Die Auswirkungen des Vulkanausbruchs auf Island haben uns alle überrascht. Das grossartige Naturphänomen hat uns Grenzen aufgezeigt: Grenzen der Mobilität – und Grenzen unserer Handlungsfähigkeit. Letzteres mit unabsehbaren Folgen.
In der Luftfahrt gilt safety first als oberstes Prinzip – Sicherheit zuerst. Obwohl die Zahl von Flugopfern mit jedem Jahr sinkt – und im Verhältnis zur erbrachten Leistung sogar noch deutlicher abnimmt –, bleiben Flugzeugun- glücke ein Medienereignis. Ein Absturz aus der Luft ängstigt den erdgebundenen Menschen. Psychologisch ist das nachvollziehbar, aber es ist unlogisch. Denn gemessen an den zurückgelegten Kilometern ist das Flugzeug das sicherste Transportmittel.
Vulkanasche ist für Flugzeuge unbestritten eine Gefährdung. Aschepartikel lagern sich auf den Turbinenschaufeln im Triebwerk ab, was diese beschädigen kann. Der Pilot muss dann das Triebwerk stilllegen. Grössere Mengen von Asche können das Triebwerk verstopfen, wie Beispiele zeigen. Auch andere für das Fliegen relevante Teile sind gegen die Partikel nicht gefeit, etwa die Staudruckrohre, welche die Geschwindigkeit anzeigen, oder Kompressoren, die Luft von ausserhalb ansaugen (zum Beispiel Klimaanlagen). Daher waren die Luftfahrtbehörden Grossbritanniens und Skandinaviens richtig beraten, vorsorglich den Luftraum für die zivile Luftfahrt zu sperren.
Mit Computersimulationen des Volcanic Ash Advisory Center (VAAC) in London wurde die Ausbreitung der Asche bis ins südliche Europa vorausgesagt. Konsequenterweise führte das auch dort zur Sperrung der Lufträume. Nicht erörtert wurden dann aber Fragen wie: Ist die Asche wirklich da? In welcher Konzentration? «Nach bestem Wissen und Gewissen» sei die Sperre erfolgt, liess sich Peter Müller vernehmen, der Direktor des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl). Das bedeutet so viel wie: Wir wissen nichts, aber juristisch sind wir auf der sicheren Seite.
Regulierungs- und Kontrollmoloch
Ein so bedeutender Entscheid ohne Fakten? Das bisherige Credo des Bazl ist auf den Kopf gestellt: Als Bittsteller darf man bei diesem Amt nur mit Fakten, Nachweisen und Dokumenten einen Entscheid erwarten. Seit einiger Zeit hat sich das Bundesamt unter dem Label «Sicherheit» zu einem wahren Regulierungs- und Kontrollmoloch entwickelt. Eine äusserst teure «Papiersicherheit» ist die Folge – ohne Augenmass und ohne Einbezug der Industrie. Der neue Direktor Peter Müller, seit einem Jahr im Amt, zeichnet sich zwar als guter Zuhörer aus – ein Quantensprung zu seinem Vorgänger. Aber auch der Jurist und Diplomat ordnet alles dem Motto «Sicherheit» unter.
Die Sperrung des Luftraums war zunächst also nachvollziehbar. Aber wo blieb das Krisenmanagement? Meteorologen und Juristen fällten allein einen Entscheid, zu dem auch Atmosphärenphysiker, Airlines sowie Flugzeug- und Triebwerkhersteller ihre Meinung hätten einbringen müssen. Einwände gegen die Weiterführung der Sperre, etwa von der Lufthansa, wurden vom deutschen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer verunglimpfend mit «Sicherheit geht vor Geschäftsinteressen» zurückgewiesen – eine Ohrfeige für seine stolze nationale Fluggesellschaft. Ein Minister unterstellt der Branche ganz direkt, wie ein Hasardeur zu handeln. Aber nur wer keine harten Fakten hat, braucht harte Worte.
Am Wochenende geht nichts
Das Krisenmanagement war keines. Paralysiert schaute man in der Schweiz mangels Aschebildern auf die Computersimulationen des VAAC. Dass man zunächst vom schlimmstmöglichen Fall ausgeht, ist richtig. Die folgenden Schritte hätten aber die Überprüfung der Situation und die Beschaffung neuer Fakten sein sollen. Doch das Wochenende stand vor der Tür: Ämter und Universitäten sind dann geschlossen. Der Montag musste also die Bestätigung dessen bringen, was verschiedenste Luftraumbenützer schon lange sagten: keine Asche, keine Gefahr.
Die Parallelen zur Schweinegrippe sind unverkennbar: Bundesstellen neigen offensichtlich dazu, an ihren Drehbüchern festzukleben. Neubeurteilungen werden nur zögerlich gemacht. Bei Sicherheitsaspekten steht die persönliche, sprich juristische Sicherheit vor dem gesunden Menschenverstand. Externe Meinungen sind irrelevant. Und alles ist von den Bürozeiten getaktet.
Trotz bestem Wissen und Gewissen wird die Luftraumsperrung ein teures Nachspiel haben. Allein die Airline-Branche schätzt gemäss der internationalen Vereinigung der Fluggesellschaften IATA die täglichen Verluste während der Sperre auf 200 Millionen Euro. Dabei sind die Verluste der flugnahen Betriebe noch nicht mitgerechnet. Der volkswirtschaftliche Schaden beträgt ein Mehrfaches. Ob bei den zu erwartenden Schadenersatzklagen auch so lamentabel vorgegangen wird? Der Auftritt von Bundesrat Leuenberger nach der Verkehrsministerkonferenz am letzten Montag lässt wenig Gutes erahnen: Vor den TV-Mikrofonen sprach er zwar über «Korridore» und dergleichen. Seine Körpersprache aber verriet, wie unwohl es ihm war. Diese Krise hat auch ihr Gutes: Die Allmacht der Luftfahrtbehörden wird zusehends in Frage gestellt.













Kommentare