«Arroganz des Abendlandes»

Erstmals spricht Fifa-Präsident Joseph S. Blatter nach der umstrittenen Vergabe der Fussball-WM an Russland und Katar. Mit seinen Kritikern geht er hart ins Gericht. Auch die Schweizer Politik enttäuscht ihn. Er bereitet sich geistig auf ein Leben nach dem Fussball vor.

Von Roger Köppel, Walter De Gregorio

«Wir gehen in die richtige Richtung mit dem Weltfussball»: Fifa-Chef Blatter, 74. Bild: Marvin Zilm

Herr Blatter, wie ist Ihre Gefühlslage nach den kritischen Reaktionen auf die Vergabe der beiden WM-Turniere an Katar und Russland? Die unterlegenen Engländer liessen noch einmal die ganze Kanalflotte auffahren. Es hagelte bösartige Schlagzeilen. Dachten Sie sich in stillen Momenten: «Undank ist der Welten Lohn»?

Undank ist der Welten Lohn, das bin ich gewohnt. Besonders, wenn ich die Medien auf dem Platz Zürich anschaue. Allerdings: Es gibt geradezu verrückte Ausnahmen, neuerdings auch in den Schweizer Zeitungen, etwa in der NZZ am Sonntag, wo eine insgesamt schlüssige Interpretation der Ereignisse zu lesen war, nämlich: Die WM-Turniere in Katar und Russland sind Ausdruck einer Strategie zur Erschliessung neuer Gebiete.

Die englischen Zeitungen kämpften mit härtesten Bandagen. Die jüngsten WM-Entscheide seien der Beweis für die Käuflichkeit der Fifa.

So ein Unsinn. Wir müssen aber präzisieren: Es gibt vor allem einen Mann, den Engländer Andrew Jennings, einen besessenen Anti-Blatter-, Anti-Fifa-Journalisten. Er verfolgt mich seit zwölf Jahren. Und er hört nicht auf, gegen mich und die Fifa zu schiessen. Es ist jedoch nicht an mir zu beurteilen, ob seine Berichterstattung einen Einfluss auf den Ausgang der WM-Vergabe hatte.

Warum gehen Sie nicht gerichtlich gegen die Verunglimpfungen vor?

Es ist systematisch. Das System wirkt über den englischen Kanal hinweg. Im Schlepptau von Jennings schreiben die deutschen Journalisten Jens Weinreich und Thomas Kistner. Dann gibt es ein paar Schweizer, die das kritiklos nachbeten. Was kann man dagegen unternehmen? Ich argumentiere, es gibt Gerichtsentscheide, die Klartext reden, aber die Argumente werden von diesen Kritikern nicht einmal zur Kenntnis genommen. Sie wärmen uralte Vorwürfe auf und wiederholen sie. Doch die Vorwürfe stimmen nicht. Die jüngste, glasklare Wahl der WM-Orte hat aufgezeigt, wie sehr sich diese extreme Fifa-Kritik auf dem Holzweg befindet. Ich finde es so kleinlich, was hier geschrieben wird. Ich staune, dass sogar qualitativ anspruchsvolle Verlage das überhaupt noch abdrucken.

Das Schweizer Fernsehen versuchte kürzlich in einer Dokumentation nachzuweisen, dass in der Fifa bestochen und betrogen wird.

Man stürzt sich auf uralte Kamellen im Zusammenhang mit dem Konkurs der Sportvermarktungsfirma ISL/ISMM. Ich wüsste nicht, was man der Fifa vorwerfen könnte. Nichts, was von juristischer Bedeutung wäre, ist dort geschehen. Die Unseriosität der Angriffe zeigt sich darin, dass man mich gar nicht erst fragt. Die Anti-Fifa-Journalisten sind nicht an der Wahrheit interessiert, sondern an der Fortschreibung ihrer falschen Vorurteile.

Es sind nicht nur Journalisten, die Sie angreifen. Roger Burden, der designierte neue Verbandspräsident der Engländer, will auf sein Amt verzichten, weil er nicht mit der Fifa zusammenarbeiten möchte. Auch der englische Premier David Cameron war geknickt. Haben Sie ihn telefonisch getröstet?

