Kommentar

Einsamer Büroentscheid

 Wegen eines Vulkans in Island blieben die Flugzeuge in der Schweiz am Boden. Die Sperrung des Luftraumes war überflüssig. Die Behörden haben versagt.

Von Max Ungricht

Die Auswirkungen des Vulkanausbruchs auf Island haben uns alle überrascht. Das grossartige Naturphänomen hat uns Grenzen aufgezeigt: Grenzen der Mobilität – und Grenzen unserer Handlungsfähigkeit. Letzteres mit unabsehbaren Folgen.

In der Luftfahrt gilt safety first als oberstes Prinzip – Sicherheit zuerst. Obwohl die Zahl von Flugopfern mit jedem Jahr sinkt – und im Verhältnis zur erbrachten Leistung sogar noch deutlicher abnimmt –, bleiben Flugzeugun- glücke ein Medienereignis. Ein Absturz aus der Luft ängstigt den erdgebundenen Menschen. Psychologisch ist das nachvollziehbar, aber es ist unlogisch. Denn gemessen an den zurückgelegten Kilometern ist das Flugzeug das sicherste Transportmittel.

Vulkanasche ist für Flugzeuge unbestritten eine Gefährdung. Aschepartikel lagern sich auf den Turbinenschaufeln im Triebwerk ab, was diese beschädigen kann. Der Pilot muss dann das Triebwerk stilllegen. Grössere Mengen von Asche können das Triebwerk verstopfen, wie Beispiele zeigen. Auch andere für das Fliegen relevante Teile sind gegen die Partikel nicht gefeit, etwa die Staudruckrohre, welche die Geschwindigkeit anzeigen, oder Kompressoren, die Luft von ausserhalb ansaugen (zum Beispiel Klimaanlagen). Daher waren die Luftfahrtbehörden Grossbritanniens und Skandinaviens richtig beraten, vorsorglich den Luftraum für die zivile Luftfahrt zu sperren.

Mit Computersimulationen des Volcanic Ash Advisory Center (VAAC) in London wurde die Ausbreitung der Asche bis ins südliche Europa vorausgesagt. Konsequenterweise führte das auch dort zur Sperrung der Lufträume. Nicht erörtert wurden dann aber Fragen wie: Ist die Asche wirklich da? In welcher Konzentration? «Nach bestem Wissen und Gewissen» sei die Sperre erfolgt, liess sich Peter Müller vernehmen, der Direktor des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl). Das bedeutet so viel wie: Wir wissen nichts, aber juristisch sind wir auf der sicheren Seite.

Regulierungs- und Kontrollmoloch

Ein so bedeutender Entscheid ohne Fakten? Das bisherige Credo des Bazl ist auf den Kopf gestellt: Als Bittsteller darf man bei diesem Amt nur mit Fakten, Nachweisen und Dokumenten einen Entscheid erwarten. Seit einiger Zeit hat sich das Bundesamt unter dem Label «Sicherheit» zu einem wahren Regulierungs- und Kontrollmoloch entwickelt. Eine äusserst teure «Papiersicherheit» ist die Folge – ohne Augenmass und ohne Einbezug der Industrie. Der neue Direktor Peter Müller, seit einem Jahr im Amt, zeichnet sich zwar als guter Zuhörer aus – ein Quantensprung zu seinem Vorgänger. Aber auch der Jurist und Diplomat ordnet alles dem Motto «Sicherheit» unter.

Die Sperrung des Luftraums war zunächst also nachvollziehbar. Aber wo blieb das Krisenmanagement? Meteorologen und Juristen fällten allein einen Entscheid, zu dem auch Atmosphärenphysiker, Airlines sowie Flugzeug- und Triebwerkhersteller ihre Meinung hätten einbringen müssen. Einwände gegen die Weiterführung der Sperre, etwa von der Lufthansa, wurden vom deutschen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer verunglimpfend mit «Sicherheit geht vor Geschäftsinteressen» zurückgewiesen – eine Ohrfeige für seine stolze nationale Fluggesellschaft. Ein Minister unterstellt der Branche ganz direkt, wie ein Hasardeur zu handeln. Aber nur wer keine harten Fakten hat, braucht harte Worte.

Am Wochenende geht nichts

Das Krisenmanagement war keines. Paralysiert schaute man in der Schweiz mangels Aschebildern auf die Computersimulationen des VAAC. Dass man zunächst vom schlimmstmöglichen Fall ausgeht, ist richtig. Die folgenden Schritte hätten aber die Überprüfung der Situation und die Beschaffung neuer Fakten sein sollen. Doch das Wochenende stand vor der Tür: Ämter und Universitäten sind dann geschlossen. Der Montag musste also die Bestätigung dessen bringen, was verschiedenste Luftraumbenützer schon lange sagten: keine Asche, keine Gefahr.

