Monopole

Züribiet, vom Bodensee bis zur Jungfrau

 Nach dem jüngsten Handel zwischen Tamedia und NZZ beteuern Verleger und Redaktoren unisono, die Meinungsvielfalt bleibe erhalten. Die einhelligen Kommentare belegen das Gegenteil. Unabhängige Berichterstattung wird zur Mangelware.

Von Philipp Gut, Andreas Kunz

Man spricht tamedisch: Die Zeitungen Zürcher Unterländer, Zürcher Oberländer, Zürichsee-Zeitung und Tages-Anzeiger. Bild: Keystone

Die Aufteilung der Territorien erinnert an mittelalterliche Fürstenhäuser. Mit der Übernahme sämtlicher Regionalzeitungen hat sich das Verlagshaus Tamedia letzte Woche die mediale Macht im Kanton Zürich gesichert. Die NZZ bekam im Gegenzug die Thurgauer Zeitung und kontrolliert nun die Ostschweiz. Der Tauschhandel beendet einen langjährigen und erbitterten Verdrängungskampf. Beide Parteien reiben sich die Hände.

Freuen konnten sie sich auch über das Echo in den Medien. «Der Zürcher Zeitungsleser wird [. . .] keinen politischen Einheitsbrei vorgesetzt bekommen, kein Meinungsmonopol zu gewärtigen haben, sondern weiter auswählen können», schrieb Markus Eisenhut, Co-Chefredaktor des Tages-Anzeigers. Im Gleichklang urteilte der Medienexperte der NZZ, Rainer Stadler. «Es herrschen keine Medienmonopole», dekretierte er, um anzufügen: «Die ökonomischen und technischen Sachzwänge prägen letztlich den Lauf der Mediengeschichte.» Selbst die eben verscherbelte Zürichsee-Zeitung (ZSZ) titelte tapfer gegen die Fakten: «ZSZ bleibt eigenständige Zeitung». Tatsächlich geht sie zu 100 Prozent in den Besitz der Tamedia über.

Die Einhelligkeit war flächendeckend. Auch aus Basel, Bern, Luzern, Frauenfeld oder St. Gallen kam kaum ein kritisches Wort. «Die Konzentration der Kräfte» sei ein «Gewinn» und ermögliche auch in Zukunft «Unabhängigkeit und publizistische Qualität», lautete der Tenor.

Eindrücklicher hätten die Zeitungen den Einheitsbrei und die bestehenden Abhängigkeiten nicht demonstrieren können. Das Land ist verteilt, die grössten regionalen Medien in den Ballungszentren gehören nun alle entweder Tamedia oder der NZZ. Kein Wunder, haben sich die Redaktoren gehütet, den spektakulären Deal zu kritisieren. Sie hätten die Hand gebissen, die sie füttert. Aber auch die Aargauer Zeitung oder die Südostschweiz, mittlerweile die letzten grossen unabhängigen Regionalzeitungen der Deutschschweiz, druckten Agenturmeldungen ab oder schoben für ihre zaghafte Kritik auswärtige Experten vor. Wo nur noch wenige Arbeitgeber herrschen, nimmt offensichtlich die Beisshemmung zu.

Etikettenschwindel «Newsnetz»

Eine nicht einmal vollständige Liste der Zeitungen, Radio- und TV-Stationen im Besitz der Tamedia, der grossen Gewinnerin der jüngsten Runde im Zeitungs-Monopoly, zeigt das Ausmass der neuen Medienmacht. Neben den frisch erworbenen Titeln in der Zürcher Landschaft gehören ihr der Tages-Anzeiger, die Berner Zeitung, Der Bund, der Züritipp, das Online-Newsnetz, das Tagblatt der Stadt Zürich, Tele Züri, Radio 24, die Sonntagszeitung, der Medienverbund 20 Minuten, Das Magazin, die Annabelle, die Automobil-Revue, Finanz und Wirtschaft, die Schweizer Familie, TV täglich usw.

Wie sich diese Konzentration auf Eigenständigkeit und Vielfalt der Titel von der Ostschweiz bis ins Berner Oberland auswirkt, illustriert ein aktuelles Beispiel. Letzte Woche stand auf der Online-Seite der Thurgauer Zeitung zu lesen, «Recherchen von Thurgauerzeitung.ch/Newsnetz» zeigten, «dass in der Deutschschweiz inhaftierte Nigerianer wieder auf freien Fuss gesetzt werden müssen». Derselbe Artikel mit demselben Titel fand sich identisch auf den Internetseiten des Tages-Anzeigers, der Basler Zeitung, der Berner Zeitung, des Bunds, des Berner Oberländers und des Thuner Tagblatts. Überdies konnte man den Bericht in mehreren Printausgaben geniessen. Verkauft wurde zwar stets dasselbe, doch den Lesern wurde vorgegaukelt, sie hätten eine eigenständige Rechercheleistung «ihrer» Redaktion vor sich. Ein klassischer Etikettenschwindel.