Den Gewinnern habe ich schon geschrieben, aber auch die Verlierer bekommen einen Brief von mir. England fiel in der ersten Runde mit zwei Stimmen raus. Das Verdikt war entsprechend so klar, dass kein Stichentscheid von mir nötig war. Mich überraschte ehrlich gesagt das grosse englische Lamento nach der Niederlage, ausgerechnet England, das Mutterland des Fairplay-Gedankens. «Learn to win, learn to lose», lerne zu gewinnen, lerne zu verlieren: Das haben uns doch die Engländer beigebracht. Jetzt erweisen sich einige von ihnen selber als bad losers, als schlechte Verlierer. Man kann doch nicht hinterher kommen und behaupten, der und der habe versprochen, für England zu stimmen. Die Resultate sind bekannt. Das Ergebnis fiel deutlich aus.

Die jüngste Ausgabe der Sunday Times meldet, es gebe klare Beweise dafür, dass gemäss geheimen Informanten weitere zwei Mitglieder Ihres Exekutivkomitees 1,5 Millionen Dollar kassiert haben.

Ich fordere diese geheimen Informanten auf, nach vorne zu kommen und ihre angeblichen Beweise auf den Tisch zu legen.

Nochmals: Warum gehen Sie nicht gerichtlich gegen diese Beschuldigungen vor?

Was soll ich gegen anonyme Quellen unternehmen? Man muss die Identität offenlegen. Wir haben die ersten Enthüllungen der Sunday Times ernst genommen und eine Untersuchung eingeleitet. Unsere Ethikkommission hat eingegriffen und sofort gehandelt – sechs Fifa-Offizielle wurden gesperrt. Jetzt haben wir es mit neuen Anwürfen aus dem Hinterhalt zu tun, die nicht von der Art sind, dass wir etwas tun könnten.

Treffen Sie diese Angriffe persönlich oder tropft das an Ihnen ab?

Ich schlafe immer noch gut, wenn Sie das meinen. Aber es tropft nicht einfach ab. Wir sind hier in Zürich. Die Kritik wird von den Schweizer Medien aufgegriffen. Über 300 Personen arbeiten hier bei der Fifa. Wenn der Fifa-Präsident dauernd in Frage gestellt wird in den Medien, ist das nicht erfreulich. Für meine Person gilt: Ich brauche keine kugelsichere Weste, habe mir mit den Jahren einen Schutzwall aufgebaut. Aber meine Familie im Wallis bekommt es zu spüren. Das ist sehr unangenehm, auch wenn ich aus dem Wallis Aufmunterung spüre. Ich stelle fest, dass die Medien in der Meinungsbildung erstaunlich wenig Fairplay walten lassen.

Sie fühlen sich verkannt, vor allem nach der WM in Südafrika, die Sie gegen Anfeindungen und Einspruch zu einem Erfolg gemacht haben.

Ohne unbescheiden klingen zu wollen: Vielleicht ist der Verdacht doch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass gewisse Erfolge der Fifa in den letzten 36 Jahren auch etwas mit meiner Person zu tun haben könnten. Ernsthaft: Ich frage mich einfach, wie es um die Qualitätskontrolle der Medien steht, wenn der eine dem anderen einfach unbewiesene Vorwürfe abschreiben darf, ohne Konsequenzen zu fürchten. Der bereits angesprochene Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens über die Fifa versteifte sich – auch ohne eine aktuelle Stellungnahme, die zu dem Zeitpunkt nicht möglich war – ausschliesslich auf das Negative. Wer das anschaute, musste zum Schluss kommen: Alles schlecht. Am Schluss wurde zugegeben, okay, Blatter brachte gegen breiten Widerstand die WM nach Afrika, und entgegen allen Unkenrufen wurde diese WM ein Erfolg. Das war’s dann aber auch schon. Als ob der Blatter nun wirklich gar nichts zustande gebracht hätte.

Das dürften immerhin die Russen und die Bürger von Katar ganz anders sehen.

Wir gehen in die richtige Richtung mit dem Weltfussball. Nach der WM-Ausmarchung wurde ein kurzfristiges Treffen mit Ministerpräsident Putin und mir organisiert. Als ich im Hotel ankam, traf ich auch auf die erfolgreiche katarische Delegation, die offenbar im selben Hotel logierte. Ein Katar-Offizieller sagte mir euphorisch: «Können Sie sich vorstellen, dass heute eine Milliarde Muslime gejubelt hat? Es ist eine ganze Kultur, die endlich auch einmal eine WM bekommt.» Was ist falsch daran, wenn wir mit dem Fussball in Regionen aufbrechen, wo diese Sportart ein Potenzial aufweist, das weit über den Sport hinausgeht?

