Literatur

Alter Schwede

Der Kommissar Kurt Wallander ist die vielleicht bekannteste Kriminalfigur der Welt. Sein Schöpfer Henning Mankell hat eine einfache Universallogik: Die Welt ist ungerecht, aber ein Mann stellt sich dagegen. Nun tritt Wallander ab. Das ist nicht so schlimm.

Von Mikael Krogerus

Irgendwie links: Autor Mankell. Bild: Lina Ikse Bergman

Von den vielen dramatischen Anekdoten über die Erstürmung der Gaza-Hilfsflotte durch israelische Sicherheitskräfte war jene des Starautors Henning Mankell naturgemäss die beste. Es klang, als zitiere er den Klappentext eines neuen Wallander-Thrillers: Er war als Aktivist an Bord, als er morgens um vier Uhr von Schüssen geweckt wurde. Maskierte enterten das Schiff. Ein älterer Mitfahrer, getroffen von einem Elektroschocker, sackte zusammen. (An dieser Stelle machte Mankell eine schauspielhaustaugliche Pause und erklärte, er werde die Übersetzung seiner Bücher ins Hebräische unterbinden.)

Böse Zungen behaupten, Mankell sei der Militäreinsatz ganz recht gekommen, er habe der Aktion viel PR eingebracht. Das ist Unfug. Vielmehr war es schlicht die jüngste Aktion eines beharrlichen Mannes, der seit 21 Jahren sein Talent (Geschichtenerzählen) und seine Gesinnung (irgendwie links) mit beachtlicher Verve in Handlung übersetzt.

Der Tag, an dem Mankell (die Betonung übrigens liegt auf der ersten Silbe) beschloss, die Welt zu verändern, war der 20. Mai 1989. Das moderate Schweden war von einer unheimlichen Serie fremdenfeindlicher Übergriffe auf Flüchtlingslager erschüttert worden. Mankell begann sein Talent auf das Schreiben eines Populärromans zu verwenden, um die Verhältnisse anzuprangern. Da der Rassismus für ihn kein gesellschaftliches Phänomen, sondern ein Verbrechen war, musste es ein Polizeiroman sein. «Mörder ohne Gesicht» (der Plot: brutaler Mord an altem Ehepaar; Asylbewerber geraten in Verdacht) war die Geburtsstunde von Kurt Wallander: einem in der skandinavischen Krimitradition gezeichneten gerechtigkeitssensiblen Kommissar.

Obwohl Wallander jeden Fall bravourös löst, steckt in der Figur die Idee des Scheiterns. Er ist ein lebendig gewordenes Synonym für die ständige Sorge, dass jemand entdecken könnte, dass wir das, was wir machen, nicht beherrschen. Wenn Wallander ins Auto steigt, dann erwartet uns nicht eine Verfolgungsjagd mit quietschenden Reifen, sondern ein Mann, der vergessen hat, wo er hinwollte, der einen Hotdog hinunterschlingt, statt sich etwas Gesundes zu kochen, und der mit dem Ketchup sein Jackett versaut. Haben wir das nicht alle schon mal erlebt? Mankells unwiderstehliche Botschaft: Wir sind alle Wallander.
Heute, 21 Jahre später, ist Kurt Wallander die vielleicht bekannteste Kriminalfigur der Welt. Über dreissig Millionen Mal haben sich die Bücher verkauft.

Das Interessante – neben dem Erfolg – ist Mankells verzweifelter Versuch, sich mit Hilfe Wallanders das Zimtschnecken-Image Schwedens von der Seele zu schreiben. Wer die Romane liest, stellt fest, dass in Schweden gleichberechtigte Bürger nicht brav wie in Bullerbü nach kollektivem Glück streben. Nein, bei Mankell ist Schweden ein düsterer Hort ritualmordender Psychopathen! Die Geschichten enden in der Regel mit der Frage, ob die schwedische Gesellschaft nicht ganz und gar auseinanderbrechen könnte?

«Freie Liebe und Basisdemokratie»

Die Universallogik des Alt-68ers Mankell lautete: Die Welt ist ungerecht. Gegen dieses Elend stellt er einen Mann, der weiss, dass der Werteverfall nicht aufzuhalten ist, aber der zeigt, dass es sich lohnt zu kämpfen. Wallander war, wie eine deutsche Wochenzeitung richtig beobachtete, ein «Trost für alle Lehrer, Steuerberater, Hausfrauen oder Architekten, die einmal von freier Liebe und Basisdemokratie träumten».

