Islam

«Geburtsfehler kann man nicht heilen»

Der Koran gehöre aus der Politik verbannt und auf die Privatsphäre beschränkt, sagt der Imam-Sohn Hamed Abdel-Samad.

«Unfähig, nach innen zu schauen»: Politologe und Buchautor Hamed Abdel-Samad.

Herr Abdel-Samad, was halten Sie von einem Burkaverbot?

Die Burka ist für mich ein trauriges Symbol. Aber ein Verbot bringt nichts, denn Kernprobleme werden so nicht gelöst.

Was symbolisiert denn die Burka?

Sie steht für eine rückständige Mentalität. Die Trägerin sagt damit: «Ich lebe in meiner eigenen Welt. Mich verbindet mit euch nichts, nicht einmal ein Blick.»

Was ist denn das Kernproblem?

Die weltliche Seite des Islam und die Demokratie vertragen sich wie Spinat und Tiramisu.

Das müssen Sie erklären.

Im Islam gibt Gott die Gesetze und Regeln vor, nach denen die Menschen zu leben haben und denen sie sich unterwerfen müssen. In der Demokratie aber geben sich die Menschen die Gesetze selber durch Verhandeln und durch gesunden Menschenverstand! Im Islam ist die Religion nicht verhandelbar und steht über dem Staat.

Nur eine Minderheit vertritt dies.

Ja, aber die sogenannt liberalen Muslime hört man kaum. Sie lassen sich von ein paar Dutzend Fundamentalisten, die den Ton angeben, an der Nase herumführen, und jetzt haben wir den Salat.

Wieso bleibt die Mehrheit still?

Zum einen fühlen sich diese Menschen nicht verpflichtet, sich zu jeder Schandtat, die im Namen des Islam begangen wird, zu äussern. Zum anderen können sie sich dort mit den Extremisten identifizieren, wo diese gegen den Westen wettern. Auch viele Liberale suchen die Sündenböcke für ihre eigene miese Situation im Westen. Teilweise ist das nachvollziehbar, wenn man bedenkt, was Kolonialisierung und Kriege angerichtet haben. Die Mehrheit der Muslime ist unfähig, nach innen zu schauen. Kaum jemand fragt sich: «Gibt es möglicherweise einen Geburtsfehler in unserem Glauben?»

Im Klartext: Sind der Islam und ein säkularer Verfassungsstaat vereinbar?

Der Islam hat eine spirituelle Seite, die zeitlos ist und heute noch Geltung hat. Diese ist wohl mit dem säkularen Staat und mit der Verfassung vereinbar, weil sie keine politischen Ansprüche erhebt. Die weltlich-juristische Seite allerdings hat im 21. Jahrhundert nichts zu suchen. Viele Muslime haben damit ein Problem. Hier entsteht die Unvereinbarkeit, hier fangen die Konflikte an.

... etwa mit radikalen Organisationen wie dem Islamischen Zentralrat, der muslimische Einwanderer zweiter Generation und Konvertiten anzieht. Worin besteht die Faszination?

Die moderne Welt überfordert viele Menschen, sie sind halt- und orientierungslos. Kommt dann eine biografische Wende hinzu wie etwa der Verlust der Freundin, sind viele Jugendliche anfällig für die Botschaften der Extremisten. Diese bieten eine Gemeinschaft mit klaren Anweisungen, einen klaren Glauben, der keine Zweifel zulässt. Und sie bieten auch Wärme und Anerkennung. Plötzlich heisst es: «Gott braucht dich!» Sie fühlen sich erwachsen und wichtig – die Extremisten können ihnen dann fast alles abverlangen.

Wie kommt man da wieder raus?

Nur durch geistige Stärke. Ich selber war auch einst Mitglied der radikalen Muslimbruderschaft in Ägypten. Mit 20 ging ich durch Kairo und schrie: «Tod den Juden!» Mein Vorteil war, dass ich den Koran auswendig kannte, mein Vater war Imam in Gizeh. Es kann mir so schnell keiner irgendetwas erzählen über den Koran.

Auch in der Schweiz verfallen junge Menschen dem Extremismus.

Die Orthodoxie ist tief im Islam verankert. Wir werden in Sachen Fundamentalismus schnell rückfällig. Sobald wir in einer Lebenskrise sind, kehren wir in die Moschee zurück. Nur deswegen ist man noch kein Staatsfeind, aber doch bereits anfällig für fundamentalistische Botschaften.

Verheilt der «Geburtsfehler»?

Nein, einen Geburtsfehler kann man nicht einfach heilen. Reformen funktionieren nie wirklich, ohne sich mit den Ursprüngen zu befassen. Die entscheidende Frage ist: Wann ist was schiefgelaufen im Islam? Wann wurde dem Glauben die Intoleranz gegen Andersgläubige eingepflanzt? Wieso ist es so schwierig, den Widerspruch zur Demokratie zu überwinden? Daran müssen wir arbeiten. Es bringt nichts, wenn wir an einzelnen Koranversen schrauben und glauben, dann würde der Islam demokratiefreundlich.

Was braucht es dann?