Es war demnach eine bewusste Lobby-Leistung von Ihnen, die WM in die arabische Welt zu verschieben, also den sich geknechtet und verachtet fühlenden Muslimen, die im Westen oft pauschal verdächtigt werden, denen man in der Schweiz die Minarette verbietet, die spezielle Anerkennung durch die Fifa zu verschaffen? Auch die Russen haben ja das Gefühl, der Westen schaue auf sie herunter.

Es ist meine Philosophie, die Expansion des Fussballs voranzutreiben. Ich fing vor über dreissig Jahren als Entwicklungsbeauftragter bei der Fifa an. Das bin ich bis heute geblieben.

Haben Sie Reaktionen der europäischen Verlierer überrascht? Fast schien es so, als schwinge in all der Gekränktheit imperialistischer Hochmut mit gegenüber der russischen Steppe und den unterentwickelten Arabern.

Ich würde mich hüten, die Russen von oben herab zu betrachten. Russland war immer schon eine beeindruckende Macht. Ich spüre in gewissen Reaktionen tatsächlich ein wenig die Arroganz des Abendlandes christlicher Prägung. Manche verkraften es einfach nicht, wenn ausnahmsweise andere zum Zug kommen.

Handkehrum: Wenn es für die Fifa so klar ist, dass man nur noch neue Regionen erschliessen will: Warum lassen Sie die chancenlosen Europäer überhaupt noch mit Bewerbungen antreten?

Die Europäer sollen sich bewerben, denn man muss die Strategie immer wieder erneuern. Wenn ich seinerzeit nicht das Rotationsprinzip bei den Kontinenten eingeführt hätte, wäre es nie zu einer WM in Südafrika gekommen. Es ist nicht immer ganz einfach, den verschiedenen Interessen des Exekutivkomitees gerecht zu werden. In diesem Fall aber ist es mir gelungen, das Gremium von der Idee einer Rotation zu überzeugen.

Es wird in Zukunft also nur noch Fussballweltmeisterschaften in Ländern geben, die einen neuen Markt eröffnen.

Es ist nicht nur der Markt. Mir geht es nicht ums Geld. Das hat mir sogar einer meiner grössten Kritiker attestiert. Er sagte, es gehe mir nicht ums Geld, sondern um Macht. Auch das ist falsch. Es geht mir um den Fussball. Im Februar 1976 gab ich in Addis Abeba die ersten Kurse für die Entwicklung des Fussballs. Das war missionarisch, aber auf dieser Spur fahre ich weiter.

Warum sind Sie nach der Abstimmung nicht einfach hingestanden und haben den Leuten in einer präsidialen Rede erklärt, dass die Fifa einen Beitrag zur Verständigung der Völker leisten möchte, wenn sie die WM in die muslimische Welt und nach Russland trägt?

Bei der Präsentation habe ich erläutert, dass wir in zwei Regionen gehen würden, in denen der Fussball so noch nicht existiert. Ich betonte die Bedeutung des arabischen Raums. Wenn man etwas über den Tellerrand hinausblickt und sich die Spannungen vor Augen führt, die zwischen der muslimischen und der westlichen Welt bestehen, dann ist es doch eine ganz ausserordentliche Entscheidung, eine Fussball-WM in den arabischen Raum zu vergeben. So eine Entscheidung löst unglaubliche Freude aus. Es gibt ein Hurra auf der ganzen Welt. Wir bekommen Briefe aus vielen muslimischen Staaten, die sich über die Öffnung freuen. Dass diese Öffnung ausgerechnet von der Fifa kommt, einer ursprünglich westlichen, ureuropäischen Einrichtung, ist das Entscheidende.

Warum haben Sie das nicht deutlicher erklärt? Waren Sie zu schüchtern?

Nicht zu schüchtern, aber vielleicht zu bescheiden, obschon man mir diese Qualität ja oft abspricht.

