Er war der grosse Hoffnungsträger Anfang der neunziger Jahre beim Tages-Anzeiger. Es eilte ihm sein Ruf als brillanter Stilist voraus. Beim Hamburger Wochenblatt Die Zeit war er als Wirtschaftschef und Frankreichkorrespondent tätig, davor unter anderem bei der Weltwoche. Roger de Weck umgab der Heiligenschein des Aristokraten, als er sich anschickte, in die Niederungen des Zürcher Überregionaljournalismus hinabzusteigen. Im Tagi setzte er feingliedrige Zwischentöne nach dem Ende des Kalten Kriegs. Seine Texte wurden als anregend und intelligent empfunden. Den Verfasser dieser Zeilen holte der Romand, der nie ganz akzentfrei Dialekt sprach, von der Neuen Zürcher Zeitung in die eigene Redaktion. De Wecks Ansage lautete damals, er wolle den Tages-Anzeiger vom sozialdemokratischen Mief befreien.
Was ist an Erinnerungen geblieben? De Weck gab dem eher provinziell und spiessig wirkenden Birkenstock-Tagi ein Stück Glamour und Weltläufigkeit. Auf einmal war da ein Chefredaktor, der Theodor Fontanes «Stechlin» oder Aram Mattiolis Biografie über den strengen Freiburger Katholisch-Konservativen Gonzague de Reynold gelesen hatte — und darüber auch noch elegant zu schreiben wusste. Man könnte nicht darauf kommen, wenn man heute seine Kolumnen liest: Aber damals war de Weck der Reformer in einem Blatt, das mit Nibelungentreue die Glaubenslehren der 68er Bewegung nachbetete. Beherzt räumte de Weck etwas auf. Er gab Impulse, liess Nachwuchsleute hochkommen. Das war erfrischend, und noch immer dürften ihm einige Leute dafür dankbar sein, dass sie unter seiner Führung Neues ausprobieren konnten.
Allerdings, es gab schon damals einen interessanten wunden Punkt. Es war unmöglich, dem hochdekorierten Publizisten menschlich nahezukommen. De Weck kultivierte, vermutlich unabsichtlich, eine merkwürdige Distanz nach allen Seiten, er wirkte manchmal autistisch im persönlichen Gespräch, stets eine Spur zu unverbindlich, vor allem, wenn sich Konflikte anbahnten. Er strahlte bei allen Versuchen, sich bei den Leuten beliebt zu machen, unüberbrückbare Kälte aus. Eine gewisse Arroganz gehörte zur Ausstattung. Er war kein Mann fürs Handfeste, de Weck hatte immer etwas Abgehobenes, Glitschiges, ein Mensch ohne Bodenhaftung. Alles an ihm wirkte irgendwie gewollt und angestrengt.
Tränenreicher Abschied
Seine Amtsperiode im Tages-Anzeiger zwischen 1992 und 1997 fiel in eine Zeit blendender Gewinne und wachsender Auflagen. Noch war es unmöglich, in der Zeitungsbranche Geld zu verlieren. Trotzdem überlupfte sich de Weck mit einer masslosen Expansionsstrategie. Die Investitionen beliefen sich auf geschätzte 50 Millionen Franken, die Ertragszunahmen blieben aus. Als der Chefredaktor von der Geschäftsleitung aufgefordert wurde, das Traumschloss auf stabile Dimensionen zurückzufahren, kam es zur Machtprobe mit dem CEO. Es waren nach heutigen Begriffen minimale Sparvorgaben, die den auf- und ausbaufreudigen Journalisten aus Zürich vertrieben. Der tränenreiche Abschied war ein schauspielerisches Glanzstück. Nur zwei Wochen nach dem pompösen Abgang wurde bekannt, de Weck habe bereits wieder bei der Hamburger Zeit unterschrieben, diesmal als Chefredaktor.
Es waren ähnliche Schwierigkeiten, die ihn drei Jahre später beim deutschen Blatt den Job kosteten. De Weck fand keinen Draht zu seinen Leuten, was an der Nordsee sicher nicht einfacher war als an der Limmat. Er riss Projekte an, brach Strukturen auf, aber irgendwie schien es ihm nicht zu gelingen, sicheren Boden zu finden und klare Ideen umzusetzen. Ein ehemaliger Kollege, der ihm durchaus wohlgesinnt ist, bescheinigt ihm wertvolle Ansätze, die eine Veränderung der Zeitung einleiteten. De Weck habe «die meisten Bunker, die sich in den letzten zwanzig Jahren gebildet hatten, weggesprengt» und seinen Nachfolgern das Terrain so geebnet, «dass sie nur noch die Trümmerhaufen wegräumen mussten». Allerdings verkrachte sich der Zerleger abermals mit dem Management. Es kam alles oder nichts – zum Showdown mit dem CEO. De Weck unterlag und musste gehen.
