Literatur

Männerdämmerung

Der finstere amerikanische Humorist, Satiriker und Ex-Hippie T. C. Boyle stellt in seiner Erzählung «Das wilde Kind» der Aufklärung den Totenschein aus.

Von Daniele Muscionico

Aus dem Mundwinkel hängt ihm ein Mäuseschwanz oder ein Frosch, wenn der nicht schnell genug ist. Nüsse, Eicheln, Kleingetier, alles stopft er sich ins Maul, «die Zähne so gelb wie ein Ziege». Er ähnelt einer fleischfressenden Ziege, die es natürlich nicht gibt, wie es auch ihn nicht geben dürfte: ein Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, das mit der Gewandtheit eines Marders oder Wiesels im Unterholz verschwindet. Nachher waren sich die, die ihn gesehen hatten, nicht ganz sicher, doch stimmten alle darin überein, dass die Gestalt auf allen vieren geflohen war.

Im nächsten Frühling jagen sie ihn, ohne nachzudenken, ohne einen Grund; sie jagen ihn, weil er vor ihnen davonrennt, sie hätten ebenso gut etwas anderes jagen können, «eine Katze, eine Hirschkuh, ein Wildschwein». Denn die Menschen, das weiss einer wie T. C. Boyle, brauchen ein Geheimnis in ihrem Leben, und sie lieben den Glauben an etwas Unbegreifliches, Wunderbares wie sich selbst. Dieses Unerklärliche finden sie in einem Jungen, im wilden Kind. Als sie ihn zum ersten Mal von nahem sehen, flüchtet er vor ihnen auf einen Baum. «Die Haut so zerkratzt wie ein schlecht gegerbtes Stück Leder, die Narbe an der Kehle wie ein gebleichter Riss», sichtbar sogar vom Boden aus, während er in den höchsten Ästen sitzt, mit baumelnden Beinen und schlaff herunterhängenden Armen, und rings um ihn steigt der Rauch auf.

Der Qualm reizt seine Augen und nimmt ihm den Atem. Das Feuer unter ihm breitet sich aus und kriecht am Baum empor, und dann kann er nichts mehr erkennen. «Als er fiel, fingen sie ihn.» Das wilde Kind, taub gegen die Kälte, taub gegen die Hitze, ist zurückgekehrt – zurückgeholt worden – in den unheiligen Schoss der menschlichen Gemein- schaft. Nun kann ein grosses Menschen- experiment beginnen, der Wettlauf um die Zivilisierung eines Wolfsjungen.
Ist der Mensch bei seiner Geburt eine Tabula rasa, ungeformt und ohne Ideen, bereit, von der Gesellschaft beschrieben zu werden? Erziehbar und imstande, auf dem Weg zur Vervollkommnung voranzuschreiten? Oder stellt die Gesellschaft, wie Rousseau behauptet, einen verderblichen Einfluss dar und nicht das Fundament alles Guten und Richtigen? Der vorzivilisatorisch Wilde würde die Aufklärung am lebendigen Objekt nachvollziehen, an sich selbst, Victor, so heisst er jetzt, Victor von Aveyron. Denn dort, in den Wäldern der Pyrenäen, hatte man ihn entdeckt, den Jungen, den sie Victor nannten, weil er den Vokal O als ersten aussprach; und als einzigen, wie sich zeigen würde.

T.C. Boyle, Bilderstürzer amerikanischer Lichtgestalten, dunkelschwarzer Kritiker des American Way of Life (in «América» am ungeheuerlichsten): Es ist diese schmale Erzählung, «Das wilde Kind», die ihn von seiner besten Seite zeigt. Boyle ist der hohnlachende Sittenrichter über unser verkitschtes Verhältnis zu dem, was Natur sei. Formbewusst wie selten, karg in den Mitteln, knapp in der Ausführung, ihm Respekt geschuldet, der im Zentrum stehen soll: Victor, eine bejammernswerte Kreatur.

Satirisch? Nein, satirisch ist der amerikanische Vorzeigespötter hier für einmal nicht. In «Ein Freund der Erde», «Drop City» oder «Willkommen in Welville» versammelt er noch auf sarkastische Weise eine zivilisationsschlappe Spezies spiritueller Rückzugs-Fantasten, Träumer eines Lebens im Einklang mit der Wildnis. Busweise karrt er sie bis nach Alaska, nur, um sie dort stranden zu lassen, Öko-Martyrer und apokalyptische Hippies. Boyle ist der Dichter als Zoologe mit Interesse an uns, der Spezies im Pelz des Intellekts.

Prominente Täter

Zuletzt bewies er dies im Roman «Die Frauen», der das Leben des amerikanischen Stararchitekten Frank Lloyd Wright beschreibt. Wright, im Zerrspiegel des Autors, ist ein egomanischer und sexsüchtiger Dandy. Boyles Kritik am amerikanischen Gutmenschentum nimmt sich im semifiktiven Roman auch den Cornflakes-Mogul John Harvey Kelloggs vor und den amerikanischen Sexpapst Dr. Kinsey. Sie alle verbindet eine sexuelle Obsession, die uns der Autor in den schönsten Metaphern ausmalt. Denn eines von Boyles Leitmotiven ist und es ist vielleicht sein attraktivstes: Wir, und dieses Wir hat ein männliches Geschlecht, immer sind es Männer, die ihn zur literarischen Weissglut treiben. Den alten Pelz unserer Verwandten, weiss Boyle, den tragen wir bloss nach innen.