Wenn man Ihre Strategie konsequent weiterdenkt, haben die traditionellen Fussballnationen keine Chance mehr.

Falsch. Aber die nächsten Gebiete, die wir dann erobern müssten, wären China und Indien.

Irgendwann werden Sie dann Europa wiederbeleben müssen, wenn sich der Kontinent wirtschaftlich so schlecht weiterentwickelt wie bisher.

Nein. Diese Gefahr sehe ich nicht. Die europäischen Ligen sind hervorragend organisiert.

Ist der europäische Fussball besser organisiert als die EU?

Meine grosse Sympathie für die EU ist ja hinlänglich bekannt, vor allem seit sich Brüssel immer wieder in sportliche Belange einzumischen versucht. Die EU ist übrigens weltweit die einzige politische Organisation, die sich so offenkundig in den Sport einmischt. Das ist weder in Asien oder in Amerika noch im Nahen Osten oder im südamerikanischen Raum der Fall. Die EU will auch im Sport das Sagen haben, dabei sollte sie sich meines Erachtens eher um die eigenen Probleme kümmern.

Auch der englische Premier Cameron fordert jetzt, nach der Niederlage, radikale Reformen für die Fifa. Ist Ihnen diese Kritik egal?

Natürlich nicht. Premierminister Cameron ist herzlich eingeladen, seine Vorschläge zu unterbreiten. Mir wurde einmal vorgeworfen, das Fifa-System sei mittelalterlich. Richtig ist: Wir haben eine eigene Struktur. Wir sind eine Art Staatenbund, 208 Verbände. Wir können nicht die Gesetzgebung jedes Mitgliedslandes beeinflussen. Das ist auch nicht das Ziel. Die Weltwoche schrieb einmal, ich sei einer der ohnmächtigsten Mächtigen der Welt. Das ist nicht ganz falsch.

Auch in der Schweiz erheben sich politische Forderungen, die Fifa solle entschiedener gegen Korruption vorgehen. Nationalräte aus dem linken wie rechten Lager stützen diese Initiativen.

Ich staune, wie hier aus der Hüfte geschossen wird. Roland Büchel, ehemaliger ISL-Mitarbeiter von der SVP, fordert mehr Staat im Sport. Der Bund will sich stärker einmischen, man möchte uns einbinden in die Politik, weil man uns «Machenschaften» andichtet, ohne selbstredend sagen zu können, was gemeint sein soll. Ich kann nur sagen: Die Fifa unternimmt alles, um Fifa-Offizielle, die sich nicht an unsere Regeln halten, zu sanktionieren. Das hat das Ethik-Komitee letzten Monat eindrücklich gezeigt. Kein staatliches Gericht hätte innert einer solch kurzen Zeit ein Urteil fällen können. Wenn der Staat jedoch der Meinung ist, dass Verhaltensweisen von Fifa-Offiziellen allenfalls auch strafrechtliche Normen verletzen, so soll er eine Untersuchung eröffnen. Damit habe ich keine Probleme. Ich kämpfe lediglich für die Vereinsautonomie, mehr nicht.

Haben sich die Politiker von den Medien aufhetzen lassen?

Sicher. Diese Gefahr ist ja nicht ganz neu. Warum übernimmt die Schweizer Presse einfach kritiklos, was man ihr aus England oder aus Deutschland vorschreibt? Die NZZ druckte eben einen Artikel von Jens Weinreich ab, in dem irgendwelche Behauptungen erhoben werden.

Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat vor acht Jahren mit Rollkommandos Ihr Büro untersucht im Gefolge von Anschuldigungen Ihres damaligen Generalsekretärs Zen-Ruffinen. Es blieb nichts an Ihnen hängen. Hat die Justiz auf Druck der Medien gehandelt?

Ich sehe das so. Man wollte mir damals sogar den Pass abnehmen. Mein Büro wurde durchforstet, ich hätte sogar in Untersuchungshaft gehen sollen, obschon sich kein Verdacht erhärtete. Es waren einfach nur bösartige Unterstellungen meiner Gegner. Ein Untersuchungsrichter fahndete nach 2,5 Millionen Franken. Ich fragte ihn, was er suche. Ich bekam nicht einmal eine klare Antwort. Es war schlimm.