Doch jetzt ist Schluss. Mankell schickt seinen Helden in Pension. Was erfahren wir in der nachrufartigen Schrift «Der Feind im Schatten» (Zsolnay)? Kurt Wallander ist alt geworden. Und einsam. Und vergesslich. Seine Tochter erwartet ein Kind von einem aalglatten Adligen, der mit Finanzprodukten hantiert und einem auch sonst nicht gefallen will. Der Vater dieses Aristokraten – ein Ex-Marine-Chef – ist seit dreissig Jahren einer Verschwörung auf der Spur. Damals entdeckte er bei einem Manöver vor der schwedischen Küste ein fremdes U-Boot, erhielt aber den Befehl, es ziehen zu lassen.

Es geht um die realpolitisch nicht abwegige These, dass die USA Spione im schwedischen Militär hatten. Eine Uraltgeschichte, abgehangen wie die Schweizer Réduit-Saga. Zum Glück aber ist Mankell ein Meister der Spannung. Wer sich auf den letzten hundert Metern seines besten Buches, «Mittsommermord», nicht vor Angst fast in die Hosen gemacht hat, der hat dort einen Stein, wo andere ein Herz haben. Auch im aktuellen Wallander trifft Mankell den herbstlichen Peter-Bichsel-Ton und hält ein meisterliches Tempo. Trotzdem beschleicht einen der leise Verdacht, dass mit dem Kommissar auch sein Schöpfer alt geworden ist: Hier gibt es eine hochverdächtige Person, die nicht erklärt wird, dort einen mystischen Stein, der auf- und wieder abtaucht. Die Puzzlestücke sind zum Verzweifeln, und am Ende passen sie nicht so recht zusammen.

Es geht bergab

Wallanders Nettobotschaft war das jammernde «Was ist bloss aus diesem Land geworden?». Im letzten Buch stellt er eine ehrlichere Frage: «Was ist bloss aus mir geworden?» Denn mit Wallander geht es bergab: Diabetes, keine Liebe, kein Sex (aber immer noch Lust), Anzeichen von Alzheimer, allgemeine Resignation. Kurz: Alles geht zu Ende. Und die Welt versteht er schon lange nicht mehr: Über Seiten breitet Mankell Wallanders Abneigung gegen das E-Mail-Schreiben aus. Seine ungelenken Internetrecherchen und Seitenhiebe auf die Jugend von heute vermitteln das diffuse Bild eines verbitterten Kulturpessimisten. Am Ende stirbt er nicht bei einem Schusswechsel, er sitzt einsam und betroffenheitsbesoffen in einem Landhaus. Er ist nicht unglücklich, aber «früher war alles besser».

Millionen Leser kennen Schweden nur durch Wallander. Etwas besorgt kann man nach dem Ende der Saga fragen: Was wissen sie jetzt über Schweden? Nicht viel.

Natürlich sind die Beschreibungen des schwermütig-schönen Schonens treffend. Natürlich ist die Beobachtung korrekt, dass viel Kaffee getrunken wird. Und ja, jeder Schwede hat einen Verwandten, der wie Wallander am Leben leidet, aber mehr als Jammern nicht zustande bringt, und der, wenn er jemandem unrecht tut, sich nicht entschuldigt, sondern wochenlang darüber brütet, wie oft nicht auch ihm unrecht getan wurde. Es gibt im Schwedischen ein Verb für solch ruheloses Verhandeln eines Problems: älta. Es ist Wallanders grosse Stärke und seine unerträgliche Schwäche. Er wälzt die Details eines Falles, bis ihm plötzlich Ungereimtheiten auffallen. Und er wälzt die Details seiner eigenen Existenz, bis das wenige, was ihn glücklich macht, sinnlos und leer erscheint.

Schweden, eine ansteckende Krankheit

Und doch liegt die Vermutung nahe, dass Wallander mehr über seine Leser verrät als über sein Heimatland. Trotz hartnäckiger Recherchen ist es dem Autor dieser Zeilen nicht gelungen, einen deutschsprachigen Menschen zu finden, der noch keinen Wallander gelesen hat. Eine Spontanumfrage im schwedischen Freundeskreis ergab hingegen: Die meisten haben ihn nie gelesen und kennen Wallander nur aus den mit düsterem Grünfilter gedrehten Fernsehverfilmungen, in denen Schweden aussieht wie eine ansteckende Krankheit. Hier weint ihm niemand eine Träne nach. Warum nicht?