Die Meinungseinfalt hat beim Flagschiff der Tamedia, dem Zürcher Tages-Anzeiger, eine gewisse Tradition. Selbst der langjährige bürgerliche Chefredaktor Peter Hartmeier (FDP) musste sich in seiner Amtszeit dem internen Diktat unterwerfen, um es sich nicht mit seinen Mitarbeitern zu verscherzen. Bewusst installierte der neue Verleger Pietro Supino im Juni letzten Jahres eine Doppelspitze. Die Chefredaktion übernahmen der ehemalige Marxist Res Strehle und der als bürgerlich geltende Markus Eisenhut. Der Tages-Anzeiger sollte ein «Debattenblatt» werden, mit dem Auftrag, «das ganze Meinungsspektrum» abzubilden. Vielfalt und Ausgewogenheit im Innern, trotz monopolähnlicher Stellung auf dem Markt – dies war das Versprechen.

Die Realität sieht, ein knappes Jahr später, anders aus. Der linke Strehle schrieb bisher 43 Artikel und Kommentare, sein Kollege Eisenhut lediglich 8. Folgerichtig hat der Tages-Anzeiger wieder verstärkt das Image eines eher links politisierenden Blattes erhalten – offenbar zum Ärger von Verleger Supino.
Wie Insider berichten, soll der Linksdrall des Tagi ein Hauptgrund dafür gewesen sein, dass der eher bürgerliche Martin Spieler von der Handelszeitung als Chefredaktor zum Tamedia-Organ Sonntagszeitung geholt wurde. Es wird interessant sein, zu beobachten, ob auch er vom Mainstream eingeholt werden wird.

Wie sehr die angekündigte und versprochene Vielseitigkeit der Standpunkte eine Illusion blieb, zeigte sich in der Berichterstattung über die Abstimmung zur Minarett-Initiative. Am Tag nach dem überraschenden Ja des Stimmvolks brachte der Tages-Anzeiger 19 Artikel zum Thema. Der Tenor war überall der gleiche: Jammern, Wehklagen, Entsetzen über den Entscheid des Souveräns. Kein einziger Bericht beleuchtete das Resultat aus der Perspektive der Abstimmungsgewinner, immerhin der Mehrheit des Volks.

 

Der Fall Supino

Womöglich noch stärker als die mangelnde Vielfalt könnte die fehlende Unabhängigkeit künftig ins Gewicht fallen. Ein aufschlussreiches Beispiel dafür ist die Tamedia-Berichterstattung im Fall einer mutmasslichen Steuerhinterziehung eines deutschen Industriellen, in den eine Tochter der Privatbank Julius Bär involviert ist. Der Verdächtigte soll über die Zürcher Anwaltskanzlei Bär & Karrer eine Truststruktur aufgebaut haben, wie Financial Times Deutschland (FTD) im Februar berichtete. Als Mittelsmann der Kanzlei, der die Konstruktion des Trusts einfädelte, trat ein gewisser Pietro Supino auf. Sowohl die FTD als auch Schweizer Zeitungen wie die Woz oder Le Temps erwähnten die relevante Tatsache in ihren Berichten.

Und was machte der Tages-Anzeiger? Wirtschaftschefin Rita Flubacher schrieb, das entscheidende Faktum verschweigend: «Als Trust-Gründer trat nicht der Kunde auf, sondern ein ‹Gründer-Vertreter›, bei dem es sich um einen Anwalt von Bär & Karrer handelte.» Der namenlose «Anwalt» ist ihr Chef und Arbeitgeber. Davon erfuhren die Leser nichts, ebenso wenig wie diejenigen der anderen Tamedia-Erzeugnisse, die über den Fall berichteten. Sonntagszeitung, Newsnetz, Der Bund – alle hielten die Information zurück.
Ob es sich bei diesem Fall tatsächlich um Steuerhinterziehung handelt und welches dabei die Rolle von Pietro Supino war, sei dahingestellt. Bedeutsam ist mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen im Medienmarkt einzig, ob die Tamedia-Journalisten ihrem selbstdeklarierten Auftrag einer «unabhängigen» Berichterstattung nachkamen.

Die Antwort liegt auf der Hand. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusehen, dass sich das bestehende Malaise in der schönen neuen Schweizer Medienwelt verstärken wird. Vom Bodensee bis zur Jungfrau, überall spricht man jetzt tamedisch. Selbst die Wettbewerbskommission, die sich bei früheren Übernahmen noch skeptisch zeigte, winkte alles durch. Könnte es sein, dass die Behörden am staatstragenden Einheitsjournalismus des Tamedia-Konzerns Gefallen gefunden haben?

Kommentare

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  • Sergio Frei
  • 22.04.10 | 11:11 Uhr

einig beim monopol ist man sich, die news und berichterstattung abzusprechen. den schmutz und unklares dem blick zu überlassen.
den investigativen und (hier) unerwünschten (weil bereits arrangierten) journalismus muss man der WW überlassen.
nicht das andere dies nicht auch könnten = schmutzige hände und bereits "händel" sind bereits abgeschlossen...
super pressefreiheit wenn man sie nicht "nützt" (...will).

  • Rainer Selk
  • 22.04.10 | 10:37 Uhr

Der Rg.-Präsident Graf-Schelling sollte sichmal keine weiteren Sorgen mache, denn da 'löst' sich noch viel mehr auf. Nicht merh mit 'Gemach', sondern ziemlich rasant. Und dann gibt es wieder neue Chancen. Der Leser lässt sich nicht 'info-monopolisieren' und schmöckt den Braten vom Weitem....

 
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