Neuerdings möchten Ihnen ein paar linke Zürcher Politiker verbieten, den Namen Fifa für das von Ihnen mitfinanzierte Stadionprojekt im Hardturm zu verwenden. Was geht da in Ihnen vor?

Kürzlich schrieb der Tages-Anzeiger, die WM-Vergabe koste den Steuerzahler rund 250 000 Franken für Polizeieinsätze. Das ist Blödsinn. Man muss sich wirklich fragen: Wollen diese Leute, dass wir aus Zürich verschwinden?

Sie gelten als genialer Verkäufer und Kommunikator. Sie verkehren mit Staatschefs auf Augenhöhe. Warum gelingt es Ihnen nicht, die Zürcher Lokalpolitik auf Ihre Seite zu bringen?

Wenn ich höre, dass man uns die Verwendung des Namens Fifa verbieten möchte, obwohl wir 20 Millionen Franken für ein Stadion bezahlen wollen, löscht es mir ab. Woher kommt das? Es ist viel Kleinkariertheit dabei. Als ich noch ein kleiner Sportfunktionär war, kam ich bei den Journalisten und Politikern gut an. Ich stieg auf, wurde Generalsekretär, schliesslich Präsident. Die Journalisten und Politiker aus Zürich aber blieben auf der gleichen Stufe. Das weckte Neid. Ich muss aber auch selbstkritisch sagen: Wir haben vielleicht die Informationspolitik in Zürich vernachlässigt.

Was würde es brauchen, bis Sepp Blatter mit seiner Fifa aus Zürich abzieht?

Ich will doch den Standort Zürich beibehalten, den Standort Schweiz. Es gibt aber Politiker, die haben es auf uns abgesehen. Eine Schweizer SP-Politikerin trat sogar im deutschen Fernsehen gegen die Fifa auf.

Ist es theoretisch überhaupt möglich, dass Sie aus Ihrem 300-Millionen-Franken-Bau hier am Zürichberg wegziehen? Sie müssen doch nur schon aus Kostengründen in dieser Liegenschaft bleiben.

Erstens: Der Bau kostete nicht 300 Millionen Franken. Zweitens: Wir konnten den Sitz bar bezahlen . . .

. . . ist es denkbar, dass die Fifa die Schweiz verlassen würde?

Das ist nicht ausgeschlossen. Es gibt Bestrebungen innerhalb der Fifa, den Hauptsitz nach Paris zu verlegen. Die Fifa wurde in Paris geboren. Auch die Koreaner wollen die Fifa übernehmen und nach Asien holen.

Fifa und Zürich: Das verdanken wir Sepp Blatter, weil er Schweizer ist.

Eine Verlegung würde allenfalls zum Thema, wenn jemand anders Fifa-Präsident wird.

Für Sie persönlich steht jetzt aber kein Wechsel zur Diskussion.

Nein.

Es gibt erstaunlich wenig Schweizer Politiker, die sich vorbehaltlos hinter die Fifa stellen. Stört Sie das?

Es muss mich stören. Ich wünschte mir mehr Unterstützung seitens der Schweizer Politiker. Und: Bevor uns einzelne Nationalräte öffentlich kritisieren, sollen sie doch zuerst hierherkommen, um sich ein Bild zu machen. Kommt doch vorbei. Jeder ist herzlich eingeladen. Einmal traf ich im Zug alt Bundesrat Moritz Leuenberger, als er noch im Amt war. Der war ganz überrascht, weil er vermutete, ich würde mich nur per Helikopter verschieben. Was für ein Unfug. Ich bin nicht abgehoben. Man kann hier vorbeikommen.

Weshalb hat die Fifa eigentlich ein schlechtes Image? Was läuft falsch?

Das frage ich mich auch. Nehmen wir die berühmteste Episode, die immer wieder gegen mich vorgebracht wird. Man wirft mir vor, ich hätte 1998, bei meiner ersten Wahl zum Präsidenten, im Hotel «Méridien Montparnasse» in Paris Stimmen gekauft. Tatsache ist: Ich war in jener Nacht gar nicht im besagten Hotel. Man hatte mich bereits ausquartiert. Ich kann wiederholen und wiederholen, die Unterstellungen seien unwahr, aber man glaubt es gar nicht. Es hat viel mit Missgunst zu tun.

