hofft, auch dies dem Vernehmen nach, von einer Schweizer Bekannten Kachelmanns Negatives über sein Sexualverhalten zu erfahren. Das Gericht stimmte der Anregung der Staatsanwaltschaft zu. Tut man dies, wenn man einen Freispruch in Erwägung zieht? Doch Zürich ist immer eine Reise wert, also wird der ganze Tross in die Schweiz fahren, um die Zeugin von einem Schweizer Staatsanwalt vernehmen zu lassen. Dann wird man sich noch mit der Glaubhaftigkeit des angeblichen Opfers befassen müssen, mit der es offenkundig nicht weit her ist. Es wird also noch dauern. Doch was kümmert dies die deutsche Justiz? Die Zeche zahlt ja der Angeklagte.

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