Wie wurde das Christentum aufgeklärt? Die katholische Kirche hat nicht freiwillig die Macht abgegeben, sie wurde entmachtet, weil die Menschen frei sein und selber denken wollten. Danach hat sie getrennt von der Staatsmacht ihre neue Rolle finden müssen. Und aus einer Position der Macht heraus wird sich auch der Islam nicht verändern. Wir müssen die Unantastbarkeit der Religion brechen. Der Islam ist nicht dazu gemacht, in der modernen Welt eine politische oder juristische Rolle zu spielen. Ich will den Koran nicht abschaffen, aber wir müssen ihn neutralisieren und in die Privatsphäre zurückdrängen.

Kommentare

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  • Milomir Feuerbach
  • 22.06.10 | 15:14 Uhr

@Eleonora El Sheemy-Oldani:
Kannst du mir noch die Stellen im Koran nennen, von denen du behauptest, sie ständen drin. Wie du dir vielleicht denken kannst, ist es einfacher, die passende Stelle zu lesen anstatt das ganze Buch durchzusuchen.

  • Massin Yuba
  • 22.05.10 | 04:31 Uhr

Imam-Sohn Hamed Abdel-Samad , heisst weder dass Hamed Abdel Samad ist Imam, noch das er Muslim ist!

laut sein Aussagen, er ist eine beruflich Muslim oder besser gesagt DienstMuslim lol, Hamad Abdel Samad wurde als klein Kind vergewaltigt, darum kann ich verstehen seine Antiislamtische Vorwürfe, das ehe ein Opfer Schreie als einen vom eine islamwissenschaftlicher..
Seine Vorwürfen gegen der Islam, sind genauso wie die Vorwürfen gegen Christentum vom manche Opfer der Vergewaltigungen der katholische Kirsche usa,uk,ir,De,. uzw
sie sinmenschliche Reaktionen aber eben keine Objektive Zeugnisse !

  • Eleonora El Sheemy-Oldani
  • 22.05.10 | 00:17 Uhr

Spaet aber trotzdem:

Schade, hat er nicht aufgezeigt, dass die Demokratie im Koran VERANKERT ist.

Schade, hat er nicht aufgezeigt, dass der Gesichtsschleier eine vor-islamische Tradition ist, welche NICHT im Koran steht;im Gegeneil: der Koran haelt explizit fest, dass das Gesicht frei sein muss.

Schade, hat er nicht aufgezeigt, dass der Geburtsfehler nicht im Islam liegt - so wie er auch nicht im Juden- und Christentum ist - sondern vielmehr in den Menschen, deren Gier und Machthunger, zu dessen Stillung alles eingesetzt wird.

Verpasste Chance, ya Hamed - schade!

  • Christine Joos
  • 15.05.10 | 10:59 Uhr

Ja, lieber Hanspeter, das Unheimliche. Tief verankert sind uns die Bilder des gesichtslosen Kapuzenmannes Gevatter Tod, des kapuzenverhüllten Schmutzli, der uns schwarz angemalt gesichtslos bestrafen kommt, des Ku-Klux-(Verbrecher-) Klans,die Mönchskutten, die im Film „Der Name der Rose“ so gespenstisch durch die mittelalterlichen Gemäuer huschen. Solche in Filme eingebrachte Stilmittel und Zeitzeugen vermitteln das Grauen vergangener, überwundener Zeiten. Ein Grauen, das gleichsam höhnisch und makaber uns hier als Burka vorgeführt damalige Zeiten aufleben lässt.

  • Carla Kägi
  • 15.05.10 | 10:10 Uhr

Die Frage ist lediglich, wer im Moment gerade militanter vorgeht, mehr "Gläubige" mobilisieren kann, wobei die Gläubigen oft nur die sind, die am wenigsten zu verlieren haben, am verzweifeltsten sind, oder andererseits (Konvertiten) die am meisten gelangweilten, ziellosen Wohlstandkinder.
Um eine wirkliche Sinnsuche, eine Erklärung unserer Existenz, das Finden einer seelischen Heimat des Menschen kann es nicht gehen, solange im Namen irgendeines Gottes gemordet wird. Der Gott der solches durch seine "Propheten" befiehlt, disqualifiziert diese & sich selbst.

  • Carla Kägi
  • 15.05.10 | 10:00 Uhr

Wer kann mir beweisen, ob tatsächlich ein Gott oder dessen Gesandter in Gottes Namen darüber entschieden hat, wem der Kopf abzuschlagen sei & warum? Blöde Frage, ich weiss!
Es ging in der Vergangenheit & jetzt schon immer um sehr weltliche Machtansprüche & den damit verbundenen materiellen Profit. Gott, in all' seinen Interpretationsformen war & ist der Vorwand um die Massen zu lenken & die ewige Verdammnis der grosse Böse Wolf um die Herde auf Kurs zu halten. Das Rezept funktioniert ob im religiösen oder politischen Bereich immer noch bestens.