Wieso sagen Sie nicht einfach, die Fifa sei ein Verein wie jeder Jodlerklub: Niemand ist gezwungen, in der Fifa mitzumachen.

Das geht nicht mehr. Der Fussball ist ein Monstrum geworden, welches von der Fifa zu zähmen ist. Das tun wir, und das tun wir auch gut. Insbesondere nach dem Weltcup in Afrika, weil niemand daran geglaubt hat. Es gab noch nie einen Event mit einer grösseren internationalen Ausstrahlung als die Fussball-WM in Südafrika. Die WM-Vergabe ist zu einem Politikum geworden. Die Staatschefs antichambrieren bei mir, sie haben mich hofiert. Der Fussball ist ein Monstrum geworden, aber ein positives Monstrum.

Sie haben dieses Monstrum kreiert. Jetzt bezahlen Sie den Preis dafür, indem man Ihnen misstraut.

Mag sein. Wir waren elf Personen, als ich hier begann. Wir waren nichts. Doch es stecken gewaltige Emotionen und Leidenschaften in diesem Sport, der an ganz urtümliche Instinkte rührt. Es geht ums Kicken. Das ist eine ursprüngliche Handlung, man kickt bereits im Mutterleib. Das entfesselt Energien und Gefühle. Der Rummel ist gewaltig, das Interesse enorm, grösser als seinerzeit bei der Mondlandung. Und jetzt muss da irgendwo mitten im Gewimmel eine Organisation schauen, dass das Ganze in einigermassen beherrschbaren Bahnen bleibt. Es ist ja wirklich eine etwas verrückte Situation.

Die Fifa umspannt zahllose Staaten, mehrere Diktaturen und korrupte Länder, die anders geschäften als die Schweiz. Was ist das Geheimnis, um dieses Gebilde zusammenzuhalten, ohne dass die Mitglieder übereinander herfallen und in die Kasse greifen?

Management by persuasion. Ich muss die Leute überzeugen. Es geht um die Idee des Fussballs. Es geht darum, dass Fussball mehr ist als ein Spiel, dass Fussball Hoffnung bringen kann, dass es den Leuten dank Fussball bessergehen kann. Es geht um Entwicklungsprogramme in Schulen, um Projekte zur Bekämpfung der Armut und zur Gesundheitsförderung. Das funktioniert. Und: Man glaubt mir.

Hand aufs Herz: Nicht alle Ihrer Mitfunktionäre dürften vom hehren Gedanken beseelt sein, die Welt durch Fussball zu heilen. Wie gehen Sie damit um, wenn Ihnen eine lusche, offenkundig korrupte Person, die sich bereichern will, in ein Komitee gewählt wird?

Zum Geld: Wir sind die einzige internationale Sportorganisation, Nichtregierungsorganisationen inbegriffen, die ihre Bücher seriös prüfen lässt, seit ich Präsident bin. Wir haben umgestellt von der Hausfrauenbuchhaltung zur Buchführung eines börsenkotierten Unternehmens nach IFRS-Standard, wir haben eine externe, unabhängige Revisionsstelle. Schummeln ist da gar nicht möglich. Siebzig Prozent unserer Einnahmen fliessen in die Entwicklung und an einzelne Fussballorganisationen, damit Turniere etc. veranstaltet werden können. Alles wird kontrolliert. Jeder Verband bekommt darüber hinaus 250 000 Dollar jährlich. Dann werden pro Jahr zwanzig Verbände überprüft von der KPMG. Es gab am Anfang Fälle von Betrug, dagegen sind wir scharf vorgegangen. Wir sind finanziell clean und klar. Wenn irgendwann ein schwarzes Schaf kommt – was vorkommt bei 300 Millionen Teilnehmern weltweit –, dann haben wir zwei Gerichtsbarkeiten, unter anderem die Ethikkommission. Es kann niemand vorbeikommen und einfach die Hand aufmachen.

Der Schweizer Ex-Bundesrat Joseph Deiss präsidiert die Uno-Vollversammlung, in die auch ein paar finstere Gesellen gewählt wurden. Aber: Niemals würde man das Deiss ankreiden. Bei Ihnen ist es umgekehrt: Auch Sie können die Wahlen nicht beeinflussen, aber man macht Sie doch verantwortlich dafür. Wie schützen Sie sich vor korrupten Fifa-Mitgliedstaaten?

