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Politisch motivierter Überzeugungstäter

Noch nie hatte die SRG einen politisch klarer positionierten Generaldirektor als Roger de Weck. Der weltläufige Freiburger Aristokrat mit starkem Linksdrall steht für die EU, mehr Staat und weniger SVP. Kann man mit so einem Programm noch Zwangsgebühren erheben?

Von Roger Köppel

Er war der grosse Hoffnungsträger Anfang der neunziger Jahre beim Tages-Anzeiger. Es eilte ihm sein Ruf als brillanter Stilist voraus. Beim Hamburger Wochenblatt Die Zeit war er als Wirtschaftschef und Frankreichkorrespondent tätig, davor unter anderem bei der Weltwoche. Roger de Weck umgab der Heiligenschein des Aristokraten, als er sich anschickte, in die Niederungen des Zürcher Überregionaljournalismus hinabzusteigen. Im Tagi setzte er feingliedrige Zwischentöne nach dem Ende des Kalten Kriegs. Seine Texte wurden als anregend und intelligent empfunden. Den Verfasser dieser Zeilen holte der Romand, der nie ganz akzentfrei Dialekt sprach, von der Neuen Zürcher Zeitung in die eigene Redaktion. De Wecks Ansage lautete damals, er wolle den Tages-Anzeiger vom sozialdemokratischen Mief befreien.

Was ist an Erinnerungen geblieben? De Weck gab dem eher provinziell und spiessig wirkenden Birkenstock-Tagi ein Stück Glamour und Weltläufigkeit. Auf einmal war da ein Chefredaktor, der Theodor Fontanes «Stechlin» oder Aram Mattiolis Biografie über den strengen Freiburger Katholisch-Konservativen Gonzague de Reynold gelesen hatte — und darüber auch noch elegant zu schreiben wusste. Man könnte nicht darauf kommen, wenn man heute seine Kolumnen liest: Aber damals war de Weck der Reformer in einem Blatt, das mit Nibelungentreue die Glaubenslehren der 68er Bewegung nachbetete. Beherzt räumte de Weck etwas auf. Er gab Impulse, liess Nachwuchsleute hochkommen. Das war erfrischend, und noch immer dürften ihm einige Leute dafür dankbar sein, dass sie unter seiner Führung Neues ausprobieren konnten.

Allerdings, es gab schon damals einen interessanten wunden Punkt. Es war unmöglich, dem hochdekorierten Publizisten menschlich nahezukommen. De Weck kultivierte, vermutlich unabsichtlich, eine merkwürdige Distanz nach allen Seiten, er wirkte manchmal autistisch im persönlichen Gespräch, stets eine Spur zu unverbindlich, vor allem, wenn sich Konflikte anbahnten. Er strahlte bei allen Versuchen, sich bei den Leuten beliebt zu machen, unüberbrückbare Kälte aus. Eine gewisse Arroganz gehörte zur Ausstattung. Er war kein Mann fürs Handfeste, de Weck hatte immer etwas Abgehobenes, Glitschiges, ein Mensch ohne Bodenhaftung. Alles an ihm wirkte irgendwie gewollt und angestrengt.

Tränenreicher Abschied

Seine Amtsperiode im Tages-Anzeiger zwischen 1992 und 1997 fiel in eine Zeit blendender Gewinne und wachsender Auflagen. Noch war es unmöglich, in der Zeitungsbranche Geld zu verlieren. Trotzdem überlupfte sich de Weck mit einer masslosen Expansionsstrategie. Die Investitionen beliefen sich auf geschätzte 50 Millionen Franken, die Ertragszunahmen blieben aus. Als der Chefredaktor von der Geschäftsleitung aufgefordert wurde, das Traumschloss auf stabile Dimensionen zurückzufahren, kam es zur Machtprobe mit dem CEO. Es waren nach heutigen Begriffen minimale Sparvorgaben, die den auf- und ausbaufreudigen Journalisten aus Zürich vertrieben. Der tränenreiche Abschied war ein schauspielerisches Glanzstück. Nur zwei Wochen nach dem pompösen Abgang wurde bekannt, de Weck habe bereits wieder bei der Hamburger Zeit unterschrieben, diesmal als Chefredaktor.