Man sollte nicht zu viel hineindeuten, aber die beiden Taucher bewirkten eine ideologische Wende. Aus dem linksliberalen intellektuellen Aufmischer und Dandy, der seine Redaktoren zu provokativen Ideen anstiftete und ihnen den Geist des marktwirtschaftlichen Denkens wenigstens rhetorisch einimpfte, wurde der grimmige Mahner und Bedenkenträger. Auf einmal war de Weck von Feinden umzingelt. Die Schweiz sah der schlechtgelaunte Deuter in den Klauen finsterer Mächte. Sein Zorn galt vor allem den barbarischen Horden des Neoliberalismus um ihren teuflischen Hohepriester Christoph Blocher. An de Weck schien sich die Theorie zu bewahrheiten, wonach Leute, die in der Wirtschaft auf die Nase fallen, als linke Moralisten wiedergeboren werden, um sich an jenen zu rächen, in denen sie die Urheber ihres Misserfolgs erblicken. Sein Lieblingsfeindbild waren fortan die Reichen und Erfolgreichen, also jene Gruppe von Leuten, die das eigene Versagen so schmerzhaft deutlich machten.
Mit seinen politischen Ansichten steht de Weck heute quer zur Mehrheit. Er ist ein glühender EU-Befürworter, einer der grössten Schweizer Euro-Turbos. Die SVP ist ihm als Hinterwäldlerpartei ein Gräuel. Im Club Helvétique und im anderen Verein der Schweizer Demokratieabschaffer («Unser Recht») setzt er sich für eine Einschränkung der Volksrechte ein zugunsten des internationalen Rechts, das hinter geschlossenen Türen von Leuten entworfen wird, die so sind wie er. Am liebsten wäre ihm wohl der von einer erleuchteten Elite geführte Vernunftstaat, in dem sich alle politischen Auseinandersetzungen und menschlichen Wirrungen sachlogisch auflösen. Vermutlich liegt hier für ihn der Sex-Appeal der Europäischen Union: Sie ist das institutionelle Abbild seines politischen Denkens, das nicht von der Landsgemeinde oder der Volksabstimmung ausgeht. De Weck denkt, als Schweizer Aristokrat, in Grossräumen. Die Schweiz ist ihm vor allem ein Sinnbild der Enge, aus der es auszubrechen, die es zu überwinden gilt.
Unzutreffendes Jobprofil
Die harte Frage lautet: Was befähigt einen zwei Mal als Chefredaktor gescheiterten Publizisten, der in den letzten zehn Jahren nicht mehr im operativen Geschäft tätig war, dazu, einen Grossbetrieb mit 6100 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Franken aus den roten Zahlen zu führen? Noch ist kein Fall bekannt, in dem sich Roger de Weck dem Auftrag, die Kosten zu senken, ohne Machtkampf mit anschliessender Kündigung unterworfen hätte. Im «Executive Search»-Projekt der SRG für den Generaldirektorenposten wurde eine Person «mit exzellenten Leadership-Qualitäten» und «mehrjähriger, erfolgreicher Führungserfahrung in grossen und komplexen Unternehmen» gesucht. Gemäss Stellenbeschrieb war «stark ausgeprägte betriebswirtschaftliche Erfahrung» gefordert, kein schöngeistiger Intellektueller. Man müsste sich gesondert mit der Frage beschäftigen, warum sich die SRG-Jury in ihrer vatikanreifen Direktorenkür am Ende ausgerechnet für einen Kandidaten entschied, auf den das Jobprofil nicht zutrifft.
De Wecks Berufung ist eine Kriegserklärung an den Zeitgeist. Sie spaltet die Schweiz. De Weck ist eine Galionsfigur der linken Wahlverlierer der letzten Jahre. Seine politischen Rezepte führen in die Vergangenheit und in die EU. Will ihn die SRG als Bollwerk gegen die Kostenwahrheit installieren? Verkörpert er ein letztes Aufbäumen jener Kräfte um Medienminister Leuenberger, denen die Felle seit Jahren davonschwimmen? Was sicher ist: De Weck ist anders als Vorgänger Armin Walpen kein cooler Machiavellist, dem es egal ist, was in seinen Programmen läuft. De Weck ist ein politischer Überzeugungstäter, wie ihn die SRG noch nie an ihrer Spitze hatte. Stellt man ab auf seine ersten Aussagen, wird er der Versuchung nicht widerstehen können, seinen weltanschaulichen Einfluss geltend zu machen. Es wäre eine Katastrophe für den Staatssender, der seinen Anspruch, Gebührengelder zu erheben, aus dem Selbstverständnis ableitet, nicht nur die De-Weck-Schweiz, sondern alle zu bedienen.













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