Herr Deiss hat ein schöneres Leben als ich! Ernsthaft: Ich kann wirklich keine Exekutivmitglieder hinauswerfen. Wir haben aber im Exekutivkomitee eine insgesamt sehr solide Truppe. Einer, den wir jetzt gegen falsche Vorwürfe verteidigen, ist Issa Hayatou. Der wurde von den Medien als kriminell hingestellt, weil sein Verband eine Summe von 25 000 Dollar angenommen haben soll. Ich kann Ihnen sagen: Hayatou ist der Sohn eines Sultans und hat sich nichts zuschulden kommen lassen.

Sie sind dazu verdammt, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die Sie reinlegen oder Ihren Job haben wollen.

Mein Vorteil: Ich muss nicht auf Stimmenfang gehen. Wenn man mich nicht will, soll man mich nicht wählen. Es wird in diesem Zusammenhang immer wieder behauptet, ich hätte mich aus Wahlzwecken bei den Afrikanern eingeschmeichelt. Quatsch. Die Afrikaner haben mich noch gar nie gewählt. Das ist ein Märchen. Die Afrikaner stimmten mehrheitlich immer gegen mich. Bei meiner ersten Wahl 1998 schnürten Afrika und Europa ein Päcklein gegen mich. Bei der zweiten Wahl trat Afrika mit einem eigenen Kandidaten an. Vielleicht haben damals nicht alle für Hayatou gestimmt, aber sicherlich war eine Mehrheit für ihn und gegen mich.

Was ist dann das Geheimnis, dass Sie gewählt werden? Die nächtliche Verschiebung von geldgefüllten Couverts, wie Ihre Kritiker nicht müde werden zu behaupten?

Hören Sie auf. Das Geheimnis ist: Die Leute glauben mir. Sie glauben an mich. Sie haben gesehen, was ich seit 1975 im Fussball bewegt habe. Ich bin immer noch dabei, wenn auch nicht mehr ganz taufrisch, aber man nimmt mir ab, dass ich den Fussball weiterentwickle. Ich habe auch die Kleinen weiterentwickelt, den Grossen muss man weniger helfen.

Sie haben mal erwähnt, nicht alle Fifa-Offiziellen seien stubenrein. Gibt es dazu Schätzungen?

Mal ganz ehrlich: Ich würde mich schämen, wenn ich Geld für etwas bekäme, das ich nicht geleistet habe. Ich würde mich so schämen, dass ich mich aus dem Staub machen würde. Ich war Regimentskommandant. Es war ein Regiment von 3200 Mann. Ein Riesenbetrieb, zweisprachig. Ich habe das immer ehrlich gemacht. Ich würde mich schämen, Geld zu bekommen, das ich nicht verdiene.

Trotzdem wird der Versuch unternommen, die Fifa als systematisch korrupt darzustellen. Die WM-Vergabe an Katar gilt als Beweis der Käuflichkeit. Und Blatter sei schuld. Wie steht es denn jetzt wirklich um die Korruption? Wie viele faule Eier gibt es in der Fifa?

Es gibt keine faulen Eier. Es gab vor fünfzehn Jahren offenbar Zahlungen an ausländische Fifa-Funktionäre, die zu dem Zeitpunkt nicht einmal illegal waren und sogar von den Steuern abgezogen werden durften. Inzwischen hat sich die Gesetzeslage verändert. Auch die Fifa ist aktiv geworden und hat seit 2006 ein Ethikkomitee, dessen Entscheide an das vom Schweizerischen Bundesgericht als unabhängig anerkannte Sportschiedsgericht in Lausanne gezogen werden können. Ich sage es deutlich: Es gibt keine systematische Korruption in der Fifa. Das ist Unsinn. Das ist genauso eine Projektion wie die Behauptung, ich hätte dreissig Stimmen gekauft vor zwölf Jahren.

Was folgt daraus? Müssen Änderungen kommen? Kann es sein, dass Joseph Blatter auch Fehler begangen hat? Oder gilt: business as usual?

Nein, nicht business as usual. Es ist an der Zeit, in sich zu gehen. Jetzt folgt eine Klausur. Wir können so nicht weiterkutschieren. Wir müssen unser Image verbessern. Wir müssen auch innerhalb der Fifa einiges klarstellen.

