Im Jahr 1997 war ich Mitglied der Geschäftsleitung von Tamedia, zuständig für Zeitungen und Zeitschriften. Ebenfalls Mitglied der Geschäftsleitung war Roger de Weck in seinem Amt als Tages-Anzeiger-Chefredaktor.
Der Tages-Anzeiger hatte finanzielle Probleme. Die Kosten waren unter de Weck völlig aus dem Ruder gelaufen. Der Chefredaktor warf das Geld für seine ambitionierte «nationale Strategie» aus dem Fenster. Die Redaktion wuchs um über vierzig Köpfe. Die Zeitung blähte sich auf sechs Bünde auf. All das kostete zehn Millionen mehr im Jahr. Nur die Abonnements und die Einnahmen stiegen nicht.
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Die Geschäftsleitung beschloss darum, beim Tages-Anzeiger eine Sparrunde anzusetzen. Es war eine äusserst milde Sparrunde. Dennoch warf de Weck sofort den Bettel hin und nahm Reissaus. Ich habe noch nie eine Führungskraft in den Medien erlebt, die derart wenig Ahnung von Zahlen hat wie Roger de Weck. Präziser gesagt: Ich habe noch nie eine Führungskraft in den Medien erlebt, die sich derart wenig für Zahlen interessiert.
Immerhin, seine persönlichen Zahlen sind bekannt. Als neuer SRG-Chef verdient er mit Salär und Bonus 647 000 Franken im Jahr. Das ist seltsam, weil es bemerkenswert wenig ist dafür, dass er die Selbständigkeit als Publizist und Wissenschaftler aufgibt.
Noch seltsamer ist: Der Spitzenposten bei der SRG ist ein reiner Verwaltungsjob. Journalistisch hat Journalist de Weck zu schweigen. Alles andere würde der Corporate Governance zuwiderlaufen.
Man muss also über Zahlen reden. De Weck hasste schon zu unserer gemeinsamen Zeit die Zahlen, weil Zahlen das Kriterium für Erfolg oder Misserfolg sind. Wenn Zahlen eine klare Sprache sprachen, rannte er davon oder beschönigte die Fakten. Er liebte stattdessen Ideen und grosse Würfe, die nicht messbar sind. Er liebte Fantasien. Man kann es etwas bösartig sagen: Der glühende EU-Anhänger lebte schon damals den Stil Griechenlands.
Nun ist genau diese SRG das einzige Schweizer Unternehmen, das ebenfalls im Stil Griechenlands geführt wird. Im letzten Jahr machte sie ein Defizit von 47 Millionen Franken. Fürs Jahr 2010 budgetiert man ein Defizit von rund 75 Millionen, weil zusätzliche Ausgaben wie Winterolympiade und Fussball-WM zu Buche schlagen. Doch die SRG-Spitze weigerte sich trotzig, bei einem Gesamtbudget von 1,56 Milliarden diese läppischen drei Prozent zusätzlich an Kosten einzusparen. Man zielte stattdessen auf mehr Geld vom Staat.
Das kleine Defizit ist das einzige Problem der SRG. Ansonsten ist sie blendend aufgestellt. Die politische Rückendeckung ist stark. Der Service public unbestritten. Die Marktanteile sind stabil. Als einzige Baustelle gibt es das Konvergenzprojekt von Radio und TV, die organisatorische Integration der beiden Strukturen. Das wird in diesem Jahr weitgehend abgeschlossen sein – de Weck muss sich damit nicht mehr die Hände schmutzig machen.
Der Job eines SRG-Generaldirektors ist damit ein veritabler Zuckerjob. Er ist ein Vergnügen. Es ist mit Sicherheit der einfachste Job, den es derzeit in der Schweizer Medienindustrie gibt. Wenn man es etwas pointiert sagen will. Sogar ein Anti-Manager wie de Weck kann das.
Er muss nur ein bisschen sparen
Die einzige kleine Herausforderung bleiben die Finanzen. Er müsste 50 bis 75 Millionen sparen, wenn er seinen Beruf ernst nimmt. Dann ist es keine Hexerei. 75 Millionen bei der SRG sparen kann sogar ein Roger de Weck. Wenn er will.
Als Beleg muss man nur die SRG von 2005 mit der SRG von 2010 vergleichen. Sie hat sich in dieser Zeit nicht verändert. Das Programm des Deutschschweizer Fernsehens ist deckungsgleich. Teure Sendungen wie «Tagesschau», «10 vor 10», «Benissimo», «Music Star», «Kassensturz» und «Rundschau» gab es damals schon. Serien und Sport gab es damals ebenfalls im gleichen Umfang. Seit 2005 sind keine teuren TV-Gefässe hinzugekommen.
Dasselbe Bild zeigt sich in der Romandie und im Tessin. Das Programm von 2005 und 2010 ist nahezu identisch. Dasselbe gilt auch für sämtliche Radiostationen, wo ebenso keine Programminnovationen stattfanden. Der einzige Sender, der neu dazukam, ist DRS 4 News. Er kostet praktisch nichts.
Die Stabilität im Programm führte dazu, dass die Produktions- und Programmkosten seit 2005 nur schwach stiegen. Hingegen explodierten die Personalkosten. Sie stiegen um 80 Millionen. Mehr Effizienz in Produktion und Programm wurde durch die expansive Personalpolitik ruiniert. Auch die Gebühreneinnahmen, heute 30 Millionen höher als 2005, wurden dadurch aufgefressen.
Weck braucht kein Genie zu sein, um hier schnelle Erfolge ausweisen zu können. Er muss nur ein bisschen besser als Vorgänger Armin Walpen sein. Es genügt, die Personalkosten etwa auf den Stand von 2005 zurückzufahren.
Die Frage ist nicht nur, ob er will, sondern auch, ob er muss. Der SRG-Verwaltungsrat, der ihn gewählt hat, wusste, wen er gewählt hat. Er wählte einen Mann, der bockt, wenn er unpopuläre Entscheide treffen muss. Es ist anzunehmen, dass der Verwaltungsrat keinen Druck auf seinen neuen Generaldirektor ausüben wird. Warum sollte er sich selber unter Druck setzen?
Wir stellen uns also besser darauf ein, dass 2012 die Radio- und TV-Gebühren steigen werden. Ganz im Stil Griechenlands.













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