Glaubt man der Selbstdarstellung der Armee, ist der Einsatz von Schweizer Soldaten im Kosovo ein glorioser Erfolg. Die sogenannte Swisscoy, die unter dem Oberkommando der Nato den jungen Staat befrieden soll, wird mit Lobreden bedacht und mit Dank überschüttet. Kehren die Krieger heim, werden sie, glänzend herausgeputzt, an einer «Medal-Parade» geehrt, wo sie vor Armeespitzen, Politikern und internationalen Gästen ausgezeichnet werden. Zur Verabschiedung des kürzlich zurückgekehrten Kontingents 21 war neben zivilen und militärischen Würdenträgern der Botschafter der USA geladen. Divisionär Peter Stutz, Chef des Führungsstabs der Armee, lobte die Swisscoy als Garantin «für Sicherheit und Stabilität». Die Schweiz könne «stolz» sein auf ihre Soldaten im Ausland.
Im Ringen um die Ausrichtung der Armee pochten fast alle Departemente auf verstärkte militärische Präsenz im Ausland. Unter der Federführung von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey (SP) musste VBS-Vorsteher Ueli Maurer (SVP) den Entwurf des Sicherheitspolitischen Berichts umschreiben und die Bedeutung der Auslandeinsätze rhetorisch aufrüsten. In einer Situation fundamentaler Unsicherheit über Sinn und Strategie der Armee scheint der Export von Schweizer Soldaten für viele die Idee der Stunde zu sein.
Die Hymnen und Visionen haben mit der Realität allerdings nur bedingt zu tun. Personen aus dem engsten Führungskreis um Kommandant Hannes Göldi, im Nato-Jargon National Contingent Commander (NCC) genannt, berichten von desolaten Zuständen und bedenklichen Zwischenfällen in der Swisscoy 21. Führungslosigkeit, Chaos, Alkoholexzesse und Prostitution seien an der Tagesordnung. Den Schweizer Soldaten fehle es im Kosovo schlicht an sinnvollen Aufgaben.
Granatenwerfen zum Jux
Die folgenden Schilderungen beruhen auf Augenzeugenberichten von Kadern, die Einblicke in die Entscheidungsprozesse hatten und teilweise mit Untersuchungen und Ermittlungen betraut waren. Einige Vorfälle sind bei der Kommandostelle der Schweizer Auslandeinsätze, Swissint, in Stans aktenkundig. Dennoch haben sie nie den Weg an die Öffentlichkeit gefunden. Intern gelte die Devise, dass sie keinesfalls an die Medien gelangen dürften.
Hauptschauplatz des Geschehens ist das Camp Casablanca beim Städten Suva Reka. Die 210 Schweizer sind dort neben Truppen anderer Nationen stationiert. Die Kommandostrukturen sind eher kompliziert: Die Swisscoy untersteht dem österreichischen Kontingent Aucon, welches wiederum der Multinational Battle Group South (MNBG S) unterstellt ist, die Teil der Kfor und somit der Nato ist. Logistik und disziplinarische Gewalt sind in Schweizer Hand.
Tägliche Saufgelage
Von Disziplin im engeren Sinn kann allerdings nicht die Rede sein. Kfor heisse «Krasse Ferien ohne Rechnung», wird im Lager gewitzelt. Im Internet kursieren gar Videos von Schweizer Soldaten unter diesem Titel. In einem der selbstgemachten Filmchen lässt ein Soldat in Uniform eine Granate unter einer Eisschicht auf einer Strasse explodieren. Er rennt davon, rutscht aus. «Scheisse, Mann», ruft er. Dann bricht er, zusammen mit dem filmenden Kameraden, in Gelächter aus. Kurz darauf passiert ein Fahrzeug die Stelle.
Die jungen Männer im Film wirken angetrunken. Falls sie es waren, wäre es keine Überraschung: Alkoholismus ist unter den Swisscoy-Truppen verbreitet. Gefeiert und getrunken wird fast ausnahmslos jeden Abend, in vielen Fällen wörtlich bis zum Umfallen. Ausgangspunkt der wilden Saufpartys im Kontingent 21 war das «Pulverfass», ein Holzbau in der Nähe des Stabstraktes, ausgerüstet mit einer Bar und einigen Billardtischen. Da die Lokale keinen Profit machen dürfen, werden die Getränke zum Einkaufspreis verkauft. Ein Bier kostet ungefähr einen Euro. Mit Ausnahme des Mittwochs war das «Pulverfass» jeden Abend geöffnet. Daneben gibt es auf dem Gelände illegale Bars, in denen um hohe Beträge gepokert wird. Einige Soldaten kamen massiv verschuldet aus dem Einsatz zurück, trotz dem Motto «Krasse Ferien ohne Rechnung» und dem anständigen Sold.
