Der Fall Kachelmann wird zu einem Skandal der Volksbelustigung und des Machtmissbrauchs durch die Justiz. Ausserdem darf jetzt genüsslich über intimste Details aus dem Sexualleben des Moderators berichtet werden, als ob uns das auch nur das Geringste anginge. Selbst seriöse Blätter wie der Tages-Anzeiger erlauben sich aus Anlass der Prozessberichterstattung den Blick durchs Schlüsselloch mit summarischen Hinweisen «zu Themen wie Verhütung, Menstruationsblut, gemeinsame Zukunftsperspektiven, Sexspielzeuge und zu einem Tampon». Es gehört zur Perfidie des Verfahrens, dass bei mutmasslichen Sexualdelikten noch das Allerprivateste ans Licht gezerrt wird. Egal, wie der Prozess am Ende ausgeht, der Schaden für den Meteo-Unternehmer ist bereits enorm.
Hart zu kritisieren ist vor allem die Prozessführung des Mannheimer Gerichtspräsidenten. Die Ermittler haben zur Anschwärzung des Angeklagten nicht nur eine Reihe seiner früheren Freundinnen eingeladen. Sie staffelten auch die Abfolge der Zeugenaussagen zum grösstmöglichen Nachteil des Wettermoderators. Zuerst reden ungehindert die ehemaligen Lebens- und Tagesabschnittspartnerinnen, ehe dann die eigentliche Kronzeugin der Anklage, das mutmassliche Vergewaltigungsopfer, weitere Anschuldigungen platzieren darf. Das ist insofern höchst fragwürdig, als bereits bekannt ist, dass die Kronzeugin bei der Einvernahme nachweislich gelogen hat und versucht sein könnte, die eigenen Aussagen auf die Aussagen der anderen Kachelmann-Freundinnen abzustimmen.
Die über den Prozess berichtende Frauenrechtlerin Alice Schwarzer rechtfertigte im Fernsehen diese Vorführ- und Schauprozessjustiz ausdrücklich. Es sei eben wichtig, dass man ein vollständiges Bild der Persönlichkeit des Angeklagten erhalte, sagte Schwarzer sinngemäss. Welch ein Unsinn. Denken wir diesen Ansatz konsequent zu Ende, muss in Zukunft jede vor Gericht stehende Person fürchten, zur Ermittlung eines möglichst vollständigen Charakterbilds bis auf die Unterhose öffentlich ausgezogen zu werden – wobei sich immer ein Heer von Zeugen findet, das pikante Details brühwarm weiterreicht. Die Volksgerichtshöfe der Moral kennen kein Erbarmen. Es wäre richtig und anständig, wenn die Medien sich an der Kachelmann-Ausweidung nicht beteiligten und seine Intimsphäre so weit wie möglich respektierten.
Der Entscheid des Bundesgerichts, den IV-Automatismus bei Schleudertrauma-Patienten ausser Kraft zu setzen, ist zu begrüssen. Das diffuse Krankheitsbild erzeugte in der Deutschschweiz eine gewaltige Nachfrage nach staatlichen Unterstützungsleistungen. Und eine kleine Industrie nachgelagerter Betreuungsorgane. Der Anwalt Max Sidler etwa, der sich bestürzt äussert über einen angeblich «politisch motivierten Entscheid», hat sich nach eigenen Angaben bisher für über 1000 Schleudertrauma-Opfer (!) eingesetzt. Das Urteil der Lausanner Richter bringt den Zuger Unternehmer somit um ein ansehnliches Geschäftsmodell. Vielleicht sollte man sich für einen Moment auf die Argumente der Schleudertrauma-Skeptiker einlassen. Es ist gemäss Aussagen von Experten in der Talksendung «Club» eine Tatsache, dass in der Romandie oder in Frankreich, wo entsprechende Versicherungsleistungen fehlen, das Schleudertrauma als Massenphänomen nicht vorkommt. Auf keinen Fall schadet eine sorgfältigere Prüfung der Einzelfälle. Man weiss aus anderen Bereichen, dass sich der allzu mitfühlende Sozialstaat – wie von Geisterhand bewegt – eine wachsende Klientel von Abhängigen schafft, die seine Angebote dankend beanspruchen.
Der deutsche Islamkritiker Thilo Sarrazin ist unter Druck der Medien und der Politik von seinem Amt als Vorstand der Deutschen Bundesbank zurückgetreten. Der freiwillige Rückzieher war ein Fehler, durch den Sarrazin seinen Kritikern teilweise und unverdient recht gibt: Wer selber von seinen Ämtern abtritt, räumt schuldhaftes Verhalten ein. Sarrazins Schuld aber war keine, denn der SPD-Beamte nutzte nur sein ihm verfassungsmässig zugebilligtes Recht auf freie Meinungsäusserung. Es ist ein schwacher Trost für ihn, dass seine Thesen nun, typisch deutsch, mit nachholender Aufgeregtheit doch noch debattiert werden. Was bleibt? Erstens: Die Einschüchterungskulisse aus Politik und Medien gegen Sarrazin funktionierte. In jungen Demokratien ist der Moralismus ein scharfes Schwert. So schnell dürfte es kein Staatsbediensteter mehr wagen, aus dem Justemilieu auszuscheren. Zweitens: Wer ernsthaft in heikle Diskussionen einsteigt, muss durchhalten. Sarrazin hätte nicht zurücktreten dürfen. Drittens: Der grösste Verlierer ist der neue Bundespräsident Christian Wulff, dem die Kraft zur Unabhängigkeit fehlte. Viertens: Deutschland sollte sich nicht nur mit der Zuwanderung schwer integrierbarer Ausländer befassen, sondern mit den Gründen für die Massenauswanderung so vieler hochqualifizierter Deutscher.
Es gibt auch in der Schweiz kleine Sarrazins. Die beiden Controllerinnen des Zürcher Sozialamts Esther Wyler und Margrit Zopfi, gehören dazu. Gemeinsam leisteten sie Widerstand gegen ihre Chefin Monika Stocker, damals Sozialvorsteherin der Stadt Zürich. Anlass waren Missstände, fehlgeleitete Hilfsgelder, Fälle von Sozialmissbrauch durch einen Mangel an Verantwortung und Kontrolle. Die beiden Sozialarbeiterinnen stiessen intern mit ihrer Kritik auf taube Ohren, schliesslich wandten sie sich an den Weltwoche-Reporter Alex Baur, der aus den anonymisierten Dossiers eine ausgiebig recherchierte Serie von Artikeln fertigte. Anstatt die Befunde ernst zu nehmen, gingen die Behörden auf die beiden Controllerinnen los. Es kam zu bestellten Gutachten, strafrechtlichen Verfolgungen, verbalen Verunglimpfungen. Man versuchte, zwei kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Umso erfreulicher ist es, dass Margrit Zopfi und Esther Wyler letzte Woche den renommierten Publikumspreis des «Prix Courage» gewannen, den die Zeitschrift Beobachter jährlich vergibt. Wir gratulieren den beiden für ihren Mut und ihren Durchhaltewillen.
Er war der Philosoph des «Heulens und Zähneklapperns», ein heiterer Pessimist und Skeptiker, der Sätze wie diesen formulierte: «Ein guter Vorrat an Resignation ist überaus wichtig als Wegzehrung für die Lebensreise.» Der Schriftsteller Rüdiger Safranski hat zu Arthur Schopenhauers 150. Todestag eine fulminante Biografie geschrieben.













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