So brillant Mankell als Schreiber sein mag, man stösst sich an seinem moralischen Unterton, der keine Spur von Ironie zulässt. Auf die Standardfrage, wie viel Wallander in Mankell stecke, antwortet dieser gern im Tonfall eines Pfarrers: «Ich bin einer, der, wenn er Schreie auf der Strasse hört, nicht weghört, sondern hingeht und schaut, ob er helfen kann.» Was Mankell in seinem moralischen Universalismus antreibt, ist der Glaube, dass er zu den Guten gehört. Diese Überzeugung erlaubt ihm – genauer: zwingt ihn –, Millionen in afrikanische Entwicklungsprojekte zu stecken, an Bord der Gaza-Schiffe zu steigen, Selbstmordattentate als «nicht verwunderlich» zu bezeichnen. Die Konsequenz seiner Haltung ist durchaus bewundernswert, sein schriftstellerisches Engagement gegen den Rassismus beachtlich. Und doch häufen sich die Stimmen, die zweifeln, ob seine 68er-Brille noch die Schärfe hat, aktuelle Konflikte zu analysieren. So läuft im heutigen Schweden die durchrationalisierte Maschinerie der Asylantenausweisung in einem hochkomplizierten Verfahren, das sich nicht mehr so leicht in einem unterhaltsamen Krimi verhandeln lässt. Und wenn Wallander, wie im letzten Buch, pauschal die Finanzpolitik kritisiert, dann wird man das Gefühl nicht los, dass er einfach zu faul ist, sich ernsthaft mit ihr zu beschäftigen.

Neue Schreiber drängen nach

Krimifans wird Wallander fehlen, für den Buchmarkt freilich ändert sich wenig. Es drängen andere Schreiber nach. Die neuen heissen zum Beispiel Jens Lapidus («Spür die Angst»), Gellert Tamas («De apatiska») oder Maria Sveland («Bitterfotze»). Alle drei sind keine Krimiautoren, aber sie sind – wie einst Mankell – angetreten, um Schweden zu kritisieren. Nur operieren sie mit feinerem Instrument an empfindlicheren Stellen. Wer Schweden nur aus Mankell-Romanen kennt, wird von «Spür die Angst» geschockt sein. Die Story spielt im Epizentrum der Stockholmer Schickeria: Stureplan. Näselnde Kinder in Paul-Smith-Hemden, zugekokst bis unter die Hutschnur, verjubeln hier das Geld ihrer Eltern. Bei dem gelernten Strafverteidiger Lapidus gibt es keinen schlaflosen Ermittler mit grossem Herzen und kleiner Schwäche für linke Ideologien. Stattdessen: eine grausam-genaue Analyse der skandinavischen Jugend und eine erstaunlich kenntnisreiche Beschreibung von Geldwäschepraktiken und Kokainstreckungsverfahren.

Der Journalist Gellert Tamas wiederum hat sich die bereits erwähnten komplexen Methoden der Ausländerausschaffung vorgeknöpft und darüber ein Sachbuch geschrieben, so spannend wie ein früher Mankell.

Die dritte Entdeckung ist Maria Sveland, die mit «Bitterfotze» den Mythos vom gleichberechtigten Schweden auseinandernahm und zuletzt in «Min mormors historia» über die Sprachlosigkeit ihrer Grosselterngeneration schrieb. Jens Lapidus, Gellert Tamas und Maria Sveland haben, so unterschiedlich sie auch sein mögen, eine starke Gemeinsamkeit: Sie verhandeln nicht das wohlige Wallander-Gefühl von gestern, sondern mutig das unbekannte von morgen.

Henning Mankell: Der Feind im Schatten. Zsolnnay. 589 S., Fr. 39.90; Jens Lapidus: Spür die Angst. Scherz, 2009. 547 S., Fr. 27.90; Maria Sveland: Bitterfotze. Kiepneheuer & Witsch, 2009. 272 S., 17.90

Kommentare

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  • Peter Wolff
  • 12.06.10 | 23:08 Uhr

"Trotz hartnäckiger Recherchen ist es dem Autor dieser Zeilen nicht gelungen, einen deutschsprachigen Menschen zu finden, der noch keinen Wallander gelesen hat."

Ich bin ein solcher Mensch, sogar der Name war mir jetzt nicht geläufig. Dafür habe ich schon viele, wenn nicht vielleicht sogar alle Maigrets gelesen.

 
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