Es waren ähnliche Schwierigkeiten, die ihn drei Jahre später beim deutschen Blatt den Job kosteten. De Weck fand keinen Draht zu seinen Leuten, was an der Nordsee sicher nicht einfacher war als an der Limmat. Er riss Projekte an, brach Strukturen auf, aber irgendwie schien es ihm nicht zu gelingen, sicheren Boden zu finden und klare Ideen umzusetzen. Ein ehemaliger Kollege, der ihm durchaus wohlgesinnt ist, bescheinigt ihm wertvolle Ansätze, die eine Veränderung der Zeitung einleiteten. De Weck habe «die meisten Bunker, die sich in den letzten zwanzig Jahren gebildet hatten, weggesprengt» und seinen Nachfolgern das Terrain so geebnet, «dass sie nur noch die Trümmerhaufen wegräumen mussten». Allerdings verkrachte sich der Zerleger abermals mit dem Management. Es kam alles oder nichts – zum Showdown mit dem CEO. De Weck unterlag und musste gehen.

Man sollte nicht zu viel hineindeuten, aber die beiden Taucher bewirkten eine ideologische Wende. Aus dem linksliberalen intellektuellen Aufmischer und Dandy, der seine Redaktoren zu provokativen Ideen anstiftete und ihnen den Geist des marktwirtschaftlichen Denkens wenigstens rhetorisch einimpfte, wurde der grimmige Mahner und Bedenkenträger. Auf einmal war de Weck von Feinden umzingelt. Die Schweiz sah der schlechtgelaunte Deuter in den Klauen finsterer Mächte. Sein Zorn galt vor allem den barbarischen Horden des Neoliberalismus um ihren teuflischen Hohepriester Christoph Blocher. An de Weck schien sich die Theorie zu bewahrheiten, wonach Leute, die in der Wirtschaft auf die Nase fallen, als linke Moralisten wiedergeboren werden, um sich an jenen zu rächen, in denen sie die Urheber ihres Misserfolgs erblicken. Sein Lieblingsfeindbild waren fortan die Reichen und Erfolgreichen, also jene Gruppe von Leuten, die das eigene Versagen so schmerzhaft deutlich machten.

Mit seinen politischen Ansichten steht de Weck heute quer zur Mehrheit. Er ist ein glühender EU-Befürworter, einer der grössten Schweizer Euro-Turbos. Die SVP ist ihm als Hinterwäldlerpartei ein Gräuel. Im Club Helvétique und im anderen Verein der Schweizer Demokratieabschaffer («Unser Recht») setzt er sich für eine Einschränkung der Volksrechte ein zugunsten des internationalen Rechts, das hinter geschlossenen Türen von Leuten entworfen wird, die so sind wie er. Am liebsten wäre ihm wohl der von einer erleuchteten Elite geführte Vernunftstaat, in dem sich alle politischen Auseinandersetzungen und menschlichen Wirrungen sachlogisch auflösen. Vermutlich liegt hier für ihn der Sex-Appeal der Europäischen Union: Sie ist das institutionelle Abbild seines politischen Denkens, das nicht von der Landsgemeinde oder der Volksabstimmung ausgeht. De Weck denkt, als Schweizer Aristokrat, in Grossräumen. Die Schweiz ist ihm vor allem ein Sinnbild der Enge, aus der es auszubrechen, die es zu überwinden gilt.

Unzutreffendes Jobprofil

Die harte Frage lautet: Was befähigt einen zwei Mal als Chefredaktor gescheiterten Publizisten, der in den letzten zehn Jahren nicht mehr im operativen Geschäft tätig war, dazu, einen Grossbetrieb mit 6100 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Franken aus den roten Zahlen zu führen? Noch ist kein Fall bekannt, in dem sich Roger de Weck dem Auftrag, die Kosten zu senken, ohne Machtkampf mit anschliessender Kündigung unterworfen hätte. Im «Executive Search»-Projekt der SRG für den Generaldirektorenposten wurde eine Person «mit exzellenten Leadership-Qualitäten» und «mehrjähriger, erfolgreicher Führungserfahrung in grossen und komplexen Unternehmen» gesucht. Gemäss Stellenbeschrieb war «stark ausgeprägte betriebswirtschaftliche Erfahrung» gefordert, kein schöngeistiger Intellektueller. Man müsste sich gesondert mit der Frage beschäftigen, warum sich die SRG-Jury in ihrer vatikanreifen Direktorenkür am Ende ausgerechnet für einen Kandidaten entschied, auf den das Jobprofil nicht zutrifft.

