Bis vor wenigen Wochen war der 27-jährige Bieler Islam-Konvertit Nicolas Blancho nur Insidern bekannt. Der Präsident des neu gegründeten Islamischen Zentralrates Schweiz (IZRS) brachte es wöchentlich auf höchstens zwei, drei Erwähnungen in den Medien. Erst eine hart recherchierte Titelgeschichte der Weltwoche – «Der gefährlichste Islamist des Landes» – vom 8. April katapultierte den bärtigen Studenten der Islamwissenschaften ins öffentliche Bewusstsein. Seine Medienpräsenz hat sich seither verzehnfacht.
Der radikale Islam «made in Switzerland» hat ein Gesicht bekommen – und die grosse Bühne gleich dazu: In der letzten «Arena»-Sendung trat Nicolas Blancho erstmals in einer TV-Diskussionsrunde auf. Weltwoche-Inlandchef Philipp Gut, der unter anderem verfassungsfeindliche Äusserungen von Blancho publik machte – die Scharia habe «im Zweifelsfall» über dem Schweizer Recht zu stehen –, wurde nicht eingeladen.
«Arena»-Moderator Reto Brennwald bezeichnete Nicolas Blancho als strenggläubigen Muslim, der den Koran wörtlich auslege. Genau diese Ankündigung löst der junge Bieler ein. Er strebt eine Parallelgesellschaft an, fordert muslimische Schulen, sieht die Steinigung von Frauen als «einen Wert meiner Religion». In den eigenen vier Wänden lebt der Konvertit den Weg in die Parallelgesellschaft vor: Er ist mit einer aus dem Jemen importierten Frau verheiratet, die sich bei männlichem Besuch ins obere Stockwerk zu verziehen hat. Muslimische Käfighaltung mit Kopftuch und Schleier. Wer den Studenten und zweifachen Familienvater ohne Einkommen finanziert, ist unklar.
Typische Verschweizerung
Die Islam-Debatte hat Fahrt aufgenommen, und sie legt bisher erfolgreich vertuschte Verlogenheiten frei. Vor der Minarett-Abstimmung verurteilte SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey die Initiative als gefährliche «Wahlposse», die den Muslimen das «Recht auf Religionsfreiheit» verwehre. Um einiges kleinlauter gibt sich heute ihr Parteikollege, der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli. Man habe den Islamismus in der Schweiz «als Problem zu lange unterschätzt. Jetzt müssen wir uns intensiv damit auseinandersetzen.»
Eine zwangsläufig intensivere Auseinandersetzung erlebt auch die muslimische Gemeinschaft. Bislang dominierten wenige Vertreterinnen und Vertreter, meist als «moderate Muslime» bezeichnet, den öffentlichen Auftritt. Nun hat sich der IZRS innerhalb kürzester Zeit als Konkurrent mit hohem Aufmerksamkeitsgrad etabliert. Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, forderte umgehend ein Verbot der ihrer Ansicht nach gewalttätigen Organisation. IZRS-Pressesprecher Qaasim Illi macht sich derweil auf Tele Züri über Keller-Messahli lustig. Sie tue so, als ob sie die schweigende Mehrheit der Muslime vertrete. Blancho und Illi sehen sich als die wahren Repräsentanten des Islams. Welche Gruppierung sich durchzusetzen vermag, ist noch völlig offen.
Es ist eine typische Verschweizerung eines brisanten Themas im Gange. Die direkte Demokratie zwingt die Politik, Stellung zu konkreten Sachfragen zu beziehen. In anderen Ländern ist das Unbehagen gegenüber dem Islam nicht kleiner, nur bieten sich dort keine Ventile an wie das schweizerische Initiativrecht.
Die Minarett-Abstimmung vom November 2009 wirkte wie ein Katalysator – und sie hat die Partei mit dem C wie «christlich» im Kürzel kalt erwischt. In den CVP-Stammlanden fiel die Zustimmung für ein Minarettverbot besonders deutlich aus. In einer Panikreaktion forderte Parteipräsident Christophe Darbellay darauf sogar das Verbot von muslimischen Friedhöfen – um dann sofort wieder zurückzurudern.
Sein Eiertanz geht weiter: Nach Blanchos umstrittenem «Arena»-Auftritt machte Darbellay auf Polit-Cowboy und sagte, wenn der Mann Ausländer wäre, müsste man ihn sofort ausweisen. Dass Darbellays Partei die Ausschaffungsinitiative der SVP politisch bekämpft, muss ihm in der Aufregung gerade entfallen sein.
Nicolas Blancho befeuert die Islam-Debatte. Bisher war der Islamismus ein Phantom. Jetzt stehen junge, selbstbewusste, redegewandte Radikalmuslime im Rampenlicht. Dass sie Konvertiten sind, ist kein Zufall. Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz ging 2009 von 34 000 Islamisten in Deutschland aus, davon seien etwa 15 000 Konvertiten. Mehrere hundert gelten als gewaltbereit.
Das Pfeifen im Walde geht trotzdem weiter. Der Tages-Anzeiger beruhigt, Blancho vertrete nicht einmal ein halbes Prozent aller Muslime in der Schweiz. Dabei sind die rund tausend Mitglieder, die der Verein ausweist, eine erstaunliche Zahl: Den Islamischen Zentralrat gibt es erst seit dem 25. Oktober 2009 oder wie dessen Homepage konsequent in muslimischer Zeitrechnung vorrechnet: seit dem 6. Dhu l-Qada 1430.
Die Grünliberale Partei (GLP), die gerade die politische Landschaft in der Schweiz aufmischt, zählt nicht viel mehr als dreitausend Mitglieder. Diesen wenigen Streitern traut der Tages-Anzeiger offenbar weit mehr zu als dem IZRS: Die GLP sei auf dem besten Weg, «die FDP abzulösen». Der Islamische Zentralrat und Nicolas Blancho sind mindestens so hochmotiviert, die Führung im muslimischen Lager zu übernehmen.













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