Gesellschaft

Das späte Vaterglück

Wer mit fünfzig ein Kind zeugt, bekommt von Frauen oft harsche Kritik zu hören. Zu Unrecht.

Von Philippe Welti

Neue Studien verheissen wenig Gutes: Seit Jahren geht die Spermienqualität der Schweizer Männer zurück, die Fruchtbarkeit nimmt ab. Zum Glück gibt es noch die robusten und gesunden Überlebenden aus den fünfziger und sechziger Jahren, die zur Nachwuchssicherung beitragen. Den Trend zur späten Vaterschaft sehen nicht alle positiv – vor allem Frauen nicht. Sie sind mit dem Verdacht, Vätern über fünfzig gehe es um ganz anderes als die Freude am Vatersein, schnell bei der Hand.

«Ach, du bist auch so einer, der sich im Alter nochmals reproduzieren muss, um sich zu beweisen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört», fauchte mich die Kollegin an, der ich vom späten Vaterglück erzählte. Eine kühne Interpretation.

Die Wahrheit lautet: Ich mag Kinder und liebe meine Frau. «Musste das wirklich sein, in diesem Alter noch ein Kind aufzustellen?», sagte eine andere Bekannte vorwurfsvoll. Höre ich aus den passiv-aggressiven Reaktionen den Neid der alleinerziehenden Single-Frauen, die gegen 50 gehen?

Es ist weder meine Schuld noch mein Verdienst, dass die männliche Reproduktionsfähigkeit langlebiger ist als die weibliche. Es profitieren ja alle davon. So ist mein Sohn, auch wenn ich ihn nicht fürs Vaterland gezeugt habe, ein Beitrag zur Altersvorsorge und zur Erhaltung unseres Gesundheitssystems.

Trotzdem sind Väter im fortgeschrittenen Alter suspekt, vor allem den Frauen. Der Grund: Die meisten Männer ziehen jüngere Frauen vor. Das war schon immer so: Männer wollen sich mit Frauen im fruchtbaren Alter paaren, jeder Evolutionsbiologe wird das bestätigen. Als Folge verschärft sich für Frauen der Konkurrenzkampf um die Männer.

 

Frauen in der Emanzipationsfalle

Emanzipierte Single-Frauen Ende dreissig haben schlechte Karten, wenn sie noch ein Kind möchten. Jahrelang haben sie sich, während sie Karriere machten, in Schwangerschaftsverhütung geübt. Jetzt sagt ihnen die immer lauter tickende biologische Uhr: Wenn noch ein Kind, dann jetzt. Aber nicht von so einem narzisstischen Gewächs aus der urbanen Therapiekultur. Der künftige Vater sollte schon etwas darstellen und es zu etwas gebracht haben. Er sollte aber bereit sein, für die Familie sein Jobpensum zu reduzieren. Zu diesen Bedingungen lassen sich Männer um die vierzig mit Kinderwunsch nicht mehr wie Sand am Meer finden. Die Frau in der Emanzipationsfalle bleibt mit grosser Wahrscheinlichkeit kinderlos. Ausser sie findet einen entspannten Ü-50-Mann.

Im Jahr 2008 wurden in der Schweiz 1046 Männer über fünfzig nochmals Vater – Tendenz steigend. Vor zehn Jahren waren es 945, vor dreissig Jahren bloss 394. Schon vor Jahrhunderten zeugten Könige und Adlige dank ihres Status Kinder bis ins hohe Alter. In der industrialisierten Welt haben die Männer ihre Kinder spät und hören mit der Kinderproduktion früh wieder auf — zwischen 30 und 35 Jahren. Späte Väter wie Roger Schawinski, Marcel Ospel oder Franz Beckenbauer sind im Trend — und in der Regel Männer mit Status und Geld. In Kamerum ist heute die Hälfte der Väter über 50, in Pakistan ist es jeder fünfte. Bei Naturvölkern galt schon immer: Vitale Senioren geben wertvolles Erbmaterial weiter, das ihren Nachfahren hilft, gesund alt zu werden.

Erprobte Gene

Meine Generation hat die natürliche Selektion auf ihrer Seite. Als wir klein waren, führten Kohleheizungen zu hohen Feinstaubkonzentrationen in der Luft. Heute würde man den Eltern bei solchen Schadstoffkonzentrationen empfehlen, ihren Nachwuchs nicht ins Freie zu lassen. Wir Kinder gingen damals raus – und überlebten. In den fortschrittsgläubigen sechziger Jahren verschwendete man keine Zeit für die Untersuchung von Langfristfolgen von Schadstoffen in Farben oder in Plastik, die Autos fuhren ohne Sicherheitsgurte herum, und gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Die Lebensmittelkontrolle steckte noch in den Kinderschuhen. Das Pestizid DDT war in aller Munde – im wahrsten Sinne des Wortes. Wären wir 50 geworden, wenn wir nicht den Widrigkeiten der Natur und der Umweltverschmutzung getrotzt hätten? Eben. Unsere Gene können also nicht von schlechten Eltern sein.

Ob ältere Väter genetisch ein Segen sind für die Menschheit, wird sich weisen. Es wurde bisher nicht untersucht. Auf die Dauer gesehen, erweist sich ein alter Vater vielleicht als Vorteil. Es ist ein Experiment. Wir werden sehen. Mein Sohn ist glücklicherweise bis heute kerngesund und seine Mama auch.

Es gibt noch ein Argument für eine späte Vaterschaft: Ich bin gelassener, finanziell besser gebettet als mit 25 und habe auch nicht mehr das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn ich nicht an jede Party gehe. Davon profitiert mein Sohn. Ich habe eine statistische Lebenserwartung von rund dreissig Jahren. Genug Zeit also, meine Kinder – ich habe auch eine Tochter von acht Jahren – zu begleiten, bis sie erwachsen sind.

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