De Wecks Berufung ist eine Kriegserklärung an den Zeitgeist. Sie spaltet die Schweiz. De Weck ist eine Galionsfigur der linken Wahlverlierer der letzten Jahre. Seine politischen Rezepte führen in die Vergangenheit und in die EU. Will ihn die SRG als Bollwerk gegen die Kostenwahrheit installieren? Verkörpert er ein letztes Aufbäumen jener Kräfte um Medienminister Leuenberger, denen die Felle seit Jahren davonschwimmen? Was sicher ist: De Weck ist anders als Vorgänger Armin Walpen kein cooler Machiavellist, dem es egal ist, was in seinen Programmen läuft. De Weck ist ein politischer Überzeugungstäter, wie ihn die SRG noch nie an ihrer Spitze hatte. Stellt man ab auf seine ersten Aussagen, wird er der Versuchung nicht widerstehen können, seinen weltanschaulichen Einfluss geltend zu machen. Es wäre eine Katastrophe für den Staatssender, der seinen Anspruch, Gebührengelder zu erheben, aus dem Selbstverständnis ableitet, nicht nur die De-Weck-Schweiz, sondern alle zu bedienen.

Kommentare

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  • Rolli Anderegg
  • 22.05.11 | 16:57 Uhr

Ich muss schon sagen das sich meine Befürchtungen bezüglich SF DRS und de Weck schon bewahrheitet haben. Mit entsetzen musst ich feststellen, dass der Internetbereich von SF DRS linke User in den Kommentarspalten klar bevorzugt. Da dürfen etwa linkslastige User 6 Kommentare hintereinder posten, was mir und anderen Usern aber verwehrt bleibt! Dazu spamen diese Leute ganze Threads zu.

Höchst bedenklich, da SF zu einer fairen und ausgewogenen Meinungsgebung verpflichtet ist, da dieses mit Zwangsgebühren aller politischer Lager finanziert wird und nicht bloss von den Linken!!

  • Andreas Hofstetter
  • 25.05.10 | 11:14 Uhr

/2
Wer die Aufsätze des CH gelesen hat, der findet nirgends eine explizite Forderung der EU beizutreten. Debattiert wird zu recht! die Variante was wenn wir am Ende des Bilateralen Weges angelangt sind. Das kann viel schneller passieren, als uns lieb sein mag. Weil sich die EU verändert oder wenn die CH unter Führung der SVP teile des Vertrages per Volksmehr tordpediert (PFZ, Schengen etc.) dann wird die EU die Verträge mit der CH künden.

RDW vertritt mit seiner liberalen, weltoffenen Haltung mehr CHer als Sie Herr Köppel! Ob das Ihnen nun passt oder nicht, es ist so!

  • Andreas Hofstetter
  • 25.05.10 | 11:09 Uhr

Da schwingt eine gehörige Portion Missgunst und Neid mit bei der einmal mehr die Schubladisierung in die "linke Ecke" das Ziel ist.

"De Wecks Berufung ist eine Kriegserklärung an den Zeitgeist"

Ja aber genau im umgekehrten Sinn! Eine "Kriegserklärung" an Nationalismus, Abschottung, Rassimus und gegen alle die rechtskonservativen "Heilsbringer" und an deren Impertinenz zu meinen ihre "Rezepte" und ihre Polemik seinen ein Zukunftsmodell für die CH.

Der Club Hélvetique, als liberaler Think Tank, tut nichts anderes als Zukunftsmodelle für die CH zu debattieren.

  • Juli Falk
  • 25.05.10 | 09:13 Uhr

Werte C.J., Eine kritische Würdigung wäre in Ordnung. Aber die Häme, mit welcher die Herren Z. und K. den Designierten überschütten, ist ungerecht und einfach scheusslich.

  • Rainer Selk
  • 24.05.10 | 11:07 Uhr

Peter Wolff 22.05.10 23:30
Bis auf wenige Sendungen hat die SRG nicht Überzeugendes mehr. Arena: längst zum bla-bla verkommen,
News Sendungen: beglücken uns regelmässig mit der kulturellen Entwicklung des Osterhasen.
Politische Tendenz: masochistische 'Studienitis' mit Selbstauflösungstendenz, denn überall woanders ist es ja 'viiiiel' besser. Da wundert 'de-Weck-Ismuss' auch nicht mehr.
Die SRG braucht ein komplettes Re-Engineering von 'Kopf bis Fuss', Aufnahme IST Zustand, Formulierung SOLL Prozesse, SWOT Analyse, dann die Vision einen neuen Auftrag + Strategie.
Will das de Weck? Kaum!

