Stil & Kultur

Zeit der Verschwendung

Von Daniele Muscionico

Zweckfreier Überfluss: Kirschbäume in Hokkaido. Bild: Thomas Flechtner, Nr. 13 der Serie "Site" aus dem Buch "Bloom", Lars Müller Publishers

Frühling ist ein kategorischer Imperativ. Frühling ist die sinnigste Art der Verschwendung seit Erfindung der Kunst. Wer Frühling sagt, darf nur an Schönes denken. Er muss, genau genommen.

Denn Schönheit zu loben, ist für den Intellektuellen so wenig schicklich, wie sich zur Verschwendung zu bekennen. Nur die Natur darf das: Kirschbäume für einen Tag zur Hochblüte treiben, Tausende Blüten an einem Baum; das japanische Kirschblütenfest ist die Feier des Überflusses und der Lebensfreude. Sind sie verblüht, brennen auf den Hügeln in Hokkaido die Shiba Sakura, Polster-Phlox in zahllosen Farbtönen, ein irisierender Teppich, zwecklos und formvollendet.

Nur die Natur darf das. Und der Künstler? Wieso ist der Kunst das Schöne aus dem Gesichtsfeld geraten? Wenn hier der Künstler Thomas Flechtner seine Grossbildkamera auf diese Armada ornamentaler Schönheit richtet, geht er einen einsamen Weg. So viel Schwelgerei zu versammeln und Vergänglichkeit zu meinen , ist in der zeitgenössischen Kunst alles andere als opportun. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts soll Kunst nicht schön sein, sondern vor allem wahr. Die Kunst, seit Jahrhunderten Instanz des Schönen, hat sich von der Schönheit abgewandt und sich ihm zugewandt: dem innerlich zerrütteten Subjekt. Der Traum von der blauen Blume der Romantik war mit dem Ersten Weltkrieg ausgeträumt, das Schöne wird vor allem durch sein Gegenteil wahrgenommen. Oder, wie Arnold Schönberg meinte: «Schönheit beginnt dort, wo die Unproduktiven sie zu vermissen beginnen.»

Wie falsch ist das. Und wie paradox, sich zwar an der Schönheit der produktiven Natur zu erfreuen, aber beim produktiven Künstler das Schöne unter Kitschverdacht zu stellen. Die Verneinung der Schönheit damals war ein Symptom für eine Gesellschaft in der geistigen Krise. Die Folgen davon kann man den Künsten nicht übelnehmen: Sie kündigten den Pakt mit dem Publikum und zogen sich zurück auf eine Position der radikalen Verweigerung.

Doch, wo anders als in der Kunst liesse sich besser begreifen, wie flüchtig unsere Vor- stellung vom Wahren und vom Idealen sei? Und, was denn für uns das Schöne an der Schönheit eigentlich wäre? Doch keine Furcht: Der Frühling dauert noch, und seine Schönheit meint Hingabe, absichtslosen Überfluss. Und er wartet, draussen vor der Tür.

Kommentare

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  • Markus Spycher
  • 14.05.10 | 09:11 Uhr

>> „Schönheit der produktiven Natur“

Schön gesagt. Aber damit ist es so eine Sache: Solange die Blüten des japanischen Kirschbaumes an demselbigen prangen, sind sie wunderbar anzuschauen. Einmal am Boden, sind sie aber nur noch ein Aergernis. Ist Natur kitschig? Eine solche Frage grenzt an Blasphemie. Beim kreativen Menschen ist aber der Kitschverdacht nicht nur legitim, sondern angebracht. Distanzloses Anbeten, fehlender reflektierender Abstand zwischen Schöpfer/in und Betrachter sind leider häufig, die Folgen oft katastrophal.

 
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