Die Parallelen zur Schweinegrippe sind unverkennbar: Bundesstellen neigen offensichtlich dazu, an ihren Drehbüchern festzukleben. Neubeurteilungen werden nur zögerlich gemacht. Bei Sicherheitsaspekten steht die persönliche, sprich juristische Sicherheit vor dem gesunden Menschenverstand. Externe Meinungen sind irrelevant. Und alles ist von den Bürozeiten getaktet.

Trotz bestem Wissen und Gewissen wird die Luftraumsperrung ein teures Nachspiel haben. Allein die Airline-Branche schätzt gemäss der internationalen Vereinigung der Fluggesellschaften IATA die täglichen Verluste während der Sperre auf 200 Millionen Euro. Dabei sind die Verluste der flugnahen Betriebe noch nicht mitgerechnet. Der volkswirtschaftliche Schaden beträgt ein Mehrfaches. Ob bei den zu erwartenden Schadenersatzklagen auch so lamentabel vorgegangen wird? Der Auftritt von Bundesrat Leuenberger nach der Verkehrsministerkonferenz am letzten Montag lässt wenig Gutes erahnen: Vor den TV-Mikrofonen sprach er zwar über «Korridore» und dergleichen. Seine Körpersprache aber verriet, wie unwohl es ihm war. Diese Krise hat auch ihr Gutes: Die Allmacht der Luftfahrtbehörden wird zusehends in Frage gestellt.

Kommentare

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  • Bernhard Zueger
  • 28.04.10 | 16:36 Uhr

Herr Hartmann
Einer von uns beiden macht vielleicht einen Denkfehler.
Ich finde es nicht wirklich tragisch, wenn bürgerliche Politiker einen totalitären Staat besuchen. Sei es Nordkorea, Kuba, Iran, Bolivien, Lybien oder Venezuela.
Eher problematisch finde ich, wenn hohe Regierungsvertreter und Aussenministerien die Ihnen ideologisch nahestehenden Freunde (zu) oft besuchen und ihnen (zu viel) Reverenz erweisen und handumkehrt wichtige Partner vernachlässigen.
Früher schon reisten Sozis nach Moskau und in die DDR zu ihren Brüdern und Schwestern und feierten mit ihnen Gemeinsamkeiten.

  • Michael Hartmann
  • 28.04.10 | 06:50 Uhr

Auch Sie, geehrter Züger, fassen die Tragik der Sache nicht: NR Schlüer+Ehefrau steckt in Nordkorea fest! Verstehen Sie? Nordkorea!

Was, wenn NR Freysinger in Abudabi festsitzen würde und um ihn herum werden vermeintliche Verbrecher gesteinigt? Verstehen Sie?

Wo auch immer irgendwer stecken bleibt - Lehrer in LA, Angestellte in London, Frischverliebte in Lanzerote oder auch der schweizer Geschäftsmann in Genf Airport - nichts ist so schwachsinnig wir NR Schlüer in Nordkorea. Verstehen Sie, geehrter Züger? Jeder Tag mehr ist in diesem Fall ein Fest! Leider schon vorbei!

  • Bernhard Zueger
  • 27.04.10 | 18:31 Uhr

Michael Hartmann 23.4.10 12:36
Zugegeben, wir sind alle mehr oder weniger parteiisch – da schliesse ich mich mit ein - und trauen den Andersgesinnten oft nicht über den Weg.
Hand aufs Herz Mr. Hartmann: Wenn die Genossen Josef Zysiadis, Josef Lang, Andreas Gross und Jean Ziegler wegen der Aschenwolke in Korea stecken geblieben wären, hätten Sie dann den genau gleich kritischen Kommentar geschrieben und Zysiadis und Co. gewünscht, sie würden im kommunistischen Paradies Nord-Korea in den nächsten Jahrzehnten den Lebensabend geniessen?

  • Michael Hartmann
  • 27.04.10 | 16:16 Uhr

Geehrter Schmid, der springende Punkt war eigentlich die weitere 'Schliessung des Flughafens für die nächsten paar Jahrzehnte!' und nicht das Geld-zurück-Versprechen.

Für wen brauchen Sie Beweise: für Wasserfallen oder für Schlüer + Ehefrau?