  • Christine Joos
  • 23.05.10 | 19:16 Uhr

Juli Falk, Kollegenschelte verbieten? Frühere Vorgesetzte im nachhinein nicht kritisieren dürfen? Doch, das muss gestattet sein. Ich erachte es hier nicht als "durch den Kakao ziehen". Falsch verstandene Loyalität führt zu Filz.

  • Juli Falk
  • 23.05.10 | 10:13 Uhr

„Faule Journalisten machen Interviews” ist in dieser Ausgabe auch zu lesen.
Noch faulere machen Kollegenschelte oder ziehen gar einen früheren Vorgesetzten durch den Kakao. Nicht die feine Art!

  • Peter Wolff
  • 22.05.10 | 23:30 Uhr

„Es wäre eine Katastrophe für den Staatssender, der seinen Anspruch, Gebührengelder zu erheben, aus dem Selbstverständnis ableitet, nicht nur die De-Weck-Schweiz, sondern alle zu bedienen.“

Dieser Sender bedient schon lange nicht mehr alle und ist längst zu einem Propagandainstrument von Linken und Schweizhassern geworden. De Wecks „Wahl“ zum brandgefährlichen „Propagandaminister“ des nicht minder gefährlichen alt 68-er Leuenberger muss jeden ehrlichen Demokraten und Schweizer erschauern lassen: Das sind totalitäre Zustände!

Einzig mögliche Abhilfe: die Abschaffung der Zwangsgebühren.

  • Max Schmid
  • 21.05.10 | 18:27 Uhr

De Weck soll nicht in erster Linie sanieren, sondern gutes Radio und Fernsehen für die ganze Schweiz machen und die Gebühren adäquat anpassen.

Was soll das Gejammer um die lächerlich kleinen Gebühren, wenn weiterhin gute und interessante Programme ausgestrahlt werden. Man hat klugerweise einen Journalisten und nicht einen Ökonomen gewählt. Also stehen doch die Programminhalte und nicht das Sparen im Vordergrund.

Hoffentlich sehen wir de Weck hin und wieder am FS. Er ist ein höchst inspirierender, unabhängiger Geist. Ich freue mich.

  • Carla Kägi
  • 21.05.10 | 06:19 Uhr

Na ja,[gelöscht am 21.05.2010 durch Moderator]
Das zeigt nur auf, wieviel die Betreffenden von ihrem ursprünglichen Auftrag schon vergessen haben. Ausser der Adresse ihres Arbeitsplatzes, der Nummer ihres Lohnkontos & wie sie ihre Spesenrechnungen frisieren müssen & wie sie mit allen möglichen Tricks die Anliegen ihrer Wähler umgehen können, wohl nahezu alles.

  • georges kopp
  • 20.05.10 | 13:49 Uhr

altleuenberger ist wieder mal ein goal gegen "sein" volk gelungen! es leben die alt- und uralten. wider besseres wissen wollen sie ihre schnapsideen verwirklichen und vor allem: veröffentlichen. na warten wir ab ob weck ein sanierer oder profitierer wird.

  • stephan grossenbacher
  • 20.05.10 | 13:28 Uhr

deweck soll die finanzen sanieren, er (wahrscheinlich als einziger) fühlt sich dazu fähig, also will er uns doch sicher zum staunen bringen. als "patrizier, (etwas wie landvögte), und vordenker, (der normale mensch,hund,vogel,pferd,usw.denkt ja nicht,zum glück gibts patrizier!) mach er das mit LINKS.

  • Sergio Frei
  • 20.05.10 | 08:36 Uhr

super artikel , like or notlike the deweck.
kostenwahrheit im zusammenhang mit bundesbern od. filialen (srg) zu erwähnen ist ja voodoo und schwarze magie zusammen...!
es geht doch ums verteilen, man muss doch alle an den futtertopf lassen, auch 20jährige harz4empfänger - da fehlt nur die motivation.
böse? eine kostenstelle mehr, aristokrat hin od. her, ein problembewirtschafter par exellence.
ein lösungsuchender ohne reele lösungsabsicht kann ja nur auf den BR mit
entsprechenden sympatien hinweisen morize [gelöscht am 20.05.2010 durch Moderator]

 
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