  • Frank Walter
  • 14.05.10 | 22:42 Uhr

Die Aufklärung war eine für das christliche Abendland eigene Entwicklung, die mit der Rolle insbesondere der katholischen Kirche zu tun hat, und ist nicht auf andere Kulturkreise übertragbar, und im Islam gibt es keine den christlichen Kirchen vergleichbare Institutionen. Der Islam schreibt den Menschen auch keine bestimmte Staats- oder Regierungsform vor, weswegen zwischen Religion und einem demokratischen System kein Widerspruch besteht, allerdings mit der Einschränkung, daß es den Menschen nicht zusteht, über Dinge zu entscheiden, über die bereits Gott und Sein Gesandter entschieden haben.

  • Hanspeter Bühler
  • 14.05.10 | 08:00 Uhr

Liebe Christine
Ich sage es ehrlich: mir macht ein solcher Mensch echt Angst - irgendwie schwingt etwas Unheimliches mit. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber es hat etwas zu tun mit archaisch-fremdem Gedankengut. Was hat ein Mensch für eine Seele wenn er sich auf diese Weise abschottet. Ich kann es schlicht nicht verstehen.

Gut - bei Illi ist es ein Hineinsteigern, eine Flucht nach vorne - vor allem jetzt wo viele vertrottelte Medien noch auf den alltäglichen Mainstreamzug aufsteigen. Die Frau kann ich nur bedauern.

  • Christine Joos
  • 13.05.10 | 18:55 Uhr

"Die Burka ist für mich ein trauriges Symbol. Aber ein Verbot bringt nichts."
Das sind zwei Aussagen, die einander aufheben. Es ist eine Null-Aussage. Schade.

Dem traurigen Symbol stimme ich zu. Bei der Aussage, wenn ein Verbot nichts bringt, fragt sich, w e m es nichts bringt. Offensichtlich meint der Schreiber die Trägerin.

Ich bin der Meinung, dass eine einzige verhinderte Burka-Trägerin das Verbot rechtfertigt. Und zwar aus Sicht dieser Trägerin u n d aus Sicht der Bevölkerung, der der Anblick dieser Unsäglichkeit damit erspart bleibt. Nachdopplung: Unsäglichkeit.

  • Hanspeter Bühler
  • 13.05.10 | 08:34 Uhr

Rolf Buholzer
Aus Ihrer Anmerkung entnehme ich, dass Sie ein Gesichtshaarträger sind. Das muss jeder selbst für sich entscheiden, aber gerade ein selbstbewusstes Auftreten verzichtet auf solche Selbstdarstellungen! Ausserdem tut sich damit ein Mann der gefallen möchte keinen guten Dienst. Politiker, Fernseh-Moderatoren, auch Männer mit Werbeauftritten sollten auf "Gesichtszierden aller Art" gänzlich verzichten, denn eine grosse Mehrzahl von Menschen lehnt Bärte ohnehin in allen Erscheinungsformen mehr oder weniger kategorisch ab, oder sie ziehen prinzipiell jemanden ohne Bart vor.

  • Ulrich Künzi
  • 13.05.10 | 01:02 Uhr

Die Gefahr die von Leuten wie Blancho ausgeht liegt vielleicht mehr bei den jungen Konvertiten, die ja erfahrungsgemäß viel radikaler und gewaltbereiter sind. Anstelle Braunhemden sind es halt bei den Männern Nachthemden, aber Eines haben sie gemeinsam: Ihre ‘Liebe’ den Juden usw. gegenüber. Die meisten dieser Konvertiten sind doch verwöhnte, ziellose junge Menschen die einen Sinn in ihrem Leben suchten und am falschen Ort ‘gefunden’ haben

  • Ulrich Künzi
  • 13.05.10 | 01:01 Uhr

Hamed Abdel-Samad hat absolut richtige Schlüsse gezogen. Man kann die Problematik lösen indem allgemeine Gesetze schafft. Z.B. Statt Burka-Verbot Vermummungsverbot. Denn das Problem ist nicht die Burka sondern die Vermummung. Damit verhindert man den extremisten Angriffsflächen zu bieten.

  • Rolf Buholzer
  • 12.05.10 | 12:48 Uhr

Die Aussagen von Hamed Abdel-Samad überzeugen. Im Umkehrschluss müssen nun auch die Ambitionen der anderen Religionen in die Öffentlichkeit zu drängen beschnitten werden;weg mit den Plakaten. Schluss mit dem Glaubenskrieg im im öffentlichen Raum. Religion gehört in den Privatbereich.

@ Hanspeter Bühler
Ihr Kommentar zeigt eine gänzlich unverkannte Seite der Problematik auf, da haben Sie wohl recht. Am besten werden "verunstaltenden Männlichkeits-Attributen" auch gleich noch mit der Burka mitverboten...

  • Hanspeter Bühler
  • 12.05.10 | 07:54 Uhr

Herr Abdel-Samad ist ein sympathischer Mann, und wenn er noch auf sein Kunstbärtchen verzichtet, würde er noch mehr gewinnen. Er braucht dieses nicht für seine Persönlichkeit - genau so wenig wie andere Männer mit solchen und ähnlichen nutzlosen, oft verunstaltenden "Männlichkeits-Attributen".

 
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