  • Rainer Selk
  • 27.04.10 | 12:28 Uhr

Max Schmid 26.04.10 12:42
Es gibt schon länger Gerüchte, dass es mit spzeillen 'Waffen' möglich sein soll, künstlich Erdbeben zu erzeugen...
Sicherheit im Flugverkehr steht ganz oben auf der Liste. Wenn aber die EU nicht in der Lage ist, Crash Szenarien Prozesse nicht im Griff hat, lässt das tief blicken.
Ob der poln. Absturz wirklich 'Zufall' war, darf nach Veröffentlichungem im Internet auch langsam bezweifelt werden. Dass Putin seine 'Geheim-Mannen' nicht (immer) im Griff hat, zwitschern die TV Spatzen vom den Kremel Dächern.

  • Max Schmid
  • 26.04.10 | 12:42 Uhr

Sie haben völlig recht Herr Komorski.

Die Staatsoberhäupter, welche nicht an die Beerdigung nach Polen fliegen wollten, haben den Vulkanausbruch veranlasst. z.B. Obama, weil er Golf spielen wollte.

Wie geistreich und analytisch Sie argumentieren !! Gratuliere.!!

  • Max Schmid
  • 26.04.10 | 12:35 Uhr

M. Hartmann

Ihr Zitat:"Ferienverlängerung auf Kosten der Steuerzahler?" Was sollen diese Polemik und Unterstellungen, bringen Sie doch Beweise.

  • Werner Widmer
  • 26.04.10 | 09:50 Uhr

Stanislaw,
Es ist immer gut eine Entschuldigung zu kriegen. Die Verhinderten hätten auch mit dem Auto fahren können. Dank Internet und IT wäre keiner nicht erreichbar gewesen. Aber eben, die Prioritäten waren anders. Heuchler sind sie alle. Der Georgier hatte wenigstens noch Respekt.
Werni

  • Stanley Komorski
  • 23.04.10 | 20:47 Uhr

Ob Zufall oder nicht. Diese Aschenwolke kam den Sozbürokraten in Brüssel und auch vielen anderen Politpromis aus dem Westen sehr gelegen um sich für Abwesenheit am Beerdigung den ungeliebten polnischen Präsident Lech Kaczynski elegant zu entschuldigen. Auch Präsident Obama hat dieses Naturereignis dankend entgegengenommen und konnte sich unbekümmert einer netten Golfpartie widmen. Interessanterweise, der georgischer Präsident Saakaschwili gab sich Mühe und flog aus Washington , wo er zurzeit zu Besuch bei Obama war, nach Warschau um dem Freund Kaczynski letzte Ehre abgeben.

  • Michael Hartmann
  • 23.04.10 | 12:36 Uhr

Den Schweizer Nationalrat Christian Wasserfallen hat es dabei besonders hart getroffen. Nach einer zweiwöchigen Studienreise in Korea sollte er am letzten Sonntag planmässig in die Schweiz zurückfliegen – zusammen mit der restlichen Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Korea.

Parlamentarischen Gruppe? Ferienverlängerung auf Kosten der Steuerzahler? Wer war denn noch dabei? NR Schlüer MIT Ehefrau? Auf Kosten der Steuerzahler?

Da hätte ja Zürich den Flughafen ruhig noch ein paar Jahrzente länger sperren können!

  • Rainer Selk
  • 23.04.10 | 08:52 Uhr

Fredi Nassauer 22.04.10 17:52
Danke, auf den Punkt getroffen.

  • Fredi Nassauer
  • 22.04.10 | 17:52 Uhr

Ach diese Dekadenzproblemchen! Ich musste ja schon schmunzeln, ob diesen Interviews der "Vulkan-Opfer" auf allen TV-Sendern. Von ganz wichtigen Gründen berichteten sie alle, unsere weltoffenen Kosmopoliten. Daheim Links-Grün "gaage" und Bus und Velo für den Arbeitsweg empfehlen, aber ständig irgendwo hin springen im Ausland, weil's halt modern ist und gemäss ihrer Lehre London ja auch nur ein Teil von Zürich ist - ned wahr. Nicht zu vergessen die unermüdlichen PFZ-Prediger. Die brauchen natürlich offene Grenzen und x Flugverbindungen jeden Tag für ihre Gschäftli. Jäja...alles ganz Arme das.

  • Jakob Harzenmoser
  • 22.04.10 | 10:42 Uhr

Teil 2:
Geschichte: Die Comet 1, das erste Passagierdüsenflugzeug fiel durch eine Reihe von Abstürzen auf. Deshalb wurde ein Startverbot für diesen Typ verhängt. Es kam die selbe Diskussion auf wie hier. Irgendwann waren die Behörden weichgeklopft und hoben das Startverbot noch vor Erscheinen des Untersuchungsberichtes auf. Zwei Wochen später: Der nächste Absturz, gleiche Ursache. Konstruktionsmangel. Vermeidbare Tote. Lehre: Man muss sich die Zeit nehmen, die es braucht. Details findet man im Netz. Behördenbashing ist in diesem Fall fehl am Platz.