Von den prominenten Tätern des Fortschrittsglaubens zu einem prominenten Opfer der Aufklärung, dem wilden Kind, Boyles neustem Gegenstand des Interesses. Die Nähe ist offensichtlich, das Verbindende ist seine Neugierde an unserer verquasten Beziehung zur Natur, an der äusseren, physischen genau wie an der inneren, psychischen. Und das Verblüffendste dabei ist: Boyle hält sich in diesem Fall seines literarischen Experiments akkurat an die historischen Tatsachen.

Victor ist eines von zwölf gutdokumentierten, «wilden Kindern», die der schwedische Biologe Carl von Linné vor fast 250 Jahren als eigene Spezies Homo sapiens ferus kategorisiert hatte. (Truffaut widmete dem Jungen 1970 den Film «L’enfant sauvage».) Als erster bekannter Fall ging der des «hessischen Wolfskindes» in die Bücher ein; es war 1344 gerade dreijährig in der Wetterau gefunden und angeblich von Wölfen aufgezogen worden.

Boyle hält sich in seiner schmalen Erzählung an den Fall jenes französischen Kaspar Hauser, der 1797 erstmals in den Bergen des Languedoc gesehen wird; ein Jahr später wird er zum ersten Mal gefangen und in einer Dorfschenke als Monster ausgestellt, etwas, das noch schrecklicher und befremdlicher sei als ein Kalb mit zwei Köpfen. Zwei Jahre lang entwischt er den Jägern immer wieder, doch wenn ein Huhn fehlte, gab man dem enfant die Schuld; wenn es zu viel regnete oder zu wenig regnete, bekreuzigte man sich und verfluchte es. Er war kein Kind, er war ein Geist, ein Dämon, verstossen wie die Engel, die sich gegen Gott erhoben hatten. Endlich wird er gefangen genommen und in Ketten gelegt. Dem jungen, ehrgeizigen Pariser Gehörlosenarzt Jean Marc Gaspard Itard wird der Fall beigebracht. Dieser beschliesst, den Wilden zum Menschen zu machen, angetrieben mehr von der Liebe zur Wissenschaft denn von der Liebe zur Kreatur. Das Innenministerium bezahlt die Bildungs- und Besserungsversuche, und bald ist Victor die Sensation von Paris. Denn die feine Gesellschaft erwartete das Wunder, wenn der Junge die Fähigkeit zu sprechen erlangen und «die Gabe der Zivilisation empfangen würde»: Eines Tages, so hoffte man in den Salons, würde Victor als produktiver Bürger vor einem faszinierten Publikum stehen und geistreich über sein Leben reflektieren; vor allem aber würde er die Gedanken und Gefühle schildern, die er während seines Lebens als Tier gehabt hatte.

Schamloser Wilder

Und tatsächlich, Victor ist kein Tier, sondern ein Menschenkind. Doch eben dieser Beweis ist sein eigenes Todesurteil. Sein Menschsein nämlich wird allen Zauber zerstören, der über dem Wunder der Natur gelegen hat: Nicht nur, dass Victor trotz aller Übungen und der Hinführung zur menschlichen Existenz für andere «wenig Sinn zeigt, wenig Mitleid oder Kameradschaft oder Grosszügigkeit»; nicht nur, dass er nicht sprechen lernt, «Sprache war für ihn eine Art Hintergrundgeräusch, nicht anders als das unverständliche Zwitschern der Vögel im Wald . . .» Victor scheint «immer öfter erregt, und während er fortfuhr, sich zu verändern, wurde er mehr und mehr zu einem Problem». Aus der einen Natur gerettet, sucht ihn letztlich die andere, die unausrottbare, heim: Victor entdeckt seine Sexualität.

«Unser Wilder ist, wie es scheint, durch weiblichen Charme zivilisiert worden», bemerkt Itard noch, als sich der Junge eines Tages einer Gruppe von Mädchen nähert, die Katastrophe folgt ihm auf dem Fuss. Victor wird in aller Öffentlichkeit onanieren. Ein schamloser Wilder, «unheilbar», lautet das Verdikt. «Idiot, Tier.» Das Vergehen an Sitte und Anstand stösst ihn zurück in die Einsamkeit, in jenes Urloch, aus dem vor Äonen von Jahren der erste Mensch gekrochen war. Die nächsten zwanzig Jahre wird Victor verdämmern. Er wird nicht vermisst, und keiner spricht ihn mehr an mit Namen. Und es scheint ganz so, als wäre das wilde Kind nur eine Ausgeburt der kollektiven Fantasie gewesen. Er ist vierzig, als er stirbt.

Ein Projekt der Aufklärung scheitert, und Boyle ist sein Chronist, ein kühler Blick auf die unschuldige Natur, die schuldig wird im Namen der Zivilisation. Vielleicht ist der grösste Denker des 20. Jahrhunderts tatsächlich Sigmund Freud. Er sah in der Zivilisation nur eine Schutzmassnahme des Menschen gegen sich selber. Wer «Das wilde Kind» liest, wird ihm recht geben.

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