Ist der Wahlmodus ein Thema?

Nein.

In welche Richtung sollen die Änderungen gehen?

Wir setzen zum Beispiel, auf meinen Antrag hin, eine «Fussball-Arbeitsgruppe 2014» ein, der Mitglieder der Fussballkommission, der Kommission für Technik und Entwicklung, der Medizinischen Kommission und der Schiedsrichterkommission sowie weitere Fussballexperten angehören werden. Die Arbeitsgruppe soll eine tiefgehende Analyse des heutigen Fussballs vornehmen und danach Wege zur Verbesserung des Fussballs in sämtlichen Bereichen aufzeigen. Die letzte ähnliche Arbeitsgruppe wurde von der Fifa 1990 gebildet. Weiter werde ich eine Task-Force einsetzen, die sich mit dem Thema «Compliance» beschäftigt. Mehr kann ich Ihnen derzeit jedoch noch nicht sagen.

Was werden Sie dereinst Ihrem Nachfolger auf den Weg mitgeben? Was braucht es, um das Multimillionengebilde Fifa am Laufen und in der Balance zu halten? Was ist das Wichtigste?

Die Glaubwürdigkeit innerhalb der ganzen Fifa ist entscheidend. Diese Glaubwürdigkeit ist hoch, und sie kam bei mir durch Arbeit. Durch Kenntnis, durch Umsetzung, dann durch Erfahrung. Der Glaube an sich selber ist wichtig, ein Quäntchen Glück gehört auch dazu. Die Glaubwürdigkeit, wie ich meine Arbeit verrichte, ist das Wichtigste. Die Leute glauben mir, wenn ich etwas sage. Ich bin übrigens selber ein im religiösen Sinn gläubiger Mensch. Mein Führungsstil basiert auf Vertrauen. Ich vertraue den Leuten, und ich bin damit auch schon schwer auf die Nase gefallen. Mein engster Mitarbeiter ist der Generalsekretär. Einer der Generalsekretäre wollte mich ins Gefängnis werfen, beim anderen lief es auch nicht optimal. Jetzt habe ich einen hervorragenden Mann, der auch ein hervorragender Verkäufer ist. Meinem Nachfolger würde ich sagen: «Mach dich darauf gefasst, dass du keine Freunde haben wirst.»

Sie haben keine Freunde?

Der einzige Freund, der mir wirklich offen sagte, wie es ist, war der leider verstorbene René Hüssy. Dass er starb, macht mich noch heute traurig. Ich habe Freunde im Wallis, aber ich lebe in Zürich.

Wer ist Ihre Vertrauensperson?

Meine Tochter.

Was würden die intelligentesten Ihrer Gegner sagen: Welches ist die unbestreitbare Qualität Sepp Blatters? Machiavellismus? Schlauheit?

Ich weiss es nicht. Vielleicht ist es meine Geduld und die Fähigkeit, mich wirklich auf andere Leute einzulassen. Man kann diese Rolle nicht spielen. Die Leute spüren die Leidenschaft. Viel Arbeit steckt auch dahinter.

Ihr Vorteil ist, dass Sie von Ihren Gegnern unterschätzt werden. Setzen Sie Ihre Oberwalliser Schrulligkeit gezielt ein, um den Gegner zu täuschen?

Kann sein, dass ich unterschätzt werde. Aber darauf kommt es am Ende nicht an. Sie erreichen nichts, wenn Sie einfach nur unterschätzt werden. Mein Job ist harte Knochenarbeit. Man muss etwas erschaffen. Mein Erfolgsgeheimnis: früh aufstehen. Ich bin ein Morgenmensch. Ich bin jeden Tag um sieben Uhr im Büro. Diese erste Stunde ist mein Vorsprung.

Die WM von Katar findet im Jahr 2022 statt. Dann werden Sie bereits über achtzig Jahre alt sein. Werden Sie diese WM noch eröffnen?

Auf keinen Fall. So Gott will, werde ich an Krücken oder im Rollstuhl an die Eröffnungsfeier eingeladen werden. Scherz beiseite: Ich werde das – als Fifa-Präsident – nicht mehr erleben.

Gibt es für Sie ein Leben nach der Fifa?

Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod.

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