Im «Pulverfass» kam es sechs Monate lang und sechs Tage pro Woche zu regelrechten Alkoholexzessen. Der Raum bietet Platz für mehrere Dutzend Soldaten. Beteiligt waren vor allem Infanteristen. Je länger der offenbar unnötige und darum langweilige Einsatz dauerte, desto ungehemmter wurden die Trinkorgien. «Nicht alle Infanteristen waren enthemmte Alkoholiker. Aber viele», sagt ein Armeekader. Unter den allabendlich Abstürzenden seien auch Gruppen- und Zugführer gewesen, «die am nächsten Morgen nur schwer oder gar nicht aus dem Bett fanden».
Nach Schliessung des Lokals zogen Horden betrunkener Soldaten grölend durchs Camp zu ihren Unterkünften. Kurz vor der letzten Runde um 22.30 Uhr deckten sie sich noch mit 20er-Kästen Bier ein, um die Saufereien in den Unterkünften fortzusetzen. Auch dort nahm niemand Einfluss, da das Kader oft mitfeierte. Ruhe kehrte im Schweizer Teil von Camp Casablanca erst nach 23.30 Uhr ein, wenn sich die Feste in die Container verlagert hatten.
Organisierte Disziplinlosigkeit
Der Alkoholmissbrauch sei erkannt, aber nicht unterbunden worden, sagen beteiligte Kader. Im Gegenteil: Kommandant Hannes Göldi, Oberst im Generalstab, tolerierte ihn, obwohl ein «Dienstbetriebsbefehl» den Konsum von Alkohol während der «Arbeitszeit und zwischen 23.00 Uhr und 18.00 Uhr» untersagt. Gefördert wurde die Trinkerei durch den Umstand, dass den Infanteristen kaum Tagesstrukturen gegeben wurden: Es gab weder ein Antrittsvorlesen am Morgen noch ein Zimmerverlesen am Abend. Wer keinen speziellen Auftrag hatte, konnte ausschlafen und den ganzen Tag herumhängen.
Die organisierte Disziplinlosigkeit förderte die Entgleisungen, zumal es unter den Soldaten nicht nur gefestigte Persönlichkeiten geben soll, sondern auch junge Männer, die keinen Job finden und, statt stempeln zu gehen, lieber den gutbezahlten Auslandsdienst antraten. Ein Vorgesetzter spricht von «Sozialfällen» und «labilen» Personen. Mehrere von ihnen nahmen täglich Psychopharmaka ein.
Die Militärpolizei führte verschiedentlich Atemlufttests durch. Dabei mass sie eindrückliche Werte. Ein Mechaniker der Logistikkompanie blieb am Morgen mit 0,9 Promille hängen. Der Mann erhielt vier Tage scharfen Arrest, gegen seine offensichtlich erhöhte Alkoholgewöhnung wurde nichts unternommen. In einem anderen Fall rastete ein betrunkener Infanterist aus, Kameraden versuchten ihn ins Bett zu bringen. Am nächsten Morgen sollte er mit einem Schützenpanzer auf Patrouille. Die Messung der Militärpolizei zeigte 1,85 Promille an. Massnahme: neun Tage scharfer Arrest. Zudem verpflichtete sich der Soldat «freiwillig», bis Mitte der Mission keinen Alkohol mehr zu konsumieren.
Bei einem weiteren Zwischenfall stürzte ein Soldat der Logistikkompanie im Suff, wobei er sich am Kopf verletzte. Die Wunde wurde genäht, mit Verdacht auf Gehirnerschütterung sollte er liegen bleiben. Doch der 23-Jährige sprang mehrfach grölend aus dem Fenster. Die Messgeräte zeigten 2,25 Promille an. Bei Arbeitsantritt um 7.30 Uhr ergab ein erneuter Test einen Restalkoholwert von 1,5 Promille. Am folgenden Tag musste er um 10 Uhr bei der Kompaniekommandantin antraben. Wieder erschien er in angetrunkenem Zustand. Aus Gesprächen ging hervor, dass er jeden Abend gesoffen hatte. Trotz des Vorfalls bewilligte die Zentrale sein Gesuch um Verlängerung des Dienstes. Den Einsatz im Kontingent 22 begann der Mann in der Arrestzelle.
Immer wieder kam es zu Sachbeschädigungen. Soldaten warfen in ihren Unterkünften mit Bierflaschen um sich, traten Türen ein, zerschlugen Einrichtungen, rissen Handtuchhalter herunter. Die kosovarische Reinigungsequipe durfte die Sauereien aufputzen.