  • Jakob Harzenmoser
  • 22.04.10 | 10:37 Uhr

Fliegen in reiner Luft ist sicher. Fliegen in der reinen Aschenwolke ist tödlich. Dazwischen findet man jede Abstufung. Man hat bis jetzt wenig Erfahrung mit der Gefährlichkeit von Vulkanasche im Zwischenbereich. Man konnte die Wolke sehr kurz nach ihrem Eintreffen mit Lidar nachweisen. Es fehlte auch hier der genaue Zusammenhang zwischen Signalstärke und Aschegehalt. Nach kurzer Zeit wurden Messungen in der Wolke begonnen. Deren Auswertung braucht Zeit. Man kann sehr wohl aus dem Bauch heraus entscheiden: Wir fliegen mal und schauen, was dann passiert.
Dazu gibt es eine lehrreiche

  • Peter Lüchinger
  • 22.04.10 | 10:16 Uhr

Als Ergänzung - Mt. Helen hat 1980 an der Westküste der USA 1 Milliarde Tonnen in die Atmospäre befördert, der Vulkan in Island 26 Mio. Tonnen - also 3% davon. In den USA wurden nur 1000 Flüge annuliert - in Europa 100000. Der Ausbruch eines Vulkans in den Philippinen 1982 hat 10 Milliarden Tonnen ausgeworfen - ein Flugzeug das in die Wolke flog wurde beschädigt und konnte die Triebwerke wieder aktivieren. Das waren die Jahre mit den schönen Sonnenuntergängen. Man kann auch aus tatsächlichen Vorkommnissen lernen!

  • frank müller
  • 22.04.10 | 09:56 Uhr

Genau das gleiche Spiel, also behördliche Willkür unter dem Topseller "Sicherheit", erlebt übrigens jeder Autofahrer bei der wiederkehrenden Motorfahrzeugprüfung (MFK). Da wird dann schnell ein fehlender Rückstrahler oder eine am Rand angerostete Bremscheibe zu einer Massenvernichtungsmasse;selbst Hinweise auf die Tatasche, dass technische Mängel in unter 2% aller Unfälle als Ursache gelten werden da nicht gehört, weil Fakten dem Verwaltungsapparat untergeordnet sind oder frei nach Carl Schmitt: Die Normativiät der Vervaltung.

  • Peter Kunze
  • 22.04.10 | 09:15 Uhr

Wäre keine Sperrung verfügt worden und nur ein Flugzeug wegen der Asche abgestürzt hätte der Kommentar wohl genau das Gegenteil zum Ausdruck gebracht. Aber eben, im Nachhinein kann man gerne grosse Worte schwingen wie es sich für solche Post-Event-Laferis gehört.

  • Michael Hartmann
  • 22.04.10 | 08:56 Uhr

Führen wir doch die volle Produktehaftung ein und dann kann jede Fluggesellschaft selber entscheiden, wann und unter welchen Umständen geflogen werden kann oder muss, trägt dann aber natürlich auch die Folgekosten und Argumentation. Aber solange eine Amtsstelle den Entscheid fällen muss, dann hat diese Amtsstelle auch das Sagen und wie Amtsstellen Entscheide fällen, das ist auch jedem klar.

  • Hanspeter Bühler
  • 22.04.10 | 07:53 Uhr

Mag sein, dass überreagiert worden ist. Die Schweinegrippe-Schauermär lässt grüssen. Aber ein grosser Vorteil hatte die Flugpause: man hat wieder einmal die oft blödsinnige Herumfliegerei relativieren gelernt. Der Unsinn zu jeder Zeit an jede Destination zu fliegen - oft mit Billigflügen die keine gute Umweltbilanz aufweisen - sollte uns bewusst werden.

  • Sergio Frei
  • 22.04.10 | 07:47 Uhr

und dies bei bestehender bürokratie. man darf nach mehr relevanz und kontrolle fragen. das urteil weiss man heute schon: aufstockung des personals und ämter. mehrkosten ohne kontrollmechanismen. schlussendlich jedoch wieder beugehaft je nach urteil des meinungsmacher.
die kosten dürfen jetzt noch vom steuerzahler berappt werden. die lobby beharrt auf entschädigung. falls dies zustande kommt (..) sind die bauern nicht mehr weit für eine "schlechtwetterentschädigung/zu wenig sonne/zuviel wind". gesellschaft ohne haftung.

 
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