Wo steht Johann Schneider-Ammann? Der Kronfavorit der FDP für den Bundesrat ist ein Grossmeister der wohltemperierten Imagepflege. Angenehm im Umgang, intelligent, freundlich im Ton, ausgestattet mit einem sechsten Sinn für Gewichtsverlagerungen, die ihn wundersam in die Mitte der jeweils herrschenden Gegenwartsstimmung bringen: Geschmeidig bewegt sich der Mann durch die Debatten ohne das Risiko, die tonangebenden Kreise zu vergraulen. Natürlich war er gegen die Banken, als alle auf die Banken schimpften. Selbstverständlich kritisierte er das Bankgeheimnis, als die erbosten Deutschen dessen Aufhebung forderten. Gewiss doch plädierte er im Einklang mit den meisten Medien und dem Bundesrat für die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit, ausblendend, dass durch die Rezession immer mehr ausländische Arbeitslose im Schweizer Sozialstaat stranden würden.
Schneider-Ammann bringt fraglos etwas mit, was diesem Bundesrat fehlt: internationale Perspektive, unternehmerisches Können, Entschlussfreude, eine irgendwie liberale Grundgesinnung. Aber ist der sympathische Ingenieur auch wirklich bereit, die Schweiz im Nahkampf mit anderen Ländern entschlossen zu verteidigen? Würde er einen Spritzer auf der blütenweissen Weste riskieren, wenn es die Situation erforderte? Man kann nicht immer von allen geliebt und gelobt werden. Wie hart wäre sein Widerstand, wenn die EU den Druck auf die Schweiz und ihre Rechtsordnung künftig wieder massiv erhöhte? Es ist absehbar, dass unser Land ein Irritationsfaktor bleibt für Brüssel. Die EU-Staaten kämpfen mit massiver Verschuldung. Unter den Bürgern wächst die Angst vor neuen Steuern. Die Schweiz wird als Fluchtasyl, in dem sehr viel Geld lagert, im Visier der darbenden EU-Regierungen bleiben. Bewährte Standortvorteile (Steuersouveränität, flexibler Arbeitsmarkt) stehen im Widerspruch zur europäischen Sozialcharta. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich Brüssel daran versucht, auch diese Qualitäten wegzumeisseln. Wir brauchen Bundesräte, die sich der nächsten Welle muskulös entgegenstemmen.
Schneider-Ammann ist ein verdienter bürgerlicher Kandidat, aber er ist kein Winkelried. Bis jetzt ist keine Debatte bekannt, in der er selbstlos die Harmonie gestört hätte. Wir erinnern uns an keine These, an keine Intervention, an keinen Vorstoss, mit dem der Unternehmer eine Kontroverse lanciert, einen Impuls gegeben hätte, der nicht bereits instinktsicher abgezirkelt gewesen wäre auf das Bundesberner Justemilieu. Es mag ja sein, dass gerade in dieser chamäleonhaften, den Zeitgeist telepathisch erfassenden Anschmiegsamkeit die ganz grosse Stärke des Industriellen steckt, der seine «hohe Ethik» preist und es keinen Widerspruch findet, in Kasachstan oder in Tibet zu geschäften. Man sagt Schneider-Ammanns Standort Langenthal nicht umsonst nach, die Stadt verkörpere mentalitätsmässig so etwas wie die Mitte der Schweiz. Wenn man allerdings die Fähigkeit, Gegensteuer zu geben und den Mainstream notfalls zu brüskieren, für eine unverzichtbare Voraussetzung einer Bundesratskarriere hält, dann hat die zweite FDP-Kandidatin Karin Keller-Sutter in diesem Punkt die Nase vorn.
Die Süddeutsche Zeitung freut sich in einem Kommentar, dass die Europäische Union mit einer neuen, stark vergrösserten Finanzaufsicht die künftigen Risiken einer Bankenkrise vermeiden oder zumindest verringern könne. Die neue Superbehörde will sich als dreiköpfige Hydra schwerpunktmässig mit Banken, mit Versicherungen und mit dem Wertpapierhandel befassen. Wir sind mehr als skeptisch, ob sich die hochfliegenden Erwartungen erfüllen werden. Ist aus der Geschichte auch nur ein Beispiel bekannt, wo Funktionäre und Beamte ein relevantes wirtschaftliches Risiko früher gesehen haben? Der Glaube daran, der Staat werde Managementfehler erschweren oder gar verunmöglichen, ist auch logisch falsch. Wenn es so wäre, müsste der Staat die Kontrolle über die Wirtschaft gleich vollständig an sich ziehen. Die Schweiz sollte sich hüten, diesem Vorbild nachzueifern.
Arbeiten Frauen besser zusammen als Männer? Wäre es nicht ein Fortschritt, wenn die Geschicke des Landes künftig in den gut manikürten Händen eines mehrheitlich weiblichen Bundesrats lägen? Allein den Gedanken in Erwägung zu ziehen, diese Fragen nicht gleich auf Anhieb mit einem jubelnden «Ja» zu beantworten, dürfte in der Schweizer Öffentlichkeit als Ausfluss eines gestörten Selbstbewusstseins, als Krankheitssymptom einer frauenfeindlichen, empfindungsarmen, ja hinterwäldlerischen Verstocktheit gewertet werden, die einem weltoffenen, progressiven Selbstbild, wie es unter Journalisten Pflicht ist, auf ärgerliche Weise entgegensteht. Dennoch wollen wir hier Zweifel säen am automatischen Nachvollzug der bereits im Tages-Anzeiger und in allen restlichen Tamedia-Organen des Landes verbreiteten These, wonach eine Frauenmehrheit in der Regierung zwingend zu befürworten sei, weil sich damit die Hoffnung auf eine «bessere Politik» verbinde.
Sollte hinter diesem Satz die Vermutung stehen, dass Frauen weniger machtbeflissen, weniger egoistisch und weniger durchtrieben, dafür teamfähiger und vernünftiger seien als Männer, dann halten wir dem Tages-Anzeiger eine Deutung des unverdächtigen Schriftstellers Stefan Zweig entgegen, der in seinem Buch über Maria Stuart und Königin Elisabeth zu anderen, vielleicht realistischeren Befunden kam, was die politische Konfliktnatur der Frau angeht: «Denn trotz ihrem überragenden Format», schreibt Zweig, «bleiben diese Frauen immerhin Frauen, sie können die Schwäche ihres Geschlechts nicht überwinden, Feindschaften, statt aufrichtig, immer nur mesquin und hinterhältig auszutragen. Ständen statt Maria Stuart und Elisabeth zwei Männer, zwei Könige einander gegenüber, es käme sofort zu scharfer Auseinandersetzung, zu klarem Krieg. [. . .] Der Konflikt Maria Stuarts und Elisabeths dagegen [. . .] ist ein Katzenkampf, ein Sich-Umschleichen und Belauern mit verdeckten Krallen, ein hinterhältiges und durchaus unredliches Spiel. Durch ein Vierteljahrhundert haben diese Frauen einander unablässig belogen und betrogen (ohne sich aber nur eine Sekunde wirklich zu täuschen). Nie blicken sie einander frei und gerade ins Auge, nie wird ihr Hass offen, wahr und klar; mit Lächeln und Schmeicheln und Heucheln begrüssen und beschenken und beglückwünschen sie einander, während jede heimlich das Messer hinter dem Rücken hält.» Man darf den weiblichen Machiavellismus nie unterschätzen.













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