Kommandant behindert Ermittlungen
Erstaunlich wirkt die Tatsache, dass Kommandant Göldi die Ausschreitungen nicht nur tolerierte, sondern offenbar deckte. Als wieder einmal Flaschen flogen, rückte die Militärpolizei aus. Am nächsten Morgen zitierte Göldi die Polizisten zu sich. Sie mussten sich für ihren Einsatz rechtfertigen. Die Schuldigen wurden nie ermittelt. Im Januar 2010 eskalierte die Situation. Während einer Feier in einem Wohncontainer wurde ein Soldat mit einem Messer verletzt. Mit tiefen Schnittwunden am rechten Unterarm musste er ins Lazarett eingeliefert werden. Von dort brachte man ihn umgehend nach Prizren ins deutsche Feldspital zu einer Operation. Ein zweiter Infanterist wurde vorübergehend festgenommen und ausgenüchtert.
Beide hatten Blutalkoholwerte von über zwei Promille. In einer ersten Version erzählten sie etwas von «Salamischneiden». Als bei einer Durchsuchung keine Salami gefunden wurden, wollte die Polizei die Streithähne nochmals befragen. Doch inzwischen hatte sich Kommandant Göldi eingeschaltet und mit den beiden ohne Anwesenheit Dritter gesprochen. Danach gaben sie zu Protokoll, sie hätten Blutsbrüderschaft begehen wollen und der eine sei mit dem Messer ausgerutscht. Sobald der verletzte Soldat einigermassen transportfähig war, wurden sie nach Hause geschickt. Weitere Abklärungen fanden nicht statt. Swissint-Kommunikationschef Walter Frik sagt auf Anfrage, es habe sich «um einen Unfall im Wohncontainer» gehandelt, «bei welchem sich ein Soldat mit dem Messer selbst verletzt hat».
Regelmässige Bordellbesuche
Damit sich die Soldaten von ihrem Lebenswandel erholen können, offeriert ihnen der Bund sogenannte «Welfare»-Angebote, Ferien- oder Vergnügungsreisen ins nahe Ausland. Zur Wahl stehen die mazedonische Hauptstadt Skopje und der bulgarische Skiort Borovets. Auch dort kam es zu Zwischenfällen mit Schweizer Protagonisten. In Skopje wurden Swisscoy-Soldaten aus einer McDonalds-Filiale geschmissen, weil sie, stark betrunken, mit Hamburgern um sich geworfen hatten.
An beiden Destinationen taten sich Schweizer Soldaten überdies als eifrige Bordellbesucher hervor. In Borovets kam es zu einem lebensgefährlichen Zwischenfall. Einer der Soldaten wurde, vermutlich weil er Streit mit Zuhältern angezettelt hatte, zusammengeschlagen und komplett ausgeraubt. Nach der Rückkehr von der «Welfare»-Tour konnten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über einen kosovarischen Dolmetscher zumindest Pass und Jacke des Opfers wieder besorgt werden. Wie bekanntwurde, sollen Auseinandersetzungen in jenem Puff schon tödlich geendet haben.
Gern hätte die Weltwoche mit dem verantwortlichen Kommandanten über die Vorfälle gesprochen. «Herr Oberst i Gst Göldi weilt zurzeit im Ausland und ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar», beschied Swissint. Was den Alkoholkonsum betrifft, verweist Kommunikationschef Frik auf das Reglement. Es könne «davon ausgegangen werden, dass NCC Göldi seine Aufsichtspflicht wahrgenommen hat». Zu den Bordellbesuchen sagt er, solche «Verfehlungen» würden «aufs Schärfste» verurteilt: «Sie schaden nicht nur der Armee, sondern auch allen anderen Nationen, welche sich mit Militär an friedenserhaltenden Missionen beteiligen.»
Dass die um weitere Beispiele zu ergänzende Reihe von peinlichen bis illegalen Vorkommnissen eine Ursache darin haben könnte, dass der Einsatz längst zum Selbstzweck geworden ist, scheint man in Bern und Stans noch nicht bedacht zu haben. Während die Nato ihre Truppen mangels Aufgaben bis Ende 2010 von 15 000 auf 3000 Mann reduziert, will die Schweiz ihre Präsenz ausbauen. Wenn es so weitergeht, wird Bern noch mehr Truppen entsenden müssen: um die ausser Kontrolle geratenden Schweizer Soldaten vor sich selbst zu schützen.













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